Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 29 Der Reichsverband stellt sich der jüdischen Oefsentlichkeit als ein harmloser Dachverband von bereits bestehenden Organisationen vor. Wer aber vermöchte schon heute die Fülle der Jnterpretationsmöglichkeiten in ihrem ganzen Umfang zu überschauen, die hinter der „Förderung der allgemeinen Interessen der jüdischen Religionsgesellschaft" schlummern, die sich der Reichsverband als vornehmste Aufgabe zumeist! Auch der bayerische Verband hat von Anbeginn erklärt, daß er sich unter Wahrung der Selbstbestimmung der Gemeinden betätigen will. Gleichwohl konnte ein Herr des Ministeriums zu Dr. Neumeyer sagen: „Für Sie wäre es jetzt Zeit, eine Kirchezuschaffen." Und wenn auch Dr. Neumeyer klug genug war, darauf zu erwidern, daß der Ehrgeiz des Verbandes nicht nach dieser Richtung ginge, daß er vielmehr „in dem freiwilligen Zusammenschluß der Gemeinden unter kluger Beschränkung der Selbstverwaltung und Schaffung einer wirksamen Zentrale als der Trägerin des Vertrauens der Gsrnsindsn dis sicherste Grundlage \uv unser? r?Üg!ös? Gemeinschaft" fände, so beweist doch dieses im bayerischen Ministerium gefallene Wort zur Genüge, daß die durch den Gemeindeverband geschaffene „wirksame Zentrale" auch in den Augen des Ministeriums überaus fruchtbare Entwickelungskeime enthält, die sich umso kräftiger entfalten werden, je „klüger" die Gemeinden in der Beschränkung ihrer Selbstverwaltung fortfahren werden und je ausgiebiger der finanzielle Segen niederströmt, der dem Verbände das Vertrauen der Gemeinden erobert. Wenn so die Zeiten sich erfüllt haben, dann wird es auch an dem zur Schaffung einer Kirche erforderlichen Ehrgeiz nicht fehlen. Zu den wichtigsten Aufgaben des Reichsverbandes soll es gehören, für die Heranbildung der Rabbiner und Lehrer zu sorgen. Demgemäß obliegt ihm die Errichtung, Erhaltung und Förderung von Anstalten und Einrichtungen, die für das Reich oder mehrere Länder gemeinsam bestimmt sind. Auch hier gewährt ein Blick auf Bayern eine lehrreiche Ausschau auf die Reiseroute im Neic^. Bei der Hk? bayerischen Verbandes Ä Februar d. I. stand ein liberaler Abgeordneter auf und erklärte namens seiner Freunde, sie empfänden es als beschämend, „daß ein Nicht orthodoxer dem Kuratorium der Lehrerbildungsanstaltin Würzburgnichtangehören darf"; sie müßten aus Selbstachtung fordern, daß sie bei einer Anstalt mitzusprechen haben, für die die wesentlichen Mittel aus ihren Reihen aufgebracht werden. Von orthodoxer Seite wurde darauf erwidert, daß nach dem gegen Angriffe in Schutz genommen. Unvergeßlich bleibt fein Wirken zur Zeit der russischen Okkupation. Als die zaristischen Heere Ende 1914 die Bukowina besetzten und zahlreiche jüdische Geiseln nahmen, intervenierte Dr. v. Repta bei dem russischen Gouverneur und den Generalen zugunsten der jüdischen Geiseln, sehr oft mit Erfolg. Als der antijüdische Terror der zaristischen Soldateska in Czernowitz den Gipfel erreichte, flüchteten zahlreiche Juden, die als Geiseln genommen werden sollten, in das erzbischöfliche Gebäude, wo ihnen der Metropolit bereitwilligst Schutz gewährte. Als dann auch der große jüdische Tempel in Gefahr stand, ausgeplündert zu werden, wurden, die Schätze des Tempels in das srzbis<chöfli«Hs ©ebäuba oebvctdjt, wo sich Me Qln den großartigen Geftattungsferertichßerten für den verstorbenen Kirchenfürsten von Czernowitz beteiligte sich die Czernowitzer Judenschaft in hohem Matze. Dom erzbischöflichen Palais nahm der Kondukt seinen Weg zum Tempel, wo Halt gemacht wurde. Vor dem Tempel standen die Mitglieder des Rabbinats und der Verwaltung. Der Oberkantor trug Trauerpsalmen vor, woraus der Oberrabbiner einen ergreifenden Nachruf hielt. „Eminenz! Angesichts des Tempels, der heute zu Deinen Ehren geöffnet und beleuchtet wurde, angesichts der Thorarollen, die in demselben sich befinden, und die Du, als ihnen während des schrecklichen Weltkrieges Entweihung drohte, unter Deinen Schutz nahmst, entbiete ich Dir