Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1926)
- Date
- 1926-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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67. Jahrgang. Frankfurt a. M., den Nr. 25 Der Israeli | Ein Centralorp tür das orthodoxe Judentum /[I jjf Dkgiünvei von Dr. LkMllim m Matnz. l\! Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Goldmart monatlich; Ausland: Vierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreich und Belgien 23 Fr.; Hollands fl.; Italien 20 Lire; Jugoslawien 85 Din.; Litauen 7.60 Lit.; Rumänien 200 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25Kronen; Ungarn 80000 Kronen; Dänemark 8 Kronen; Norwegen 5 Kronen; Schweden 3.50 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Goldpf. für die siebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 30 Pf. 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Buch, in dem der glänzende Stilist bewußt Anlehnung an die Sprache der Bibel und besonders der Propheten sucht, kann nicht ohne Bewegung von uns gelesen werden. Mitten im Getriebe der Welt beschäftigen ihn Gedanken von stillem Glück und starkem Leid, wir vergessen, daß auf seinem Nachttischchen stets ein Exemplar des Neuen Testaments lag, wenn wir dieses Buch lesen, das eine Fülle jüdischer Gedanken, Gefühle und Hoffnungen enthält. Und diese sollen uns in Folgendem beschäftigen. Mit der nichtjüdischen Gesellschaft hatten wir .zu Beginn des 20. Jahrhunderts mancherlei gemeinsam. Rathenau weist auf den Mangel an positiven Kräften hin, der die Gesellschaft zufrieden ließ mit dem, was die französische Revolution an Fesseln hinweggeräumt hatte, auf den Mangel an Geistigkeit, Gefühl und Gerechtigkeit, der den Mechanismus jener Tage charakterisierte. Das gilt Züg um Zug von dem Judentum, oder vielmehr von der westlichen Judenheit jener Tage; „ein kranker Organismus", slehenb »auf öem TchMMtz? b*r Revolution", in Deren Gefolge Die Emanzipation einherschritt. Sie sollte uns glücklich und frei machen; sie hat tatsächlich so manche Schlingen und Fesseln hinweggeräumt, Zwingburgen in die Luft gesprengt, aber wie schwach war der Klall-Jisroel-Gedanke! In der Befriedigung über das Einzelschicksal drohte der Gesamtheitgeist, im Mechanismus die Schwingung des Herzens verloren zu gehen. Darum haben wir unsere eigenen Gedanken, wenn wir Rathenaus Mahnung lesen, zu schaffen und zu bauen und zu säen, in langsamer heiliger Arbeit, mit tiefem, geheiligtem Herzen und neuem Geist. Da spricht ein Vertrauen, das in seiner Ruhe und Sicherheit nur im altjüdischen Bitochaun sein Gegenstück hat, das von den großen Organisationen weg zu den eigentlichen Bauhütten des Judentums, zu den Familienzelten und Lehrhäusern hinführt, wo Meister und Gesellen vom Geist der Gemeinschaft beseelt sind. Indem wir bei der Mahnung zum Gemeinschaftsgeist zugleich deutsche und jüdische Aufgaben sehen, sind , wir Rathenau schon um einen Schritt vorausgeeilt. Er muß sich erst besinnen. Kann er überhaupt an deutsche Aufgaben heranbewijjc^e emjj|mben9 Gerne tiefe Tragik liegt in seinem Selbstporträti »Ich Hin ein Deutscher jüdischen Stammes. Mein Volk ist das deutsche Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche Glaube, der über den Bekenntnissen steht." An diesen Glauben, der seinen Ursprung im jüdischen Geist hat, hängt er sich, und will nicht sehen, daß der Idealismus der deutschen Dichter und Denker gegen seinen Glauben mobil gemacht wird. Er ist stolz auf die Verbindung, die Deutschtum und Judentum in ihm eingegang'en sind, und schreibt dem einen und dem anderen einen Teil seines Wesens zu. „Ihm