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Der Israelit · 1926-06-17 · Heft 25 (17.6.1926) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 25 (17.6.1926)
Date
1926-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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17. Juck 1926 Der Israelit Nr. 25 Seite 8 Grundwesen Deutschlands gehöre. „Wir fühlen uns als die Erben und geistigen Nachkommen großer Geister, weil wir sie begreifen und in uns tragen." Der Militarismus und alle damit zusammenhängenden Sünden gehen auf den einen, schwersten Fehler unserer Nation zurück: auf den Willen zur Abhängigkeit, der in seiner schlimmsten Ausartung als „Subordination" erscheint, wie wir sie bei keinem anderen Volke sehen. Uns Juden liegt freilich unserem Wesen näch nichts ferner als der Wille zur Abhängigkeit. Aber vergleicht mstt Mn MichM mit Dem DeulMn Juden, wenn er auch in religiösen Weltanschauungen mit ihm übereinftimmt, so stellen wir leicht diesen Willen zur Abhängigkeit fest, der sich in der Gemeinde und in der Gesellschaft zum Schaden der alle verbindenden und gleichstellenden religiösen Idee kundgibt. Diesen Willen abzustreifen ruft Rathenau die Jugend auf. Um des Geistes und der Seele willen. Sein Ruf gilt auch uns, doppelt: „Macht wird Dem Volke geschenkt, das die Idee trägt, in dem Idee und Dasein verschmelzen. Ein Volk, das für sich selbst Geschäfte, Ausdehnung, Lebensgüter will, kann Erfolg haben. Dauernde Macht kann nur der schenkende Geist, die adlige Verantwortung, die Autorität der Idee erwerben, erhalten und ertragen." Wochenrundschau. Volksentscheid. Am nächsten Sonntag ist das deutsche Volk zum ersten Male, seitdem es die Grundlagen seines Staatswesens in Weimar neu gefügt hat, berufen, selber gesetzesschöpferisch tätig zu sein Wlfe über einen aiiM Mm Woßg km Aolksmassen geborenen Gesetzentwurf mit dem SttnrmzKttel in der Hand abzustimmen. Wir haben als ein spezifisch jüdischen Interessen gewidmetes Blatt keine Veranlassung, uns über die beste und gerechteste Methode der Fürstenabfindung zu äußern. In dieser Frage werden sich die Bekenner des orthodoxen Judentums je nach ihrer politischen Stellung und Auffassung genau ebenso differenzieren wie die Gesamtheit der christlichen Staatsbürger. Aber keineswegs glauben wir schweigen zu dürfen zu dem Prinzip der unmittelbaren V o l k s g e s e tz g e b u n g , wie es hier zum ersten Male in Deutschland in die Erscheinung tritt. In anderen Ländern ist das Referendum eine relativ alte Einführung. Man denke nur an die Schweiz, die ihr Schechita- Verbot ganz und gar dieser Errungenschaft verdankt. Soll man vom Standpunkt der jüdisch-religiösen Weltanschauung, die wir vertreten, oder im Interesse der Lebensexistenz der jüdischen Gemeinschaften in der.Diaspora dem ©runbja^e ber immtüelbarett Wolksgefetzgebung Erfolg unD Ausbreitung wünschen? Die Frage stellen heißt, unseres Erachtens, sie v e r n e i n e n. Die jüdische Ueberlieferung kennt den im Zivilrecht außerordentlich weitreichenden Grundsatz: *ij?sn p rra ipsn, d. h., sie erkennt der legal ernannten Gerichtsbarkeit das Recht unbeschränkter Enteignung zu. Aber wohlgemerkt, lediglich dem Kollegium eines Gerichtes, das aus erprobten, in vollendeter Objektivität über den Dingen stehenden Sachkundigen sich zusammen? setzt, und dem daher die schwere Aufgabe gestellt werden kann, den schmalen Pfad des Sittlichen mitten in dem Widerstreit der Privat- und Gemeininteressen, des Eigentumsrechtes und des sozialen Ausgleichs in jedem konkreten Einzelfall zu erspähen und zu beschreiten. Einer Volksmasse von Millionen mehr oder minder urteilsfähiger Männer und Frauen aber die ungeheure Bürde solch schwerer sittlichen Verantwortlichkeit aufzuerlegen, ist Wahnsinn, ist nach unserer tiefsten Ueberzeugung eine Sünde an Recht und Sittlichkeit. Das Volk in seinem schweren Ringen ums nackte Dasein, in der Leidenschaft seines Lebenskampfes kann unmöglich die kühle Objektivität aufbringen, ohne die es keine Gerechtigkeit gibt, ohne die an die Stelle des Rechtes die von Sophismen verschleierte Selbstsucht, das Interesse, tritt. Wir Juden