den Äbschiedsgrutz der jüdischen Gemeinde, die Dich schätzt und ehrt, ja wie einen Vater liebt. Die jüdische Gemeinde von Czernowitz sowie die Judenschaft der ganzen Bukowina trauert um Dich und wird Dir ein ewiges Andenken bewahren." Der Sirodt t Statut des Lehrerseminars das Kuratorium nur aus orthodoxen Mitgliedern bestehen dürfe. Da aber auch aus orthodoxer. Geite die Erkenntnis bestehe, „daß d i eseBestimmun g u nter den heutigen Verhältnissen im Lande nicht mehr erträ gl ich sei" , sei durch Beschluß des Kuratoriums neben dem Kuratorium ein Beirat von vier Personen geschaffen worden, dem auch nichtorthodoxe Mitglieder angehören dürften, so daß jederzeit weitere Mitglieder zum Kuratorium hinzugezogen werden könnten- Seltsame Stimmen erklingen heute im Lande des Würzburger Raw ... Bedarf es der Prophetengabe, um vorauszuschauen, daß auch die Liberalen im Reiche als beschämend es empfinden werden, wenn ihnen ein ihren finanziellen Leistungen entsprechender Einfluß auf die vom Reichsverband betreuten Anstalten und Einrichtungen versagt werden sollte? Unsere liberalen WVttkll TÜt ihr gutes Gew auch etwas haben. Das erhebende Bewußtsein, mit ihrem Gelde notleidende Gemeinden und Anstalten vor dem Untergange zu bewahren, befriedigt sie nicht. „AuchdieliberalenJdeen sollen, soweit es im Rahmen des Möglichen liegt, Förderung und Berücksichtigung finden." So sprach jener Abgeordnete, der es als beschämend empfindet, daß der Würzburger Raw im Kuratorium seiner Anstalt bloß Orthodoxe haben wollte. Und wer sich die Mühe nimmt, das offizielle Organ des Gemeindeverbandes, die bayerische israelitische Gemeindezeitung, aufmerksam zu lesen, weiß, daß die Förderung und Berücksichtigung, die der Gemeindeverband in einem für das ganze bayerische Judentum, also auch das orthodoxe, bestimmten Organ den liberalen Ideen angedeihen läßt, keineswegs „im Rahmen des Möglichen" verbleibt. Was soll man z. B. dazu sagen, wenn daselbst in einem Artikel „Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum" Männer wie Nachman Krochmal und I. H. Weiß als „die eigentlichen ßtef)££>rmger |iir dis Subert ^polens^ Galiziens" gefeiert werden? Was soll man dazu sagen, wenn im offiziellen Organ des bayerischen Judentums Geigers „Urschrift" in den höchsten Tönen gerühmt und von den orthodoxen Gegnern Frankels als „den starren Anhängern der Tradition" geredet wird?- Seltsame Stimmen erklingen heute im Lande des Würzburger Raw . . . Bedarf es der Prophetengabe, um vorauszuschauen, daß auch die Liberalen im Reiche dafür sorgen werden, daß im Reichsverbande die libe- (Das Bekenntnis eines früheren Antisemiten). Helmuth v. Gerlach sprach in einer jüdischen Versammlung in Berlin über seine Abkehr vom Antisemitismus: Die Ernüchterung und die Umkehr kamen allmählich, aber gründlich. Die verehrten Führer verloren an Größe, je näher man ihnen trat. Er stellte eine ungeheuerliche Diskrepanz zwischen den Lehren und dem Leben dieser Männer fest. Ihr Grundsatz war: Der Zweck heilige die Mittel, aber sie nahmen den Zweck selbst nicht ernst. Dabei ein ungeheueres Maß an Unwissenheit, eine entsetzliche Seichtheit des Gedankens. Der Grundsatz Liebermann v. Sonnenbergs war: „Die Wissenschaft hat für uns keine Bedeutung". Endlich. auch die Unfxvtcfyibaxheit ihres cjart^ert Denkens unb rrnglcrrröiicHer Äeid uub «ri^ tzWkkiN und schließlich das sehr unmoralische Leben, das diese Verfechter deutscher Sittlichkeit gegen jüdische Zersetzung zu führen begannen, sobald sie nur den Versammlungssaal verließen. Während er so die Achtung vor seinen antisemitischen Lehrmeistern immer mehr verlor, führte ihn der Zufall mit wirklich edlen Juden zusammen. Er lernte den berühmten amerikanisch-deutsch-jüdischen Philantropen Charles L. Hallgarten in Frankfurt a. M. kennen, der sein in Amerika erworbenes Riesenvermögen sozialen Werken widmete und eine unerhörte Mischung von persönlicher Freigiebigkeit und Adel mit praktischem Denken und Handeln darstellte. Er lernte Dr. Leo