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Der Israelit · 1926-04-22 · Heft 17 (22.4.1926) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 17 (22.4.1926)
Date
1926-04-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 17 Der Israelit der Liberalismus die Nachäffung zum Kult erhoben hat, vom „Lehrer der Gemeinde" der „Seelsorger in Ornat und Bäffchen" geworden. Aber auch da wollen wir nicht von Klerikalismus sprechen. Ist es aber Klerikalismus, daß der Lehrer und Mehrer der Thora, der kraft seines Wissens und seiner vom Weltgetriebe unberührten reinen Frömmigkeit sich nicht unter den Willen von Gemeinde und Volk stellt, sondern, ein treuer Wegweiser, diesem die Richtung zu Gotteshöhen weist, ist vaZ KlmrallZMM Mm wollen wir rcertrat bleiben bis ans Ende der Tage. Der Oberrabbiner erzählt seiner ahnungslosen Gemeinde von einem Rabbi Salomo Lurja, der Einwendungen gegen den Caroschen Schulchan Aruch erhob — weil er „eine Erstarrung des jüdischen Gesetzeswesens befürchtete." Und er verschweigt, daß die Einwendungen Lurjas, wie die Randglossen des Jfferles, aus den gleichen Gesetzesquellen schöpfen und genau wie Caro aus dem Bestreben heraus geboren sind, das jüdische Gesetzeswesen regulierend über den Willen von Wochenrundschau. Die Tore Amerikas bleiben geschlossen. Unzählige jüdische Frauen und Mütter, Greise und Kinder in den Ost- und Randländern haben die letzten Beschlüsse des Senates der Vereinigten Staaten Amerikas in Sachen der Einwanderung um eine Hoffnung ärmer gemacht. Nach all dem, was oorausgegangen ist, um eine Milderung der Härten im Einwanderungsgesetze zu erzielen, durfte man hoffen, daß der Weg zur Wiedervereinigung der auseinander gerissenen jüdischen Familien bald gegeben sein wird. Die von Kongreßmitglied P e r l m a n n und Senator V a - d o w o r t h eingebrachte Bill, wonach Eltern und minderjährige Kinder von Eingewanderten, die in Amerika bereits das Bürgerrecht besitzen, außer der Jahresquote zu den Ihrigen nach Amerika kommen dürften, war in ollen Kreisen so populär, daß man fte für gesichert hielt, um so mehr, ais ber ^rä|'bent Cvolidge, wie auch der Minister für Immigration, Davis, und zuletzt sogar der Schöpfer des Einwanderungsgesetzes selbst, Albert I o h n - s o n ihr das Wort redeten. Um so größer die Ent- Die Perle von Aegypten. Wir beginnen in der heutigen Nummer mit dem Abdruck einer längeren Erzählung unter obigem Titel, die die tragische Geschichte eines jüdischen Mädchens in ihren Einzelphasen und romantischen Verwickelungen verfolgt. Die Erzählung nimmt ihren Ausgang im litauischen Grenzstädtchen und spielt dann hinüber in andere Weltteile» die in der Golusgeographie des jüdischen Volkes kaum eine Grenzscheidung kennen. So unglaublich märchenhaft sich hier die Gefchickesverkeltung eines Menschen gestaltet, beruht doch das Ganze im Grundkern auf einer wahren Begebenheit, über die die Zeitungen seinerzeit berichteten und die in ihrer typischen Bedeutung ein trauriges Problem der jüdischen Emigration aufrollt. kleines Feuilleton. Verkappte Religion. Don K. Zlckij, Kaag (Holland). I. „D erkappte Religionen" ist der Titel eines Buches, das der kürzlich jung verstorbene Philosoph Carl Christian Bry im Verlag Perthes. Gotha erschienen ließ. Und er erklärt so: Religion kennt ein Tirsseits und ein Jenseits. Und sagt: der letzte Sinn Deines Daseins. liegt über Deinem Leben; ganz ölölchgültlg nile iirtb öß überhaupt bie einzelne Äe Uglon sich bas Jenseits ausmalt. Verkappte Gemeinde und Volk, über das Leben des Tages und der Stunde zu stellen. Chajes erlaubt sich, vor einer Gemeinde, in der wohl der überaus größte Teil nicht imstande ist, seine Angaben nachzuprüfen, zu erzählen, daß er „vierzig Prozent der Bestimmungen des Schulchan Aruch gezählt hätte, die in größerem oder geringerem Grade modifiziert wurden." Wir fürchten, die Wirkung