Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1926)
- Date
- 1926-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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29. April 1926. sigen Verhältnissen ist allen Ernstes zu befürchten, daß dieser — nicht etwa ein Schächtverbot, nein! Antisemiten gibt es bekanntlich im gesegneten Bayern nicht! nein — nur den Betäubungszwang für alle Schlachttiere aus- {fre4en ralvii. Öoffte kt^er MZll ZLlingen, so sind bereits die einleitenden Schritte getan, damit diese Vorschrift vermittelst des in Vorbereitung befindlichen neuen Strafgesetzbuches auf das Reich überragen wird. Selbstverständlich ist das Schächten die grausamste Tötungsart für Schlachtvieh, wovon sich jeder überzeugen kann, der sich für ein Eintrittsgeld von 20 Pfennigen in den Schlachthof begibt, wo es erlaubt ist, dem Schächten zuzusehen. Damit auch der Hohn nicht fehle, wird in der Eingabe des Tierschutzvereins unter anderem darauf hingewiesen, daß ein großer Teil der Juden gar kein Interesse an geschächtetem Fleisch habe, und ein anderer Teil zwar zu Hause Koscher-Fleisch verwende, aus Reifen aber oder bei Einladungen usw. auch anderes Fleisch genieße, so daß eigentlich nur eine geringe unbeachtliche Zahl übrig bleibe, für die das angeblich so grausame tierquälerische Schächten notwendig sei. Nun hätte man glauben sollen, daß sich wenigstens das hier erscheinende zionistische Blatt, das „Jüdische Echo", für eine solche wichtige Sache ins Zeug lege. Aber weit gefehlt. Der inzwischen ausgetretene Redakteur dieses Blattes, vermutlich einer, dem jede Kenntnis von jüdischen Dingen abgeht, druckte einen Auszug aus der Eingabe des Tierschutzvereins ab und stellte die Frage hübsch akademisch und kühl zur Diskussion. Eine solche findet allerdings nicht statt, da die jetzt maßgebenden Personen jedes laute Wort in dieser religiösen Angelegenheit fürchten. Das sind dieselben Zionisten, die sonst nicht genug von den schlechten „Ghettositten" zu schreiben wissen, die ein mannhaftes Auftreten vor der Oeffentlichkeit verlangen, natürlich aber nur dann, wenn es sich um eine nationale Phantasie handelt, deren Verwirklichung im Ernst um MlW smflrtet. Sv müssen wir denn die Entwicklung der Sache abwarten, und hoffen, daß wir noch einmal vor diesem Schlage bewahrt bleiben. Ein interessanter Prozeß. Wien, 13. April. Herr Rabbiner Dr. Kanter, Zwittau, (Mähren) schreibt rms: Folgender Strafprozeß, der seit vier Tagen den Schöffensenat des Wiener Landgerichtes II. beschäftigt, dürfte nicht nur die Leser des „Israelit", sondern jeden Jehudi in hohem Maße interessieren. Es handelt sich um eine Betrugsaffäre einer großen Zentralmolkerei in der Nähe von Wien, die, wie von einwandfreier Seite festgestellt wurde, von Mitte des Jahres 1922 bis Oktober 1924 Milchfälschungen großen Stils betrieben hatte. Bei einer im Juni 1924 vorgenommenen Revision des Betriebes wurden nämlich eine sogenannte Homogenisierungsmaschine und in einem Behälter große Mengen flüssiger Rindstalg vorgefunden. Außerdem entdeckten behördliche Organe große Oelmengen und noch warmes zerlassenes Schweinefett. Der Geschäftsführer der Zentralmolkerei gab zu, daß er mit dem flüssigen Rindstalg die Magermilch „aufgefettet" und als Vollmilch verkauft habe. Diesem Zwecke diente eine eigene maschinelle Anlage, die es ermöglichte, große Mengen Milch zu entrahmen und diese Magermilch unauffällig mit Rinds- oder Schweinefett „aufzuwerten". Um diese Manipulation möglichst sachgemäß zu bewirken, wurde ein eigener Chemiker angestellt. Durch diese betrügerische Manlpulanon tuumn tsgli(t) übev 9~eua«f«*b qü« eniraiiAlii, Mt RMVSMlg UNll Schweinefett Milch in Wien in den Handel gebracht und es läßt sich kaum berechnen, wie viele