Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1926)
- Date
- 1926-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit 28, Mai 1926___ haben, die für uns der Wahrheit und Weisheit letzter Schluß sind, eine Sittenlehre abgeleitet werden kann, die in sich abgeschlossen und abgerundet als ein vollständiges logisches System Der EM gewettet werökn wlm, Sik Mf suchen des sittlichen Bewußtseins restlos zu erklären imstande ist. Wir glauben diese Frage bejahen zu können und wollen nur in ganz großen Umrissen zu zeigen versuchen, wie wir uns ein derartiges System der jüdischen Ethik denken. Es ist ganz klar, daß wir hierbei nicht auf einzelne Lehren der jüdischen Ethik einzugehen gedenken, sondern ausschließlich die Kardinalfragen aller wissenschaftlichen ethischen Forschung erörtern wollen, ob aus den Grundlehren des Judentums allgemein gültige und denknotwendige ethische Postulate hervorgehen, ob aus ihnen allein Begründung und Zweck des Sittlichen abgeleitet werden können und ob sie mit anerkannten Wahrheiten des menschlichen Bewußtseins in Einklang stehen und sie aus sich heraus zu erklären vermögen. Wir, wollen auch nur ganz kurz die Einwände berühren, die gegen eine religiöse Ethik erhoben werden. Ausführlich haben wir diese Einwände in unserer Schrift: „Religionslose Ethik?", die als Anhang zu dem Buche: „Die Sprache der Tage" (Sänger u. Friedberg Frankfurt a. M. 1920) erschienen ist, besprochen. I. Ein Ethiker schrieb einmal: „Man hat im Menschen die ganze Bedeutung, den vollen Grund unD Den Elwgwell aller ethiMn Vkgttsfk Mgdsucht, ohne von Gott ausZllgöhen UND was man fand, hatte wohl Bedeutung, aber kein „woher" und kein „wohin", kein Erste? und kein Letztes, keinen vollen bestimmten Sinn, war mehr Sprachlehre als vollkommen beruhigender Abschluß. Das „woher" und „wohin" und der volle bestimmte Sinn kann den ethischen Begriffen erst zuteil werden durch die eine wahre Philosophie, durch die nämlich, die von Gott als der höchsten Wahrheit ausgeht und zu Gott als dem ewigen Leben zurückgeht." Der bekannte Ausspruch: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge" gilt insofern auch für das Sittliche, als dessen nächster Maßstab die vernünftige Menschennatur oder das ihr Geziemende ist. Sie wird dann aber nicht gedacht als auf sich selbst gestellt, sondern als Verwirklichung eines göttlichen Gedankens, als Abbild eines ewigen und unwandelbaren Urbildes. Auf Grund dieser Beziehung zur Gottheit ist sie auch ihrem Wesen nach unveränderlich. Und daher gibt es Handlungen, die ihr immer und überall gemäß und andere, die ihr stets und allenthalben zuwider sind, oder notwendige und in sich gute, bzw. schlechte Handdeines Feuilleton. Der Pavillon «Hygiene der Juden" auf der Düsseldorfer «Gesolei". Am Sonnabend, den 8. Mai, wurde die Große Deutsche Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen, genannt Gesolei, eröffnet. Ein. besonderes Interesse nimmt auch unter den Nichtjuden die Abteilung „Hygiene der Juden" in Anspruch. Die Abteilung ist in einem tempelartigen Prachtbau untergebracht, der an der Stirnseite mit Riesenlettern die Aufschrift „Hygiene der Juden" trägt. Der von einer Kuppel gekrönte, im orientalischen Stil gehaltene Bau zieht große . Massen von Besuchern an. Die feierliche Eröffnung der Abteilung „Hygiene der Juden" fand ebenfalls am 8. Mai, 6 Uhr abends, statt. Die Abteilung ist wie folgt gegliedert: 1. Die hygienische Auswirkung des jüdischen Religionsgesetzes, der jüdischen Sitten und Bräuche,' so: Sabbat und Reinheitsgesetze, Ehegesetze, Milah, Fleischbeschau (Bedikah), Fürsorge für Kranke und Verstorbene. 2. Der jüdische Mensch ip seiyßr-/. anthropologischen und.biologischen Eigenart, > seine Ratio,nalität, Vsialität, Morbidität, .der jüdische Typus im. Allgemeinen, in seiner.. Fähigkeit zur Regeneration; Mischehen, Selbsimordziffer usw. 3. Die jüdische 'Fürsorge sZedakah)!!mit> - besonderer Berücksichtigung der WayderfüiMgeu * Hier ryerhey berücksichtigt die. alten und modernen, Formen der Wohlfahrtspflege und sozialen: Fürsorge, die Hilfe für jüdische, namentlich für ostjüdische Auswanderer, die Berufsumschichtung, die Begründung lungen. Dieser Unterschied ist unabhängig vom göttlichen Gebote oder Verbote, hat vielmehr seinen Grund darin, daß der Menschengeist als Ebenbild des göttlichen Geistes auch