Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Der Israelit nr.27 IM wm Die Perle von Aegypken. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). „Was soll nun geschehen?" fragte Reisele, die die ganze Zeit mehr vergleichend an ihre eigenen Erlebnisse dachte, als zuhörte. Mußte sie sich nicht schämen? Waren nicht die Freundinnen wahre Heldinnen im Vergleich zu ihr, die so ruhig und geduldig alles über sich ergehen ließ? „Wir bleiben fürs erste hier und halten eng zusammen, wie auf dem Schiffe, das unsere Schicksale zusammengeschmiedet hat", sagte Milka entschlossen. „In einer Stunde werde ich von hier abgeholt, mein hiesiger Aufenthalt hat ein Ende erreicht, meiner Stunde schon", stammelte Reisele watt wie ein Sündenbekenntnis. „Mm MM? MM?" Nun war es an Reisele, zu erzählen. Wie ungleich ruhiger und sicherer, wiewohl nicht minder peinvoll in ihrer Zwecklosigkeit, flössen Loch ihre Tage dahin bis zum heutigen Morgen, der wohl keine Entscheidung, aber eine Wandlung brachte. Unverständlich und in undurch- Lringenden Nebel gehüllt war alles bis zum heutigen Morgen. Wie sie aber mit der Erzählung des Vorganges an diesem Morgen und des überstürzten Reiseplanes ihres Schutzherrn fertig war, war es ihnen ganz klar, daß diese plötzliche Wandlung mit dem Vorgänge im Hause der Frau Hempel eng zusammenhing. Die Einzelheiten dieser sonderbaren Verkettung waren nicht zu überblicken. Das Ganze hob sich aber klar und deutlich vom Nebelgewirr ab: Das Auge des Gesetzes ward durch irgend einen Umstand, vielleicht wirklich durch Pitt — wer kann Lie Seele eines Menschen ergründen — geöffnet und auf eine Verbrecherbande gelenkt, deren Opfer auch sie, die drei, beinahe geworden wären. War es nun klug und ratsam, sich der Polizei zu stellen und gegen die Sündigen zu zeugen, daß ihr Sündenmaß voll wurde? Die ihnen in vielen Sölortaiert her Qual »ort altert Seiten emge|{ö|jte Angst vor per Polizei in Diesem milDsiemDen Lande saß ihnen noch zu tief in den Knochen, als daß sie sich zu diesem Schritte so ohne weiteres .hätten entschließen können. „Und Du gehst mit ihm?" fragte nun Milka. „Ich sagte nicht ja, noch nein, aber ich wehrte mich nicht entschieden genug, um ihm die Hoffnung zu nehmen. Ich war keine Heldin wie Ihr. Das machte die Einsamkeit Und vielleicht auch dies, daß man mich nur mit Güte überhäufte und alle Gewaltmittel vermied. „Stark werden wir durch Prüfungen", las meine Mutter oft aus Ihrem „Zeeno ureno". Ich habe es nie so recht verstanden wie heute." Reisele weinte, als hätte Pe sich Schweres vorzuwerfen. „Um von hier einmal wegzukommen", sprach Meisele weiter zu ihrer Rechtfertigung, „schien mir auch dieses Mittel gut, darum schwieg ich und ließ ihn dieses stille Schweigen als Einverständnis nehmen. Nun aber kommt es anders. Ich will stark sein wie Ihr. Sagt nur, was Ihr zu tun gedenket." Feige hatte festen, klaren Entschluß: „Wir werden Juden suchen, die sich unserer „Ünb ich würde es am liebsten mit der Polizei versuchen", wandte Milka ein. „Sie wird uns nicht fressen. Wir sind ja nicht in Ruß- Land oder in der Ukraine. Ich hörte immer, daß außerhalb dieser Länder die Polizei Schätzerin des Rechtes ist und den Wehrlosen beisteht." „Wie Ihr es immer macht," sagte