Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1926)
- Date
- 1926-05-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450388-2450408--73140-2530532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 20 Der Israelit fervativ nuancierten einheitlichen Judentum heimisch zu fühlen und zum Ausgleich einen um so tieferen Gegensatz zur unabhängigen Orthodoxie nach innen und außen zu markieren. Der „Feind steht rechts" — diese politische Parole ist nur die Ergänzung und Auswirkung der geistigen Verbrüderung mit links, für die das Dienemannfche „Gesetz in Gänsefüßchen", jedermann für s e in e „Thora" Raum gewährend, das sprechendste Symbol bildet. Wochenrundschau. Das Heilverfahren auf der Insel des Hasses. Die Insel Borkum ist seit langem Gegenstand lebhafter Erörterungen im politischen Leben. Was diesem lieblichen Eilande die Unsterblichkeit sichert, ist der unendliche Haß, der Judenhaß, der dort seinen poetischen Ausdruck findet in dem bereits zur traurigen Berühmheit gelangten Borkumlied und seinen Apostel hat in dem Ortspsarrer Münchmayer. Er hat zwar, wie alle Pfarrer, in der Schule die Liebe gelernt, aber im Amte dient er der Hetze und baut die Lieblosigkeit nachgerade zu einem Kult aus. Die Insel hat dabei nicht profitiert. Außer einigen Juden, die aus Trotz oder aus Neugierde sich die Sache einmal ansehen wollten, fühlten sich andere nur selten von den Heilbrunnen dieser Art auf der Insel Borkum angelockt. Und von den wenigen braven Borkumlied-Sängern, die sich zum guten Teile aus der andächtigen Gemeinde des Herrn Münchmayer zusammönfötzen. könnm Oie Kurverwaltung lliw dle Wirte nicht leben. Cs begann auf der Insel, selbst und aus der Mitte derselben heraus ein heftiger Abwehrkampf gegen den Hetzkaplan und feine Hintermänner, und dabei stellte sich heraus, daß auch ansonst die Hirtentätigkeit des Herrn Münchmayer nicht ganz einwandfrei sei, daß er Liebe und Haß weniger nach den Maßstäben seines Hirtenamtes als nach den Impulsen eines gemeinen Lüstlings verteile. Ein großes Sündenregister wurde zusammengestellt und fein säuberlich in einer Broschüre den Interessenten zur Kenntnis gebracht. Das Oberkonsistorium, das sich auf Grund dieser unwiderlegten Beschuldigungen die Amtstätigkeit des sonderbaren Heiligen anzusehen hatte, kam zu keinem Entschluß, sorgte aber wohl dafür, daß der Beschuldigte zu seiner „Ehrenrettung" die Gerichte in Anspruch nehme. So erlebt jetzt Borkum eine Gerichtsverhandlung, die vielleicht zu einer Reinigung und Gesundung der von der schwersten aller Seuchen stark heimgesuchten Insel beitragen kann. Schon die erste Verhandlung machte aus dem Ankläger Münchmayer einen schwerbelasteten Angeklagten. Arbeiterfrauen schilderten, wie sie, wenn sie mit ihren Bitten und Anliegen zum Herrn Pfarrer kamen, zur Türe hinaus und zur hinunter geroiejert mürben, artbere grauen Dagegen tonnten sich tm Gegenteile seiner Liebe in einem Ausmaße erfreuen, die mit der Nächstenliebe des Neuen Testamentes wenig zu tun hat. Die Gastwirte von Borkum berichteten über Orgien, die unter Leitung des geistlichen Oberhauptes an den sogenannten „Deutschen Abenden" in ihren Lokalen gefeiert wurden, und die mit dazu beigetragen haben, daß sie ihn und seine! „Deutschen Abende" des Hauses verwiesen. Die angeklagten Verfasser und Verbreiter der Broschüre werden es nicht schwer haben, den Wahrheitsbeweis für all ihre Behauptungen zu erbringen. Er ist schon erbracht! So sehen die Herrn aus, von der Nähe betrachtet. Was man hier auf der kleinen Nordsee- * infei erlebt, ist ungemein lehrreich für unser politisches Leben im Ganzen. In diesen Tagen hielt einer der bedeutendsten und angesehensten deutschen