dessen Ordnung i*nb S3oIttommeni>eit aS|pege{i; ltrtb bctljer Durch Die sittlichen Werturteile Die ewigen und unveränderlichen Urteile der göttlichen Vernunft über das Geziemende und Ungeziemende nachspricht. Kinder und schlichte Leute pflegen auf die Frage, warum etwas gut oder böse sei, nicht zu antworten, es sei der vernünftigen Menschennatur gemäß oder zuwider, sondern sie sagen: Gott gebietet oder verbietet es. Auf diese Weise bringen sie die oberste Sittenrichtschnur und deren Verpflichtungsgrund zum Ausdruck. Da die höchste Zweckordnung alle anderen in sich begreift, so erhält die oberste Sittenregel ihren näheren Inhalt, ihre Auslegung und Anwendung für die einzelnen Fälle des Handelns durch besondere Regeln. Diese zu finden, ist Sache der Vernunft oder des fragenden Gewissens. Und man gewinnt dieselben durch die Betrachtung der natürlichen Beschaffenheit der Dinge und der menschlichen Handlungen, ihrer naturgemäßen Zwecke oder Wirkungen, ihres inneren Wertes, ihres Verhältnisses zur menschlichen Natur,. insbesondere zu deren eigentümlichen Vorzügen. Aus der Einsicht in die gegebenen Zweckordnungen der geschaffenen Welt entspringt die Erkenntnis, daß einige Handlungen mit der göttlichen Weltordnung im Einklänge, andere im Widerspruch stehen, einige von ihr unbedingt gefordert werden, andere nicht. Nur Die Neligion eröffnet einen Ausblick Dorthin, wo allein eine zuverlässige Lebensregel zu gewinnen ist, auf den p e r s ö n l i ch e n Urheber und Erhalter, Beherrscher und Vollender alles Seins. Die Frage nach dem obersten Wertmesser und Gesetze des menschlichen Verhaltens ist gleichbedeutend mit der nach dem höchsten und schlechthin notwendigen Endzwecke des menschlichen Daseins. Mit diesem steht und fällt jede wahre sittliche Richtschnur und Verpflichtung; ohne ihn ist der Begriff des sittlich Guten unvollziehbar. Die verschiedenen Zwecke, aus denen auf die sittliche Beschaffenheit einer Handlung und deren Urhebers geschloffen wird, erhalten dadurch den Charakter der sittlichen Gutheit oder Schlechtheit, daß sie dem höchsten d. i. allgemein und unbedingt wertvollen Zwecke angemessen sind oder nicht. Der höchste und schlechthin notwendige Endzweck des menschlichen Daseins ist offenbar im obersten Weltzwecke eingeschlossen. Und dieser kann nur vom Weltschöpfer selbst gesetzt sein. Denn dem schöpferischen Willen allein steht es zu, den geschaffenen Wesen einen Endzweck überhaupt und namentlich einen solchen von un- Nr. 22 Seite 3 bedingter Notwendigkeit zu setzen, da er einerseits vermöge der unendlichen Vollkommenheit des Gegenstandes, durch den seine Richtung und Tätigkeit innerlich bestimmt wird, allein eines bitrcljaiis uttbebtrtgien Willens fähig ist und andererseits durch die höchste unb keit unwandelbar geordnet oder auf das sittlich Gute gerichtet ist. Gott selbst, der Weltgrund, ist auch der ober st e Weltzweck. Aus ihm, der ersten Ursache, ist Alles hervorgegangen, ihm, der letzten Ursache, ist Alles untergeordnet, zu ihm, dem Endziele, strebt Alles hin, kehrt Alles zurück. Er ist Anfang der Weltbewegung, der Träger der Weltleitung, der Grund der Weltordnung. Da er in sich und durch sich unendlich vollkommen, mithin keinem Bedürfen oder Entbehren und keinem Begehren oder Verlangen unterworfen ist, so können die Wesen und Güter außer ihm nicht in dem Sinne Gegenstand oder Ziel seines Wollens sein, als ob er von deren Besitze oder Genüsse eine Vermehrung seiner Vollkommenheit oder eine Ergänzung seines Wesens zu erwarten hätte. Die göttliche Vollkommenheit ist wie der höchste Gegenstand so auch der bestimmende Zweck des göttlichen Wollens und daher kann der eigentlich bewegende Grund alles göttlichen Wirkens nur Gott selbst sein, ivbiva .T'npn 8i2w na ini22b nbx iiP3 x*?