Juhudim, die sonst vor m bvn jvniDK zurückschrecken, im Laufe der Jahre 1922 bis 1924 die „aufgewertete" Milch der unter Anklage gestellten Zentralmolkerei genossen haben. Aber nicht von diesen, die scheinbar im „guten Glauben" gehandelt haben, soll hier die Rede sein, sondern von denen, die der Ansicht sind, daß in'U n s e r e r Zeit derorm von voiv a^n nicht mehr in Betracht komme, da der Milchhandel fast überall behördlich kontrolliert werde. Der vor dem Wiener Strafgericht ausgetragene Betrugsprozeh hat das gerade Gegenteil bewiesen: Es gibt gerade in unserer Zeit auf chemischem Gebiete Mittel und Wege, um sich auch der wachsamsten behördlichen Kontrolle zu entziehen und sie ad absurdum zu führen. Wer daher jedem Zweifel aus dem Wege gehen will, beziehe feine Nahrungsmittel aus solchen Quellen, die über jeden Zweifel erhaben sind. Der Israelit Litauen. Die Sejmroahlen Kowno, 12. April. Am 8. uns. g. Mäi sinkst in Litauen Nie Wlchl IN aas Parlament statt. Die Achduth (Bereirckgung 8er Agudas Jisroel, Zreie Agudas Jisroel und unparteiische Orthodoxen) hat im Interesse eines einheitlichen Vorgehens sämtlicher Juden den Zionisten den Antrag gestellt, eine gemeinsame Liste aufzustellen. Die Zionisten paktieren aber mit den nationalen Minderheiten und anderen linksradikalen jüdischen Parteien, die in schroffer Opposition zur Regierung stehen. Dieses Vorgehen der Jüdischnationalen löste unter den breiten jüdischen Massen, insbesondere unter der Kaufmannschaft, größte Unzufriedenheit aus. Personalien. Berlin, 20. April. W. die I. T. A. berichtet, vollendete am 9. d. Mts. Dr. Bernhard Kahn, der Leiter des europäischen Werkes des amerikanisch-jüdischen Joint Distibution Committee, einer der markantesten Führer auf dem Gebiete der jüdischen sozialen Fürsorge in der Welt, sein 50. Lebensjahr; dieses Jubiläum hat dadurch seine Bedeutung, daß mit ihm die Vollendung einer 25jährigen Tätigkeit im Dienste der jüdischen Fürsorge zusammenfällt. Obwohl der mitten in einer schweren vielfältigen Tätigkeit stehende Jubilar sich jede Festlichkeit verbeten hatte, fanden sich dennoch in seinem Hause führende Persönlichkeiten und Abordnungen der großen jüdischen Verbände ein. Vom Hilssverein der deutschen Juden, dessen Generalsekretär Kahn von 1904 bis 1921 war, überreichte Dr. Paul Nathan dem Jubilar ein künstlerisches Album samt Adresse des Hilfsvereins. Im Namen des Verbandes der russischen Juden in Deutschland hielt Staatsrat Teitel als Führer einer Abordnung eine Ansprache. Vom Arbeiterfürsorgeamt überreichte Dr. H a a s e eine für diese Gelegenheit hergestellte Radierung. Es erschienen Vertreter der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, von der Gesellschaft „Ort", ferner Zöglinge ßsr iitjtmn <?artent>aufa,uu. ^r Tschersky gratulierte im Namen der Mitarbeiter des „Joint". Sehr herzlich gratulierte der Präsident des Joint, Mr. Felix M. Marburg, ebenso der Jüdische Parlamentsklub in Polen. Hetzdorf (Anterfranken). 12. April. Am 9. Nissan verschied im Alter von über 80 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit die Lehrerwitwe Babette B i e r s ch i l d. Ein tiefes, herzliches Bedauern erfüllte die ganze Bevölkerung unseres Ortes ob des Heimganges der allseits beliebten und geachteten Mitbürgerin. Die Beteiligung auch seitens der christlichen Nachbarn und Freunde an der Ueberführung gab Zeugnis von dem Ansehen, das die Verblichene sich durch ihr schlichtes, anspruchsloses Wesen erworben hatte. Obzwar von einem Hesped abgesehen werden mußte, entwarf der Schwiegersohn der Verewigten, Oberlehrer Anfänger, in kurzen Worten ein treffendes Lebensbild der Heimgegangenen. Wie ihr ganzes Leben von Gottesfurcht und tiefer Frömmigkeit durchweht war, ertrug die körperlich