Journalisten, HelmuthvonGerlach, in Berlin einen Vortrag, in dem er sehr anschaulich seine antisemitische Einstellung von früher und die Gründe seiner Abkehr von dieser Bewegung schilderte. Er war Antisemit sozusagen von Hause aus, rein instinktiv. Geheilt wurde er von diesem Erbleiden, als er später Stöcker, Ahlwardt und viele andere dieser Sorte auf der einen und einige prominente Juden in Frankfurt, Berlin und Arnerrka auf der anderen Seite kennen lernte. Äls ersten Halbgättsr felnsr 3ugendfjhätitäsiö erfüllten ihn, als er ihre moralischen Qualitäten und ihre letzten Ziele kennen zu lernen Gelegenheit hatte, mit so viel Ekel und Abscheu, daß er bald geheilt war. Die Welt hat nun Gelegenheit, den Spiritus rektor der sprudelnden Haßquellen auf Borkum kennen zu lernen, und es wird ihr gut tun. Vielleicht erwächst daraus radikale Gesundung auch für die unglückliche Insel selbst. Enttäuschung in Palästina. Dr. W e i z m a n n, der Präsident der Zionistischen Organisation, weilte vor seiner letzten 13. Mai 192b Amerikareise für kurze Zeit in Palästina und Jerusalem hat ihm einen Empfang bereitet, der in seiner Ausmachung an die Feierlichkeiten bei der Universitätseröffnung erinnerte. Die gehobene Stimmung wurde aber auf den Nullpunkt herabgedrückt druch die nüchternen Worte Weizmanns, durch die vielen ungewohnten Dämpfer, die er dem Drängen und den weitgehenden Hoffnungen der Ultranationalen aufzusetzen für nötig hielt. England halte sein Versprechen und tue seine Pflicht, die Judenheit der Welt und Palästinas erfülle sie aber nicht. In Palästina glaube man, schon mit den Protesten aus jedem geringfügigen Anlaß ferner Pflicht ZU genügen. Der „Doar Hajvm", führ?n^? ln Palästina, nennt diese Rede und die ganze Veranstaltung eine schwere Enttäuschung und wirft Weizmann vor, daß er kein Wort der Aufrichtung fand für die Opfer der schweren wirtschaftlichen Krise, kein Wort des Tadels für eine die Juden auf allen Gebieten der Verwaltung zurücksetzende Politik der Regierung. Die Kritik des „Doar Hajom" ist insofern nicht unberechtigt, als die Bremsversuche der zionistischen Leitung in wenig harmonischem Einklang stehen mit der Sprache, die die gleiche Leitung und ihr Oberhaupt damals bei Verkündung der Balfourdeklaration geführt haben. Was Weizmann heute über England, Erwartung und Erfüllung, über den Aufbau undvseine natürlichen Hemmungen über die Pflicht und das Recht des jüdischen Volkes in Palästina und in der Diaspora sagt, entspricht der Lage und entspricht der Wahrheit. Hätte man aber vor Jahren die kluge Vorsicht beobachtet, starke Worte zu vermeiden und Ansprüche und Erwartungen auf das bescheidene Maß der realen Sachlage zu reduzieren, es bliebe der Leitung heute der Vorwurf des zaghaften Rückzuges erspart. An den Illusionen die zu zerstreuen heute Weizmann ein gut Teil feiner Kraft einsetzt und die nicht, ohne 'klaffende schmerzliche WunOen zu ötnterEafTen, weichen, M er und fino drs ihm unhvorbnehn Instanzen Nicht unschuldig. Darum sollten sich die Proteste der Nationalen und ihres führenden Organes nicht gegen die Worte Weizmanns von heute, sondern gegen die von damals richten. Vom Sinn des Judentums. Von Direktor Dr. Elias in Fürth. (Schluß.) IV. Diesen Möglichkeiten, in denen alles, was das Judentum der Menschheit an Werten gegeben hat, keine Rolle mehr spielt, setzen Breuer und Birnbaum ein anderes Judentum entgegen, in MM. Fragen und Antworten. Von Rabbiner Dr. Kekir Kanter, Zwitta« (Mähren). Auf meine drei Fragen in Nr. 16 des ..Israelit" kamen der Redaktion und mir viele Antworten zu. von denen einige sehr treffend und belehrend sind, die aber aus Raummangel nicht im Wortlaute veröffentlicht werden können. Es