Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-05-13 · Heft 20 (13.5.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 20 (13.5.1926)
Date
1926-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450408--73141-2530533
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

13. Mai 1926 Der Israelit Nr. 20 Seite 3 welchem sein Sinn und sein Wesen zu einer stolzen Einheit verschmilzt. Auch Breuer fragt: was ist das Judentum, auch er antwortet: eine Nation, ein Volk, geeint durch Bande des Blutes und des Schicksals. Aber bei ihm begründen diese Bande nicht die Einheit des Seins, sondern die des Sollens. Hat sein Lehrer Cohen gesagt, das Sollen ist die Welt des sittlichen Seins, so variiert Breuer diesen Gedankengang, indem er sagt: die Einheit des jüdischen Seins ist das Sollen. Das erst macht das Judentum zum Volk, daß seine Stämme das Gesetz auf sich genommen, das sie aus Gottes Schülern zu Gottes Dienern macht. Und ebenso ist Gewalt des ^ie einenderr S^i^als eine joldpe ves Sollens als messianMk Nation. Der Sinn unseres Daseins als Gesetzesvolk ist freilich, Träger der gütlichen Lehre zu sein, aber die Lehre garantiert nicht die Fortpflanzung von Vater und Sohn und Enkel. Lehre setzt Überzeugung von Individuen voraus, Ueberzeugung aber läßt sich nicht auf Generationen sichern, muß immer neu errungen werden. Kann das Volk warten, bis sie von den Einzelnen geteilt wird, kann es Zusehen, wie diejenigen, die der Lehre noch kein Verständnis entgegenbringen oder deren Verstand für sie nicht reif ist, aufhören, Glieder des Volkes zu fein? Darum betont Breuer nachdrücklicher als Hirsch die Bindung an das Gesetz als nationales Recht. So wie das Recht respektiert wird, ohne Rücksicht auf Willen oder Verständnis des Einzelnen, so fordert das jüdische Recht Achtung von jedem Volksgenossen, so erzwingt der jüdische Vater vom Sohn rechtmäßiges Handeln ma tonw’inra. 2Tuf dem Wege über das Gesetz wird die Lehre erworben, sie kann warten, bis die Ueberzeugung im Einzelnen stark genug ist, daß menschliche Neigung und göttlicher Wille harmonieren, bis der Sinn des Judentums von allen seinen Anhängern erfaßt ist, bewußte Glieder der Religionsnation zu sein. Die Stärke der.Breuerschen Schriften liegt in der unbedingten Einbeziehung des ganzen Gesstzss in Den Kreis Des JMWen, in Der wgWkll Durchführung des Grundgedankens vom sittlichen Sein und in der meisterhaften Dialektik, die seinen Gedankengang so zwingend erscheinen läßt. Aber darin liegt auch seine Schwäche für all die, die mit heißem Brudergefühl aus dem Grundgefühl, wie es dem Ostjuden eigen ist, an das jüdische Problem herantreten. In seinem Elijahu kommt das Gefühl schon eher zur Geltung. Im Mittelpunkt steht es bei Birnbaum. Auch nach ihm ist Lehre und Gesetz im Judentum durchaus nicht voneinander zu trennen. Wichtiger aber als die theoretische Erkenntnis hiervon, um die sich Breuer müht, ist ihm die Herz an Herz mit den Ostjuden empfundene Einheit, zu der Gesetz und Lehre in der Seele des jüdischen Volkes, im Volkstum, das von unter sich erneuert und wächst, geworden sind. Schrittweise ist Birnbaum vom Freigeist zum Gläubigen geworden und in der Art seiner Entwicklung, in seiner Geistigkeit, die alle Prob- I lerne des lebenden und leidenden Judentums umfaßt, und in seiner Sprachgewalt, die in Gottes Volk wie ein reißender Strom sich Bahn bricht, ist er der eindrucksvollste Vertreter des modernen gesetzestreuen Judentums geworden. Von Herzl bis Klatzkin haben alle Nationalisten auf dem Grunde dieses Heros gebaut, er aber ist nicht stehen geblieben. Von der Beschäftigung mit den aUuetlen Problemen des jüdischen Volkskörpers ist kr zu Problemen jll^ifktzön Seele und von dort immer tiefer in den Sinn des Judentums eingedrungen, während seine Jünger noch über seine gestern verfochtenen Thesen arbeiteten. Hatte er zuerst Judentum gleichgesetzt mit Volkstum, das auf Sprache, Land und Kultur sich gründet, so sah er bald, daß jüdisches Volkstum unabhängig vom Land sich entfalten könne, daß es von Sprache und Kultur, ja zur Not von Kultur allein leben könne. Danach wurde ihm Judentum gleichbedeutend mit jüdischer Kultur. Bald fing er an, nach dem Sinn dieser Kultur zu suchen und fand ihn im Religiösen. Volkstum ist ihm nicht mehr alles, was