Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 27__ Mandatskommission wird an den Völkerbund weitergeleitet werden. SrtzunA bes;ubi|<^en Qe^niievtenvatesi in £onbon. London, 23. Juni. In der Sitzung des Jewish Board of Deput i e s (Deputiertenrat der englischen Juden) erstattete Mr. Lucien Wolf den Bericht des Joint Foreign Committee (Komitee für auswärtige Angelegenheiten) und führte aus, daß die Dinge in Polen und R u - m ä n i e n augenblicklich keinen Anlatz zu Besorgnis geben, wenn sich auch hie und da störende Symptome bemerkbar machen. Bezüglich des Numerus clausus-Gesetzes in Ungarn dürfen die Anstrengungen nicht erlahmen, um endlich die Annullierung dieses Gesetzes zu erreichen. Ein besonderes Problem ist die Staatenlosigkeit der Flüchtlinge aus Rußland und den ehemaligen russischen Provinzen. Das Joint Foreign Committee beobachtet diese Frage, sowie alle anderen die jüdischen Interessen berührenden Fragen, die gegenwärtig von dem Völkerbund behandelt werden. Ein ausführlicher Bericht wird der nächsten Sitzung oorliegen. — Die Zurückziehung des Anti-Schechita-Gesetzes durch die norwegische Regierung hat die Unzufriedenheit mancher Kreise des Storthing erregt und auch zu einer Art Volksbewegung gegen die Juden Anlaß gegeben, deren Ziele über die Grenzen der Schechitafrage hinausgehen. An das Joint Foreign Committee wurde appelliert, den norwegischen Juden beizustehen. Es wurde beschlossen, Schritte zu unternehmen, um auf bte öffentliche SDteinung SRorroejens «HfElärsnö zu wirken und eine ruhige und gerechte Lg', sung der Frage herbeizuführen. In Beantwortung einer Frage Mr. Lesers, wie weit sich das Joint Foreign Committee des britischen Auswärtigen Amtes bedient habe, um auf ausländische Regierungen einzuwirken, stellte Mr. Lucien Wolf fest, das Joint Foreign Committee habe sich entschlossen, selbst nach Genf zu gehen, um gegen die Rechtsunsicherheit, unter der die Juden in gewissen Ländern leben, anzukämpfen. Die Regierung selbst gab offiziell zur Antwort, daß jetzt der Völkerbund direkt Appellationen entgegennimmt, man brauche nicht den Weg durch die britische Regierung zu wählen. — Die Frage, ob das Joint Foreign Committee Gelegenheit genommen hat, mit den einflußreichen Mitgliedern des polnischen Sejm, die vor kurzem in London weilten, in Kontakt zu kommen, beantwortete Mr. Lucien Wolf dahin, die polnischen Juden verfügten über eine starke Vertretung im Sejm, so daß sich niemand einzumischen brauche. Das Joint Foreign Committee könnte nur auf direktes Ersuchen der Deputierten aus Polen intervenieren. N»rM«i,d. Reiche Ernte in den jüdischen Kolonien Ruhllands erwartet. Moskau, 25. Juni. Die Landwirtschaftssachverständigen, die in den letzten Wochen das Gebiet der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien bereisten, geben übereinstimmend ihrer Meinung Ausdruck, daß, wenn inzwischen keine unerwarteten Naturereignisse eintreten, die jüdischen Kolonien in den Distrikten von Cherson,- Krivojrog und Krim in diesem Jahre eine ungewöhnlich reiche und gute Ernte haben werden. Die Führer des Agro-Joint sind der Ansicht, daß, wenn die Hoffnungen auf die diesjährige Ernte sich verwirklichen, der Geldwert der Ernte des Jnvestitionskapital des Agro-Joint aufwiegen wird. Der Führer des Komzet, Mereschin, stellte in einem im „Emes" abgedruckten Artikel fest, daß der Erfolg der jüdischen Kolonisten eine besonders gute Wirkung