- Es kann für Gottes Wirken nur die höchste Endursache oder der letzte Weltzweck maßgebend sein, die aber wieder mit ihm selbst identisch ist. Ist aber Gott oder richtiger gesagt Gätt^s QUte stttiäv EM ött Bsmegursache des göttlichen Schaffens, so kann dieses im tiefsten und letzten Grund nichts anderes bezwecken als eine Kundgebung oder Verherrlichung seiner Vollkommenheit, Herrlichkeit und Heiligkeit an und in den Geschöpfen. Wie alles durch Gott ist, so muß auch alles für ihn und um seinetwillen da sein, hat für ihn zu streben, ihm zu dienen und ihn zu ehren. Es stand ihm vollkommen frei, zu schaffen oder nicht zu schaffen. Wenn er aber wollte, daß Wesen außer ihm vorhanden seien, so konnte er sie nur in Uebereinstünmung mit jenem kraftvollsten und entschiedensten Willen Hervorrufen, mit dem er seine eigene Wesenheit bejaht und liebend umfängt, mußte daher sich selbst, seine äußere Selb st Verherrlichung ihnen zum Endzwecke setzen. Hätte er völlig selbständige Zwecke neben sich dulden wollen, so wäre er von sich selbst abgefallen, wäre seinem WeisheitsundHeiligkeitswillen untreu geworden und hätte feinen nubedingten Macht- und Herrscherwillen preisgegeben. Durch den Zweck der Welt ist auch eine Ordnung gefordert, die alle Weltwesen zur Förderung (Steblurtgert tn D autfc^Tartb, fote Äolontfattort, rt<XTTTcni?!d?^ trt Palästina, ater audj ttt QT^öenittttÄtt ilti& anderen Ländern, die. Selbsthilfe der Hstjuden. 'Die jüdischen Wohlsahrtsanstalten in Deutschland, wie Erholungsheime, Waisenheime usw. sind in Miniatur-Modellen samt ihrer ländlichen Umgebung dargestellt. Dargestellt ist insbesondere die Entwicklung der Chewra-Kadischa als Keimzelle der jüdischen Wohlfahrtspflege. Sehr übersichtlich ist die Entwicklung der Wohlfahrtspflege der jüdischen Gemeinde Berlin von 1911 bis 1920 illustriert. In Dioramen, Statistiken und Bildern sind der organisatorische Aufbau und die Tätigkeit der Spitzenverbände dargestellt, so der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, des Jüdischen Frauenbundes, der Großloge, des Hilfsvereins der Deutschen Juden, des Arbeiterfürsorgeamtes, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Weltverbandes für Gesundheitsschutz der Juden „OSE". Die Zusammenarbeit der jüdischen Wohlfahrtspflege mit der allgemeinen Wohlfahrtspflege ist gebührend berücksichtigt. Die Palästina-Ausstellung ist mit Unterstützung des Waad Habriuth (Volksgesundheitsausschuß der palästinensisch-zionistischen Exekutive) von Dr. Sindler im Rahmen des jüdischen Pavillons selbständig durchgeführt. Die Ausstellung soll die Bedeutung Palästinas für die Hygiene , der jüdischen Gemeinschaft' illustrieren, mdem in Palästina durch Zuführung der Juden , zur Urproduktion eine Regeneration des Stammes angebahnt wird. In Dioramen, Statistiken und Bildern, ebenso' in reizvollen Modellen, wird die Entwicklung des jüdischen Aufbauwerks, zur Darstellung. gebracht mit besonderer Berücksichtigung der Organisation und der Arbeit des Waad Habriuth. '? > Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden wird auf der Düsseldorfer Ausstellung „Gesolei" einen Film vorführen, der die Organisation und die Leistungen der jüdischen Wohlfahrtspflege schildern und Szenen aus den ruiMMn MischM IffiofilfaöFfgßinridjtunoßn ßliMllM Die Ausführung des in eine stimmungsvolle Spielhandlung eingekleideten Films ist der Gervid-Film-Gesellschast übertragen worden, die unter Regie von Frau Gertrud David zur Zeit die letzten Ausnahmen vornimmt. lJuden in den Wüsten der Mongolei.) Die Nummer 11 der von „Emigdirekt" herausgegebenen Zeitschrift „Die jüdische Emigration" enthält einen Bericht über jüdische Siedlungen in der mongolischen Wüste. Es klingt wie eine Legende, wird im Bericht festgestollt, aber es ist wahr: Es bildeten sich jüdische Siedlungen in Kiachta, Kobde, Maimatschen, Sambes usw. Hauptsächlich aber ziehen die jüdischen Emigranten nach Urga, der Hauptstadt der jungen mongolischen Republik. Von der Mandschurei bis llrga muß man über 1000 Kilometer Sandwüste fahren. Die erste menschliche Siedlung ist Sambes, 300 Kilometer von der mandschurischen Grenze. Dort wohnen heute schon 50 jüdische Familien. (Zum Nikolsburger Ghettobrand.) lieber den Ehettobrand in Nikolsburg, über den wir bereits berichtet haben, wird noch,mitgeteilt: Das Haus Quergasse 9 ist auch diesmal unversehrt geblieben, obwohl die Nachbarobjekte den Flammen zum Opfer fielen und das Haus sjelbst einen Hplzgiebel. hat und mit Schindeln gedeckt istt Im Zusammenhang damit erinnert man sich an eine.eigenartige Geschichte aus Nikolsburgs früherer Zeit. Dieses Haus wirr seinerzeit einmal das letzte des alten Ghettos. M sichtbares Zeichen trug das Haus das jüdische Zeichen „Erew" (Abschluß, Grenze) und kein strenggläubiger Jude hätte es gewagt, am Sabbat sich außerhalb dieses Zeichens — in die Christenstadt — zu begeben. Vor mehr als 100 Jahren ging dann dieses