Arons, diesen Märtyrer des sozialistischen Gedankens, kennen, sowie Paul Singer, der ebenfalls feine sehr reichen Mittel zur Unterstützung sozialistischer Genossen verwendete: endlich Eduard Bernstein und mehrere andere ideal kämpferische Juden. Das brachte ihn dazu, sich dem Studium der jüdischen Geschichte zuzuwenden, aus der er erfuhr, daß die Juden nicht von Natur sich 15 Juli 1926 ralen Ideen die Förderung und finden werden, auf die sie vonwegen ihres guten Geldes Anspruch zu haben glauben? — Am 18. Juli tritt in München die von den Landesverbänden bestellte Vertreterversammlung, zusammen, um die von Dr. Neumeyer entworfene Verfassung des Reichsverbandes zu prüfen und endgültig festzulegen., Dann werden die Lattdesverbände in ihren Körperschaften zu beschließen haben, ob sie auf Grund des Verfassungsentwurfs. dem Reichsverbande beitreten wollen. Möge die bayerische Orthodoxie bei ihrer Entschließung, des Arewuth-Bandes eingedenk bleiben, das sie mit der Orthodoxie des Reiches verknüpft. «Dogmen" oder Grundprinzien imIudentume. Von Rabbiner Whitipp Aifcher in Sarospatak (Ungarn).. Hierauf wird Herr Dr. K. wohl entgegnen^ daß es doch auch unter unseren klassischen NslrgiüllLphllAsAP^M kerne Erntrachf, jn ^kgUg NUf Öie~ Feststellung dieser anp-»]; gibt. Philo von Alexandrien stellt in seinem Werke vemunäiOpikicio (tm. 61. Kapitel) Abs. 5 Grundprinzipien des Judentums auf. Aus msm imivrr des Saadia Gaon geht hervor, daß nach des letzteren Meinung das- Judentum auf neun Grundprinzipien beruht. Der Toffafist Rabbenu Chananel spricht laut seinem Biographen Rappaport (Bikkure Haittim,. 5582) in seinem Kommentare zu Exodus von vier Grundprinzipien. Hiergegen stellt Maimonides seine 13 a’np’y auf. Dann aber kommt, wieder Don Chasdai Kreskas und reduziert dieselben in seinem 'n ->irr auf vier, während R. Joseph Albo in seinem berühmten Werke tmp’jr die Zahl der unverletzbaren Grundprinzipien des Judentums sogar auf drei beschränkt. Und nun wird der Herr Dr. K. in triumphierendem Toneausrufen: Also selbst unsere maßgebendsten Religionsphilosophen können betreffs der unentbehrlichen undunverletzbaren Grundprinzipien des Judentums nicht einig miteinander werden; demzufolge gibt es eben keine solche Grundprinm'm mit lkllgömsin mM&mter Gültigkeit! Würbe aber der Herr Dr. K. meine Ritterlichkeit, womit ich mich beeilte, all die diesbezüglichen verschiedenen Auffassungen der Religionsphilosophen heranzuziehen, mit gleicher Höflichkeit erwidern wollen, dann müßte er bekennen, daß es unter den von den erwähnten Religionsphilosophen verschiedenartig aufgestellten allenfalls auch solche gibt, in bezug auf deren Anerkennung gar keine Meinungsverschiedenheit vorhanden ist. So kehren die von Albo aufgestellten drei nnp-'y: 5)er Glaube an dem niirm das der Handels- und Dermittlertätigkeit zuwandten,, sondern darum, weil sie in den meisten Ländern von produktiver Arbeit durch gesetzliche Begrenzungen serngehalten wurden. Aus seinen Reisen im Auslande, insbesondere den Ostländern, sah er die jüdischen Massen in schwerer Arbeit ihr Leben fristen. Er sah Juden als Hafenarbeiter, als Bauern, als Handwerker und Fabrikarbeiter. Seit Jahren, schloß H. v. Gerlach, gehört mein Lebenswerk dem Kampf gegen Antisemitismus; nicht aus besonderer Judenfreundlichkeit, denn er stelle kein Volk höher als das andere, sondern um der Verwirrung in Deutschland entgegenzusteuern und der bequemen Ausrede, als ob alles Unglück von kvmmr, rvovvm man sich leöcs maWMnim üött m iDüOrat uitacotu uuö MflMUlkuNMö UMjedes Streben nach Besserung bequem erspart. Ich schäme mich nicht, daß ich einst Antisemit war, aber ich würde mich schämen, wenn ich meinen Irrtum nicht eingesehen hätte und nicht alles tun würde, um: andere vor diesem Irrtum zu bewahren. Wochenkalender. vom 17. bis 24. Juli 1926. I vom 6. bis 18. Ab 5686 prn nnv 3K3?1JNM1 Juli Samstag 17 a-n:n 6 Sonntag 18 7 3« Montag 19 8 Dienstag 20 9 Mittwoch 21 10 Donnerstag 22 11 Freitag 23 12 Samstag 24 prmrri 13