hat die Natur, in lächelndem Eigensinn und herrischer Güte die beiden Quellen seines alten Blutes zu schäumendem Widerstreit gemischt: den Drang zum Wirklichen, den Hang zum Geistigen." Wir sind uns darüber klar, daß diese Unterscheidung wie die meisten Versuche Moderner, das Wesen des jüdischen Volkes gegenüber anderen Völkern auf eine Formel zu bringen, falsch ist. So wenig wie wir den Deutschen den Drang zum Realen und Materiellen absprechen können, so wenig ist die Neigung zum Abstrakten etwas spezifisch Deutsches. Darum kann in Rathenau der Jude mit weit größerem Recht wie der Deutsche sprechen: „Uns ist der Blick nach innen und nach Sieben gitr gtt bert Dingen unD zur Wahrheit. Damit mir Das Nähr und das Ferne erfassen und begreifen, damit wir die Dinge in ihrer Beziehung zum Kosmos erfühlen, damit wir höchste Gerechtigkeit üben, uns selbst härter prüfen als alle andern, und das Schwerste von uns verlangen. Und deshalb ist uns harter Boden, harter Himmel und hartes Leben gesetzt, damit wir nie erlahmen, in schwerstem Dienst den göttlichen Geist zu verherrlichen." Das ist unsere mit Blut und Tränen erkaufte Auserwähltheit. Das ist der Weg der Thora, das die harte und schwere metaphysische Pflicht, die einem jeden auferlegt ist, der vom Sinai vereidigt ist und bleibt. Deshalb ist es eine bedauerliche Verleugnung seiner selbst und seiner Schriften, wenn Rathenau sagt: „Es hat ein Volk gegeben, das sich selbst das auerwählte genannt hat. Es war kein schlechtes Volk, es hat der Welt die Offenbarung, viele Propheten und ein herrliches Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes auf Auserwähltheit aber ist es in die vier Winde zerstreut worden, seine Kinder haben zweitausend Jahre in Blut und Tränen gebüßt, ihrer Buße und Tränen ist noch heute kein Ende." In Wirklichkeit liegt die Sache freilich etwas anders. Nicht wir hoben uno DsZ sussrWMts Aolk genannt so wenig wie wir die Bibel hervorgebracht haben, und so wenig wie wir zur Strafe für unser Auserwähltheitsbewußtsein büßen müssen. Unser Unglück und und unsere Schuld besteht gerade darin, daß wir auf unsere Erwählung von Gott zu wenig stolz waren gleich den Hunderten und Tausenden von Juden, die von der Offenbarung, den Propheten und dem herrlichen Buch, das uns Gott gegeben, nichts wissen und wissen wollen. Und darum war der Krieg für uns vielleicht viel mehr als für die Deutschen „ein Blutgericht, um zum letzen Male die Seele und das Gewissen, die Würde und die Gerechtigkeit aufzurufen, zu wecken und zu retten." Waren wir doch im Begriff gewesen, „im Stolz auf unser banales Wissen zu Grunde zu gehen", und das Seelische ganz zu verlieren. Der Krieg hat vielen von uns Juden die Augen geöffnet und uns durch seine Leiden veranlaßt, l'phaschpesch b'maassim, unser Tun zu prüfen. Und so spricht der Jude in Rathenau: „Die Geisteskrankheit, der sittliche Wahnsinn Europas war heilbar nur durch die Macht des Gewissens, die Gewalt der Umkehr und Einkehr." Diese Umkehr und Einkehr drängt die Frage „Können mir noch einmal bert Geist zur Einheit der Ukbergkugung, gur Wr anschauung aufrufen?" Rathenau spricht freilich vom deutschen Geist. Aber sind es nicht jüdische Sorgen, die bei dieser Frage lebendig werden, sind seine Zweifel nicht auch jüdische Zweifel, die uns glaubenstreue Juden doppelt und dreifach ernst ergreifen? Hören wir nicht oft genug aus jüdischen und nichtjüdischen Lagern: Eine einheitliche Weltanschauung des Judentums hat es nicht gegeben, und wenn ja, dann existiert sie heute nicht mehr. Und philosophische Skepsis und frivoler Menschenwitz verbinden sich, um eine