Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1926)
- Date
- 1926-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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67* Jahrgang. 22. April 1926 Frankfurt a. M., den 8.' Nr. 17 Der Israelit J Ein Centralorgan lOr das orthodoxe Judentum II[01 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. UH R i Abonnement ab Januar 1884: Deutschland 1 Goldmark monatlich; Ausland: Mertel» dem deutsche» Inlandspreis zuzüglich Kosten des Stretfband-Ber» Schillings.-; Amerika 1 Dollar: England 4 sh.; Frankreich _ -v.a.v« x« utl. Holland 8 fl.; Italien 80 Lire; Jugoslawien 70 Dt«.; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien 800 Lei; Pole« 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 6 Fr.; Tfchecho-Slowakei 88 Kronen: Ungar«60000Kronen; Dänemark 8 Krone«; Norwegen 8 Kronen; Schweden 8.8V Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfenntge. Der Israelit erscheint seien Donnerstag. Inserate 40 Goldpf. für die stebengespalteuv Ronparetlle-Zetle. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 80 Pf. D1e78 mm breite Reklamezeiler letzte Tertseite 1.80 Mk., vorletzte TertiÄte 8.— Mk.; Thtffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbrtefportos. Rabatt »ach Tarif. Bet laufende» Jnserataufträge« tarifm. Preiserhöhung iederz. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch de» Berlag des Israelit G.m. b. Franks, a. M., Sr. Eschentzeimer Straße 88. Tel. Hansa 8848 fow. durch sämtt. Annoncen-Exped. des In» und Auslands. Alleinige Jnseratenann. für Franks. Geschäftsanzeigen: Int. Schmidt, Langestraße 7, n. Platzvorschrifte« ohne Verbindlichkeit. Zahlungen direkt an de« Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt lMai«) Nr. 19808. — Außerdem a«: Postsparkasse Wien Nr. 79806 — Postfparkaffenamt Budapest Nr. 18484 — Postscheckkonto Warschau Nr 190787. - Postscheckamt Zünch Nr. Vm78&4 — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr.84869 — Böhmische Nuionbank in Prag — Ban« Marmaroach Blank & Co. in Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins 1« Agram. - Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Ojjfevboi^äfaft des Wiener Obercabbiners. Der Oberrabbiner von Wien liebt es seit -Jahren schon, von Zeit zu Zeit von sich reden zu machen, insbesondere an Festtagen seine Gemeinde und die jüdische Welt mit einer Predigt zu beschenken, die als Sensation eine Zeitlang alle Gemüter beschäftigt. Am Rosch Haschonoh nach der Knessio Gedaulo war es derSchofar, den er wie die große Posaune des Gerichtes von der Kanzel herab gegen die Aguda und ihre Bestrebungen in Aktion setzte. Am ersten Peßachtage 5686 wetterte er — zeitgemäß wie immer — gegen den „jüdischen Klerikalismus" und ließ dazu das schwerste Geschütz aus jüdischer Geschichte und jüdischem Geistesleben auffahren. Der „Klerikalismus", das sei gleich vorweg genommen, dem der zionistische Oberrabbiner von Wien den Kampf bis aufs Messer geschworen hat und gegen den er hinter der guten Deckung feiner Kanzel immer neuen Zündstoff zur Explosion bringt, ist nichts anderes, als unser altes Judentum; das Judentum, das unter Donner und Blitz als Krönung der Befreiung aus Mizrajim auf Sinai verkündet wurde; das Judentum unserer Lehrer, von Moses bis Joseph Caro und von ihm bis zum letzten Rabbiner, der als Hüter der Tradition und nur als solcher Anrecht auf diesen Titel hat; das Judentum der schlichten Massen in Ost und West, Nord und Süd, die aus all der Geschichtsweisheit des Herrn Professors auf der Kanzel der Seitenstettergaffe nur das wissen, was uns in der Spruchweisheit der Väter verbürgt wird: daß nämlich „Moses die Thora empfangen hat am Sinai, sie weiter gegeben hat an Josua, dieser sie weiterleitete an die Alten" usw. usw. bis auf den heutigen Tag. Das ist der Klerikalismus, gegen den mit allen Waffen einer zurechtgestutzten und in den Rahmen einer bestimmten seelischen Einstellung gezwängten Wissenschaft anzukämpfen, sich Herr Professor Dr. Chajes schon nachgerade zur Lebensaufgabe gewacht hat. Dr. jpridfi von ber „g r o A e n r evolutionären Xat" Mosis, die darin bestanden haben soll, daß er die Gedankenlosigkeit, in welcher sein Volk genau so wie das ägyptische dahin lebte, überwunden und mit der er den Grundstein geschaffen habe, auf welchem das Gesetz des Sinai sich aufbaut. Ueberhaupt nichts inhaltlich Bestimmtes, sondern nur die Revolution gegen die geistige Untätigkeit. das ist alles, was Herrn Prof. Chajes die Senkung Mösts bedeutet, ttttd dt^f^ ist ihm auch damit nicht zu teuer bezahlt, baß sich die geweckte