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Der Israelit · 1926-06-10 · Heft 24 (10.6.1926) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 24 (10.6.1926)
Date
1926-06-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 Seite 3 10r Juni 1926 _■ schriftsteller pflegen gern über das „Bettelunwesen an der Klagemauer" entrüstet zu tun. Ich weiß nicht, warum. Die Leute sitzen ganz manierlich da und sind dankbar, wenn man ihnen ein Almosen hinwirft. Wo sollen sie denn sitzen? Vor der Hanhala würde man sie doch wegjagen. Eine höfliche Tafel an der Wand bittet auf hebräisch und englisch die verehrlichen Touristen, soweit sie weiblichen Geschlechtes sind, an dieser Stelle nicht übermäßig dekolletiert zu erleiden, sich nicht unter die Männer zu mengen und — dies gilt für alle — die Betenden nicht zu knipsen. Aber die dürren Engländerinnen, die um die Touristenzeit hier wachsen wie die Pilze, iun es doch. Hierher kommen die Juden Jeruschalaims, mit den langen gestreiften Röcken, den breiten ungarischen Samthüten, den langen Locken, die Ä ÜM Ml Map MsW MM. DIB DMniM in züchtigen Kopftüchern; hier stehen sie stundenlang, an die Mauer gelehnt, murmeln Gebete, sagen Psalmen her, pressen ihre tränenüberströmten Gesichter an den kalten Stein, schluchzen ihren Jammer in die Höhlungen und Risse zwischen den Steinen hinein, ihr Weh und ihre ungestillte Sehnsucht. Oft am Tage kommen sie her, beladen mit ihren Sorgen und Nöten, um sich auszuweinen an der Brust dieser großen Beichtmutter und sich aufzurichten an ihrem stummen Trost, oder so, einfach um einen Blick zu tun auf dieses letzte Ueberbleibsel jüdischer Größe, das in ihr trübes und kärgliches Leben einen Strahl von Wärme und Licht wirft. Aber des Freitags, wenn der Tag zu Ende geht, kommen sie in Scharen, den Sabbat zu empfangen, und das schmale Gäßchen vor der Mauer ist gedrängt voll von Menschen. In einer bestimmten, stets eingehaltenen Ordnung stellen sie sich auf: ganz vorn die Frauen, dann die Se-. fardim im roten Fez, zuletzt, fast die Hälfte der Straße ausfüllend, die Aschkenasim, heute festlich gekleidet, in pelzbesetzten Streimeln, weißen Socken und bunten Röcken aller Farben, grün, blau, gelb, scharlachrot, — man glaubt fast eine Szene aus einem der vergangenen farbenfrohen Jahrhunderte zu schauen. Die Körper schwingen ekstatisch hin und her, die Locken flattern, die bleichen, abgehärmten Gesichter, in denen nur die Augen lebendig sind, — diese unvergleichlichen jüdischen Augen — schauen mit kimrn lewknslyllflliHcn unD slymcMHsn Ausdruck zur Wand. Sie singen das Lied von der fabbatlichen Braut, die bald, bald kommen wird, von der königlichen Stadt, die aus Schutt und Asche einst auferstehen soll zu leuchtender Pracht, und von Jischais Sohn, der kommen wird, der jrp am Schluffe jeder nana, leicht bewegten wegen des Poffuk: rri.a nm nsai (Maleachi 2,5). Der >m.a» hat sich auch während der ganzen srtP geschüttelt, und zwar von vorn nach hinten und von hinten nach vorn. Des weiteren gibt der für das Schütteln während des Gebetes a"sr rftap.a Gründe an, ebenso der 'pn ‘mit (— der ausdrücklich sagt, daß das „Schütteln" beim Thaurolernen und während der gerade ein hervorragendes Kriterium der Kinder von pmr omaa zpV'l sei —. Anmerkung des Schreibers.) Der Mögen Awrohom schließt mit den Worten: aaa a’asni fii2'V aa^ai ray aaa Tasni Tasr, wer nach der einen Ansicht handelt, d. h. sich auch in der nnw mt£W schüttelt, tut richtig, und wer sich der anderen Meinung anschlietzt und sich in der $rtp nicht schüttelt, handelt korrekt, jedoch.ana mutz er bei der haben." Soweit der anaa« pa-®s ergibt sich somit:Alle wpviv stimmen darin überein, daß man beim Lernen und im Gebet, d. h. mara yios den Körper bewegen soll. (Der D”rr pn führt dies im nana nwx> ebenfalls an). Meinungsverschiedenheiten bestehen lediglich -bezüglich des „Schüttelns während der jrtf. Aber auch hier wird auf den V'nna hingewiesen, dessen Bewegungen während der mnxV msVa vish Y’amwv genauestens beschrieben werden. Der K"aa führt nabn1? aus, daß es jedem