fei mir gestattet, einen kurzen Auszug aus den eingetroffenen Antworten hier wiederzugeben. Was die erste Frage (Bar-Mizwo oder Konfirmation) anbelangt. so verweist Herr Rabbiner Dr. WlllLlersKlMllhllgen als Cinzillkr am Die, IM eg Weint. vielen unüefiannte Stelle in -s b^bid iüjdb die ihrer Wichtigkeit wegen hier wörtlich wiedergegeben zu werden verdient. Tieselbe lautet: INlpvi 13^1» 1"' p D’*HtnTn 3 v 3N3V "N pi narw ^ann^i pm^i hd pn pt '131 mim- »Ein schöner Brauch bestand in Jerusalem: Der dreizehnjährige Knabe wurde von feinem Vater von einem Gelehrten zum andern geführt, damit sie ihn segnen, ihn lim Glauben) befestigen und stärken und für ihn beten, daß er der Thora teilhaftig werde rc." Ferner verweisen die Herren Rabbiner Dr. Winkler und Dr. Bamberg er-Wandsbek. wie auch die Herren L. Schmerling in Zürich. Jakob Treßler in Nürnberg und Emil Breslauer in Breslau auf Kiduschin 63b, Nida 45b, Naftr 29b und Bereschit rabba. P. 63, sowie aus die bekannte Stelle int .rsi, der erklärt, daß die Bar-Mizwa eine naVn und die Festmahlzeit geradezu eine mxa hm miyo ist (unter Berufung aufnaVw hm v'). Auf letztere Quellen weist auch Herr Rabbiner Dr. Lazarus, Memel hin. Herr Wolf S. Jakobson-Hamburg (derzt. in London) verweist aus den vorzüglichen Aufsatz „Konfirmation und Judentum" im „Jeschurun" 1885. Jahrgang XVIII., Nr. 16, Seite 241, der, wie er vermutet, keinen Gerinqern als S. R. Hirsch zum Verfasser hat. Die Bar-Mizwa als Konfirmation ist nach Dr. Winkler unjüdisch, derselben Ansicht ist auch Herr Jakob Tctzler in Nürnberg. — Was die zweite Frage anbelangt, so kommt der Ausspruch nmy n"nvn ih nax'rp na te in Pessachim 86 b und 'ew p^s p^ *]*n vor. lieber den Nachsatz und die Bedeutung von KXa pn find bxe geteilt, meisten fceljcmpejTj baH bittre Nachsatz dre tingtklammrel ist, nickst gnm Texte gehört und ein späterer Zusatz ist, wie dies Herr Rabbiner Dr. Lazarus. Memel, mit der Tatsache beweist, daß nihn nicht ansührt, dagegen pa o.vnx* Hingegen teilt Herr Dr. Bamberger-Wandsbek, mit. daß in einer Taldmudausgabe aus dem Jahre 52 2 (1492) dieser Nachsatz bereits oorkommt. Interessant ist auch die Bemerkung des Herrn Dr. Bamberger, der in den Worten axa pn eine Abkürzung von tio'K *7xa pn vermutet. Herr L. Schmerling in Zürich steht es ebenfalls als eine Abreviatur, u. z. tnp'SK pm )’a an. Herr Wolf S. Jakobson verweist aus n"v jrp v"n nTiK und die Erklärungen von npjr und tpr> tpy und Herr Rabbiner Dr. Winkler beruft sich auf den -»^t niK 'n pns p*nrr rjnn nman- - Was nun oie dritte Frage bezüglich der anderen Lichtkörper, außer Sonne und Mond, anbelangt, so möchte ich aus h"n pns ansio rüo» verweisen, wo erzählt wird, daß Abraham für die Söhne seiner zweiten Frau Ketura eine große Stadt aus Eisen errichtete, wohin niemals ein Sonnenstrahl drang (v333 *6 D*?iya wawm)* Er gab ihnen aberkostbare Steine (Mineralien), die die Sonne ersetzen sollten. Und dieser kostbaren Steine wird man sich einst bedienen, wenn — nach Jes. 24, 23 — Sonne und Mond außer Funktion gesetzt werden. Diese Steine sind dazu bestimmt, die Sonne zu ersetzen. Wörtlich heißt es mma triaa hm ppcn an1? naat nan TannV rrapn Tmnpa mh T>nyb pwariwa^ Van!? Q’T’ny patf — Ueber lichtausstrahlende Edelsteine verweist Herr Dr. Winkler aus Megilla 12 a, B. Batra 15 b, Sanhediin 108b. Jerusal. pegarfjtm I. zc- ^>err Hakob ^ejjler auf rra iirhw *n 'j?ns, -st Ptsststa NNans tin? Stelle im Sohar. Herr Rabbiner Dr. Lazarus.. Memel, auf Berachoth 58b., i"y 28b., Jeruschalmi n nshn rra n"*v Aus Raummangel kann die erschöpfende Abhandlung Herrn Tetzlers hier nicht wörtlich wiedergegeben werden. Allen Herren Ein» sendern bester Dank vom Fragesteller.