aus den Tiefen des Lebens emporwächst, sondern das, was seiner ursprünglichen Sendung im Menschheitskreise gemäß, seinem Charakter als Gottesvolk dienlich ist. Reinerhaltung der Gottesidee, Pflege der religiösen Organisation in der Gemeinde, Aufrechterhaltung und freudige Erfüllung der Mizwaus und Minhagim, vor allem aber altjüdische Wohltätigkeit und Heiligkeit bezeichnen den Weg, den jeder gehen muß, der emporsteigen will auf den Berg Gottes, durch die drei Grundtendenzen des jüdischen Volkstums den Messias herabzwingen will, als da sind: mxDn -O’am >'1 mn- Erkenntnis Gottes aus dem Studium seiner Lehre und seines Gesetzes, Liebestaten an Welt und SKenjc^en, Darstellung der göttlichen Pracht in Schönheit suchendem Wirken uni) üeben. Wir haben die Kämpfe verfolgt, die um den Sinn des Judentums in neuerer Zeit ausgefochten wurden. Ausgehend von der Lehre hier, vom Gesetz dort, haben wir Bestrebungen gesehen, von der Gesetzeslehre abzuführen, während sie Teile unserer Ueberlieferung mit einer bis dahin unerhörten Innigkeit lieben lehrten. Die beiden Halbkreise, die zeitweise vom Mittelpunkte der Thora weit entfernten, sind wieder zu einem Ganzen geworden. Von beiden Seiten ist man zu einer Anerkennung der Bedeutung des Gesetzes gelangt, daß aber auch auf dieser Ebene so mancher Kampf noch auszufechten ist, zeigte die in diesen Blättern gebrachte Auseinandersetzung nlit Fr. Rosenzweig, der den Sinn des Judentums im religiös Schöpferischen sieht, aus dem eine stete Erneuerung des jüdischen Lebens und jüdischer Lehre erwachsen soll, sofern sie nur den gesamten in Lehre und Gesetz bisher niedergelegten Geist mit verarbeitet. Aber solche Kämpfe schrecken uns nicht. Wir hoffen, daß sie eine Verinnerlichung der jüdischen Gedanken und eine Hebung des jüdischen Idealismus zur Folge haben, die zu einer schönen, besseren Zukunft emporführen. Die onnja des mri3v"Akstss. Don Mernyarb S. Aaroölon in Kamvurg. Für das nov" und rnav'Fest schreibt die mw gewisse Handlungen vor, die der Idee des Festes (Freiheit oder Gottvertrauen) Ausdruck geben sollen. Anders beim rnyiav-Fest. Nur für die Gesamtheit, nicht aber für den Einzelnen gab es eine vorgeschriebene Handlung, die wenigstens eine der Ideen dieses Festes zum Ausdruck brachte: das Darbringen zweier Weizenbrote im Tempel als Erstlinge und Speiseopfer von der neuen Ernte. (2 B. M. 34;: 3 B. M. 23 16—17). Für die beiden anderen Ideen dieses Festes, wie des Gerichtes über die Baumfrüchte (Rosch- Haschana I; 2 nn'v bv mxyaJ und der Erinnerung an die Gesetzgebung am Sinai, findet sich weder im Gesetz der mm noch bei den Weisen der Mischna und des Talmuds ein Symbol. Und doch fehlt es diesem Fest nicht an symbolischen Handlungen und Einrichtungen, die die abstrakten Ideen durch konkrete Darstellung dem Geiste und vor allem der Seele nahebringen wollen. Die religiöse Seele des jüdischen Volkes hat sich diese Bräuche, da religiös verpflichtende gesetzliche Regelung nicht vorhanden war, selbst geschaffen. Der mm' der religiöse Brauch, ist die markanteste Leistung in der sich der schöperrsche Genius des jüdischen Volkes — Volk hier tm Eegenfcrtz gtt kert SnMm&uett Höisttä ßöfüll- Deren Ausmaßes — bekundet. Volkslied, Mythos und darstellende Kunst taffen sich nicht zu allen Zeiten als Merkmale eines lebenden Volkes bei uns Nachweisen, aber der religiöse Brauch im» legt Zeugnis dafür ab, daß das jüdische Volk in seiner Gesamtheit religiös schöpferisch war. am» ist der Gegensatz von nixrn der Einrichtung Einzelner oder einer Gemeinschaft von Einzelnen, einem ]*>*7 ma- Dieser Unterschied zwischen der Schöpfung des Volksgeistes, dem nnjB' und der einzelner, der nipv' zeigt sich auch darin, daß der erstere keiner logisch ausreichenden Begründung kleines Feuilleton. Palästinensischer Witz. Ben Jehuda, der bekannte Pionier der hebräischen Sprache und des Hebräischsprechens in Palästina, fragte einmal Rabbi Samuel Salant^n. wie er seine Gegnerschaft gegen die neuhebräische Bewegung zu rechtfertigen vermöge, nachdem doch Hebräisch die heilige Sprache der Religion ist, in der die ganze heilige Lehre niedergelegt ist. Der greise Rabbi antwortete: „Es geht mit der hebräischen Sprache genau wie mit dem Weine. Es gibt kaum eine heilige Handlung, bei der man nicht den Wein bräuchte. Also ist der Wein Künder der Gottesheiligkeit. Sobald aber ein 'ia seine Hand darauf gelegt hat, ist der Wein unbrauchbar." Aergerlich stieß Ben Jehuda hervor: „Stussim!" Der Rabbi aber korrigierte sanft: „Die Mehrzahl von „Stuß" heißt nicht „Stussim", sondern „S t u j a u s". * In einer Protestoerfamrnlurig m Ael-Äwrr», Püülö Zion gegen usslschkin einberufen hatten, sagte ein Redner: nawn paBrm/ aron Q’ama pu? 