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Der Israelit · 1926-05-06 · Heft 19 (6.5.1926) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 19 (6.5.1926)
Date
1926-05-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 2 Nr. 10 der mit einem Mal abgestellt werden kann, sobald die Interessen der gesamten Nation auf dem Spiele stehen. Dann wird es nicht mehr Vorkommen, daß wir eine fremde Macht zum Richter im Bundesstreit anrufen, dafür können wir gemeinsam als Kläger gegen solche auftreten, die uns unsere Rechte schmälern oder gar rauben müsih , Daß Der heutige Wind, der in England weht, kein Frühlingsgesäusel ist, das uns Segen und Erfrischung bringen soll, hat Weizman am letzten Kongreß in Wien durchblicken lassen. „Die heutige Regierung Englands hätte uns keine Balfourdeklaration mehr gegeben", erklärte Weizmann unzweideutig. Derselbe Weizmann, der einst verkündigte, daß Palästina so jüdisch werden müsse, wie England englisch ist, ist nun heute von einem niederschmetternden Pessimismus durchdrungen. Der Abzug des jüdischen Oberkommissars Herbert Samuels aus Palästina war eine direkte Ohrfeige ins zionstische Gesicht, worüber v?is NNttUlW Milk THnSklifskrstk MkN -ürs?u, denn, obwohl ln erster Linie die Zionisten dadurch getroffen wurden, greift doch die Auswirkung auf uns alle über. So müssen wir leider feststellen, daß die englische Palästinapolitik Tag für Tag von ihrer ursprünglichen Richtlinie weicht, und daß sie das, was sie einst mit der rechten Hand uns gegeben hat, nun versucht mit der linken zurückzunehmen. Eine ähnliche Taktik hat die englische Politik auch bei den anderen Völkern des Mandatgebietes eingeschlagen. Zuerst hat sie die Regierung des Hedschas geschaffen und einen Araber-Staatenbund unterstützt. Als der Aufstand der Wahabiten einsetzte, hat sie dann plötzlich ihre Gunst vom Hedschas abgewendet; sie gab ihren einstigen Schützling — König Hussein — den Waha- £>iten preis* unb tjat es öiejen |o ermöglid^ i^n zu vernichten und sich seiner Herrschaft zu bemächtigen. Gleichermaßen verhielt sich die englische Politik auch Aegypten gegenüber. 1920 verkündete Lord Milner die formelle Freiheit Aegyptens. Sein Nachfolger, Lord Curzon, hob diese wieder völlig auf. Am 28. Februar 1922 gab Lord Allenby neuerdings eine nominelle Selbständigkeitserklärung Aegyptens ab, um die eingesetzte Volksbewegung zu beschwichtigen. Am 29. Noumb&v 1024, Anläßlich btv Mm englischen Gouverneurs, machte England Schluß mit der ägyptischen Freiheit. So ist eben die englische Buisneß-Politik, die ihre Fahne nach dem jeweiligen Winde dreht. Und wer weiß, ob sie nicht mit ihrer Geneigtheit, die Aguda-Politik zu unterstützen, dem Zionismus eine Falle stellt, um sich auf diese Weise ihrer Verpflichtungen dem Zionismus gegenüber zu entledigen. So berichten uns z. B. die Zeitungen, daß die englische Regierung das bestehende Gendarmeriekorps in Palästina auflösen und ein neues mit völligem Ausschluß der Juden bilden wolle. Wenn solche Dinge in Polen geschehen, schreiben wir es der antisemitischen Tendkvg dkl PvMWm NßMruvg gll. Womit wollen wir dissso Vorgehen aber in Palästina rechtfertigen? Soll unser Leben und Vermögen ganz dem Schutz unserer Araber- Feinde ausgeliefert sein? Auch wirtschaftlich sehen die Dinge garnicht rosig aus. Ein offizielles englisches Communique besagt, daß im verflossenen Jahre 33 800 Juden eingewandert, 2500 dagegen ausgewandert sind. Wir vernehmen dort fortwährend Berichte, wie Fabriken und Unternehmungen nacheinander schließen müssen. Die materielle Krisis, wie sie heute in Polen, Deutschland und Litauen herrscht, hat auch die palästinensische Judenheit hart betroffen und deren Position furchtbar erschüttert. Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten in einem Qüoffj das In allen Q3mLr{4j{wngsn streut ist, lasten sich wohl nicht vermeiden, doch trat oft der Fall ein, daß, wenn dem Volk von irgend einer Seite Gefahr drohte, alle inneren Gegensätze plötzlich verschwanden und das Volk sich als geeintes Ganzes wie ein Phönix sich ere i üs louii Blätter hob, um feine gemeinsame Stellung zu schützen. Weshalb füll ein solches Zusammenkitten der zerrissenen Glieder nicht auch jetzt stattfinden können? Sollen wir noch warten, bis sich die politische und wirtschaftliche Gefahr verschlimmert und jede Rettung ausschließen wird? Ein kräftiges Eingreifen der gesamten Judenheit kSllllkk Slk MWc msj $HS)B?mni mmulst marschieren, aber vereint schlagen, besagt eine alte Devise. Doch Herr Goldschmidt hält jegliches Kompromiß für unmöglich, er sieht in ihm nur einen „Trieb des guten Herzens, das die Reihen der Brüder sucht, die auf ihren Tafeln versklavendes Diktat der Völkermode haben gravieren lasten, statt freigebende Gottesschrift". Aber wem? dem so wirklich ist, daß ein Kompromiß in den Bereich des Unmöglichen gehört, so wollen Sie mir doch, guter Herr Goldschmidt, erklären, wieso erst kürzlich unsere Führer eine solche Sünde oder Dummheit begangen haben und nsch Löndon uni) Wien gegangen finö, um mit den Zionisten über den Eintritt der Aguda in die zionistische Jewish Agency zu verhandeln? Dann scheint doch die Sünde nicht so arg zu sein und so darf doch auch uns gestattet sein, darüber ein Wörtchen zu sagen. Was und wie in London verhandelt wurde, das gehört in den Bereich der Geheimdiplomatie und so will ich von den mir als Zentralratsmitglied hierüber zugegangenen Vertrauensberichten keinen öffentlichen Gebrauch machen. Doch soviel ist auch in der Öffentlichkeit bekannt, daß die Zionisten der Aguda die gewünschten Garantien nicht leisten wollten. Aber da hat mich die sonst geschickte Aguda- Diplomatie ein wenig verlegen gemacht. Glauben denn unsere Führer wirklich an den reellen Wert einer papierenen, gionistischen Garantie? Wieviele Garantien hat der Misrachi von ihnen bereits bekommen! Doch wie oft wurden sie in gröbster Weise verletzt! Die einzig denkbare Garantie liegt wohl in unserer eigenen Potenz, in unserer inneren Stärke und unserm Selbstbewußtsein. Wäre der Misrachi seinen Prinzipien treu geblieben, so hätten wir heute, um mit Breuer zu sMchsn, im ZisuiAmUA fdind „MmpfoiMnisation gegen die Herrschaft Gottes" zu sehen. Der Misrachi hat sich überrumpeln lasten. Das Gebot hat er der Not geopfert, von seiner Macht nie Gebrauch gemacht, bis er endlich zusammenbrach. Der Misrachi hat seine Rolle ausgespielt und sein Ansehen sowohl bei den Zionisten wie bei den Orthodoxen ganz eingebüßt. Ein anderes Bild aber bietet die felsenfeste Aguda, bei der die Thora kein politisches Hasardspiel ist, sondern innere, tiefwurzelnde Überzeugung, bei ihr können niemals solche Erscheinungen zutage treten. Gewiß, die Zionisten haben sich 50 Prozent m 6iU an Mr Okwisy Agency MichM, WN8 allerdings dem demokratischen Charakter durchaus widerspricht. Doch ist dies kein genügender Grund, dieselbe zu boykottieren. Wir werden durch ein Fernbleiben soviel ausrichten, wie die „Aventi-Opposition" in Italien ausgerichtet hat. Demonstratives Zurückziehen ist ein Zeichen der Schwäche und der Selbstverleugnung. Und ich wiederhole, daß die Aguda im Kampfe für die Wahrheit sich in der Jewish Agency unbedingt Gehör verschaffen wird, denn schließlich haben doch nicht alle, Zionisten die Gesetzestafeln zerbrochen und sich zu Feinden Gottes gestempelt, und die 50 Prozent Nicht-Zionisten werden wühl auch Verständnis für unsere gerechte Sache haben. Wo sin jüdisches Herz lebt, wurzelt auch noch Misch? Wohl schlummert fis bei Un meisten Zionsten, und der Misrachi besaß weder die Kraft, noch den entschlossenen Willen, sie zu wecken. Das soll aber die Aguda tun! Sie soll eine