Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1926)
- Date
- 1926-06-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24 Sette 5 10. Juni 1926 (Dr .Levr, Mannheim) «im Wesentlichen der abgelaufenen Arbektsperiode des Vereins gewidmet, so wies ein kurzes Referat von Darmstädter, Ladenburg über „Vereinstätigkeit" auf das hin, was künftighin zu tun notwendig ist. Ausgehend von dem Gründungsprogramm, das einst S. R. Hirsch vor 40 Jahren bei der Entstehung der „Freien Vereinigung" aufstellte, entwarf Darmstädter in kurzen Zügen die Amrisse künftiger Dereinsarbeit. Es bleibt zu bedauern, daß die wenigen Stunden, die für alle diese Tagungen zur Verfügung stehen, es nicht gestatten, alle Punkte, ja nur die wichtigsten durchzuberaten. Es geht wie immer: Dem Vorstand wird unzähliges Material überwiesen, Anregungen werden ihm gegeben, die Aktenmappe verschlingt Wünsche, Anträge, Resolutionen und dergl. und ach, so mancher, der sich gern zu langen Ausführungen zum Wort gemeldet hätte, bekommt seine 3 Minuten Redezeit vorgeschrieben oder mutz ganz verzichten. Er wird sich zufrieden geben, wenn er weiß, datz nach der G. V. ttte?<rg1nntj «"d b«jj bie felbfioerftändlichsten Anregungen Beraten werden. Es hätte manchem Teilnehmer scheinen können, als trete jede andere Erörterung zurück hinter der Rabbinatsdebatte, d. h. hinter der Frage, welche Stellung der Verein einnimmt zu der Aufhebung des orthodoxen Rabbinats ' Gailingen und der Zuweisung der Gemeinden Gailingen und Randegg sowie einiger Kleingemeinden an das liberale Rabbinat Konstanz, ohne datz vom Oberrat vor der Beschlußfassung die Willensäußerung der beteiligten Gemeinden eingeholt worden wäre, ohne datz also der Oberrat sich um die Weigerung der Gemeinden Gailingen und Randegg, dem liberalen Rabbinat Konstanz unterstellt zu werden, viel gekümmert hätte. Zu der Angelegenheit nahmen vor allem die Vertreter von Gailingen, Edwin Rothschild,.S. Hanhart und der Synodalabgeordnete Mar Rothschild -Randegg das Wort. Nach langer Debatte, in der von allen Seiten einmütig zum Ausdruck gebracht wurde, datz es für das gesetzestreue Judentum Badens von außerordentlicher Bedeutung sei, im Oberlande mindestens ein gesehestreues Rabbinat zu wissen, wurde in einer Protesterklärung dem Oberrat die Forderung übermittelt, datz die ganze Angelegenheit von neuem beraten, und datz diese berechtigte Forderung des gesetzestreuen Judentums in Baden «erfüllt werden müßte. Es wird . Sache des neugewählten, bezry. des wiedergewählten Vorstandes der gesetzestreuen Oberräte und Synodalabgeordneten fein, die Rabbinatsfrage für die nächste Zeit in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit zu stellen. Wir rufen ihnen von Hsrzsn gu! Auf Antrag Danustüvtn owftt Vv? ZaP dss Vorstands erhöht, um {nt ganzen Lande Vorstandsmitglieder zu haben, die in den Gegenden, die weit abliegen vom Vereinssitz (Mannheim), selbständige Vereinsarbeit leisten sollen. Der Vorstand setzt sich nunmehr zusammen aus den Herren: Eduard Bauer, Vorsitzender, Mannheim, Dr. S. Levi, Alfred Herz, Dr. M. W ü r z b u r g e r, Mannheim, Samuel Jesels o h n, Neckarbischofsheim, Dir. Haas, Karlsruhe, K. Darmstädter, Ladenburg, Fritz Hirsch, Ladenburg (Kassier), R. A. Kass ew itz und I. Dreifuß, Freiburg und Mar Rothschild, Randegg. Für Karlsruhe ist noch ein weiteres Vorstandsmitglied vorgesehen. Der engere Vorstand besteht aus dem Vorsitzenden, dem Kassier und drei Vorstandsmitgliedern, die ihren Wohnsitz in Mannheim oder dessen Nähe haben. -Die öffentliche Versammlung, die am Nachmittag uuk dsksn EinMöitm wir noch : 8er richten werden, war ein voller Erfolg rlnfsrer Sache. Der Saal der „Heilsarmee"- war voll besetzt, andres kann ohne Uebertreibung gesagt werden, daß Nahestehende und Außenstehende mit Interesse die Ausführungen der Referenten verfolgten. Wir wissen in Baden von Vielen, die nicht zu unseren engeren Kreisen gehören, die aber mit' Wärme und Freude das rege Leben in unserem Lager begrüßen. Am gleichen Tage, an'dem wir tagten, wurde «ein solcher Mann zu Grabe getragen, der für das gesehestreüe Judentum' Badens und seine Bestrebungen-zur Förderung und Neubelebung der rüim gar oft mit gewichtigem Wort, eintrat: Oberrat Mar G o lds ch m itt in Mannheim. Dielen Dank sind auch wir ihm schuldig. Dies kam sowohl, in der G. 