'wn’Vi, c den Aufbau Palästinas find wir alle, daß aber U s s i s ch k i n unbedingt mit dabei sein muß. lehnen wir ab. Vor kurzem wetteiferten in Jerusalem zwei Weltkantoren um die Palme, Sirota aus Warschau und Kwartin aus Amerika. Es bildeten sich zwei Parteien, die sich stark befehdeten. Ein Sirota-Anhänger erzählte im Kaffehaus: „Als Sirota in seinem relgiösen Konzerte das osn oan anstimmte, hörte man es bis in die dritte Straße. Ein dabei sitzender, für Kantoren wenig interessierter Kaufmann warf wehmütig ein: „Ich habe zwar keine Stimme und gar keine Kenntnis von Roten, aber wenn ich morgen das 'arrn oan in die Welt Hinausrufe, dann hört man es bis Tel-Awiw und Jaffa und überallhin, wo meine Gläubiger sitzen. * * * In einer Jerusalemer Protestversammlung gegen die bekannte Predigt des zionistischen Reformrabbiners Wise in Amerika sagte Rabbiner Blau u. a.: »pa ‘on m (Der „Weiße" (pp) will alles entwurzeln). Ein junger Zionist polemisierte in der Diskussion gegen Blau und verteidigte Wise, worauf ihm ein agudistischer Gegenredner mit einer Variation aus der Mischna Berachot diente: nban pa -von aa’s (Er unterscheidet nicht zwischen „Blau" und „Weiß".) Moschiach kam, ganz plötzlich, ganz unvermittelt. Die liberalen Juden erwachten in ihren Villen im Westen der Großstädte, hörten die Posaune, machten sich rasch aus dem Bott und warfen sich ln die Klcldkr, Illsimrn sich säubst' zu Ehren Dos Moschiach und schon waren sic unter seinen Fahnen. Die Zentralvereinler sagten noch rasch irgend eine angeordnete Protestversammlung ab und nahmen eiligen Schrittes den Weg zu Moschiach. Zionisten erwachten in allen Teilen der Welt, suchten rasch nach ihrer letzten Schekelquittung und eilten zu Moschiach. Blauweißler warfen sich mit jugendlicher Behendigkeit in ihre Windjacken, hefteten rasch den Mogendowid- Stern dran und marschierten in Reih und Glied, die Hatikwoh singend, ins Lager Moschiachs. Wie die alten, frommen Juden durch den Klang der Messiasposaune erwachten, ging heiliger Schauer durch ihre Glieder, dann standen sie auf, beteten lang und inbrünstig und weinten viele Tränen der Freude, daß nun rausendjährige Sehnsucht in Erfüllung ging. Nun hieß es, sich weihen und reinigen, sich geistig kräftigen und rüsten für den großen Moment, ins Tauchbad gehen und alle Vorbereitungen treffen. So kam es denn, daß, nachdem Moschiach mit seinem großen Gefolge schon ein Stück Weges gegangen war, die Alten und Frommen mit starker Verspätung noch langsam nachgezogen kamen. Moschiach wandte sich um, sah die Nachzügler und fragte: „Wer kommt denn daher?" „Es sind auch Juden", antworteten die Zionisten etwas mitleidig. (Diese einem nationalen hebräischen Blatte nacherzählte Anekdote entbehrt nicht der Selbstironie. Ihre Fortsetzung dürfte lauten: „Moschiach sagt: „Die infolge der inneren R ü st u n g etwas spät kommen, sind nicht „Auchjuden", sondern d i e Juden.) (Der Leder auf der Träneninsel.) Wie alljHrlich wurden auch dieses Jahr auf E l l i s I s l a n d, wo die Emigranten festgehalten werden, von Newyorker Wohltätigkeitsoereinen Sederabende organisiert, lieber die Veranstaltung sprechen sich Jvurnalisien, -ie mit dnt>ei nicht gerade begeistert aus. „Wie wir in den Saal traten", so schreibt Moses R i w l i n, „fanden wir denselben nur halb beleuchtet. Etwa 50 Emigranten saßen am Sedertifch und an einem anderen Tisch einige Dutzend Beamte, die sich die Sache ansehen wollten. Das Essen, knapp genug bemessen, wurde gleich nach dem Kiddusch serviert, so daß für die Hagadah nur wenig Zeit, übrig blieb. Die wenigen, die die Hagadah in die Hand nahmen, sagten sie, befangen im Kreise der vielen Nichtjuden, leise und rasch vor sich hin und riskierten dabei, um ihr Essen zu kommen. Statt der Hagadah wurden aber englische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.