Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Seite 3 15: 3«lt 1926. Der I sraelit Samson Raphael Hirsch und die Israelitische Religionsgesellschaft. Von Dr. Mendel Hirsch (Fortsetzung.) Das sind einzelne Töne aus dem einen großen pon bejjen äußeren Typen ber Anonymus einzelne unzusammenhängende, unverstandene, ja sogar unrichtig wiedergegebene Bruchstücke zusammenwürselt.*) Nicht zu ihnen nur, zu dem ganzen tätigen jüdischen Leben, wie unsere und seine Väter es geübt, bekennen wir uns offen und frei, und wollen in ihm und für dasselbe unsere Kinder erziehen. Freilich werden wir und unsere Kinder dann so ungebildet bleiben müssen, unsere Bibel noch in einfältiger Wahrheit als wirkliches Gotteswort zu verehren; freilich werden wir dann unsere Kinder zu „Moses und den Propheten" hinführen und sie sich selvsi mumm lassendnsi MksM und die Propheten allerdings nur ein solches Judentum gekannt, werden ihnen den Jesaias zeigen, der eben die verspottete Sabbatfeier (Jes. 58,13, 14) als die höchste beseeligendste Vollendung gepriesen, der (66,17) so wenig Bildung hat, sogar von dem Untergang aller „Schweinefleisch, Gewürm und Nagetier, essenden" Juden zu sprechen, werden sie den Jeremias hören {«ff«», W Mfy itt.dsv Etmws fiflß HnißroaiiQO um den Preis eben der verspotteten Sabbatfeier die Nettung des Staates verspricht (Jer. 17, 24 f.), werden ihnen den Daniel und seine Jugendgenossen zeigen, die so ungebildet waren, auf alle Gefahr hin die religiösen Speisegesetze mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit zu halten, und dennoch in jedem Zweige der allgemeinsten Bildung alle ihre Zeit- und Altersgenossen überflügelten (Dan. 1,8 f.); werden ihnen alle die dann folgenden Heroen unserer talmudisch-rabbinischen Vergangenheit zeigen, die alle im gleichen Sinne gelebt und gestorben, die keineswegs, wie die llllllnimlk umuilök MM m \%m 8 brütet, die sich mitten im Kreise des öffentlichen Lebens bewegt, mit klarem Blick das Leben gekannt und jeden Pulsschlag der Geschichte gefühlt und gewürdigt; werden ihnen auch einen Saadias, einen Maimonides, einen Nachmanides, einen Arama, einen Gabirol, einen Abarbanel, einen Jehuda Halevy, einen Albo, eben die philosophisch gebildeten spanisch-arabischen Rabbinen geigen, von henen nur fin? «nonr,rne Unwissenheit einen vorgeblichen Kampf gegen -das rabbinische Judentum fabeln kann, und die vielmehr mit innigster Entschiedenheit, wie sie als erste Sterne der sozialen Bildung geglänzt, eben so innig entschieden Vorkämpfer des rabbinifchen Judentums gewesen; werden.ihnen dieses alles zeigen und sie eben durch Aufklärung rüsten gegen Spott und Wahn des Unverstandes und der Unwissenheit. Aber die. Isolierung, die unsoziale Isolierung, die der Anonymus beseufzt? — Wir haben es schon oben geäufjeri, daß mir eine andere soziale Bildung, Lin «nhovss sogm^v E?nyens als das nur ganz und eigentlich in Gemeinschaft des Gasthauslebens und der Tafelsreuden aufgeht. Will man dies Isolierung nennen, immerhin. Diese Isolierung kann der echte Jude nicht meiden, auf diese Isolierung ist er von vornherein von Gott, der ihm die Speisegesetze gab, bei Erteilung derselben vorbereitet (Levit. 20, 25, 26) und gewarnt worden, sich durch diese notwendige Folge nicht irre machen zu lassen. Aber wir kennen eine höhere Gemeinschaft, ein höheres soziales Leven, ein höheres soziales Band, als Gasthausleben unb Tafelfreuden. *) Für die ausführliche Darstellung und die wissenschaftliche Begründung des hier in wenigen flüchtigen Zügen angedeuteten Geistes des jüdischen Lebens ist hier nicht der Ort. Die Schrift, aus welcher der Anonymus seine Bruchstücke zusammengelesen, hat ganz eigentlich den Zweck, den auf Grund ernster, wissenschaftlicher Forschung geschöpften Geist des praktischen jüdischen Lebens oarzulegen. An diesem