'V.züm Ausdruck,'wo der Vorsitzende des Toten gedacht,'und 'in der 'Nachmittagsversammlung,, .woKons.-Rabb.^ Dr. "Um n a ihm ehrende Worte. des Gedächtnisses! widmete. Ans selbst mutz das verständnisvolle Wirken dieses Man- DerJskätltt .. nes eine ernste Mahnung sein: Nie und nimmer zu vergessen, daß wir bei aller Anerkennung für die Hilfe, die uns von außen kommt, selbst arbeiten müssen. Wir, und in erster Linie wir, haben die Verpflichtung, auf dem Posten gu stehen und die alte Fahne hochzuhalten. Erst dann, wenn wir selber nichts versäumt haben, wird es uns mit freudiger Genugtuung erfüllen, des Wirkens aller derer unserer Brüder zu gedenken, die, obwohl in vielem uns fremd geworden, doch nie vergaßen, wo einst ihre Heimat und auch die Quelle ihres Jude-seins verwurzelt war. D. Tagung des Zenkralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands. Leipzig, 1. Juni. Am 30. und 31. Mai hielt der Zentral verband jüdischer Handwerker Deutschlands (Sitz Berlin) in Leipzig seinen 7. ordentlichen Verbandstag otz. @ingeU{Ui iuuvid bis Tagung am (sonntag durch eine Festsitzung im Krist«ttp«last, welcher die kommunalen Behörden, Vertreter der Gewerbekammer und anderer verwandter Organisationen beiwohnten und die Tagung begrüßten. Am Montag begann im Kristallpalast eine Arbeitssitzung, in der zunächst der Verbandsvorsitzende Wilhelm Markus-Berlin den Geschäftsbericht erstattete. Ihm ist zu entnehmen, datz nach den Beschlüssen des letzten Verbandstages in Breslau in einzelnen Ortsgruppen Darlehnskassen für den jüdischen Mittelstand gegründet worden sind und weitere eingerichtet werden sollen. Weiter sind in Dortmund, Crefeld und Karlsruhe neue Ortsgruppen gebildet; die Ortsgruppe Dresden ist erneut ins Leben gerufen worden. Verhandlungen wegen Gründung weiterer Ortsgruppen schweben in Königsberg und München. Der Zentraloerband hat sich bei allen großen politischen Ereignissen in seinem Sinne betätigt, insbesondere bei Wahlen für öffentliche Körperschaften. Trotz vieler durch die wirtschaftliche Not verursachten Hemmungen sei der Vorstand ein gutes Stück vorwärts gekommen. Die Versammlung genehmigte den Geschäftsbericht und den Kassenbericht und sprach der Verbandsleitung den Dank für ihre erfolgreiche Tätigkeit aus. Einen breiten Raum nahmen in den weiteren Verhandlungen zwei Referate über „Erziehung zum Handwerk" und die sich daran anschließende Aussprache ein. Muscatblatt-Leipzig referierte über die „Ausbildung zum Handwerk" im allgemeinen, während Kahn-Frankfurt am Main über das besondere Interesse berichtete, das gerade die gilben der Ergieyarrg zavr eutgsgsu- Briugeu. Cr BeBanMtc InsBelünDsts fvlgm-s Welches Interesse hat die jüdische Nichthandrverkerbevölkerung an der Erziehung ihres Nachwuchses zum Handwerk? Welches Interesse hat der bereits bestehende jüdische Handwerkerstand an einem Nachwuchs aus jüdischen Kreisen? Welches Interesse hat die christliche Bevölkerung an einem Nachwuchs von Handwerkern jüdischen Glaubens? Der Redner kam zu dem Schluß, datz die deutschen Juden beweisen wollen, datz sie überall zur Stelle seien, wo es gelte, Kulturarbeit zu leisten. Sie wollen ihren nichtjüdischen Kollegen zeigen, datz es bei der Erfüllung nationaler Pflichten keinerlei religiösen Trennungen gebe und datz sie von gleicher Liebe zu ihrem Stand und zu ihrer Heimat erfüllt seien. Die Erziehung zum Handwerk müsse von dem Gedanken geleitet sein, das Beste zu leisten, das Edelste zu denken und nach dem Höchsten zu. streben. Line Gegeneingabe des Bayerischen Israelitischen Gemeindeverbands an den Bayerischen Landtag. München, 30. Mai. , Gegen die Eingabe des Münchener Tierschutzvereins an den Bayerischen Landtag auf Verbot des Schächtens von Schlachttieren dichtete der „Verband Bayerischer Israelitischer Kultusgemeinden" «eine Gegeneingabe, die in einer Broschüre *) veröffentlicht ist. Die Eingabe weist zunächst daraus hin, datz der Tierschutz uraltes jüdisches Religionsgebot ist und die Schonung der Tiere, die Verhinderung jeder Grausamkeit *) Erhältlich im Verlag B. Heller, München. Herzog-Mar-Stratze 4. Preis M. —.50. gegenüber dem Tiere wohl in keinem religiösen und weltlichen Gesetz mit größerer Entschiedenheit gefordert wird, als in Bibel und