auf die Beziehungen der benachbarten russischen Bauernschaft gemacht hat. Di^se ÖBtrPung ist um fo höheran^uschlagen^ als die jüdischen Kolonisten alles allein gemacht und fast ganz ohne Lohnarbeiter ausgekommen sind. Würde ein Lohnarbeitersystem platzgreifen, so würde dies den Beziehungen zu den Nachbarn Abbruch tun. (ITA.) Brief aus Palästina. Jerusalem, 25. Juni. Seit Beendigung des Weltkrieges macht sich eine vermehrte Einwanderung von Juden aus Monastir geltend. Die Palästinawanderung der Monastirer Juden setzte vor ungefähr 100 Jahren ein und hörte vor 20 Jahren fast ganz aus, da sie nach Amerika abgeleitet wurde. Die „Monastirer" in Jerusalem zählen etwa 800 Seelen, durchwegs Handwerker und Arbeiter und Werst ntWSe Elemente innerhalb Des alten wie. Des neuen Jischuw. Die heutigen Nachzügler sind leider nicht alle von dieser Art, so daß die meisten nach kurzem Aufenthalt im Lande ihm wieder den Rücken kehren. Die Wohnungsnot in Jerusalem nimmt zu. Dabei gibt es keinen Wohnungsmangel, aber die meisten Häuser sind für die armen Mieter unerschwinglich. Eine Mittelstandsfamilie hat für zwei Zimmer eine Monatsmiete von fünf Pfund zu zahlen, was den hiesigen Verdienstverhältnissen nicht im entferntesten entspricht. Kommt hinzu noch die Spekulation und das Vermittlungswesen. Ein Mieterschutzoerein hat sich zur Wahrung der Mittelstandsinteressen gebildet, hoffentlich gelingt es ihm, die schlimmsten Uebel abzustellen. In T e l - A w i w leidet die Bevölkerung unter einer regelrechten Baukrisis. Im Gegensätze zu Jerusalem, wo über Wohnungsnot geklagt wird, stehen dort 500 kleine Wohnräume und 150 Geschäftsläden leer, abgesehen von den unbewohnten Hotels und vielen Bauten, die nicht fertig gebaut werden. Diese Tatsache hat insofern ihr Gutes gezeigt, daß die übersteigerten Löhne der Bauarbeiter und die Mietssorderungen der Hausbesitzer stark heruntergegangen sind. Ein bißchen Einschränkung des europäischen Luxus in Tel-Awiw, so meint „Doar Hajom", kann nicht schaden. Der neue Jischuw muß zur alten jüdischen Lebenseinsachheit zurückkehren und es m gu ylWm Dllß NW Den EMtauWungen Die natürlich & H Bedingung für Die ®e{unburtg unb ben Äufbau gegeben sein werden. Nach einer Mitteilung des „Hadabar" ist die Wasier- und Lichtkonzession der Stadt von Herrn Mabrumatis auf ein englisches Banksyndikat übergegangen. Ist auch gegen diesen Wechsel an sich nichts einzuwenden, so sind doch damit einige Vertragsänderungen verbunden, die tief in das soziale Leben der Stadt einschneiden. Die Gebühren für Wasser und Licht werden sich jetzt verdoppeln oder verdreifachen. War bis jetzt vorgesehen, daß ein großer Teil der Aktien in Palästina abgesetzt werden, um so Palästina einen Einfluß auf die Gesellschaft zu sichern, so verschwindet mit den neuen Herren diese Bedingung. Es mutet schon fast wie Ironie an, daß erst jetzt, nachdem der Vertrag in London perfekt geworden ist, die Jerusalemer Stadtverwaltung, das Wasserwerk, die Post und andere Aemter um Anregungen und Vorschläge angegangen werden, die sie aber spätestens bis zum 20. Juni einzureichen hätten. Dem Proteste des „Hadabar" schließt sich auch der „Doar Hajom" an. Ein praktischer Wert ist aber diesen Protesten nicht beizumessen Die Ausnutzung der warmen Quellen zu T i b e r i a s lag zur Türkenzeit in der Hand einer syrischen Gesellschaft, und die Palästinaregierung hat auf Drängen der ersteren ihr die Konzession