Aktivität des Volkes später gegen Moses selber richtete!! Wir erinnern uns, Aehnliches zum diesjährigen Pehachfeste nur noch von einer Stelle gehört zu haben. Die „Jüdisch Liberale Zeitung" schmückte ihre Festnummer mit einem Aufsatze des rühmlichst bekannten Jacob Fromer, der in Anknüpfung an die Schillersche „Sendung Mosis" und deren Quellen (die klassischen Dokumente des Antisemitismus) ungefähr in gleichem Tone von Moses und seiner „großen Revolution" spricht. Wiederum ein Beweis, wie sich Wien und Berlin, thoraleugnender Nationalismus, der eine Kanzel beherrscht, und radikaler Liberalismus, der eine Presse hat, im Kampfe gegen das überlieferte Judentum finden. Wie aus den Lehrbüchern des Liberalismus in seiner ersten Maienblüte abgelesen hören sich auch die Kanzelworte des Herrn Oberrabbiners über die Propheten an, die, vom Genius des jüdischen Volkes geleitet, „den Priestern entgegen traten und sieghaft gegen Erstarrung und bequeme Gedankenlosigkeit blieben." Der Herr Professor, der gern in Geschichte macht, weiß auch von einer Zeit zu künden, da „der Talmudismus in Erstarrung verfiel" und Kabbalismus und Chassidismus so zu sagen mit ihren Rettungsapparaten auffahren mußten, um aus der Erstarrung den lebendigen Geist des Judentums zu retten. Kennt der Herr Oberrabbiner eigentlich den Talmudismus und den lebendigen Strom, der ihn von seinen ersten Ansätzen bis zu den letzten „Chiduschim" des letzten Jüngers in all seinen farbenreichen Spielarten durchrauscht? Kennt er die Kommentare, die aus jedem Steine und Steinchen in diesem lebendigen Strome des Talmuds neues Leben zu schlagen suchen? Kennt er die ungeheure, bis auf den heutigen Tag nicht abgeschlossene Responsenliteratur, die die Anwendbarkeit der talmudischen Halacha auf die neuen und neuesten Erscheinungen des Tages 'su prüfe« üüä sucht? Hst Uv $>m Oberrabbiner dieNeligionsphilosophie aus dem frühen Mittelalter, die sich ganz fern vom Geleise der Kabbala bewegt und die Muss a r l i t e r a t u r der Chassidimgegner im letzten Jahrhundert nie zu Gesicht bekommen? Weiß er nicht, daß die Kabbala selbst aus dem schöpft, was er „Erstarrung" nennt, aus der schriftlichen und mündlichen Lehre, und daß einer der prominentesten Chassidimführer, der „B a a l H a t a n j a", Mi! [einem nach Caro Bearößiteten „SHlllHM Aruch" seine Ehassidim ebenfalls auf dett „erstarrten Talmudismus" und dessen Konsequenzen für das tägliche Leben festlegt? Wie kommt ein Professor und Geschichtsforscher und Rabbiner, mit drei Kronen geschmückt, deren jede allein schon zu historischer Wahrhaftigkeit verpflichtet, wie kommt ein so dreifach Gebenedeiter dazu, aus zwei Nuancen im jüdischen Geistesleben, die nicht zuletzt auch durch äußere Notumstände bedingt waren, zwei Fronten zu machen, auf denen uni Leben und Tod, Geist und Erstarrung gekämpft wird? Wieso? Ganz einfach, um sich aus diesem Abbruch eine Barrikade gegen den heutigen Klerikalismus zu zimmern, unter dem er, wie schon oben bemerkt, die Thora-Autorität und ihre Vertreter versteht. Dieser Klerikalismus huldige der Anschauung, „ein einziger oder einige wenige hätten das Recht zu denken, und das Volk hätte nur ihre fertigen Denkresultate zu übernehmen, um sich an diese gebunden zu fühlen", der Klerikalismus erstrebt, daß „ein bestimmtes Amt oder Vertreter eines solchen souverän über dem Willen von Gemeinde und Volk stehen." Und das darf, so verfügt Dr. Chajes, vom Judentum nicht geduldet werden! Es ist erst jüngsthin an leitender Stelle unseres Blattes aufs eingehendste die ganze Erbärmlichkeit des Versuches gezeigt worden, mit diesem Wortgespenste aus der großen Politik im jüdischreligiösen Leben schrecken zu wollen, und es soll bereits Gesagtes und Bekanntes hier nicht wiederholt werden. Allein, machten wir auch dieses häßliche Wort aus dem Munde des Herrn Oberrabbiners ungesprocherr, stimmt das, was er zur Charakteristik des alten Gesetzes und seiner Vertreter über deren angebliche Machtgelüste und ihr Streben nach Alleinherrschaft sagt? Kennt er nicht die drei Postulate in der ersten Mischna der Vätersprüche, deren eines lautet: „Steller v i e l e S ch ü l e r a u f"! Ist es nicht auch heute vornehmste Aufgabe der Gesetzeshüter, in der Er- Umtim, ösß öis ThgM CMsil m $gml ist, die Lehre durch Schule und Jeschiwa in die Jugend, in die breitesten Massen des Volkes zu tragen? Der „alte Raw" wußte und weiß, daß sein Titel nichts anderes bedeutet als Pfleger und Mehrer der Lehre. Auf dem Wege vom „Rabbi" zum „Rabbiner" hat erst der Lehrercharakter des geistigen Führers seine Lücken bekomm, ist, wo