Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1926)
- Date
- 1926-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450388-2450404--73073-2530461- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
15. April 1926 Der Israelit Nr. 16 Sette 3 treue. Der ist unerläßlich auch für die Erhaltung -er Nation, wie er sie geboren hat. Daher.kommt es, daß der moderne Sprachgeist keine Formel findet, kein Wortsymbol zu prägen verstand für die Nationalart der Judenheit. Eine Nation ist sie nicht im Sinne der Natio- Eine Religionsnation ist sie nicht, denn sie hat keine Religion. Sie ist ein anderes, ohne Gleichen, ohne Aehnlichkeit, ohne Vorbeispiel, und darum versagen alle Bezeichnungen der Weltsprachen. Am aulom, das Volk der Ewigkeit ist es nach Zeitdauer, ki am kodausch atoh nach Bestimmung. Zwar hatte Jisroel 1500 Jahre lang (mit Ausnahme von siebzigjähriger Unterbrechung) ein eigen Land mit eigener Sprache; und dieses Land ist dem Volk der Ewigkeit von seinem Gründer und Eigner als Ewigkeitsbesitz wieder zugesprochen, sobald es in der Verbannung für diessn Bssitz öle Neifkprkkk «bgelegt haben rvird otar, naä) Güttss Entscheidung, zur T«tr?ihrrng aus gänzlicher Untreue des reinigenden, entsühnenden Landes wieder bedarf. Doch der Boden machte Jisroel nicht zur Nation, und der Verlust des Bodens seit 1855 Jahren konnte Jisroel nicht entnationalisieren. Auch die Sprache vermochte weder die Nationalisierung noch die Entnationalisierung hervorzubringen. Seit Jahrhunderten sprechen elf Zwölftel der Judenheit das der deutschen Sprache entstammende und nahverwandte Jiddisch, das somit ihre Muttersprache im vollsten Sinne des Wortes zur Zeit ist, ohne es für immer etwa bleiben zu sollen. Jisroel hat auch keine Nationalkultur. Denn Kultur wird von der Nation erzeugt: Jisroels Kultur aber wurde nicht vom Volke entwickelt, sondern Jisroel wurde für die. ihm überantwortete fertige jüdische „Kultur", wir nennen sie Thora, gegründet. Auch sein Gesetz hat nicht Volks Ursprung, es wurde ja nicht für das Volk, sondern das Volk wurde für das Gesetz geschaffen. Nicht das Gesetz wandelte sich, wie sonst überall, nach den jeweiligen Volksbedürsnissen, sondern das Volk hat sich dem unwandelbaren Gesetz anzupassen, anzugleichen. . * Nur Thorafremdheit konnte auf den Gedanken verfallen, in Palästina eine thoralose Nationalstätte für das jüdische Volk zu begründen. Zwei Fragen wären noch zu erörtern; sie be- IrkllkN jisroels Verhältnis zu den Völkern. Eidliche Verpflichtungen^ hat Gstt dem IN die Verbannung ziehenden jüdischen Volke auferlegt: Erez Jisroel nicht mit eigener Kraft zurück zu ge- 2) S. R. Hirsch, Chaurew Kap. 96 nach Mass. Ksuwaus. . winnen, ist die eine. Es ist uns verboten, durch irgend ein äußeres Mittel den Besitz des Landes zu erstreben. Mit Mizwas Jischuw hoorez steht dieser Eid in keinerlei Widerspruch. Seit dem Untergang des jüdischen Staates hat es ununterbrochen im heiligen Lande eine jüdische Siedlung gegeben, die von Erez Jisroel-Geldern der Judenheit auf der ganzen Erde erhalten worden ist. Nachdem England Ordnung und damit die Möglichkeit größerer Ansiedlung m Erez Jisroel geschaffen hat, sind naturgemäß größere Mittel und stärkerer Kräfteeinsatz für die Erfüllung dieser Mizwoh aufzubieten. Daher das große Programm und die gesteigerte Tätigkeit der Agudas Jisroel für Palästina. An Rückgewinnung des Landes durch eigene Kraftentfaltung ist dabei nicht gedacht. Es ist leider nötig geworden, auch diese Tatsache hervorzuheben, obwohl in dem Kreise der Agudas Jisroel glücklicherweise ein Zweifel dieserhalb nicht bestehen kann. Dagegen läßt dis NeuMtallUW Der politisch?