Reisele nun ganz entschlossen, „ich bleibe bei Euch und gehe mit. Gehen wir gleich, der Horchposten um mich herum scheint zu schlafen. Gehen wir gleich, und mager nachher kommen. Er findet das Nest leer. Ich habe auch nicht klar I a gesagt." Milka rührte sich nicht vom Platz, streckte sich im Gegenteil mit einem Bedürfnis nach Ruhe und Sammlung behaglich auf der Ottomane aus und steckte sich eine Zigarette aU. „Wir wollen doch überlegen", sagte sie, den bläulichen Rauch in dünnen Wölkchen durch den Raum blasend. „Im Grunde gäbe es außer den Juden, von denen ich hier nicht viel erwarte und der P o l i z e i, auf die ich gewiß nicht sonderlich vertraue, noch einen dritten Weg." „Und der wäre?" „Du gehst mit dem fremden Manne auf das Schiff und in die Mittelmeerländer, und wir g e h e n m i t D i r." „Milka!!" stießen beide Mädchen zugleich in staunender Erregung hervor. „Es ist mir ganz ernst um diesen Vorschlag. Dir Reisele öffnet sich ein Weg zur Freiheit und zum lMckä, mmwt szllUst Dü &U zurückweisen und den Leidensweg wählen?" „Er hat u n s nicht zur Mitreise aufgefordert", warf Feige ganz verwirrt ein. Milka rauchte ihre Zigarette zu Ende. „Das ha! er nicht, aber R e i s e l e tut es und macht die Mitreise davon abhängig. Es wird sich dann zeigen, wo er hinaus will. Es wäre dies die beste Prüfung. Geht er darauf nicht ein, dann hat er Böses im Sinne und wir betreten die anderen Wege. Gemeinsam, denn wir setzen uns durch, wenn unsere Schicksale aneinandergeschmiedet bleiben." XII. Indes die Mädchen noch unentschlossen sannen und berieten, ging die Türe auf und ohne anzuklopfen, trat die Frau im Kopftuch mit einigen Paketen unter dem Arm ins Zimmer. Sie sah ängstlich nach der Türe und musterte die ihr unbekannten Gesichter im Zimmer. „Jüdische Töchter!?" flüsterte sie, halb fragend, halb feststellend und sah wieder nach der Türe. Als wollte sie die Frau davon überzeugen, daß sie diesmal von fremden Augen unbewacht, SSI? ftrMrü Qpe’A UüLelüüsHt Sff«eL Nestele wett die Türe und Motz sie wieder. Die Frau schob das Kopftuch etwas zurück, stellte die Pakete ab und sagte wie zu ihrer Entschuldigung: „Ich dachte mir, das Fräulein reist heute ab, hat weiten Weg, so habe ich etwas Reisezehrung mitgebracht." Es war das erste Mal, daß sie Reisele deutlich reden hörte. „Mein guter Engel, der für meine Verpflegung sorgt," sagte Reisele erklärend, „wo habt Ihr den lieben Jungen?" „Der hat sich die Augen wund geweint, wollte mit zur Tante, aber heute konnte es nicht sein." Als erschrak die Frau vor dem Klange der eigenen Stimme, wandte sie sich wieder forschend nach der Türe. „Ich habe Euch viel zu danken, liebe Frau und weiß doch nicht einmal, wer Ihr seid, wie Ihr heißt." „Wer ich bin? Was liegt an mir? Eine arme Frau, die viel Leid erlebt und daher ein gutes Auge für das Leid Anderer hat." ,,2f)v fyabi mtd"» fcebauerly gute SOßayijm spracht Ihr nie?" „Darf man hier schon wirklich frei reden?" „Es hört uns keiner." „Man sagte mir, ich werde fristlos entlassen, mit meinem Jungen auf die Straße gefetzt, wenn ich hier nur den Mund auftue. Es waren Aufpasserinnen stets dabei, und ich weiß was Hunger ist. ..." „Wie heißt Ihr, wo seid Ihr her? Ihr dürft sprechen, es sind