Geiste geht freilich Anonymus vorüber. Jene Bruchstücke hätte er in jedem jüdischen Hause finden.können. - Können Juden und Christen auch nicht zusammen, essen und trinken, so können sie doch zusammen wirken und schaffen, können sich zusammen finden in jedem patriotischen Gedanken, in jedem patriotischen Wort, in jeder patriotischen Tat, können Mühen und Sorgen, Kraft und Opfer einen für alles Edle und' Gute, alles Humane «nb Heilbringende; unb wahrlich, wahrlich, wer cs Nicht weist, wer picht srchltz tllälch sin edleres, dauernderes, würdigeres Band der Achtung und Freundschaft der gemeinsame Schweiß für ein edles hohes Ziel um Männerherzen schlingt — edler, dauernder, würdiger als alle Vertraulichkeiten sybaritischer Freuden—an dem geht der ernste Jude und der ernste Christ schweigend vorüber. Wir brechen ab, so manches Wort uns auch noch auf dem Herzen liegt. Es ist dies unser erstes Wort, wir wünschen, daß es auch unser letztes sein könne. Wir suchen diese Öffentlichkeit nicht, aber wir meiden sie auch nicht, wo immer wir lllM hkiligM Heiligtum «"gegriffen finben. Mit dem Anonymus find wir fertig. Um eins beneiden wir ihn. Um die bewunderungswürdige Kunst, mit der er es verstanden, den undurchdringlichen Schleier der Anonymität zu weben. Damit wir ihn nicht unter den gebildeten Zeitgenossen suchen, zeigt er von vornherein, daß ihm der erste Begriff sozialer Bildung fremd sei. Unter Juden dürfen wir ihn nicht suchen, denn sein Matt zeugt von mehr als sHMNMM Unkenntnis selbst der jüdischen Bibel. DüMtt wtk ihn aber auch nicht unter Christen aufsuchen mögen, gibt er rasch am Schlüsse die Probe, daß ihm auch das eigentliche Verständnis der christlichen Bekenntnisschriften fehle. Und so müssen wir uns. trösten, einem namen- und wesenlosen Schatten begegnet zu sein. Einer Täuschung müssen wir jedoch am Schlüsse noch entgegentreten. Der namenlose Schatten geriert sich, als vertrete er in seinen Aeußerungen die Majorität der hiesigen Gemeinde. Das verneinen wir entschieden und laut ftff fff bie briibexddje Qiebe nocf) nicht jum Schatten geworden, so ganz nicht die Pietät für das väterliche Heiligtum geschwunden. Wir wissen sehr wohl die große Gesamtheit der Gemeinde von denen zu unterscheiden, die sich so laut als Vertreter der Majoritätsgesinnung benehmen. Wie sind überzeugt, selbst Diejenigen, die unserer Richtung am fernsten stehen, perhorreszieren den Anonymus und fein Blatt und fejne gange Qp^^ecioxaitort, ÜbZezßllAt, öJßflll eben die Majorität, die zu vertreten der Anonymus vorgibt, sich aussprechen könnte, sie würde nur ein Wort der Liebe und der brüderlichen Anerkennung für ein Streben haben, das kein anderes Ziel kennt, als das Heiligtum in seinem Lichte und seiner Wahrheit wieder aufzubauen und zu erhalten, für das ja auch ihre Väter freudig gelebt und gestorben. Frankfurt, den 5. April 1853. (gez.) Rabbiner Hirsch. VI. DU EMidermig erregte ungeheures Aussehen. Solche Worte waren in Vertretung bes gesetzestreuen Judentums in Frankfurt noch nicht vernommen worden. Gehobenen Hauptes erschienen nunmehr die Mitglieder der Religionsgesellschaft in der Mitte der andersdenkenden Brüder, jetzt empfanden sie, was es heiße, einen Vertreter ihrer Prinzipien zu besitzen und nicht mehr wehrlos den Angriffen der Gegner ausgesetzt zu sein. Auch die ärgsten Spötter konnten sich dem Eindruck nicht entziehen und waren kleinlaut geworden, Mmenlkft Wut NU- MsMplose Verlegenheit aber herrschten im Lager der Angreifer, deren Champion mit solcher Eleganz aus dem Sattel gehoben worden war. Im Hochgefühl seines vermeintlichen Sieges hatte er sich nämlich etwas voreilig, sofort nach der Veröffentlichung seines Flugblattes im Kreise seiner Anhänger bereits seiner Autorschaft gerühmt gehabt. Und nun sollte er, der langjährige Apostel der Aufklärung, die Segel