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Der Israelit · 1926-06-17 · Heft 25 (17.6.1926) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 25 (17.6.1926)
Date
1926-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 23 s r a e solche Weltanschauung als unmöglich und unmodern hinzustellen. Sehr fein charakterisiert Rathenau die Skeptiker und selbstgefälligen Pessimisten, die den Urzweifel auf den Thron erheben, um Wirklichkeit und Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit in Frage zu stellen. Aber er weist auch sehr wirkungsvoll darauf hin, daß dieser Urzweifel nur seine Berechtigung hat für Theoretiker, die die Hände im Schoße liegen und andere für sich handeln lassen. Menschen, die handeln, Menschen, die den Anspruch erheben, mit ihrer Tat und durch ihre Tat 0M gelten, uni? yynst gfiwmmsn gtt lvkkökll, Wükü Dereite Die Wahl getroffen, die Wirklichkeit und Wahrheit, Ideale und Sittlichkeit und Freiheit voraussetzt. Mit dem Willen zur Tat, welche es auch sei, betritt der Mensch gleich dem Landmann den Boden des Glaubens, „aus dem von jeher jede Quelle höheren menschlichen Willens entsprungen ist." Wenn der Idealist Rathenau hier zu weit geht, so bleibt der Gläubige auf halbem Wege stehen. Die Erfahrung lehrt, daß nicht jede Tat eine Widerlegung des Zweifels ist, so wenig wie jeder Glaube zur sittlichen Tat führt. Es kommt auf den Grund des Glaubens und auf den Inhalt der Tat an. Nur der Glaube an einen persönlichen Gott und die Unterstellung der Tat unter Gott als Schöpfer und Herrn des Alls gibt uns die Gewähr, daß es eine Wirklichkeit und eine Sittlichkeit gibt. Aber das ist nicht der einzige Zweifel der Ungläubigen. Sie bezweifeln die Möglichkeit der Veredlung menschlicher Triebkräfte, einer Versittlichung der Gesellschaft. Sie sind blind gegenüber der Geschichte, die beweist, daß von Urzeiten und Urstämmen her das Wesen der Menschen sich geändert hat und Geschlechter und Völker von ihren Führern und Geistesfürsten den Weg des Fortschrittes geführt wurden. Sie gefallen sich darin, weiter zu fragen: Zugegeben, daß die Erziehungsarbeit unserer Propheten und Lehrer Erfolg gehabt und mehr als ein Jagen nach dem Winde gewesen wäre, was haben wir davon? Sind wir dadurch glücklicher geworden als unsere wilden Ahnen, gibt es überhaupt ein Glück, d«s bem Bm mfcHjt? teilen antwortet Nathenaui vvV rr^rr p« d. h.: das Glück liegt nicht im physischen Wohl, sondern im Gefühl der Vervollkommnung, kein Wohlsein ohne Vervollkommnung, die Glückstufe ist mehr als die Glücks menge. Noch manche Zweifel, die im Sturm und Drang der Jugend eine Rolle spielen, zeigt er so in ihrer Nichtigkeit. Nicht alle sind gleich schwer. Die ernstesten Sorgen macht ihm der „Chaotische". Das Entsetzen des Weltkrieges hat in manchen Herzen Verzweiflung und Resig- Uleines Feuilleton. Zwei Anlworken. Von Dr. Moses Breuer. Studienrat an der Sachsenhäuser Oberrealschule in Frankfurt a. M. In der vorletzten Nummer des „Israelit" läßt Herr Rabbiner Dr. Kanter -Zwittau unter dem Titel „Zwei Fragen" einen Aufruf zu baldiger Klärung zweier Stellen im rr"vnnv ergehen, deren Verständnis ihm fast unüberbietbar schwierig erscheint. Wenn ich nun in diesen Zeilen die beiden Fragen zu beantworten unternehme und mich dabei nicht ganz der gleichen