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Der Israelit · 1926-05-18 · Heft 21 (18.5.1926) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 21 (18.5.1926)
Date
1926-05-18
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite-tS»- Nr. 21 D e r Israelit worden. Das Schiff steht im Hafen und ist größer als das ganze Städtchen mit all seinen Häusern und Gassen, vom Friedhofe bis zur Klosterkirche. Sie müßten noch zwei Tage bis zur Einschiffung in der Stadt bleiben und essen in einem Hause, wo an jedem Tage wie zu einer Hochzeit gedeckt ist. So einen Hafen zu schildern und was da für ein Leben und Treiben herrsche, reiche ihre Feder nicht aus. Etwas angst und bange ist es ihr schon zu Mute, wenn sie das große Wasser sieht und das gewaltige schaukelnde Haus. Manche von ihren Freundinnen sind ebenfalls betrübt und Pik «nfcfFfn lnüM stk ww? und schneiden Witze, die ihr nicht gefallen. „Herr Heymson sagt, auf dem Schiffe vergehe alles Heimweh, die Seeluft verscheuche alle Betrübnis aus dem Herzen, man ist dort so frei wie neugeboren. Es ist mir wohl auch oft zu Mute, als wäre ich neu geboren, aber es ist mir doch ein bißchen angst um dieses neue Leben. Wenn ich die Gefährtinnen spaßen und lachen höre, wird es mir noch trauriger zu Mute, dann ziehe ich mich zu den zwei Freundinnen zurück und ich fühle mich dann so wohl, wie unter euch in der Heimat. Morgen abend fährt das Schiff aus und wir müssen schon mittag dort unsere Plätze einnehmen. Lebet wohl!" Warum Dwoire, so oft sie den Brief, den sie selbst nicht lesen konnte, aber in ihrer Schürzentasche herumtrug, ansah, seufzen und sich eine Träne vom Gesichte wischen mußte, wußte sie selber nicht. Ebenso wenig wie Koppel einen Grund dafür angeben konnte, daß er beim Nähen statt der lustigen Keduschah des Chafen nur immer die weinerlichen Melodien der „heiligen Tage" sang. Dis Arbeit ging nicht ss recht van der Hand wie sonst. Er sah andauernd zum Fenster hinaus, ob sich nicht Maxim der Briefträger zeigte. Obwohl ihm Nochum Leser, der Maskil, mit aller Deutlichkeit klar gemacht hatte, daß es auf dem Schiffe keine Postbeförderung gäbe, daß die Reise mindestens zehn Tage dauere und der Brief nach all dem noch gut drei oder vier Wochen auf sich warten lasten werde. Einer kam aber früher, und er trug den im Städtchen wohlvertrauten amerikanischen Stempel auf den gänzlich vertuschten Lincolnkopf der Marke. Von Berele, dem Sohn, war der Brief, dem von der Abfahrt Reiseles noch rasch kurz zuvor mitgeteilt wurde. Der Sohn schrieb, er sei sehr überrascht gewesen von diesem raschen Entschluß und es wäre wohl bester gewesen, man hätte noch eine Zeitlang gewartet, umsomehr als sein Freund Benze, der, wie er schon mehrmals angedeutet hatte, größtes Interesse an Reisele hätte, seine Position noch nicht so fest begründet fühle, Daß sie seine Uebergangszeit mitmache, das hätter er ihr gern erspart. Aber nun sei es drum, und er, wie Benze, freuten sich auf Reiseles Ankunft. Sie träfen alle Vorbereitungen, würden sie im Hafen abholen und dafür sorgen, daß es ihr an nichts fehle. Dieser Brief beruhigte die Schneidersleute ein wenig. Sie warteten nun cnx^ ben anderen, den KVppkl vermehrte seine täglichen Psalingebete um eine erkleckliche Portion und Dwoire legte das alte Techinausbuch kaum noch aus der Hand. Koppel hatte die Berechnung Nochum Leserssich ganz zu eigen gemacht und wich am Tage, da der Termin abgelaufen war, nicht vom Fenster. Aber Maxim, der Postbote ließ sich nicht blicken. Koppel zog seinen Rock an und ging auf die Gasse hinaus, um den Briefträger zu suchen. Dieser schüttelte verneinend den Kopf. Da lief er auf die Poststation, um sich zu b e s ch w e r e n. Aber der Beamte vertröstete ihn auf die nächste amerikanische Post, die nur an einem Tage der Woche, am Donnerstag, im