Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1926)
- Date
- 1926-05-18
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Der Israelit 18 Mai 1926 Nr. 21 Seite « Ueberfahrt, sagte er, würde sich nimmermehr bieten. Die Kosten mögen seine Sorge sein, er würde die Sache in Amerika mit ihrem Sohne schon verrechnen. Ihm, dem gewandten Reisenden, öffnen sich alle Türen und es stehen ihm auf dem Schiffe Vorrechte zu, die sie, Reisele, sonst nie bekomme. Und was ihren Bruder in Amerika anbelangt, so wolle er schon dafür sorgen, daß sie ihm recht gelegen komme. Er, Mister Heymson, hatte eine starke Hand, und er konnte mit einem Ruck, Bruder und Schwester vorwärts bringen. Er hatte einmal Gefallen an der Schneiderfamilie gefunden, eine amerikanische Marotte und — fertig. Und er lud auch gleich die ganze Schneidersfamilie ein, mit ihm eine Autofahrt durch die herbstliche Umgegend zu machen. Dwoire wehrte ängstlich ab, aber der Schneider ließ sich durch Reisele nach langem Zureden bewegen, in dem WllgM Nkvkll HkyMsvN Plktz m MhlMll, Lik bsidsn hmtsvsn Sitze nahmen die Lady und mu fele ein. So fuhren sie, zum Staunen des ganzen Städtchens, dessen Jugend ein Stück im Wettlauf dem Wagen nacheilte, zur Stadt hinaus. „Koppel, der Schneider, fährt Auto. Wenn Jemand Glück beschert ist . . ." sagten die Leute. Sie fuhren die Rosiner Straße hinauf, an dem „guten Ort" vorbei, aus dem hinter uralten Bäumen verwitterte Steine und morsche Holzdenkmäler gespenstisch ragten. Hier an der Peripherie wohnten einige deutsche Familien um eine kleine Holzkirche mit pittoreskem Holztürmchen und Blumentöpfen an den Fenstern. Schon als Kind pflegte hier Reisele gern zu stehen, um sich an Sauberkeit und an Blumenduft zu erfreuen. Aus dem Hofe Pawlos, des allmächtigen Uradnik (Oberpolizist), der sich etwas weiter befand, sprangen schwarze Pudel toll und wütend bellend dem dahinrauschenden Wagen nach. Ganz draußen befand sich die große Monopolschenke, aus der wüster Lärm drang. Betrunkene Bauern ballten die Fäuste beim Anblick des pferdelosen Wagens, traten aber etwas scheu zurück, als sie den Lenker in feiner Lederhaube mit den riesigen Brillengläsern wie den lebendigen Satan Styavi attt Wege mutzten sie noch in letzter Wnute um einen schweren Bauernwagen drehen, dessen Führer, wohl betrunken, im Halbschlummer alle Zeichen überhörte. Reisele saß wie betäubt an der Seite der fremden Dame, die zuweilen ihre Hand ergriff und streichelte. Sie sprachen kein Wort, da die Dame eine fremde Sprache führte, die keiner im Städtchen verstand. Koppel der Schneider saß vorne, wackelte mit dem Oberkörper, als betete er Psalmen. Vielleicht tat er es auch, denn er bereute schon stark, sich in diese Gefahr begeben zu haben. Aber nun gab es kein Zurück. Er war in der Hand des Schicksals, das er selber heraufbeschworen hatte. Aber die Fahrt war entscheidend für das Schicksal Reiseles. Es war betäubend, bestrickend. Es war ihr, als fühlte sie den Atem einer neuen Welt, den raschen Pulsschlag eines neuen Lebens, das ihrer irgendwo harrte, in einem anderen Amerika, nicht dem des Benze. Es war hier alles so klein, so eng, so dumpf. Alles in ihr schrie nach Luft, nach Weite, nach Welt, nach Leben. Sie träumte von großen Häusern, in denen große, weite Gemächer voll von Licht und Prunk sind, von weißen Möbeln, von weichen Vsttsn, Ö3H ksuschsndstt KlsideM, LStt Gsld und Schmuck. Die ägyptischen Perlen an Ohr und Brust ihrer Begleiterin zauberten Paläste des Glückes vor ihre Seele, die sie mit leiblichen Augen nie gesehen hatte. Es war eine Fata Morgana von Prunk und Pracht, die im aufwirbelnden Staub und Kot aufleuchtete. Mädchenträume von vollen achtzehn Jahren sammelten sich und reihten sich zu einem Märchenzauber auf dieser ersten Autofahrt durch herbstliche Felder. Koppel der Schneider entstieg nach einer Stunde mit schwindelndem Kopfe und schmer- Seligmann Schrvarzschttd, geb. 1789, gest. 1884. zenden