Talmud. „So darf auch das heuttge Judentum. für. sich in Anspruch nehmen, datz es nicht minder als irgendein anderer Bevölkerungsteil jede Tierquälerei, als dem Religions- und Sittengesetz. widersprechend, verpönt." Die Behauptung des Tierschutzvereins, datz das Schächten ohne vorangehende Betäubung weder in der Bibel vorgeschrieben sei, noch auf ein mündlich überliefertes Mosesgebot zurückgehe, datz es sich dabei vielmehr um eine talmudische Vorschrift handle, wird zurückgewiesen. „Darüber, was jüdisches Religionsgesetz ist, und über die Verbindlichkeit seiner Vorschriften haben allein die religiösen Instanzen des Judentums zu entscheiden. Die Vorschriften, deren Einhaltung nach den celigionsgesetzlichen Quellen des Judentums in Bibel und Talmud als Voraussetzungen für die religiöse Wirksamkeit des Schächtens bezeichnet ist, werden von den religiösen Instanzen des Judentums ausnahmslos als bindend auch heute anerkannt und beachtet. Zu diesen Vorschriften aber gehört das Verbot der Verletzung der Gehirnhaut durch Schlag oder Schutz vor dem Schächten. Auf Erunv Des CDutafljlois Des Dimms vw Hochschule Hannover, Professor Dr. Daniauu, Mitglied der Technischen Deputation für das Veterinärwesen, ferner Dr. Tereg, Geheimer Regierungsrat und Professor der Tierpsychologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, kommt die Eingabe zu dem Ergebnis, datz alle diejenigen Schlußfolgerungen hinfällig sind, die aus den nach dem Schächtatt eintretenden Zuckungen und Krämpfen gezogen werden. „Sie können gegenüber einer ernsten wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten." Zum Schluß heißt es in der Eingabe des Bayerischen Israelitischen Gemeindeverbandes: „Die nach dem Wortlaut der Eingabe bezweckte Sicherung der Schlachttiere gegen unnötige Qualen wird, wenn der Antrag des Münchener Tierschutzvereins zum Gesetz erhoben würde, keineswegs erreicht. Es dürfte dann zwar in Bayern nicht mehr geschächtet werden, die Mehrzahl der Schlachttiere würde aber auch weiterhin in der gleichen Weise, wie sie Direktor Klein schildert, niedergeschlagen, den Zufällen des Kopfhiebes und nicht selten Qualen ausgesetzt werden, wie sie auch der fanatischste Gegner des Schächtens bei dieser Schlachtmethode nie festgestellt hat. Der Münchener Tierschutzverein, der das Schächten untersagt wissen will, obwohl sein Charakter als Tierquälerei, wie oben gezeigt, von autoritativer Seite entschieden bestritten wird, schweigt duldsam zu den Qualen der Tiere bei der viel weiter verbreiteten, von seinen eigenen Gewährsmännern aufs schärfste verurteilten Methode des Kopfschlages. Solange die allgemeinen Betäubungs- und Schlachtmethoden noch so berechtigte Beanstandungen erfahren, solange — hierauf im «urjährigsu Münchener Tierschutzkongretz vou ätcic^kiruJ hmgen>l«feu - auch im übrigen «Gewohnheiten und Einrichtungen herrschen und unangefochten geduldet werden, die zweifellos mit Qualen für die Tiere verbunden sind, ohne datz sie einem höheren Interesse dienen (es sei an Vorkommnisse bei der Jagd erinnert, an den Rennsport, die Kastration usw.), darf man sich ehrlicherweise nicht gegen eine Institution wie das Schächten wenden, dessen angebliche Grausamkett mit gewichtigen Gründen von maßgebenden Persönlichkeiten geleugnet wird, das aber andererseits ein unverbrüchliches religiöses Gebot der ältesten Kulturreligion darstellt. Wir hoffen zuversichtlich, datz der Bayerische Landtag jeden gesetzlichen Eingriff in die Beobachtung religiöser Vorschriften ablehnen wird." Die Broschüre, die Mit den unrichtigen Behauptungen in der Eingabe des Tierschutzvereins gründlich aufräumt, wird itt ihrer wirkungsvollen Darstellung des jüdischen £Lnl,fUnUe* It, r<m Aüf bU lNMMMll tischen Instanzen nicht verfehlen. Oskar Grufenberg über Schwarzbarths Tat. Riga, 2. Juni. Der Rigaer Vertteter der Jüdischen Telegraphen- Agentur hatte Gelegenheit, mit dem berühmten russischjüdischen Advokaten und «Verteidiger Oskar Grufenberg über den Mord an Pelljura zu sprechen. Als Augenzeuge der Geschehnisse iq. der Ukraine sagte Grufenberg, kann ich bestätigen, datz die jüdische Bevölkerung anfangs zum Regime Petljuras gehalten hat. Als er zum ersten Male nach Kiew kam, wurde er mit. Enthusiasmus empfangen. Es wurde ihm eine jüdische Abordnung ent-