Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1926)
- Date
- 1926-04-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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De»re 4 Nr. 18 29. April 1926 NSUSL ZuSsnturu. ritt ZuLsnturn Lex Sölf59«m«tn|i)afi zu {Raffen. Zionismus und Orthodoxie — diese zwei Pole jüdischer Geistesrichtung — sind auch zugleich die einzigen zwei Sy st e m e jüdischer Geschichtsphilosophie, die diesen Namen v e r d i e n en. Was dazwischen liegt — mag es Liberalismus, „Volkismus" usw. heißen — sind Konjunkturgebilde und vom Standpunkte unserer, mit Jahrtausenden operierenden Geschichte nicht mehr als Eintagsfliegen. Nur der Zionismus und die Orthodoxie wurzeln tief in der Geschichte. Die Orthodoxie haftet am Gewordenen, wir suchen Kräfte, die für das Werdende reif sind, zu sammeln und zu aktivieren. Aber wie die Orthodoxie, sind auch wir durchtränkt von Geschichte. Auch wir datieren unseren Werdegang nicht nach den Meilensteinen fremder Geschichte. Nicht die französische Revolution, nicht die Umwälzung des Jahres 1848 sind für uns Epochen unseres historischen Geschickes. Wie für die Orthodoxie, so ist auch für uns die Bundesschließung am Sinai, die uns das Gelobte Land verheißen hat, der Beginn unseres historischen Weges und die Vernichtung des unabhängigen jüdischen Gemeinwesens — das schicksalschwerste, größte Ereignis unserer Geschichte. Mögen die Orthodoxen diese Ereignisse mit anderem Geiste erfüllen — die Tatsache unserer bewußten inneren Verknüpfung mit den Urquellen unseres historischen Seins bleibt sowohl für die Orthodoxie, wie für den Zionismus — aber auch nur für diese beiden geistigen Einstellungen im Judentum — in gleichem Maße bestehen. Während aber die Orthodoxie die Phase des Judentums, die sie repräsentiert, als die letzte betrachtet und jegliche Entwicklung über sie hinaus als Ketzerei verwirft und verwerfen muß, schließen wir die Orthodoxie mit in das System unserer Geschichtsauffassung ein; wir würdigen sie voll und ganz als Ausdruck einer großen historischen Epoche, erstreben aber sehnsüchtig ihre Ueberwindung, denn wir haben aus der Geschichte die Botschaft einer neu einbrechenden Periode, eines neuen jüdischen Seins uernommen. ©ie ©rifjobo^te ist für rxrxs bte Snfar. nntton der langen Wüstenn-andernng im Galnchi wir haben Mut zum kühnen Plan, das Tabernakel der Orthodoxie durch den Tempel des jüdischen nationalen Gemeinwesens zu ersetzen." Soloweitschik unterscheidet hier zwischen „G e - setzestreuen", die, wie die Misrachisten, „ihre religiöse Empfindungswelt in das System der nationalen Güter einordnen", die die „Suprematie des nationalen Prinzips" über die Thora praktisch anerkennen und der 'O r t h o d o x i e , die — im Gegensatz zum Misrachi — nicht eine Richtung im Judentum, sondern d,L s Judentum sein will. Demnach hat also — gewiß im Gegensatz zu den Zielen, die den Gründern des „Misrachi" einst vorschwebten — die Wirksamkeit des Misrachi innerhalb des Zionismus ii: Verbindung mit dem leidenschaftlichen Kampf zahlreicher Misrachisten gegen die Orthodoxie in einem immerhin doch urteilsfähigen zionistischen Hirn den Eindruck erzeugt, daß auch nach misrachi st ischer Anschauung nationales Interesse und nationale Einheit über dem Gotteswillen, über dem Herrschaftsanspruch der Thora in der jüdischen Nation stehe! Man muß leider zugeben, daß die trüben Erfahrungen der letzten Jahre — Universitätssrage, Kulturresolution des Kongresses, Frauenwahlrecht, Oberrabbinat, Gemeindegesetz, die ganze Haß-Ideologie des „Jüdischen Wochenblattes" — Herrn Soloweitschik das Recht zu seiner Feststellung vollauf gewähren. Männer wie Prof. Pick,, Hans Goslar, die nicht auf den Kampf gegen S. R. Hirsch und gegen Frankfurt eingeschworen sind, werden Soloweitschik widersprechen, aber wir fürchten, daß unter dem Mllsllltz aiMn