als eine kleine, unter die Völker Mv CM rMsmöngtö MilMMit ftnD aber mehr als irgend eine andere Menschengruppe nicht nur mit der Idealität unserer am Gotteswort genährten Gesinnung, sondern mit unserer Existenz an der Herrschaft des unegoistischen Rechtes auf Erden interessiert Wenn die Masse spürt, daß sie aus leidenschaftlichen Stimmungen heraus jebert lag neues „R e ch t" hervorbringen kann, werden die Juden, so fürchten wir, zu allererst die Leidtragenden sein. Die Volksgesetzgebung zerstört in der Volksseele die Vorstellung v'on der Unantastbarkeit, von der Objektivität des Rechtes und macht dieses zum Spielball des persönlichen Interesses und der politischen Leidenschaft. So glauben wir denn, daß der wahrscheinliche Mißerfolg der Volksabstimmung am Sonntag für das deutsche Volk kein Schaden sein, vielmehr hoffentlich von weiteren gefährlichen Experimenten mit der Höllenmaschine der Volksabstimmung einigermaßen abschrecken wird. Dann eröffnet sich immer noch die Möglichkeit, auf dem normalen Wege der parlamentarischen Beratung eine Kompromißlösung zu finden, die dem berechtigten Vermögensinteresse e'm& mpziMM Mlflfi, Der ME DM NMm empfinden und der Menschlichkeit Rechnung trägt. Lessing und seine Ringe. . Der alte Gotthold Ephraim Lessing war es, der in dämmernder Zeit mit der Fabel von den „drei Ringen" das Hohelied der Toleranz anstimmte; ein späterer Namensvetter, Theodor Lessing, muß es anderthalb Jahrhunderte später erfahren, daß dieser Zeitraum nicht ausreichte, den Weltenchor für dieses Lied harmonisch zu stimmen. Für ihn gibt es nur einen Ring — zu dem sich nationale Studentenschaft und alle dunklen Elemente im Bürgertume zusammengeschlossen haben —, den „Ring der Intoleranz", statt der „drei Ringe der Toleranz" von damals. Wir hätten eigentlich keinerlei Veranlassung, für Theodor Lessing, mit dem wir noch ältere Abrechnungen haben, eine Lanze zu brechen. Es entbehrt nicht der Tragikomik, daß just dieser Mann, der vor Jahren eine recht lieblose Feder gegen seine Stammesgenossen und die jüdische Lehre führte, nun als Zielscheibe für die Giftpfeile gegen Juden und Judentum herhalten, gewissermaßen als Symbol alle dem Judentum zugedachten Anfeindungen und Angriffe über sich ergehen lassen muß. Aber gerade diese symbolische Seite, die die Sache über die Person Lessings weit hinaushebt, rechtfertigt ein kurzes Wort der Betrachtung. Es kann einem aufrichtig leid tun, IliÖJt UM ^LksstNg, -ss an einem Uebermatz von lart unD Feingefühl leibet) aber um die deutsche akademische Jugend, noch mehr um das neue Deutschland, das so ungemein viel auch auf geisteskulturellem Gebiete aufzubauen hat, wenn man sehen muß, wie die Kulturträger von morgen sich aus Giftquellen nähren, die alles eher als eine wirtschaftliche und geistige Genesung der Nation erhoffen lassen. Lessing soll durch Zeitungsartikel gegen die akademische Würde gefehlt haben. Gibt es denn keine Rechtswege in Deutschland, um einen fehlenden akademischen Lehrer in die Schranken zu natürlich nicht bestreiten, daß der glatte Wortsinn das als Vokativ erscheinen läßt. Dagegen für die Anlehnungen der Gemoro bezieht er allerdings i-xx auf (Und nach dem oben Gesagten darf er das getrost — obschon n^>H3 im selben Vers und den darauffolgenden als weiblich behandelt wird — zumal an der anderen Mischleistelle, wo es vorkommt, — 30,25 — als männlich angesehen wird.) Und der ,7103 besagt dann: Siehe, sogar die Faule unter den Ameisen sorgt im Sommer für ihren Winterbedarf. Warum aber mag sie das tun? Aus Furcht vor der Sünde, damit sie nicht dazu komme, sich an fremdem Eigentum zu vergreifen. Wenn der Vers nur allgemein von den Ameisen sagte, sie sorgten beizeiten für den Winter, so ginge daraus wohl ihr Fleiß, aber nicht ihre Rechtlichkeit hervor. Nun aber, da der Vers erzählt, sogar die faule Ameise sorge voraus, so muß darin der Beweis ihrer Rechtlichkeit liegend Und so steht denn ein doppeltes im pio--: einmal die Vorsorge an sich als etwas Positives und bie <3d^eu pot bem Vrals Dlegaitöes. Und beibe QtfjlDierigfSiten sinh mit einem (sc^fage behoben: rtimn» daß wir Rechtlichkeit