keine Lauscher mehr da; die hier, sind liebe Freundinnen." „Ich heiße F r a d e l oder Frieda und stamme aus Galizien. Aber wem liegt etwas an mir? Bin eine der Vielen, die hier entweder im Sumpfe oder in ihren eigenen Tränen ertrinken. Aber es sind schon etliche Jahre her, was soll man davon noch sprechen?" Sie seufzte tief. „Ich bitte Euch zum Abschied um Eure Geschichte, wir alle bitten darum, nicht wahr Milka, Feige? Wir bitten drum." „Meine Geschichte? Sie ist kurz und gar nicht interessant. Ins galizische Städtchen kam einer und wollte mich freien, nach Amerika mitnehmen, mich zur Prinzessin machen. Ich schlug ein und ging mit ihm, nachdem im Städtchen Hochzeit gefeiert war. Hier verschwand der Mann und ich saß mit dem Kinde unter dem Herzen in einem Hause — sie verdeckte das Gesicht mit beiden Händen —, lief davon, sobald es ging, brachte in einer Krankenanstalt das Kind zur Welt, ging, da ich rnit dsrn Kinde keine Dienststelle erhielt^ ök!!c!n — {Sr bas Smb.!>ann nahmen {!lh gute Menschen meiner an, das ist alles. Jetzt helfe ich in der Restauration Melzer in der Küche mit und übe dort die religiöse Aufsicht aus. Ich bin zufrieden, aber ich muß immer innerlich weinen, wenn ich hier in dieser entsetzlichen Stadt fremde jüdische Töchter sehe. . . ." Sie schob das Tuch noch mehr zurück, und die Mädchen konnten jetzt sehen, daß sie trotz der Runen im Gesichte und der Ränder um die Augen jünger war, als sie glaubten. „Und Ihr beweinet auch mich?" fragte Reisele. „Verzeiht, es ist unrecht von mir, so etwas zu denken. Aber wenn ich Euch so ansah. . . . Euch alle-" Milka hatte schon den Entschluß gefaßt, an dieser Frau festzuhalten wie an dem Schlüssel zur Freiheit, zur Welt. Aber der weitere Anblick des armen, gebrochenen Weibes machte sie still und nachdenklich. Wenn dies das Ziel sei, zu dem der Weg führte. . . . Sie schauerte zusammen. Reisele aber, der der rettende Gedanke eben erst blitzartig kam, fragte: „Ihr seid eine gute Seele, Frau Fradel, könnt Ihr uns helfen?" „.fjelfen?" Frau Fradsl krohrts ihre Augen in btt NeiscttSl Also büch! : i : „Ja helfen! Wir sind in fast ähnlicher Lage." Fradel versagte die Stimme, dann stand sie auf, griff nach Reiseles Hand und sagte, schrie fast: „Sagt es nun klar heraus, seid Ihr Reisele, Tochter von Koppel, dem Schneider in Burki in Litauen?" Die Mädchen standen sprachlos da. „Ihr kennt mich? Seid Ihr gar aus gleicher Gegend?" „Nein, aber nun ist es nicht Zeit zu reden, nun muß ich e i l e n." Reisele hielt sie fast gewaltsam zurück. „Wohin; bleibt, erzählt, woher wißt Ihr meinen Namen?" Fradel erzählte stockend und stotternd, in Eile, mit der einen Hand an der Türklinke: „Ich sah die ganze Zeit etwas, hatte Ahnungen und wußte nicht wieso. Ich durfte aber nicht reden, kaum denken, wollte ich nicht mit dem Kinde auf die Straße geworfen werden. Aber ich hatte keine Ruhe bei Tag und bei Nacht. Eine jüdische Tochter, sagte ich mir, und du, Fradel, schweigst. ... So lief ich zum alten Rabbiner, Nabkü Mschol, Der mW auf meinen hoffen in De? Meflauvattort gestellt. (Sv wufate mir aber nichts zu sagen, solange ich nichts Genaueres angeben konnte. Gestern aber ließ mich Rabbi Fische! kommen. Er hatte auf Umwegen ein Schreiben aus