freigestellt ist, sich während der ym/ zu bewegen oder nicht. ge^t klar wtb einheutig hervor; 1. daß das „Schütteln" eine ausgesprochene jüdische Sitte ist, die aus r\"ii zurückgeführt wird. 2. daß unsere bpois das Schütteln wünschen, Der Israelit sie zu erlösen. Stimmen, die wie aus einem Teich von Tränen kommen, dringen durch wirres Barthaar und Hallen an der Mauer wider, Hände stoßen plötzlich empor und halten stumme Zwiesprache mit dem Himmel, bittend, beschwörend oder ungeduldig, fast drohend; die Alten, Weißbärtigen vorn in der ersten Reihe lehnen gebeugt an der Mauer, in flüsterndem Gebet, aber ihre breiten, schweren Leiber stemmen sich hart gegen die Wand, und ihre dürren Hände umkrampfen wilb bre gerundeten Steine, §0 als wollten sie noch in dieser Stunde die Erlösung erzwingen und aus irgend einem Versteck den Moschiach reißen, den Moschich, der so unbegreiflich lange mit seiner Sendung zögert. „Komm, Braut, komm! Komm, Königin Sabbat, komm, komm!" Die Abendschatten beginnen sich zu neigen, Dtt MM MlMMWkli MAN öber dis Wand. Geschmolzenes Golö. irren sie weiG über die Steine und werfen auf die Gesichter der Männer einen seltsamen Glanz. Noch einmal leuchtet das Bunt der Gewänder hell auf gegen die flammende Weiße der Wand, dann fällt der Abend zu, und enger zusammenrückend, wie erschauernd unter dem Eintritt des Sabbat, spricht die Gemeinde den Abendsegen. Wo sind wir? Ist das Jerufchalaim? Wie ein Haufen obdachloser Bettler stehen wir hier auf der Straße, während jenseits der Mauer fremde Priester durch marmorne Hallen schreiten, in unserm letzten Schlupfwinkel noch werden wir aufgescheucht von den heimkehrenden Arabern, die,, des Gottesdienstes nicht achtend, brummig und bös sich einen Weg durch die betende Menge bahnen, uns auch dieses letzte und kümmerliche Recht mißgönnend. Haben wir noch teil an dieser Stadt? Aus dem mählich verstummenden Stimmengewirr dringt hörbar die innige Stimme des Vorbeters: „. . . der breitet das Zelt des Friedens über uns und über sein ganzes Volk Jisroel und über Jeruscholajim." Von vereinzelten Nachzüglern schwirrt es noch wie mehrfaches Echo über die Köpfe: „. . .. über uns und über sein ganzes Volk Jisroel und über Jeruscholajim." Wie haben wir nur einen Augenblick lang irre werden können? Wie haben wir nur den unlöslichen Bund vergessen können, der Jisroel an Jeruscholajim knüpft? Nein, wir stehen nicht örsuhrn, mn sin? Ms *rerr auJ biefer staubigen Slratze, sind wir im innersten Herzen Jeruscholajims, das uns angelobt ist in alle Ewigkeit. „. . . über uns und über sein ganzes Volk Jisroel und über Jeruscholajim." Dankbar und befreit kehren wir heim. Einer 3. daß gerade das bei f'p'^as naa beobachtete Schütteln seinen Stützpunkt direkt in der rnw hat (S. auch y^ 'a maaa) und ja der aipa für unser Schütteln beim Gebet bildet. (Es sei auch an dieser Stelle an eine der Erzählungen von Judäus erinnert, wo wundervoll ausgeführt wird, daß ein von ftühester Jugend an im echtjüdischen Hause erzogener nichtjüdischer Findling von einem Fremden als Nichtjude erkannt wurde, weil er sich beim rrnaz-Lernen im Gegensatz zu seinem aan nicht »schockelte'). Was nun die Klage betrifft, daß man das »Schütteln" Anderer beim Gebet als eine Störung empfindet, so dürfte das daher rühren, daß man allgemein der Auffassung ist, das »Schütteln" sei ein importierter polnischer oder ostjüdischer Minhag, den man in Deutschland wie auch andere Gebräuche nicht einsühren dü.fe. Wenn aber die Tatsache, daß das „Schütteln" eine spezifisch jüdische Sitte ist, die als solche im -pasr |trto verankert und bis auf min pia zurückzuführen ist, Gemeingut aller wird, so dürste m. E. niemand mehr daran irgendwie Anstoß nehmen. Auch das Schütteln, das sich die deutsche Jugend während ihres Verweilens auf den ma,»Tr?,s aneignete, wird man nicht mehr als Zeichen ihrer Hinneigung au chasstdischen oder ostjüdischen Gebräuchen auffassen, sondern als Ausdruck des Willens, sich dem “pay jrrtw zu nähern. Glaubt man. daß der Gottesdienst wirklich hieröuitf! «n TitzönhM ififiwti