« Verhältnisse nach dem Kriege etttö Besprechung der anderen dem jüdischen Volke auferlegten eidlichen Verpflichtung angezeigt erscheinen. Die in der Zerstreuung lebenden Juden schulden nach Gottes Geheiß den Staaten ihrer Wohnsitze unbedingte Treue, die. vollste, sorgfältigste Erfüllung der bürgerlichen Pflichten und darüber hinaus Ersinnen und Erdenken von Volkswohlfahrt. In diesem Geiste des göttlichen Gesetzes kann guter Jude nur sein, wer auch treuer, gewissenhafter, heilfördernder Bürger des Staates ist, dem er angehört. Dazu gehört unzweifelhaft die ernste Respektierung dessen, was dem Aufnahmevolk national wertvoll und heilig ist. Dazu gehört ferner zurückhaltender Takt, wo eine starke politische Betätigung jüdischerseits Verärgerung und damit Gefährdung des Ansehens und der Interessen der jüdischen Bevölkerung bewirken könnte. Da nun die Vorsehung nach dem ersten Eid die Rückgabe des angestammten Landes an die jüdische Nation allein und ausschließlich sich Vorbehalten und den Zerstreuten durch den zweiten Eid die Förderung ihrer Aufnahmestaaten zu einer heiligen Pflicht gemacht hat, so ergibt sich von selbst die jüdische Stellungnahme. Auch zu der sogenannten asiatischen Frage. Sie kann, darf und soll uns als Juden lebhaft und heiß interessieren, doch nur von dem Gesichtspunkt aus, das Walten Gottes in der Geschichte erschauernd, hoffend, bangend wahrzunehmen. Nicht äbw daxf Das asiatische BölMprphlew unS Juden zu irgend einem politischen Eingreifen, sei es publizistisch in der Tagespresse oder auf diplomatischem Wege veranlassen. Wo es dennnoch in verstiegen-nationalistischem Eifer geschieht. ist es eine Verletzung ernstester göttlicher Verwarnung. Erwägen wir noch, wie Jisroel seine Pflichten gegenüber den Völkern, seine Pflichten im Golus als Jisroel erfüllt hat. Was gaben die Juden ihren Aufnahmestaaten? Von Max Nordau stammt das Wort, es sei Größenwahn, sich einzubilden, die Juden hätten eine Mission im Golus. Dieses getretene, verachtete, verfolgte Volk könne nicht für sich selber sorgen — wie könne es gar den Wahn haben^ Missionsträger in der Menschheit zu sein! Nun ist dieses Volk das Volk der Bibel, der Ursprung zweier Religionen, denen der Menschheit größter Teil huldigt. Luther hat die Bibel mit jüdischer Hilfe übersetzt und sie zum Gemeingut des deutschen Volkes gemacht. In England findet sich in fast jedem Hotelzimmer eine Bibel. Welchen Einfluß sie auf Goethe übte, auf Schiller und damit auf Geist und Gemüt des ganzen deutschen Volkes, ist bekannt. Was der jüdische Wvhlsllhrtssinn UNrniUelbar geleistet Hst, das ist statistisch sestgestellt; wie er dazu, beispielgebend, auch die Menschheit erhoben hat, ist offenkundig. Die Reinheit udn Innigkeit des Familienlebens ist ein weiteres Angebinde jüdischen Beispiels, ebenso wie die Ablehnung der Trunksucht zu einem großen Teil auf jüdisches Konto zu setzen ist. Naturgemäß bleibt die Befruchtung mit Thorasamenkörnern im Einzelnen wenig sichtbar. Durch Zufälligkeiten kommt man zuweilen daraus. So hat eine Zeitlang I. Kausfmanns Verlag in Frankfurt a. M. die meisten Exemplare von S. R. Hirfchs Thillim-Kommentar an christliche Geistliche verkauft, die darin einen unerschöpflichen Schatz für ihre Predigten fanden und Thorageist, wenn auch in fremder Hülle, daraus lehren. Lebten in den Golusländern die Juden samt und sonders thoratreu, gewissenhaft i& jeglicher Beziehung nach dem Geiste des Gottesgesetzes — doch warum Perspektiven entwerfen, die noch ein schöner Traum sind und der Erfüllung noch fern erscheinen. Wenden wir uns vielmehr zum Schluß der Frage zu, was unsere Ansprüche an die Völker sind, in deren Mitte wir wohnen. Dem Genius eines jeden Volkes ist bei Israels Verbannung auch ein Eid auferlegt worden, so heißt es in der Sprache des Talmud, der Seele jedes Volkes hat der Msnschsnschöpfer eine Grenze gesetzt für die Unterordnung ZsräslS. Die GkSNZS lft weit gke steckt, entsprechend dem Ziel des ErzrehrmgSwaltens. Wann immer sie erreicht wurde, hielt sie stand: auch der wütigste und der grausamste Drei Fragen. Bon Rabbiner Dr. Aetir Kanter, Awittan (Mähren). Folgende Fragen wurden bei verschiedenen Gelegenheiten und von verschiedenen Seiten in letzterer Zeit an mich gerichtet. Die erste in einer Diskussion im Anschlüsse eines von von mir gehaltenen populären Vortrages, die zweite von einem Talmud kundigen gelegentlich eines Privatbesuches und die dritte von — deutschnationaler Seite, von der.gleich die Rede sein soll Da diese Fragen auch wertere Kreise interessieren dürsten» lege ich sie den geehrten Lesern dieses Wochenblattes vor Heutzutage, da man so viel Zeit zur Lösung von Rätseln vergeudet, steht auch mit Bestimmtheit zu erwarten, daß auch folgende Fragen vielfache Beachtung und Beantwortung finden werden. Und nun zu den Fragen selbst. 