Mismmc migraßnrooc aus gonÄ sehr bckld diö „HtNdiÄNllNg der religiösen Empfindungswelt in das System der nationalen Güter" vollzogen und damit die Relativität des religiösen Aflichtgedankens, die Abschüttelung des D'Biv maVo nVnp in seinem historischen absoluten Sinne auch bewußt zum Prinzip erhoben haben wird. Soloweitschik hat darum ganz recht, wenn er es gar nicht für nötig findet, sich mit seinen Gesetzestreuen auseinanderzusetzen, sondern seinen ganzen Geschützpark vielmehr gegen die alte, die historische Orthodoxie richtet, wie sie „Agudas Jisroel" vertritt. Aber diese dürfte mit der Auseinandersetzung schnell fertig sein. Wir bestreiten Herrn Soloweitschik das Recht, sich auf die „Bundesschließung am Sinai" zu berufen, deren Realität von der zio- D er Israelit_ lltsttfch^ll UUrB (jiehe IB ii I> n o w). Daß die Orthodoxie „das Nationale" schlechtweg bekämpft, ist eine Behauptung, bei deren Vertretung es Herrn Soloweitschik, wenn nicht alles Gefühl für Wahrhaftigkeit und Reinlichkeit in ihm erstorben ist, nicht wohl zumute fein kann. Die Orthodoxie bekämpft lediglich den Anspruch des nationalen Gedankens auf Suprematie über den Gotteswillen, sie bekämpft den Götzendienst des Nationalismus und behauptet die ewige Gültigkeit jener Bundesschließung am Sinai, die alle nationalen Elemente des jüdischen Bewußtseins zu dienenden Werkzeugen des göttlichen Lebensgesetzes weiht. Im übrigen wird die Erfahrung der Geschichte zeigen, ob die Orthodoxie in der Tat, wie Herr Soloweitschik gern möchte, verdorrt und lebensunfähig ist, oder ob ihr neu mit jedem Völkermorgen jugendfrisches Leben aus dem Urquell ihres ewigen Seins, aus ihrer ewig lebendigen Gotteslehre zuströmt. Sachverständige oder Parteivertreter? In der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung der Berliner „Jüdischen Gemeinde" bemerkte auf eine Interpellation M. A. Loeb der Vorsitzende des Vorstandes, daß man eine Aktion bei der Staatsregierung eingeleitet habe, um die Ernennung von drei jüdischen Sachverständigen beim preußischen Kultusministerium und zwar eines liberalen, ö! 7 ” * f* * f 7 ” SüS flnif f S W\ % i S 8 ' tiven durchzusetzen, welch letzterer jedoch nicht der unabhängigen Orthodoxie angehören dürfe. Mit anderen Worten: das Kultusministerium soll dem seit Jahrzehnten in uneigennützigster Hingebung neben Justizrat L i l i e n t h a l als Sachverständiger wirkenden Rabbiner Dr. Munk den Laufpaß geben, damit der Machtdünkel der Berliner Gemeindeorthodoxie eine Genugtuung erhalte. Niemals im Laufe zweier Jahrzehnte hat man gehört, daß Herr Dr. Munk, der wegen seiner mustergültigen Objektivität und vornehmen Gesinnung sich der Verehrung selbst seiner ehrlichen Gegner erfreut, und der an Gelehrsamkeit den Berliner Gemeinderabbinern wohl ebenbürtig ist, sein Amt als Sachverständiger für Parteizwecke mißbraucht habe. Die Akten des Kultusministeriums legen unwiderlegbaresZeugnis ab für die gewissenhafte, ängstlich abwagende Sachlichkeit seines Urteils und für feine taktvolle Zurückhaltung gerade in solchen Fragen, die etwa innerhalb des Kreises der individuell Gesetzestreuen strittig sind. Ein Versuch, das Gegenteil zu erweisen, der vor kurzem von seiten der Berliner Achduth als Einleitung zu der jetzt fortgeführten Kampagne unternommen wurde, ist unter der Wucht der aktenmäßige Belege elend zusammengebrochen und das Kultusministerium ist darüber am allergenauesten — noch genauer als die Oeffentlichkeit — unterrichtet. Was soll also das lächerliche und würdelose Schachern um „Sachverständigen-Mandate", das die Funktion des Sachverständigen erniedrigt und die Staatsregierung zwingen will, sich Der jener jüDtrcOen Mage mttn Bier 8Mt>ev\iianbtQen (benn bte unabhängige Apchydoxie wird in diesem interessanten Kampsspiel natürlich auf ihre Rechte niemals verzichten) nicht mehr als Sachverständigen, sondern