Kürze befleißigen kann wie der Verfasser in seiner Fragestellung, so darf ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß mir die zwei rr"vnn» -Stellen nicht schwieriger erscheinen wollen als so viele andere; man muß nur bei der prägnanten Kürze zwischen den Zeilen g« lksm wiffkll ullv Darf insDefonDcre Ml Darauf nor* gichlen, gelegentlichen yinumsen aus andere Stellen getreulich nachzugehen. Tut man beides gewissenhaft, dann begreift man schließlich, daß K"Ennn diese Ausführungen mit seinem byi (]'an^> charakterisiert, sie seien „leicht zu verstehen", was einen sonst ja beinahe wie ein Hohn anmuten muß. 1. In der e r st e n F r a g e zu Kiduschin 30b nsioa npn Vs nsioa kVk findet Rabbiner Kanter die grammatische Bemerkung des rr"^nnr> schwer verständlich und fragt, was seine Korrektur des nsioa in isioa veranlaßt habe. Und doch ist beides vollkommen klar. Dierr sagt daselbst, Gegner aus Thoradiskussionen scheiden als Freunde, wie es heißt nsioa ns-ioa npn Vs nsioa am ns Das von der Gemoro zitierte Versbruchstück enthält bloß Der Nation, Schlaffheit und Gleichgültigkeit zurückgelassen. Rathenau predigt demgegenüber das Gleichgewicht der Wiedergeburt aus den Wirrnissen unauflöslicher Widersprüche, die Kunst zu sterben und zu werden. In der Erringung dieses Gleichgewichts sieht er den Beweis, daß wir hart an der Grenze des göttlichen und animalischen Reiches stehen, ja, er sieht in dem Streben danach so recht ein Merkmal abendländischen und deutschen Erlebens. Uns ist nicht gegeben, gleich dem Orientalen, auf Tätigkeit zu verzichten. Wie wenig auf solche Charakterisierung zu geben ist, ersieh rn«n nrn hgsgM, tzllß VMkk MW fest vom Gegenteil überzeugt ist, daß nämlich Aktivismus und motorisches Element zum Wesen des Orientalen gehört. Wie dem auch sei, darin hat Rathenau recht und darin liegt ja die Zaubermacht unseres Gebetes, in der Erringung des inneren Gleichgewichtes fühlen wir uns so recht in unserer Stellung zwischen dem animalischen und dem göttlichen Reich. In ihr gipfelte die Poroh-adumo-Jnstitution,' die an der Schwelle des Grabes zu neuem Leben rief, ihr dient allmonatlich die Heiligung des Neumondes, die zur stetigen Verjüngung ermuntert. Die Frage ist, wie wir am besten dieses Gleichgewicht erringen. Oswald Spengler hat in seinen „politischen Pflichten der deutschen Jugend" den politischen Machtmenschen nach römischem Muster als Ziel der Erziehungsarbeit hingestellt. In der Ablehnung dieses Ideals sind wir einig mit Rathenau. Gleich ihm sehen wir die Wende des Zeitalters und die Wiedergeburt der Menschheit abhängig vock einem Glauben, der uns wieder unseren „wortlos freudigen und fraglos waltenden Mut der Seele schafft, wie ihn Jesajas im Bilde der Cherubim sah. noo’ OTwm r>ns nor kjsiV' D’nwnv Rathenaus Religion kann gewiß nicht die unsrige sein. .Was er aber über den Glauben in weiterem Sinne sagt, scheint aus den Tiefen einer jüdischen Seele herauszuquillen. Glauben ist ihm „das Hineinragen des Unergründlichen in unsere Welt, das Walten der Schöpferkraft, die sich zum WMWikl oer MllcnsreglUMli bricht. Kam Meinen, kein uüsssnschMich^ Ergebnis, keine Lehre, keine Religion, sondern ein Verhalten, ein Leben." Und die Art, wie er gegenüber der Zeit, der heutigen Jugend, und den religiösen Organisationen den