s?' Hwinm?? seils bedeutend durch die Vertiefung und Verinner' lichung des Gebetes. Aber abgesehen davon: orthodoxe Judenempfinden stets das als schön, was unsere heiligen Ahnen, deren Ansichten im jmp an den anderen gelehnt, vertraut und brüderlich, gehen wir schweigend in den stillen Abend hinein^ der die Stadt bedeckt, tasten uns an den Mauern der Häuser entlang, die uns nah und heimatlich dünken. Wir schreiten langsam durch die finsteren Gassen Jeruscholajims, unserer, unserer Stadt, zärtlich und behutsam, so wie man durch Schlafräume seiner Kinder geht. Und unsere Herzen sind bis an den Rand gefüllt mit der gelösten Friedlichkeit, dem ernsten Glück und der nülhisknsn Imnksnhsit dtt FmlagnM. Kann die «man wa-Alelhode verbessert werden? Von A. Mannheimer in Dettelbach. (Fortsetzung.) .--SU Häufig fehlt man imvm-la.att'a QßDßn Dßn (BrunDfag: otDrctic Dom leichteren zum eh tv e r e n , vom Einfachen zum Zusammengesetzten. „Man hält noch jetzt eine Methode im Talmudunterricht für überflüssig und man ist von dem naiven Glauben befangen, daß der Lehrer nur den Stofs zu beherrschen brauche, indem mit bewunderungswürdiger Vertrauensseligkeit vorausgesetzt wird, daß der vorgetragene Stoff ausgenommen werde, obwohl niemand sich der Erkenntnis verschließen kann, daß der Talmud unter allen Lehrfächern der schwierigste und der komplizierteste Unterrichtsgegenstand ist. Kein Wissensgebiet operiert mit solch schwer definierbaren Begriffen, wie z. B. 011p' .aspiana. npTrv nana- ^Kin- “pna, deren Entwicklung eine eigenartig methodische Behandlung bedingt und in hohem Grade didaktische und methodische Kunstfertigkeit voraussetzt. Es, ist merkwürdig, daß viele Lehrer die Kenntnis dieser Begriffe als selbstverständlich voraussetzen und ohne näheres Eingehen auf die Begriffsbestimmung gleich anfangs frisch darauf los dozieren ohne zu bedenken, welch riesige Abstraktionen sie urplötzlich dem kindlichen Geiste zumuten. In den guten alten Zeiten, wo das gesamte'Bildungswesen im Judentum auf talmudischer Grundlage ruhte, hat der intensive Drang des Studiums alle pädagogischen Fehler paralysiert. Was dem Unterricht an methodischem Gehalt abging, wurde durch die Fülle der Zeit und durch die Konzentration reichlich ersetzt." (I. Ster, in seinem „Die talmubiji^e 5päbajojtl", 36A^)_ - tfi das anders geworden. Die bessere Methode muh das ersetzen, was an Jntensivität und Zeitaufwand dem Talmud- und wohl auch dem Mischnastudium abgeht^ Wir haben bereits oben die Tatsache berührt, daß mit der Einteilung der *]iatt niedergelegt sind, für schön ansahen, und nimmermehr das, was leider der Einfluß unserer nichtjüdischen Umgebung uns als den Forderungen der Aesthetik entsprechend begreifen läßt. Aber auch gerade Rabb. S. R. Hirsch V"2T' der von der Gegenseite als Beweis angefühet wird, schreibt im 1. Band der Ges. Schriften, im Siwan- Aussatz u. A. über das laute Beten: „Da hatte freilich ein jeder zunächst mit sich zu tun, diese geisttge Arbeit an sich zu vollenden; da hatten sie freilich nicht immer Zeit, an den Nachbar zu denken, zu denken daran, daß sie nun auch das Wort, das sie zunächst an sich zu richten hatten, es geistig in sich aufzunehmen, beleibe um keine Tonhöhe lauter als der Nachbar sprächen; hatten nicht Zeit, darauf zu achten, daß jeder mit dieser geistigen Selbstbearbeitung auch im Takte mit dem Nachbar bliebe, noch viel weniger Zeit, daran zu denken, was nun diese lebendig erregte Selbstbearbeitung einer Menge für einen Eindruck auf den kalten, fremden, nicht mitbetenden Zuschauer machen würde." — Sicherlich hätte sich Rabb. Hirsch wegen des „Schüttelns" befragt, im gleichen Sinne geäußert. — M. O. Daheim und Draußen. Das bekannte Jugendbuch von Max Speier, „Daheim und Draußen", erscheint dieser Tage bei ^a«||iTtaTtrtj ^caitfe|urt a. irrt 3vaf)rrtert dsr »JüdisHen (Hest io rrnb li) in zweiter Auslage. Wie aus den uns vorliegenden Aushängebogen ersichtlich, hat der Verlag auf lichten Druck, schönste Ausmachung und Ausstattung großen

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