Städtchen anlangte. (Fortsetzung folgt.) mm Ainderecke. „Ein armer Junge möchte viel lernen und ein großer Jude werden!" Eine Frühlingsgeschichte von Frieda Cohn, Berlin. Felörabenv, Stille in dev Werkstatt! Dis Gesellen und Arbeiter sind fort, Jokele sitzt einsam in der Ofenecke. Aus zwei langen Tischen liegen Stapel fertiger Bücher zum Verpacken da. Wir sind in einer Buchbinderwerkstatt, in einer Kleinstadt, irgendwo im Osten, einer Kleinstadt, auf deren Gassen man noch Männer mit patriarchalischen Bärten im langen Kaftan trifft, Frauen, wie man sich unsere Stammütter, eine Rebekka oder Rahel vorstellt. Ueber den Lädchen am Markt thronen hebräische Firmenschilder. Die Bücher auf den langen Tischen sind jüdischen Inhaltes, Gebet- und Lehrbücher, die hier ihren Einband erhalten haben. Jetzt harren sie des Versandes in die weite Welt hinaus. Jokele hat Spätdienst, er wartet auf den alten Simon, mit dem er noch fünf Pakete Haggadahs auf die Post schaffen soll. Das Pestachfest steht vor der Tür. Vier Pakete hat Jokele fertig gemacht, über dem fünften ist er ins Träumen gekommen, und nun sitzt er in der Ofenecke die Hände müßig im Schoß, die Gedanken überall, nur nicht in der Werkstatt. Woran denkt Jokele? Warum sieht er so traurig drein, und ist doch erst sin Buß vsn kaum 12 Jahren. Ja, er weiß es wohl, das ganze lange Leben liegt noch vor ihm, aber er will auch was damit ansangen, was erreichen. Jokele will etwas werden. Er denkt an seinen Pflegevater, den alten Pincus, der sich weit über die sechzig Jahre noch mit dem Packen auf dem Rücken quälen muß, um das notdürftige Stücklein Brot, um das Holz für den Ofen zu beschaffen. Jokele will auch arbeiten, der Tag soll ihm gewiß nicht zu lang, die Nacht nicht zu kurz werden, aber seine Arbeit soll anders aussehen als die vom alten Pincus, auch anders als die von seinem Chef und Meister Samuel, der es gewiß hübsch weit gebracht hat mit seiner Buchbinderei. Er will auch keinen Laden haben, nicht einmal solch einen großen und schönen wie der Jsaac am Markt, er will nicht handeln, und feilschen, er möchte nur lernen und lernen, am liebsten alle Bücher der Welt studieren, er möchte ein großer Mann, ein gelehrter Mann werden, und alle sollen stolz sein auf den Juden Jokele, der bei aller Jugend schon so viel an Verachtung und Haß ob seines Judentums erfahren hat, der nicht einmal seine Eltern kannte, weil man sie bei einem Pogrom erschlagen hatte. Und wenn er dann der große Jokele ein wird, dann, — ja dann will er seinem Volke helfen, zuerst seinen bedrückten Brüdern und Schwestern hier in seinem Heimatstädtchen, die Uäch UM ihr Qeke nurtb ihr ktjjd^ert. und Gut zittern müssen. Dann wird er seinem Pflegevater Pincus ein neues und gesundes Häuschen erbauen, und eine Wirtin hineinnehmen, die dem Alten ein warmes Esten bereitet, lann soll er nicht mehr um fünf Uhr in der Frühe den Packen aufschnallen und noch obendrein den Hohn der Gasse auf sich laden. Der große Jokele wird dafür sorgen, daß die Kinder eine eigene Schule bekommen, in der sie viel lernen können, dann brauchen sie sich nicht mehr unter die anderen zu mischen und sich verprügeln lassen, und ür die Alten und Kranken wird er ein großes Haus errichten, darinnen sollen sie warm und geborgen sitzen, das Feuer im Ofen nur so prasseln, und der Hecht am Freitagabend nie fehlen. Und der große Jokele wird immer nach allen sehen und mit allen freundlich sein, denn der kleine Jo- 'ele, — der also träumt — weiß nur zu gut, wie iart und bitter das Leben ohne Freude schmeckt. Er muß nur dankbar dafür sein, wenn der alte Pincus das Dach über dem Kopfe und ein paar _ 18! warme Kartoffeln am Herde mit ihm teilt. Seit er bei Samuel ist, kann er wenigstens die paar Groschen, die er allwöchentlich bekqrnmt, weil er das Handw.