Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1926)
- Date
- 1926-05-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 44* Nr. 21 Der Israelit 18. Mai 1926 bedeutendsten Thoragrößen der Jetztzeit zählend, hat vor kurzem aus Anlaß seines 70. Geburtstages eine Würdigung von berufener Feder gefunden. Das Porträt ist die Meisterarbeit eines in München lebenden jungen Kunstmalers, Hermann S e g a l l, und von ihm (Adalbertstr. 46) gegen Mk. 6.— (Wandgemaldeformat) zu beziehen. Himmel und Sonne zum Abschied. „Wir sehen uns irgendwo," sagte sie leise, „Du weißt, auch ich soll dahin." Er unterdrückte ein Wort, wandte das Gesicht ab und ging, in die kühle Nacht, mit den Auswanderern, mit den Agenten in weglose Finsternis. Erst nach einem halben Jahre gelangte fein erster Brief ins Schneiderhaus, in dem auch einige Worte „extra für Reifete" enthalten waren. Er habe nach einigem Suchen Arbeit gefunden, und .Berele, der Sohn Koppels, gehe ihm an die Hand. Er verdiene soviel er brauche, aber das Leben in Amerika sei hart und kalt. Es sei alles so, wie er es sich gedacht hatte. Er sehne sich nach mehr Sonne, nach mehr blauem Himmel und hoffe, in Amerika soviel von seiner Arbeit zu D\C JjCVIC t)Otl 4lCQX)plCX\. erübrigen, um sich später einen Platz an der Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Aon 3. limil (Fortsetzung). Ein Jahr verging, ein neuer Frühling blühte heran. Der Njemen, der fünf volle Monate so fest gefroren war, daß er zentnerschwere Lastwagen meilenweit auf seiner Decke trug, gab unter der warmen Sonne nach, sein Panzer riß in Stücke, die im panischen Rückzug nach Preußen zu sich stauten und sich allzerstörend übereinander warfen. Alle am Fluß aufgestellten Buden und Hütten trug die Strömung wie Strohhalme fort, warf die ganze Hinterfront des Gemeindebadehauses um und stellte das halbe Städtchen unter Wasser, als wollte sie es zum Peßachfeste gründlich reinwaschen. Kurz vor dem Feste erst zogen die mächtigen Eisklumpen ab, das Wasser zog sich nach und nach in seine Grenzen zurück und bekam seine ruhige Strömung wieder. Im Städtchen gingen alle Türen und Fenster, die den Winter über fest verschlossen waren, auf. Es tummelten sich Kinder und Maikäfer in der Sonne und auf den Bäumen des Friedhofes, wie auf den Kastanien der Klosterkirche sangen die Vögel. Wie alljährlich, erwachte in diesen ersten Sonnentagen wieder der Drang der Ju- 8^nd Wem, Mklk NisMkn M zur Ausreise nach Amerika. Agenten waren mit „Ware" da, die die nächtliche Schwarzfahrt über die Grenze in die Wege leiteten. Unter den Auswanderern befand sich dieses Mal auch Benze, der Schneidergeselle. Sonne unter dem blauen Himmel der H e i m a t ..Grüß mir meinen Sohn!" sagte ihm Koppel, der zu erwerben. Nur Reisele wußte, welche Bewandnis es mit dieser Heimat hatte. Es war nicht das schmutzige Städtchen mit den windschiefen Holzhäusern, mit den grauen düsteren Straßen und Pfützen, in denen die Sonne so lange glitzerte, bis sie austrockneten. Es war eine andere Heimat von ewiger Sonne und ewig blauem Himmel, wo „die Zeder blüht und die Jordanquelle fließt". Sie hatte nie eine Zeder gesehen, hatte auch keine richtige Vorstellung von einer Jordanquelle. Sie hatte die Worte aus einem Liede. Aber es war soviel Liebes und Tiefes in diesen Worten. Gewiß war eine Zeder ein Baum, der ganz anders ausschlug und blühte und anderen Schatten spendete, als der große Apfelbaum auf dem Friedhof, von dem die Friedhofshüterin Sprinze die großen roten Aepfel verkaufte. Und