für 40 Jahre erneuert. Die Gesellschaft verpflichtet sich, die Quellen und die Badeanlagen auszubauen und alle Bedingungen für einen Badeplatz zu schaffen, wofür sie in dem vereinbarten Zeitraum etwa 100 000 Pfund auszuwerfen hätte. Sie erhält in den ersten Jahren die Quellen unentgeltlich, hat aber später einen Pachtbetrag von 3000 Pfund jährlich zu zahlen, der je nach den Einnahmen noch erhöht werden kann. Es fällt auf, daß die Stadtverwaltung in Tiberias bei dieser Vertragsabschließung ganz ausgeschaltet wurde. Personalien. Piestyan (Tfchechoslovakei), 25. Juni. Rabbi Mosche Mordechai Mannheimer ist im Alter von 73 Jahren in Piestyan gestorben. Er war einer unserer Besten, Führer und Wegmeifer, ber mittels feine Tharagelehrfäinkäll und seiner üebensklugheit eine ^ro^e Autorität besaß, aus ber nur <§egen für die Gemeinde ausströmte. Jahrelang bekleidete er, wiewohl er in seiner Bescheidenheit Ehren und Aemtern abgeneigt war, die Stelle des Kultusvorstandes. Ein halbes Jahrhundert wirkte er als Vorsitzendel der Chewro Kadischa, der er die größten Opfer brachte. Ein vielbeschäftigter Großkausmann, fand er noch Zeit für Thorastudium und alle 'Werke der Wohltat. Er galt als ^i°n snn Y>nbn, der es im geistigen Kampfe über halachische Probleme mit den Größten aufnahm. Gleichgroß an Güte und Gelehrsamkeit, wird er uns unersetzlich bleiben. Die Bestattung spiegelte die allgemeine Trauer schon in der starken Beteiligung aus allen Schichten der Bevölkerung, ja aus allen Konfessionen, wider. In der Synagoge gab Herr Oberrabbiner _■■_ 1. Full 1926 ÄZ eb er in einem ergreifenden Hesped der allgemeinen Trauer Ausdruck. Es sprächen dann noch die Dajanim aus Piestyan und Noboc, ebenso die Söhne des Verstorbenen, zuletzt noch die Herren Rabbiner Donath aus Nove-Mesti und Rabbi Israel Grün aus Piestyan. Lktiill, 21 mm. Am Freitag abenD m SchelUlläus fand die Amtseinführung des NSUgewählten Rabbiners ber Beth-Zion-Gemeinde, Herrn Dr. Ezechiel Landau statt. Derselbe ist ein Namensträger und Nachkomme des berühmten Oberrabbiners Ezechiel Landau Vst aus Prag und ein Schwiegersohn des bekannten Besojener ’"3 an von hier; er war ein Lieblingsschüler des unvergeßlichen Prof. Dr. Hoffmann. b-s,. — Die festlich geschmückte Synagoge war bis auf den letzten Platz gefüllt. Vertreter der Synagogen und Wohltätigkeitsvereine, Vertreter der Presse, sowie zahlreiche Freunde und Verehrer des Rabbiners beteiligten sich an der Feier. Der 1. Vorsitzende, Herr Kormis, begrüßte ihn als den nunmehrigen Rabbiner und Seelsorger der Gemeinde. Hierauf betrat Herr Dr. Landau '"3 die Kanzel und versprach, füx die Erhaltung des Friedens in der Gemeinde zu sorgen, sich besonders aber auch die Jugenderziehung im Geiste der Tradition angelegen sein zu lassen. Daran knüpfte er die Bitte an die Eltern, sich um die Fahne des uralten Judentums zu scharen und ihre Kinder, im Sinne und Geiste des thoratreuen Judentums zu erziehen. Das Elternhaus müsse in allem Guten voranleuchten, wenn das Gute gedeihen solle. — Wir freuen uns, in Herrn Dr. Landau ’"3 einen bedeutenden Talmudgelehrten, einen vorzüglichen Prediger, einen hervorragenden Pädagogen, einen wahren Menschenfreund gewonnen zu haben. n^r . Cassel, 24. Juni. Seinen 94. Geburtstag beging in bester Rüstigkeit der ehemalige Bäcker Isaak Oppenheim. Gilserberg. 