schwache Frau schwere Schicksalsschläge mit Gottergebenheit und seltener Seelengrötze. Als achtjähriges Kind zog die Entschlafene mit ihren Eltern in das hiesige Schulhaus ein, woselbst sie nach dem Tode ihres edlen Vaters als Lebensgefährtin eines herrlichen Gatten walten konnte. Und es war ihr noch vergönnt, die beiden Söhne ihrer wiederum in demselben Lehrhause verheirateten Tochter heranwachsen zu sehen. Mögen ihr nach einem entsagungsvollen Leben die Wonne:, dos ps p beschieden sein. frnsan- Sontra, 18. April. Anstelle des von seinem Amte als Gemeindeältester zurückgetretenen Viehhändlers Hermann Katz 1 wurde Buchdruckereibesitzer Simon Heilbrunn von der Gemeindeversammlung einstimmig gewählt und landratsamtlich bestätigt. Nachdem der seit 20 Jahren das Amt eines 1. Gemeindeältesten bekleidende Kaufmann B. Löbenstein nach Osnabrück verzogen ist, wurde für ihn Viehhändler Ferdinand Heilbrunn gewählt. Sontra, 18. April. Hier starb das älteste Mitglied der jüdischen Gemeinde. Händler Rüben Bachrach im 85. Lebensjahre. einer Der alterten Fewzugsteilnkyillks m 1870)71. . Ansbach, 22. April. Am vin Bwn '3 erfolgte in unefrer Gemeinde die feierliche Amtseinführung des neugewählten Rabbiners Herrn Distriktsrabbiners Dr. Elie Munk aus Berlin. Im Gemeindesitzungssaale ging der amtliche Teil vor sich. Von dem bisherigen Verweser des Rabbinates Herrn Distriktsrabbiner Dr. Weinberg aus Neumarkt dorthin geleitet, begrüßte der Vorstand der Kultusgemeinde Ansbach, Herr Ludw. Dietenhöfer im Namen der Gemeinde den geistlichen Führer mi warmen Worten, worauf die Verträge unterschrieben wurden. Nun erfolgte die Borste,ung der fast aus allen Distriktsgemeinden erschienenen Vorsteher und Beamten. Im Namen der ersteren hieß Herr Neumann-Gunzenhausen, namens der letzteren Herr Hauptlehrer Levite- Gunzenhausen das geistige Oberhaupt des Distrikts herzlich willkommen. Eine Schülerin begrüßte unter Ueberreichung eines herrlichen Blumenstraußes ihren zukünftgien Lehrer. In feierlichem Zuge wurde Herr Dr. Munk in die festlich geschmückte Synagoge geleitet. Ein mächtiger Knabenchor entbot hier den Willkommengruß. In tiefempfundener Rede übergab Herr Distriktsrabbiner _Nr. 18 Seite 7 Dr. Weinbk en Amtsbruder das Seelsorgeamt. In ro. er Rede gelobte Herr Distriktsrabbiner -. . le der Gemeinde, Treue dem Distrikt und edle Duldung gegen jedermann. Einige Gesänge des Kantors trugen zur Vervollkommnung des feierliche« Aktes bet. Sm tfteftaurant Jochsberger kllM »Ufty g«miitttc^e fielt tzu fetn^Ui -IDtÖQß Dllö Wirken des neugewähltxn fyevrn Rabbiners De. HRunf von reichem Erfolg gekrönt sein. Hann. TNünden, 25. April. Dem israelitischen Lehrer der hiesigen Synagogen-Gemeinde, Herrn Theodor Wertheim, ist in Anerkennung seiner Verdienste um das Krieger-Vereinswesen das Kriegervereins-Ehrenkreuz 2. Klasse verliehen worden. Herr Lehrer Wertheim gehört dem hiesigen Reserve-Landwehr-Verein 31 Jahre an, solange wirkt er auch schon in der hiesigen Synagogengemeinde. Frankenwinheim. 23. April. Zu einer Kundgebung, wie sie nur vom Herzen kommen kann, gestaltete sich das 50jährige Ortsjubiläum unseres Lehrers Herrn Jos. Kiss i n g e r hier. Den Auftakt zur Feier bildete ein Festakt am nar in der Synagoge. In einer trefflichen Rede schilderte Herr Vorstand Kahn das mustergültige Wirken des Jubilars als vorzüglicher Lehrer, als nnw» enw und als ausgezeichneter?m, Besonders gerühmt wurde das seltene aon miwa des Gefeierten omvb pai v"n8 pa- Als Beweis, wie der Jubilar die w,» von crmis noaan übte, fei nur erwähnt, daß derselbe seit 40 Jahren ein Zimmer für Schlafgelegenheit für die dvi-iik stets bereit hält, und sie zum Frühstück einlädt. Der Sonntag war ein Festtag für die ganze Dorfgemeinde. Der Jubilar wurde