dieser Behauptungen wird sich in Zahlen nicht mehr fassen lassen, die Fälle, in denen die „andächtigen Zuhörer" nach dieser Verkündigung die restlichen sechzig Prozent des Schulchan Aruch am eigene Must mollmmren msrnen, werken nicht mehr zu zählen fein. Wenn irgendwo, gilt hier das Wort der Mischna: nn zpDnai «vinn naiffn Tpa f'p'sv» p« o’am. Wir möchten keinen Teil haben an der Verantwortung derer, die einen politischen Volksverführer wie Herrn Prof. Chajes auf die Kanzel einer zur PflegederReligion bestimmten jüdischen Gemeinde gestellt, keinen Teil aber auch an der ethischen Gewissenhaftigkeit eines Mannes, der sich mit solchen Ideen noch für befähigt hält, den Titel eines Rabbiners zu führen. täufchung und Bestürzung, daß wider alle Erwartungen die Jmmigrationskommisf i o n des Senates sämtliche Milderungsanträge mit Stimmenmehrheit a b - gelehnt hat. Daß im Verlaufe dieser Session des Kongresses eine Erleichterung der Einwanderung noch zur Diskussion kommt, ist leider nicht zu hoffen. Somit ist die Aussicht auf eine Humanisierung der drakonischen Einwanderungsgesetze wieder in die Ferne gerückt, zu einer Zeit, da mitten in den unerträglich steigenden Wirtschaftsnöten im Osten Tausende auf diese Erleichterung ihre letzte Hoffnung gesetzt hatten. Jüdisches Kraftmeiertum. In der besonnenen deutschen Presse erheben sich nun ernstlich mahnende Stimmen gegen die Uebersteigerung der Sportidee in der deutschen Jugend, gegen den Versuch, aus dem Volke der Denker und Dichter ein Volk der Boxer und Fußballspieler zu machen. Wie müssen w i r Juden erst dagegen warnen, wenn von gewisser Seite versucht wird, die jüdische Arbeit von Kopf und Geist auf F a u st und F u ß zu verlegen und rrn Spart rrrrd Spiel Kräfte gw pergcnden, die wir für andere und höhere Aufgaben so bitter nötig brauchen. Dabei soll keineswegs von dem mäßigen Sport und Spiele zur Stärkung der Muskeln und Kräftigung der Nerven die Rede sein. Trau- R e l i g t o n mngegen kennt nur das Diesseits uud sagt: hinter Deinem gewöhnlichen Leben liegt eine noch nie realisierte Möglichkeit, der wir beikommen können und jetzt beikommen wollen und beizukommen gerade im Begriffe sind. Verkappte Religion sagt, daß die Majorität von uns noch nicht vollkommen ist, weil wir in unserer Erkenntnis zurückgeblieben sind und uns sträuben, die hinter der gewöhnlichen Welt liegende Wahrheit zu erkennen und anzuerkennen". Das Feld der verkappten Religion ist ungeheuer weit. Es geht von den Antibünden (mit dem Antisemitismus an der Spitze) bis zum Zionismus. Und das Alphabet kann man mehrfach besetzen. Natürlich muß z. B. nicht jeder Antialkoholiker, Antisemit, Zionist oder Psycho-Analytiker ein verkappter Religiöser sein. Wenn jemand Antialkoholiker ist und dieses mit Gesundheitsgründen rechtfertigt, hat er vielleicht recht, auf jeden Fall kann man darüber streiten. Erst wenn man nicht mehr mit ihm darüber streiten kann, erst wenn ihm die Antialkoholbewegung zur Weltanschauung geworden ist und er ausrust: ja. hinter dieser Bewegung steht die Hoffnung aus eine bessere, vollkommenere Welt, erst dann betritt er den Boden der verkappten Religion. II. Der Antisemitismus. Hier bringt Bry ein Beispiel, welches den Begriff der verkappten Religion uns klar macht, welches zugleich ergötzlich ist. »Man spreche einmal mit einem Menschen, dem etwa der Antisemitismus zur verkappten Religion geworden ist, über das Salzfaß auf dem Eßtis^ und sein besessenes, NgH ^ftÜffigUflg tzöllüMVA Seist rvitb nach zwei Tatzen bei vcr Acußermig cm» gekommen fein, daß etwa schon die alten Juden 22. April 1926 rig ist es aber, zu beobachten, daß, wie überhaupt bei dem Verhältnis der vom Lebenszentrum des^ Judentums abgewichenen jüdischen Kreise zur- Weltkultur, auch hier alle Auswüchse des Sportes wahllos mit übernommen und sogai7 mit Vorliebe gepflegt werden, zum Gaudium der