als a u s g e - prochenen Parteivertretern herumzuschlagen? Was insbesondere auch der Sachverständige ür Zionismus im Kultusministerium zu uchen hat, ist uns, solange das preußische Judenum konfessionell und nicht national organisiert ist, völlig unklar. Wir nehmen an, daß eine Aufklärung von eiten der staatlichen Stellen genügen wird, um den „Landesverband" von der Torheit dieser aus wenig würdigen Motiven geborenen Aktion zu überzeugen. Vom Sinn des Judentums. Bon Direktor Dr. Elias in Fürth. (Fortsetzung.) III. Die Zeiten ändern sich, die nationale Bewegung erfüllte Europa mit ihrem Lärm und in ihrem Gefolge bricht sich der jüdische Nationalismus Bahn. Um dem zionistischen Ideal eine psychologische Berechtigung zu erweisen, macht Buber den ersten Versuch einer völkerpsychologischen Darstellung des jüdischen Geistes. Buber, mit dem Judentum von Geburt an vertraut, ein Meister der Sprache und Kenner der Seele, ist ein eigenartiger Interpret des Judentums, das er in leuchtenden Farben nach-- malt. Was ist, so fragt er, der Sinn unseres Judentums? Nicht dessen, was es fein sollte, sein, könnte, sondern des Judentums, wie es wirklich ist, wie wir es erleben, wie es uns beherrscht. Ist es Religion? Das war einmal! Ein Verhältnis zu Gott, das lebte und Leben erzeugte, ist dem größten Teil unter uns verloren gegangen. Hak er damit aufgehört, jüdisch zu sein? Mit nichten,. sagt Buber. Es gibt etwas, was diese Menschen heute noch wie ehedem zu Juden macht, und die Möglichkeit und das Recht gibt, Juden zü sein, Judentum zu erleben. Das ist unser Blut, das jüdische Blut, das uns mit der Vergangenheit und Zukunft zu einem zusammen gehörigen Ganzen verbindet. Der blutmäßige Zusammenhang mit all den jüdischen Geschlechtern vor uns und nach uns ist eine Tatsache, ist Subenfum- ® « r 6 i n « , B^n Bie|e^ QwBenlum für m i ch hat,, offenbart sich nicht in kennengelernten oder geschichtlich erworbenen Eigenschaften, sondern in Tendenzen, die in unserem Blute liegen, nin tnn ->3, denn das Blut ist die Seele. Einheit, Tat und Zukunft sind Tendenzen, die uns eigen waren, noch bevor sich die Juden aus dem Gewühl der orientalischen Völkergrupp' losgelöst hatten, so wie das Kind feine Keiman lagen mit auf die Welt bringt. Die Tendenz zur Einheit brachte die Juden zu dem ihnen eigenen Streben, die Vielheit der Erscheinungen begrifflich zu einigen und führte sie schließlich zur Erfassung des höchsten Begriffes der Begriffe, zum Gedanken Gott. (Buber hat sich, nebenbei bemerkt, dagegen verwahrt, mit dieser Darstellung die Wirklichkeit Gottes angezweifelt zu haben. Er wollte nur erklären, wie gerade die Juden zu diesem Glauben gekommen und wodurch sie dazu besonders prädestiniert waren.) Diese Tendenz führte sie schließlich auch zur Unterscheidung von Gut und Böse, weil sie die Sehnsucht weckte, sich aus einer Entzweiung zur Einheit zu erheben. Das Schwanken zwischen zwei Trieben wurde im Juden zuerst vor allen anderen Menschen als sittliche Hemmung, als persönliches Leid verspürt, er zuerst empfand den Zweifel: „was tun", in seinem tiefen Ernst, er zuerst hat das Bild von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, der ihm den Sieg der Einheit üben die Geteiltheit, des Ganzen über das Halbe bringen soll. Ebenso charakteristisch wie diese Tendenz ist die der Tat. Mit den Orientalen, deren ausgeprägiejle - (Er jc^etrtnrtg er t)ct± ber Jude ba& motorische Wesen gemeinsam, das ist der Wille zur Gestaltung der Dinge nach einem inneren Bilde; die Außenwelt ist ihm nicht hemmend, zielgebend und beschränkend, sie ist ihm Objekts Wochenkalender vom 1.-8. Mai 1926. vom 17.—24. Jjar 6686 Sam-rag Mai 1 “IMS 17 n pia Sonntag 2 18 isiya y'b Montag 3 19 Dienstag 4 20 Mittwoch 5 21 Donnerstag 6 22 Freitaq 7 23 Samstag 8 im vipm 24 7n dis Rausch Cbaudesch benschen. Mauled, Mittwoch morg. 9*'