Gliedern vor seinem Hause dem Wagen und setzte sich mit ausgestreckten Beinen wieder auf seinen Schneidertisch, wo die Welt ungleich fester und sicherer aussah, mit dem festen Vorsatz, nie und nimmermehr einen solchen Teufelswagen zu besteigen. Reisele. hatte leuchtende Augen. Mister Heymson lächelte sein über¬ MTlI.I! MM Rabbiner Ehrentreu, München. Nach einem Porträt von Hermann Segall, München. legenes väterliches Lächeln, in dem die Aelteren mit Wsniz Mühs äa-s Tückischs und üsllsvttds im Blicke des Chajimke von einst hätten erkennen können. Er reichte Reisele galant die Hand und sagte: „So fahren wir in Amerika alle Tage, aber auf schönen, geraden Straßen, zwischen geputzten Menschen und Geschäftspalästen mit den herrlichsten Auslagen auf beiden Seiten. Du gehörst, Kind, in die Welt und du wirst aufatmen, wenn Du, eine Prinzessin, in leuchtenden Gewändern, von allen bewundert, unter all die Menschen kommst. Schaue Dir noch einmal das graue Bild genau an, es wird ferner nur noch ein dunkler Traum gewesen sein."- Und acht Tage später war Reisele gerüstet, mit Mister Heymson und Frau zu ihrem Bruder nach Amerika auszureisen. Dwoire, die Mutter, weinte unendlich viele Tränen, schrie laut, daß alle Nachbarinnen dazu kamen und freundnachbarlich mitweinten, lief auf den Friedhof und warf sich auf die Gräber aller frommen Väter und Verwandten, daß sie ihren Segen^ dem Kinde mit über das große Wasser hinaus gäben. Koppel rührte drei Tage lang keine Radel an und trug ohne sichtlichen Grund den langen »argen Sabvatrvrk. 2>«nrt fuhren sie mit Reisele Wer die Grenze bis nach Tilsit, wo nachts auf dem düsteren Bahnhöfe Heymson und Frau bereits drei Plätze im Nachtzuge nach Berlin besetzt hatten. Reisele sah zum ersten Male in ihrem Leben Eisenbahnschienen, Bahnhof, Lokomotive und Bahnwagen und war ganz benommen von all den neuen Eindrücken, Auch Koppel und seine Frau sahen all dieses zum ersten Male, kamen aber vor Abschiedsweh gar nicht zum Genuß der neuen Erscheinungen. Die Mutter hatte ihre Abschiedstränen noch nicht alle ausgeweint, als der Mann in der blauen Uniform schon heftig von außen die Wagentüre zuschlug.. Ein Pfiff und der lange Zug fuhr in die Nacht hinaus. Koppel der Schneider und Dwoire sahen sich an, als hätten sie sich gegenseitig etwas vorzuwerfen und verließen still die Halle, um mit vielen anderen auf der vor dem Bahnhof harrenden offenen Fuhre Ruwkes in einer vollen Nachtreise nach Hause zu fahren. „Sie geht zu unserem Berle", sagte Koppel nach langem Schweigen, als wollte er allerlei Nachtschatten und Gespenster, die ihn von allen Seiten des Weges schreckten, verscheuchen. Es fiel beiden zugleich sin, daß als »ov Sauren «US dem Hause ging, die Sache viel einfacher und schmerzloser war. Es hatte ihnen nicht so das Herz aus dem Leibe gerissen, wie jetzt. „Sie geht ja zu ihrem Bruder, zu Berle, und Gott ist überall, auch dort." „Hioh!" trieb Ruwka, der Fuhrmann, die Pferde an, die im gleichmäßigen Schritt durch die Nacht trotteten und die Seufzer einer Mutter übertönten. V. Vierzehn Tage vergingen, da langte ein Brief von Reisele ein, aus Marseille, einer französischen Hafenstadt, von der im Städtchen bis jetzt noch keiner gehört hatte, über dessen Sprechweise sogar ein heftiger Streit zwischen Eisik, dem Melamed, und Nochem Leser dem Maskil, ausbrach. Das war aber wenig von Belang. Koppel ließ die Gelehrten über Namen und Lage der französischen Stadt am Weltmeere im Beshamedrasch streiten und erbaute sich an dem Inhalte des Briefes, der gut jüdisch und ebenso gut kindlich und verständlich war. Ein Jauchzen ging durch die Zeilen. Wäre nicht das bißchen HäiMiLäh liiid diä EöiNsiALiliig des tränenreichen Abschiedes, sie glaubte sich an den Pforten des Paradieses. Mister Heymson und Frau seien wie Vater und Mutter zu ihr. Auch Gefährtinnen fand sie hier in der Hafenstadt, die die Reise mit ihr machten, und sind ihr liebe Freundinnen ge-