ägelchen zur Post fährt und die Botengänge im Städtchen macht, als kleines Scherflein mit beisteuern. Wenn hie und da mal eine Extramünze für ihn abspringt, schiebt er sie strahlend in die Tasche, um sie abends im Kopfkissen zu bergen. Alle paar Monate zählt er nach, ob es noch nicht für eines der Bücher reicht, die er im Buchladen am Markt immer so sehnsüchtig betrachtet, aus denen man soviel lernen kann. ^FFTTFty Tilg nnh sslncht gFF-Ficht sich Jokele den Kopf, wie er sein Ziel erreichen könnte und hat doch niemand in der Welt außer dem alten Pincus, und der kann ihm nicht helfen. Da kommt ihm eine Idee, kühn und abenteuerlich! Er nimmt ein Zettelchen und schreibt darauf: „Ein armer Junge möchte viel lernen und ein großer Jude werden!" setzt seinen Namen und Wohnort darunter und klebt das Zettelchen vorne in eine der Haggadahs, die er dann mitten im fünften Packen verstaut. Dann siegelt er mit zitternden Händen das fünfte Paket. Da tritt auch schon der alte Simon ein, die Packen werden aufs Handwägelchen geladen, und es geht ab. Jokele zieht, Simon stampft nebenher. Der große Fabrikherr in Wien sitzt in später Abendstunde in seinem Privatbüro, vor ihm auf dem Schreibtisch ein Berg Arbeit. Auf den Korridoren, in allen Räumen des großen Hauses herrscht Stille. Die Vürozeit ist längst vorüber, alle Angestellten, selbst die Bürodiener sind schon fort, der unermüdliche Fabrikherr kennt keinen Arbeitsschluß. Plötzlich klopft es an seine Tür, unwillig ob öar Störung ruft er „Herein"! Wer wagt es, zu so später Stunde unangemeldet bei ihm einzudringen? Ein alter jüdischer Hausierer steht vor ihm und legt mit bittender Gebärde ein dünnes, eingeschlagenes Büchlein auf seinen Schreibtisch. Dre Fabrikherr zieht seine Börse, reicht dem Alten ein Geldstück, und der empfiehlt sich mit vielen Dankesworten und tiefen Verbeugungen. Der Fabrikherr arbeitet angestrengt weiter, liest Stöße von Post durch, unterschreibt unzählige Briefe und macht sich Notizen. Es ist beinahe Nacht, als er endlich innehält, die losen Papiere auf dem Schreibtisch ordnet und flüchtig zusammenlegt. Wieder ein Tagewerk vollendet! Er zündet sich eine Zigarre an, da sieht er zufällig auf das dünne, eingeschlagene Büchlein. Er ergreift es, schlägt in Gedanken versunken das Papier auseinander und hält eine Haggadah in der Hand. Ferne Jugenderinnerungen übermannen ihn. Der Sederabend im Elternhaus, der festlich gedeckte Tisch, um den sich Eltern und Kinder einen, ersteht vor seinem Auge. Er hört den Vater mit melodischer Stimme aus der Haggadah vortragen, sieht die Mutter frommen Sinnes darüber gebeugt sitzen, die Geschwister eifrig in den ihren nach Bildern suchen, und er sieht sich selbst als Jüngling wieder, er, der Aelteste der aus der fernen Hauptstadt, wo er bereits lernt, nach Hause geeilt ist. um zum Sederabend üllheiut zu s^lll. Söiii, lisHt alles gitrit<fr lic Ettern lange tot, die Geschwister, die noch am Leben, in weiter Ferne, bis über den großen Ozean. Er lehnt tief in seinen Sessel gesunken, in dem er sich tagsüber nicht eine Minute der Rast gönnt und sinnt im Anblick der Haggadah über sein eigenes Leben nach, das nur noch Arbeit und keinen Feiertag mehr kennt. Und eine große Wehmut kommt über ihn, für wen arbeitet er denn eigentlich so ohne Unterlaß, er, der ganz allein, ohne Erben dasteht. Der Krieg hat ihm den einzigen Sohn, der Kummer darüber die Gattin geraubt. Fortan hat sein Leben nur noch iler Arbeit gehört, von keiner Festesstunde-mehr durchleuchtet. Sinnend schlägt er die Haggadah auf, an der ersten Seite klebt ein kleiner Zettel, und er liest „von einem armen Jungen, der viel ernen und ein großer Jude werden möchte^. Es ist bereits tiefe Nacht, als der Fabrikherr fein Büro verläßt. (Schluß folgt.)-

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