streichen, und noch dazu vor dem Führer der Orthodoxie, und diesem das letzte Wort lassen! ünmögüch. Um ölieö öaljer Wahl, jetzt mußte er mit seinem Namen auch öffentlich hervortreten. Er tat dieses in der Nr. 92 des Frankfurter Jntelligenzblattes vom 19. April 1853. In diesem Schmähartikel, der die Ueberschrift trägt: „Das pharisäische Judentum und das soziale Leben" erklärt er grade heraus die Ankündigung der JsraelttWen MlWlMMsellr schuft bgw. was in ihrem Programm über die Beziehungen des sozialen Wissens und Lebens zu dem religiösen Wissen und Leben gesagt fei, enthalte eine solche Täuschung des großen Publikums, daß er, als langjähriger Vertreter des geläuterten, reformierten Judentums, ihr habe entgegentreten müssen. Deshalb habe er mit Uebergehung der sozialen Moralprinzipien des Phärisäismus einige Proben des pharisäischen Zeremonialwefens und zwar aus dem Religionslehrbuche des Herrn Hirsch mitgeteilt. Er erklärt sodann, die Bibel allerdings nicht burch die Vrille des ^si^arifäisrnns anznfehen, also Vieles nicht darin zu findenwas der Pharisäismus hineindichte. So sei z. V. durch das Verbot des Feueranzündens keineswegs verboten, eine Zigarre am Sabbat zu rauchen, durch das Chomezverbot z. B.. nicht verboten, Bier am Peßach zu trinken; in dem biblischen Verbote des Blutes, des Unschlitts oder zerrissener Tiere finde er garnichts von den pha- HsöWen VorschNttkN Des MAUZ IW,- öm die Art des Schachtens usw,. nachdöM ör föVNöV die Wirksamkeit der vier Rabbinerversammlungen gefeiert hat, führt er schließlich noch einige im Chaurew enthaltenen Paragraphen des Schulchan Aruch an, die er für besonders wirksam hält, um das gesetzestreue Judentum dem allgemeinen Gelächter preiszugeben, wie betreffend Verhüllung des Haupthaares der jüdischen Ehefrau, des Nichtscherens in der Sefira und in den drei Wochen u. a., um dann triumphierend an seinen christlichen und jüdischen Leserkreis die rethorische Frage zu richten „Und fü^7 diefes ^wbentum soll bie Ougenb begeistert werden?". Wir dürfen den Manen des seligen Kollegen noch nach Dezennien dankbar sein. Erstens für die rückhaltlose Offenheit in der Darlegung seiner religiösen Prinzipien. Sodann aber, weil er dadurch, daß er sich bei der ersten. Antwort nicht' beruhigte, seinen großen Gegner zu einer zweiten veranlaßte, die gleichfalls ein wahres Juwel ist. ®te ist ein solches llsiersternrerk «ornehlUße PZlßmik, vor allem aber kennzeichnet sie so sehr die damaligen Verhältnisse und ist auch für die Gegenwart noch von so unmittelbarem Interesse, daß wir darauf verzichten, bloß das eine oder das andere aus ihr anzuführen, vielmehr des Dankes weitester Kreise gewiß sind, wenn wir auch sie hier ganz zum Abdruck bringen. Sie erschien in Nr. 95 des Jntelligenzblattes vom 22. April 1853. Das rabbinifche Judentum und der Herr Dr. Heß. Ser MlrM AmnMitttt ist Hsvr Dr. Heß, Oberlehrer an der hiesigen israelitischen Gemeindeschule, hat sich genannt, hat sich offen als Feind des rabbinischen Judentums, als Feind unserer jüngst ins Leben getretenen Schule bekannt, hat offen fein Glaubensbekenntnis abgelegt --demgegenüber haben wir in der Tat hiermit ein letztes Wort. Von der ersten Stunde, da mich das nachichtsvolle Vertrauen der kleinen Herde, wie der Herr Doktor uns nennt, hierher berief, hatte ich SS klar als meinen einzigen Beruf erkannt unb bekannt, tzas Prinzip 4>es unrrerkännnerten Glaubens, für welches der kleine Kreis mit so vielem Ernst, mit so vieler Hingebung sich er- 40&eti, in der Mitte dieses Kreises aufzubauen, nicht aber durch feindseliges Bekämpfen der entgegenstehenden Richtung den bejammernswerten Riß der Gemüter noch klaffender zu gestalten. Wie vornehm auch der Herr Doktor auf diese -leine Herde und ihr Bestreben niederblicikt, er wird sie doch nicht durch seine Leidenschaftlichkeit,