der Jordan war gewißlich nicht mit dem Njemen zu vergleichen, in den das schmutzige Wasser aus dem Badehaus in breiten Rinnen hinabläuft und auf dem große Holzboote schwammen und auf Holzklötzen, zu Flößen zusannnengAßlllldAN. sich rohe, betrunkene Holzarbeiter und Schisser herumrausten. Dort in jener Heimat, von der Benze schrieb und für die er in einem Hause, so groß wie der Turm von Babel, hemdsärmelig schwitzte, waren nur Sonne, Freude, Glück. Dort lachten alle Derssrr/.r u/le. ehrt- Irt#? an -CxaL, _„ -uaaz - fonnim t%r airtern- Oft- U>in mutst im. T&fiJ) mm. im£ - ■ Ä/j'- »t Stvetyirtl Sütz Oppenheim, ein Bild mit Inschrift aus dem Urteil der Zeit. Aus dem Kunstantiquariat Ma» Ziegert, Frankfurt a. M. Menschen und sangen alle Vögel. Wenn der Vater seine Gebete verrichtete und Zions gedachte; wenn die Mutter im Küchenverschlag bei jedem Geräusch aufschrak: „Moschiach kommt!"; wenn am Sabbat nachmittag, da der Schneidertisch mit weißem Tuche bedeckt und sogar die Nähmaschine mit einem Bettuch überdeckt war, die Mutter aus dem alten „Zereno Ureno" las und das Wort „Beth Hamikdosch" vor sich hinsang, dann war etwas von der Sonne und vom Leuchten und vom Glück jener Heimat in die Gesichter von Vater und Mutter, in die ganze Schneiderstube gekommen. Das war die „Heimat", von der Benze schrieb, und nur sie wußte es. . . . Wie aber der Sommer zur Neige ging und vollbeladene Fruchtwagen aus den nahen Feldern durch die Straßen gezogen kamen, schob sich wieder durch die Bauerwagen das leichte amerikanische Auto. Mister Heymson mit Der Lllvy unD Dem slWarzen Diener auf dsm bte bas Städtchen schon vergessen hatte, waren wieder da. Vor dem Schneiderhause machte das Auto Halt, ohne Umschweife trat Mister Heymson ins Haus und fragte kurz, ob nun alles bereit fei. Wovon sprach der Amerikaner? Die Schneidersleute konnten zunächst nicht verstehen. Aber dann stellte sich heraus, daß Mister Heymson Reisele noch nicht vergessen hatte, im Gegenteil während der ganzen Zeit sehr an sie gedacht hatte. In acht Tagen wollte er mit seiner Frau die Rückreise nach Amerika antreten und in einer französischen Hafenstadt, wo sie sich einschiffen wollten, warteten seiner bereits mehrere junge Töchter aus guten Familien, die sich seiner Reisebegleitung anvertrauten. Reisele sollte mit, die Reisekosten und auch alles Weitere in Amerika sollten seine Sorge sein. Koppel der Schneider kratzte sich unschlüssig am Hinterkopfe und Dwojre, seine Frau, wischte sich eine Träne mit der Schürze vom Gesicht. Es sei manches zu bedenken, zu überlegen und auch vorzubereiten. So mir nichts dir nichts, Amerika. In acht Tagen schon. Wie ginge das? Wohl Datte Derm irjr ©arm, fefjon mehrmals davon geschrieben, daß Reisele hinüber sollte, aber es war doch alles bisher nur Gerede, Pläne. 'Und dann, ob sie ihm jetzt schon gelegen komme? Am Ende erforderte auch die Ausstattung einige Zeit und auch Geld. All diese Bedenken wußte Mister Heymson mit einem Achselzucken und dem ihm eigenen S&olf Heiderrheirrr Aus dem Kunstantiquariat Mar Ziegert, Frankfurt a. M. Meister, und von Reisele verabschiedete er sich mit einem langen stillen Händedruck. Er sah in ihre Augen und es war ihm, als grüßten ihn f’tn 22 siNL 22 h N2 . ö312riOJ93T _ h$Cl41 fl*, .jjQtuizzj - itv&ZrajiAfunrts cät 66. :: V: 9?«« ©dtt*. überlegenen Lächeln, das etwas unwiderleglich Bestimmtes und unerschütterlich Sicheres an sich hatte, so zu zerstreuen, als handelte es sich um lauter Narrheiten. Eine solche Gelegenheit zur