Brücke schlagen zwischen Herz und Seele, Gefühl 6.mail92ß und Verstand, dann wird der min wieder zu. min werden! Zum Schlüsse möchte ich nicht verfehlen, Herrn Goldschmidt meinen verbindlichsten Dank auszusprechen für die schöne biographische Schilderung, die er mir in seinem Artikel „Herz und Verstand" widmete, die zwar etwas verfrüht kam, öa ich M üb? FM? mm 3uMäumi 88ch kttchk angelangt bin. Doch, lieber Herr Goldschmidt, scheint mir der erste Teil ihrer Schilderung mehr Ihrer Phantasie entsprungen zu sein und wenig auf Wirklichkeit zu beruhen. Sie zeichneten meinen Lebenslauf in dem Sinne, daß mein gutes Herz mich von Haus aus zu denen trieb, die aus dem gleichen Grunde die gänzliche Ignorierung des Thoragesetzes betrieben haben. Daß mich dann die bitteren Erfahrungen zwangen, Schritt für Schritt vom Zionismus abzurücken. Hier sind Sie, mein verehrter' Freund, auf fcfytefe (Ebene geraten, urtb ich ge^icrtle mtr, gn Bhrer Orientierung scstgustcllen, daß ich solange fest zur Aguda halte, wie diese selbst besteht. Nur kann ich mich nicht als Drillsoldaten, der sich der Disziplin seiner Vorgesetzten sklavisch zu unterziehen hat, betrachten, sondern muß auf dem Standpunkt eines freien Beobachters beharren, der mit kritischen Augen alles durchblicken will. Obwohl ich unerschütterliches Vertrauen zu unserer Leitung habe, sei es mir jedoch gestattet — und es ist vielleicht auch im Interesse der Aguda — manches einer Kritik zu unterziehen. Aguda heißt nicht faszistisches Diktat ausüben und die Opposition mundtot machen; das meinen Sie schließlich auch nicht, verehrter Herr Goldschmidt. Agudist sein heißt auch nicht gleichzeitig Isolierung predigen, denn der biblische Ausdruckniurr rma betaetfi sbsn, daß Aguda und Achdut ksins von der Natur aus bestehenden und angeborenen Kontraste sind. Agudismus heißt selbstredend auch nicht, das Herz zum Sklaven des gebieterischen, hartnäckigen und unversöhnlichen Verstandes zu machen, denn tatsächlich war es der Verstand, der mich zur Aguda führte, und mich zu ihr als der einzigen, wahren Vorkämpferin und Beschützerin der Thora mich bekennen ließ. . Doch das Herz wird oft über manche Wegeuud Mittöl, Aid vStt ihV ättgöwöttdöL wnedött, er^1 bitten und diesem Schmerz verlieh ich in einer Reihe von Aufsätzen und durch mündliches Auftreten Ausdruck und ich glaube, daß diese Bekenntnisse und Aeußerungen ihr Ziel nicht verfehlt haben. Die Taktik der Aguda wurde beinahe auf der ganzen Linie zum Guten geändert. Und so hoffe ich, daß unsere Zukunftstätigkeit auf dem Wege der Mäßigung und der Versöhnung weitergedeihen werde, um eine völlige Harmonie zwischen Herz und Verstand bei mir und tausend anderen herzustellen. Auch will mir scheinen, daß ich durch'meinen letzten Artikel einen gewissen Erfolg erzielt habe. Vielleicht ungewollt hat sich auch Herr Goldschmidk von der miirantmt anftßffon lassen, und der Ton seines jetzigen Schreibens klingt schon viel weicher und gemütvoller als sein „Gescchrartikel" in Nr. 7 des „Israelit" vom 14. Februar. In diesem Artikel sieht Herr Goldschmidt nur in seinem „Paß die wahre Nationalität" und schaltet die jüdische Nationalität ganz aus. Heute legt Herr Goldschmidt das Bekenntnis ab, daß jeder Jude ist, der von einer jüdischen Mutter geboren wurde. Untreu wird man nur dem, welchem man Treue schuldet, usw. Ich empfinde in dieser Geste des Herrn Goldschmidt eine teilweise Umstellung seines Gedankenganges und freue mich, diese bei ihm erzielt und einander uns genähert zu haben. Und ^c» wollen wir k^o^en^ b«^ d«ld b«s Miorgeurvi aussGeinen und die Verheißung des Pfalmisten in Erfüllung gehen werde. (n"Dp D^nrO rnrr nb mninw tstd?n:nn Und wie es der Talmud Jeruschalmi (t"ö rwp so herrlich kommentiert: mb nt bump' 'n-QN'vn ö’Vvit

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