Glauben an den Glauben verficht, liest sich wie eine leidenschaftliche Mussarpredigt. Mögen hier und dort befremdende Bräuche Vorkommen, es ist alles vollkommen, was aus reinem Herzen geschieht. > Ein Glaube, der nicht Irdisches von Gott, sondern Göttliches vom Irden Beweis, daß „schließlich Liebe herrscht". Die nicht unwichtige Angabe jedoch, bei wem -„Liebe herrsche", geht aus dem nicht angeführten ersten Teil des Verses hervor. Die Gemoro verläßt sich dabei, wie so oft, auf die Gründlichkeit des Lesers und bringt nur den erwähnenswerteren Teil 'ipn ax— '"En ergänzt die Gemoro und zeigt, daß zu ihrem Beweis notwendig der Anfang des pios gehöre: "t nsoa- Der hohe ethische Gedanke von der endlichen Freundschaft der in der Thoraforschung einander bekämpfenden Gegner wird an den Wortlaut dieses Verses — unbeschadet seines einfachen Wort s i n n s — angelehnt: „Durch das Buch (der Thora) gibt es Gotteskämpfe, an ihrem Ende herrscht Liebe." Ausdrücklich weist nun arenno auf diese '"vn-Stelle hin; ohne deren Hilfe die rrnvr durchaus nicht klar und verständlich ist, und setzt dann mit seinen Ausführungen ein. In seiner grammatischen Bemerkung bestätigt er mit großer Gewissenhaftigkeit, daß '"sn mit Recht das nsioa mit seinem weiblichen Suffix auf nvn^v bezieht, da nnri>n, wie msoin im Anfang des pis (auf Seite 2b) beweise, ein weibliches Hauptwort ist. Nun stsht aber plOD gar nicht astf» sgndsm öär Mural r aal, ÖOPUHi mattst Üwä>nn», bet ber nj?a 7-rr -Anlehnung müsse es streng genommen nicht Singular nsioa sondern Plural isioa heißen. ’"En selbst scheint mir übrigens diese Schwierigkeit auch empfunden zu haben. Denn in seiner Erklärung geht er von dem im Vers stehenden Plural rnvni-», an sich ohne Not, jedoch offenbar mit Rücksicht auf das singularische nsioa zum Singular nnn^n über: E?m 'an nsioa et nans nso ’T byw nnn^n ninnVn nso nV, nimmt also im Grunde dieselbe „Korrektur" wie R"Enn» vor, nur am anderen Ende; der Zweck ist bei beiden der Ausgleich des Numerus zwischen nnnb» und nsioa. Nicht umsonst weist rr"vnn» auf die erwähnten msoin hin. Seine vielleicht einen Augenblick befremdende dischen will, umschließt die Menschheit zu einer einzigen Gemeinde, so daß ein jeder einen jeden begreift. Jedes seelische Erlebnis herrscht auf höherer Ebene als das geistige und sinnliche, das vollkommenste Erlebnis unserer Seele ist aber der Glaube. Und wieder: „Glauben ist kein Wissen, kein Können, sondern ein Verhalten, ein Leben der Bezogenheit auf den Untergrund, ob wir ihn Gott, Gesetz, Macht oder Liebe nennen." Das sind für uns vielfach Selbstverständlichkeiten, aber im Munde eines solchen Mannes müssen sie auf denjenigen Teil ber Siigenb, ber lläv klonen „Aauben" eine unüberwindliche Scheu hat, Eindruck machen. Fast kabbalistisch mutet sein Glaube an: Ueberall sieht er Ausstrahlungen des Geistes, der in niederen, höheren und höchsten Erscheinungsformen die Welt erfüllt. Scharf unterscheidet er zwischen Mensch und Tier. Vom Unorganischen bis zum Tier findet er nur den Willen zur Selbsterhaltung und Arterhaltung. Die Spitze der Pyramide aber ragt ins Reich der Seele, eine Erscheinungsform des Geistes, die wir nur ahnen können. Zwischen beide ist der Mensch gestellt. Mit seinen Gefühlsreihen, die nicht nur der Erhaltung dienen, ja, vielfach