1. Ist im Talmud von der nw» .13 die Rede? Ist der Ausdruck Konfirmation für die Barmizwo- Mer nichtjüdisch oder gar unjüdisch? Worin bestand die Feier der religiösen Reife eines Dreizehnjährigen nach Ansicht der talmudischen Lehrer? 2. Ein viel zitiertes Sprichwort lautet: yv kxö fin 3"ns;2 Ist dieser Ausspruch im Talmud enthalten? Im verneinenden Falle, wo sonst? 3. Ist im Talmud von andern Leuchtkörpern gutzer Sonne und Mond als Licht- und Wä-mespender die Rede? Hat der Talmud mit der Möglichkeit eines totalen Versagens der.Sonnenkraft gerechnet und andere Leuchtkörper an ihrer Stelle in Betracht gezogen? Diese Frage, die eines ironischen Beigeschmackes nicht entbehrt und die „witzig sein sollte, rührt, wie leicht ersichtlich, nicht von jüdischer Seite her. Gelegentlich einer Debatte über die sattsam bekannten Sonnenflecke und die möglichen „Komplikationen , die daraus entstehen könnten, wurde letztere Frage an mich gerichtet. Ich will für beute nur so viel verraten, daß ich diese, wie die ersten zwei Fragen im bejahenden Sinne beantwortet habe. Uleines Feuilleton. Zum Tode von Rabbiner Dr. Philipp Mein T'XT- Ueber die Persönlichkeit des in New-2)ork verstorbenen Rabbiners Dr. Philipp Klein feien hier noch einige Angaben gemacht: Hilel (Philipp)Klein wurde im Jahre 1819 im Dorfe Baraschak in Ungarn geboren. Sein Vater, Rabbi Seev Zewi, ein schlichter und nicht ungelehrter Kaufmann, erkannte die Fähigkeiten des Kindes und erzog es in Thora und Gottesfurcht. Mit zwölf Jahren verließ der Junge das Heimatdorf, um verschiedene Ieschiwaus zu beziehen. Mit sechszehn Jahren finden wir ihn unter den Lieblingsschülern von EsrielHildesheimer in Eisenfladt. Hier, an der Seite des Meisters, erhielt er das Gepräge für das ganze fernere Leben und Wirken. Erst nachdem er sich dort eine bewundernswerte Vertrautheit mit allen Teilen des Talmuds und der Dezisoren erworben hatte, bereitete er sich in Wien für die höheren Gymnasialklassen vor und bezog, nach erlangtem Abitur, dort die Universität. 1869 ging Klein, zusammen mit anderen auserlefenen Scküiern Hildesheimers, mit dem Meister nach Berlin, wo er feine Studien auf dem Rabbinerseminar und auf der Unioersttät sortietzte. Er promovierte ba'd daraus und erhielt zugleich die Rabbinatsautorisatton von feinem Lehrer und Rabbi Zewi Benjamin Auerbach yxt* Seine erste Wirksamkeit führte ihn nach Kiew, ins Haus des jüdischen Philantropen Israel Brodski, wo ihm die Erziehung des Sohnes anvertraut war. Fünf Jahre später wurde er aber als Rabbiner nach Libau in Kurland berufen. Der Doktor-Rabbiner stand damals in den russischen Gebieten nicht grade in hoher Achtung. Man lachte über Deutschland, wo solche Doktoren als ..Rabbiner" funaieiten. So sah man natürlich zunächst in Dr. Klein auch nur einen Kronrabbiner", der sich als Raw selber nicht ernst nehmen durfte. Aber schon nach kurzer Zeit erkannte man in ihm den großen Thoragelehrten und Zaddik und brachte ihm auch in den orthodoxen Kreisen höchste Verehrung, Vertrauen und auch Bewunderung entgegen. Dorthin holte er sich auck die Tochter des Frankfurter Realschuldirektors Mendel Hirsch, eine Enkelin von Rabbiner Hirsch yx« zur Frau. Und ein Jahrzehnt stand das Rabbinerhaus in Libau als Verkörperung der Hasch'schen Synthese von „Thora und Bildung^ da, kündete diesen Geist und warb für ihn in einer Zeit, da diese Ideen noch nicht über die Grenze gedrungen waren. Bis auf den heutigen Tag hastet den kurlmdiscyen Gemeinden (heute Lettland) etwas von diesem Geiste an. der die Auseinandersetzung mit den Kulturproblemen leichter macht als im sonstigen Osten und ohne Gefahren für das Thoraleben ermöglicht. Die russische Reaktion mißtraute aber bei ihrer