vernünftigen Welt und zum Schaden für das Judentum. Jüngsthin trugen gewisse jüdische Zeitungen die Heileskunde durch die Welt, daß zum ersten Mal ein jüdischer Hungerkünstler in Berlin hinter dem Glaskasten gehungert und sogar am Nswrv gsschlagM Häm. Als 8h nicht das jüdische Volk als solches in seiner langen Leidens- und Hungergeschichte schon immer den Rekord geschlagen hätte! Kurz daraus kam die Hungerkunst einigermaßen in Mißkredit durch einige „Künstler", die neben der Kunst, tagsüber zu hungern, auch die Kunst verstanden, sich nächtlicherweise recht kräftige Nahrung zu verschaffen. Und man kann noch von Glück sagen, daß die entlarvten Hungerkünstler' keine Juden waren. Es wäre ernstlich zu wünschen und zu hoffen, daß wenigstens bei diesem widerlichsten und blödesten aller Sportefernerhin jüdische Namen ungenannt bleiben. Wenig Gewinn wird aber für uns auch dabei herauskommen, wenn von der ITA. nun in die Welt hinausgejubelt wird, daß ein jüdischer Boxer, Max Buchbaum vom Boxerclub „Makkabi", all seine Gegner niedergeboxt hat und daraus aus ist, bei den diesjährigen Kampfspielen in Köln sich den Titel eines Deutschen Boxmeisters heimzuholen. Wenn das nicht nützt! Leider aber wissen die Vereine und Instanzen, die die wenig beneidenswerte Aufgabe haben, sich mit dem Antisemitismus herumzuschlagen, daß sich dieser weder mit Hungerrekord noch mit der Boxermeisterschaft Niederschlagen läßt. Aber die anderen Waffen, die geistigen, die für diesen Kampf, wie auch für unseren Selbstschutz im Sinne der nationalen Selbsterhaltung so unentbehrlich sind, werden durch solches Boxerheldentum recht stumpf gemacht. Das sollte im Grunde auch der Reichsbund der jüdischen Frontsoldaten wissen, der uns, nebenbei bemerkt, nachdem ihn traurige Verhältnisse nötig gemacht'haben, rechtnützlich erscheint und in seiner bisherigen entschiedenen wie taktvollen Tätigkeit durchaus sym- MyisH ist. smn wäre aller sreiW etwas verwunderlich, daß er in feiner letzten außerordentlichen Hauptversammlung am 13. April den Sportfrage, die direkt gar nicht zu seinem Tätigkeitsbereiche gehört, einen solchen Spielraum gewährte. Der R. I. S. hält sich „in seiner bebeim Saizhandel in Phömzien i etrogen hätten oder daß der Prozentsatz jüdischer Angestellter in den staatlichen Salinen natürlich viel zu hoch sei. Er ist positiv unfähig geworden, das Salzsoß zu sehen. Er erblickt es nicht mehr in seiner Nüchternheit oder in seiner Schönheit, als Salzbehälter oder als Behälter von Streit und Tränen, als Gradmesser der ehelichen Liebe, als Anzeiger der Rkinlichkeit im Haushalt oder als Mittel, Flecken aus dem Tischtuch zu entfernen. Er sieht darin nur noch etwas, was ein anderer auch bei regster Phantasie in dem Salzsatz nicht finden kann: den Juden. Auch der Fromme.... sieht vielleicht das Salzfaß nicht als Salzfaß. Sieht vielleicht in ihm den beiligen Gral, oder es geht ihm die Bedeutung des Wortes vom Salz des Lebens auf ... . Er steht das Salzfaß neu. Dem verkappt Religiösen aber ist es einfach verschwunden, nicht da, weggezaubertz Auch alle Religionen und Philosophien haben einen Gedanken in der Mitte, ganz wie die verkappten Religionen; aber es kommt darauf an, was diesem Gedanke mit der Welt anfängt". III. Auch der Zionismus ist verkappte Religion geworden. Und das macht ihn so gefährlich, so bekämpsenswert. — Die Pflicht zur Besiedlung Palästinas hatte man ja vor dem Entstehen oer zionistischen Bewegung gekannt. Denn sie war dem jüdischen Volksbürger Nationalgesetz. Aber — und das ist der große Unterschied Gesetz unter 613 Gesetzen. Die Dorläoferin der zionistischen Bewegung, die Chowewei Zion z. B.. nahm sich dieses Gesetzes mit oewallmr Neve an. Aller ans iör war. genau wie Der Agnvas 316T0GI heule, die Kolonisation PalSstinas nicht Weltanschauungssache. Die Pflicht zun

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