24. Juni. Der älteste hiesige Einwohner, der frühere Viehhändler, jetzige Auszüger Moses S t a h i MMk m seltener MMlicher Rüstigkeit UND ssistizär- Msche feinen 88. Geburtstag. Der slfe Män» lieft noch täglich seine Zeitung, ohne sich einer Brille zu bedienen und ist noch zeitweise in der Landwirtschaft seines Sohnes Jakob Stahl recht tätig. Hamburg, 26. Juni. Paul Laskar ist kurz vor Vollendung des siebzigsten Lebensjahres gestorben. Die Fürsorge für die Aecmsten der Armen, für unsere Glaubens- und Stammesbrüder aus dem Osten, war Paul Laskar zur Lebensaufgabe geworden. Paul Laskar gehörte mit zu jenen 45 jungen Leuten, die in dem Jahre Oktober 1881 bis Oktober 1882 den mehr als zehntausend russisch-jüdischen Auswanderern, die über Hamburg Europa verließen, mit Rat und Tat zur Seite standen. In dieser Tätigkeit verdiente Paul Laskar sich seine Sporen als Mann der sozialen Arbeit, die ihn seitdem nicht mehr aus ihrer Herrschaft entließ. So ward er einer der ersten Mitarbeiter des unvergeßlichen Daniel Wormser, auf dessen warmherzige Anregungen hin ani 5. August 1884 der „Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose" begründet wurde. Was dieser Verein für Hamburg bedeutet, was er, insbesondere seit der Begründung des Daniel Wormser-Hauses, geleistet hat, das ist weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt. An der Spitze dieses Vereins hat Paul Laskar bis zuletzt gestanden, und in dieser Eigenschaft trat er in den geschäftsführenden Ausschuß des Hilfsvereins der deutschen Juden bald nach seiner Begründung ein, als dieser die Fürsorge für die Durchwanderer in sein Arbeitsgebiet einbezog. Mit gleicher Liebe und Hingabe, wie dem Hilfswerk an den durchwandernden Juden, widmete Paul Laskar sich den -Zielen des „Israelitischen Humanitären Frauen- Vereins", dessen einziges männliches Vorstands-Mitglied er war. Die Schöpfungen dieses Vereins, insbesondere sein Kindererholungsheim und seine Haushaltungsschule in Segeberg, sind zum größten Teile mit Laskars Werk. Er hat wesentlich an der Aufbringung der Mittel mitgewirkt, die zur Errichtung dieser Anstalten erforderlich waren — und ebenso hat er immer und immer wieder dafür gesorgt, daß sie ihre Tätigkeit — selbst in den schlimmsten Krisenzeiten — nicht zu unterbrechen brauchten. Hunderte bleicher, unterernährter, verlassener Kinder haben in Segeberg geweilt und dort Heilung und Kräftigung gefunden und die Grundlage für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung erhalten — so alle unbewußt von dem Segen dessen zehrend, was Laskar in selbstloser und selbstvergessener Weise geschaffen hatte und erhielt. Die Anerkennung für sein Wirken blieb Paul Laskar nicht versagt. Die Mitglieder der Gemeinde beriefen ihn schon vor zwei Jahrzehnten in das Repräsentanten- Kollegium, dem er ununterbrochen, bis zu den Wahlen des Jahres 1926, angehörte. Insbesondere ward sein Nat auf betn ©efeieie gefcfjäijt, bas feine Jlomäne roar^ auf bem filebieie ber ^ärjorge für Die gsch Ortsfremden. Wenn die Gemeinde heute eine wohlorganisierte Kommission für die Fremdenpflege besitzt, in deren verschiedensten Abteilungen. für alle vorkommenöen Fälle vorgesorgt ist, so darf für Paul Laskar ein Teil des Verdienstes hierfür in Anspruch genommen werden. So hat der Heimgegangene Werte geschaffen, die ihn überdauern, und darum darf man von ihm sagen, daß sein Andenken zum Segen ist. Familiennachrichten. Barmt zwo: Max, Sohn des Herrn Benno Dzialoszynski und Frau Betty geb. Iaffe, Leipzig.