ihr entgegenwirken, mit seinen Ideen und Idealen, mit seiner Liebe zur Welt und zum Ueberweltlichen dient er nicht sich, sondern Höherem. Die Sendung des Menschengeschlechts besteht darin, aus niederem Geist göttlichen Geist zu verklären, alle Glaubenslehre und Sittenlehre gipfelt in dem Streben nach gutem Willen, Vertrauen und Liebe. Sie bringen uns dem Reich der Seele oder des Himmels oder Gottes näher. Was uns ihm entfernt, ist schlecht. Nach solchen Werten gemessen, muß die Politik der Staaten und auch Deutschlands ihm schlecht erscheinen. Denn wie wir macht er keinen Unterschied zwischen Gesetzen, nach denen der Einzelne, und der Politik, nach der der ganze Staat sein Handeln einrichten muß. Darum kann die Kriegsrüstung nicht gut fein, darum ist das Schlagwort von den regenerierenden Kräften des Kriegs eine Lüge, dp fffpn kt «WÜj nur mit Dillerr reit des thealralisH-barbarisHen TugsndpompL gedenken, der sich in merkwürdiger Uebereinstimmung mit der Kunst Richard Wagners in unserer Politik, Wissenschaft und Kunst entfaltete. An dem Krieg haben freilich alle Völker schuld, weil sie nur den einen Gedanken hatten: Wachsen und sich bereichern, aufsteigen und überflügeln, mächtig werden und erraffen. Aber ihm tut weh, daß wir auch mitgemacht haben, daß wir nicht andere Ideen gaben, nachdem wir sie hatten, daß unser Gesetz seine Kraft verlor. Er will nicht daran glauben, daß der Militarismus zum grammatische Aengstlichkeit geht einfach auf diese msoin und damit auf die snm daselbst zurück, wo ausführlich bewiesen wird, daß z. B. nmn ein weibliches Hauptwort ist, ebenso nan^n* und wo klar heroorgeht, daß selbst bei Anlehnungen an den Wort laut einer Bibelstelle, wenn irgend möglich, die grammatische Richtigkeit gewahrt, bzw. eine Ünstimmigkeit erklärt werden soll. Freilich wird da auch die Tatsache erwähnt, daß in zahlreichen Fällen ein und dasselbe Hauptwort als männlich und als weiblich behandelt wird. Vielleicht das krasseste Beispiel dafür ist 1. B. M. 32,9 Inam Nnrrn mnan, und das führt uns zur Beantwortung 2. der zweiten Frage. Chulin 57b knüpft die Gemoro an die '^»-Stelle 6,6f eine Erzählung von der Wahrheitsliebe der Ameisen, die eine Lüge mit dem Tode bestrafen. Der dem Fragesteller unverständliche K"Enn» fügt hier hinzu, an .anderer Stelle — Erubin 100b — werde aus denselben o'pios abgeleitet, ^>n, ohne die nmn hätte man das Verbot des i’tt' also Rechtlichkeit, von den Ameisen lernen nn& mmm alsDalD feine Erläuterung mit «na? ¥71 „Das M zu erklären". Diesen jmms» wirb nur verstehen, wer sich klar macht, was dem «"vnn» hier erklärungsbedürftig erschienen ist. Nun, dem »renna war schwer: 1) Wie können die beiden Gemorostellen den Beweis der Rechtlichkeit und der Wahrheitsliebe der Ameisen an eine Bibelstelle anlehnen, deren einfacher Wortsinn keinerlei Anhaltspunkte dafür ergibt, vielmehr nur den Fleiß der Ameisen schildert und ihn dem Faulen zur Nachahmung empfiehlt? 2) Warum sagt der Vers mann nrrn im Plural, obgleich nur e i n inn angeführt wird n»n^> f'pa pan? (Der Relativsatz 'Mi r\b prr nvrr kann nicht als ein weiterer *pn angesehen werden, da er nur zur Unterstreichung und Hervorhebung des 'im pan dient.) Bei Lösung dieser Schwierigkeiten will «"»nnn nun ^7

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