von allen Vereinen mit ihren Fahnen unter Musikbegleitung, umringt von Ehrendamen in weißer Kleidung, ins Festlokal abgeholt, das im Nu überfüllt war. In prächtigen Ansprachen des Bürgermeisters und der Vereinsvorstand und andere prominente Persönlichkeiten wurde das edle Wirken des Jubilars gefeiert. In bewegten Worten dankte der Jubilar für all die Ehre und Liebe die ihm erwiesen wurde. Die ganze Veranstaltung war ein vvn in des Wortes wahrster Bedeutung. Wir rufen dem Jubilar ein aa-> ips zu. mv v'-ivsi mw ix- Niederwerrn, 16. April. Am 30. p'a wurde eines unserer ältesten Mitglieder, Hirsch Lion, zu Grabe getragen. Der Verblichene war ein echter Jehudi, der gleicherweise die Pflichten gegen seine Mitmenschen und still Älltklillll? Wie auctj gegen <Boii erfüllte, heldenhaft. wie er am Kriege 1670/71 teilgenornrne« hatte, trug sr auch ein herbes Geschick, das ihm ein Jahrzehnt lang Körperkraft und Augenlicht versagte. Bei der Beerdigung, an der auch der Kriegerverein teilnahm, brachte sein Sohn, Her Lehrer Lion von Grünstadt in tiefempfundenen Worten zum Ausdruck, wie alle seine guten Eigenschaften aus der einen eines n-nw rs, entsprungen seien. Möge n*apn seinen Angehörigen nam senden rraxan- Rotenburg. 18. April. Seinen 80. Geburtstag beging in körperlicher und geistiger Frische Rüben Löwenstein in Reichelsdorf, ein Veteran von 1870/71. Er machte den Krieg als Feldgendarm im Stabe des Kronprinzen Friedrich mit und erfreute sich großer Achtung und Beliebtheit. Er war in hiesiger Gegend als der „alte Feldgendarm" bekannt. Sprechsaal. Berlin, den 26. April 1926. Knorr und Knubben. Zu meinem lebhaften Bedauern bin ich durch die Erwiderung des Herrn .Dr. Bieberfeld in Nr. 17 Ihres gesch. Blattes genötigt, Ihre Spalten nochmals in Anspruch zu nehmen. Ich habe den Nachweis erbracht, daß der Satz, der mir von ihm in seinen Ausführungen in Nr. 15 des „Israelit" in den Mund gelegt wird, von dem liberalen Führer, Herrn Prof. Türk, herrührt. Ich habe ferner darauf hingewiesen, daß in dem ominösen Vertrage zwischen Hauptgemeinde und „Reform" ausdrücklich festgesetzt ist, daß die Gemeinde nicht verpflichtet ist, bei einem eventuellen Neubau der Reform einen Beitrag zu leisten. Und trotzdem soll in demselben Vertrage die Dringlichkeit der Errichtung eines Gotteshauses für die Reform anerkannt werden? Daß meine Antwort Herrn Dr. Biberfeld nicht sehr angenehm berühren würde, muhte ich voraussetzen. Nicht voraussetzen konnte ich, daß Herr Dr. Biberfeld auch nach Klarlegung des Sachverhalts noch bei seiner Behauptung fclet berr roiirbejjÜiber her fragliche in \>em SBericl)!: \Wl meindeblatt", wenöet Herr Dr. Ä. ein. Gerade Herr Dr. B. ist journalistisch genug geschult, um zu wissen, daß es sich hier nicht um ein stenographisches Protokoll handelt, sondern um einen Bericht, der das Wichtigste der 4—5stündigen Verhandlung auf wenige Spalten zusammendrängt. Daß dabei Fehler und Ungenauigkeiten unterlaufen können, ist selbstverständlich. Die weitere Frage, warum ich nicht den „deutlichen und kräftigen Protest" eingebracht habe, der nach Meinung des Herrn Dr. B. hier unbedingt erforderlich war, erledigt sich sehr einfach. In dem Referat des Herrn Prof. Türk, soweit es sich mit dem Vertrag befaßte, befand sich nichts, was zu einem Protest Veranlassung bot. Wenn er im Anschluß daran die Meinung aufstellte, daß ein Neubau dringend nötig sei, so verpflichtete dies nicht zu einem Widerspruch meinerseits. Gegen die Fassung der Tückschen Rede in dem Bericht des Gemeindeblattes konnte ich deshalb nicht gut protestieren, weil ich sie erst nach dem Druck — wie jeder andere Leser — zu Gesicht bekam. Auch konnte ich im März 1924 unmöglich voraussehen, daß man im April 1926 die ungenaue Fassung eines