von den Ameisen lernen könnten, ist aus dem pios bewiesen, bzw. an ihn angelehnt, und für den Plural rrrm ist die Begründung auch gefunden. — Indem ferner Vxs als einschränkendes Attribut -- die Faule unter den Ameisen) aufgefaßt und nicht etwa der ganzen Gattung als epitbeton ornans angehängt wird, löst sich auch die scheinbare Schwierigkeit, daß einer Ameise just bei Schilderung ihrer Vorsorge Faulheit nachgesagt werde, in Wohlgefallen auf. Bleibt noch die W a h r h e i t s l i e b e der Ameisen. Sie nun findet in der Pluralität des n»s*n ohne weiteres mit eingeschlossen. Und das mit Recht, wie mir scheinen will, jruhnn geht nwtpV. Denn faßt man i>xx nicht als Vokativ auf, so bildet dieser zweite' Abschnitt des Mischleikapitels mit den ersten 5 Versen ein Ganzes. Da warnt i?txi rn&v davor, für einen anderen zu bürgen. Sei vorsichtig, mein Sohn, mit deinem Wort, mit deiner Zusage: schon die Wahrhaftigkeit gegen dich selbst, der du kaum für dich einstehen kannst, muß dich davor bewahren, für deinen Nächsten zu bürgen. Tust du es doch, fo „bist du verstrickt in die Worte deines Mundes, gefangen in den Worten deines Mundes" und verfällst der Sünde. Gehe hin zur Ameise und lerne von „ihren Wegen" wie man der Sünde v o r b e u g t. Denn sogar die Faule unter ihnen usw. — So ergibt der weitere Zusammenhang, daß n-o-n nicht bloß die Scheu vor dem Diebstahl sondern auch Vorsicht mit dem Wort, also Wahrheitsliebe umfaßt. Eine «jüdische" Enzyklopädie? Der Eschkol-Derlag, Berlin-Jerusalem will dem heißen Bedürfnis in jüdischen Kreisen nach einer WrsMn. Sas WM6 Wlfföll llllD Das MDlM Leben urnfasstttdstt Enzyklopädie Nachkommen, und die Idee setzt sich bereits in Tat um. Ein Probeexemplar von 90 Quartseiten, in dem säst alle Themen unter „Öles" bis zu «Ascher den Jechiel" ausgeschöpst sind, ist in hebräischer — und deutscher — Sprache erschienen. Nach diesen Proben - wir haben hier nur die hebräische Ausgabe im Auge - aus das Riesenwerk des Ganzen zu urteilen, ist nicht schwer. Da die Enzyklopädie anders und besser sein will als die bisherige, geistiger als die Singersche in englischer Sprache und wissenschaftlicher als die hebräische von Eisenstein, so ist ihr die gewiß nicht leichte Aufgabe gestellt, wissenschaftlichen und jüdischen Geist in einer Synthese zu verbinden, die dem Forscher nützt und den Juden nicht verletzt. Einige Mitarbeiter bieten für ihr Spezialgebiet — wie Dr. I. Freimann, Posen — volle Gewähr. Die obere Leitung liegt aber in den Händen von Dr. Klatzkin und Dr. Gold mann. Aus der Mitarbeiterliste finden wir auch den Namen Torczyner. mit dessen eigener Art von ebenso unwissenschaftlicher wie unjüdischer „jüdische Wissenschaft" sich vor kurzem Rabbiner Dr. Kaatz. Hindenburg im Israelit erschöpfend besaßt hat. Bibelkritik gehört natürlich ebenfalls zu den Arbeitsgebieten der Enzyklopädie und liegt ausgerechnet in den Händen des Herrn Ministers a. D. und Bibelkritikers radikalster Sorte i. D. Dr. Solloweitschik. Dr. Klatzkin selbst bearbeitet die Philosophie und Goldmann ist zuständig für die Gegenwartsfragen im jüdischen Leben. Im ersten Probebande ist der Tummelplatz für die Herren Bibelkritiker, Philosophen und Gegenwartsvolitiker noch eng begrenzt. Immerhin kündigt sich auch hier schon der Geist leise an. Wenn llMr AlkMör!« öik TlltMNNll dos Hellenismus nur nach der Sette ihres Kutturrllrn Tsgrns grfchildert wird und (Seite 69) sogar die alte These: „Plato war nichts anderes als ein Moses, der eine ethische Sprache führte", ohne Kommentar und ohne Glosse wiedergegeben wird, wenn unter Elischa (Seite 66) von diesem Propheten gesagt wird, er war wie sein Meister Eliahu Träger der vielen „Prophetenlegenden" — damit können nur die biblischen Berichte gemeint sein, da „Elischa in Talmud und Midrasch" eine eigene Rubrik gewidmet ist, — so wundert man sich auch weiter nicht, wenn auf politischem Gebiet ebenfalls die Dinge durch eine ganz bestimmte, den Augen der Herausgeber angepatzte Brille gesehen werden. Der einzige politische Aufsatz in diesem Probeband, der (Seite 16) die

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