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Der Israelit · 1926-04-15 · Heft 16 (15.4.1926) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 16 (15.4.1926)
Date
1926-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 16 Der Israelit 15. April 1926. in höhere Bildungsanstalten die anderen, um sich für geistige Berufe vorzubereiten, alle freien Sinnes, in schwellender Hoffnung mit wehenden Segeln ins volle Leben steuernd, im Vollgefühle neuerwachter . Jugendkrast, unbeschwerten Lebensglückes. All denen bleibe das Buch der Väterweisheit und der Vätermoral aufgeschlagen und die erste Lehre an der Spitze desselben in Erinnerung: „Alles, was Israel heißt, h a t Anteil am künftigen ewigen Leben!" „Nun sehet zu, daß ihr im Glücksrausche des Lebensfrühlings euch diesen Altbesitz für heute und alle Zeiten bewahret!" wochsnrundsehau. Sprechende Zahlen. Am 16. Juni 1925 ging bekanntlich eine Volks- und Berufszählung in Deutschland vor sich. Die Ergebnisse liegen vorerst nur aus wenigen deutschen Ländern vor. Die aus Bayern, Württemberg, Hessen, Schaumburg-Lippe und Baden vorliegendenden Ziffern weisen aber jetzt schon einen nicht unbeträchtlichen Rückgang des jüdischen Bevölkerungsteils gegenüber der Volks^ zählung im Jahre 1910 auf. In dem kleinen Schaumburg-Lippe beträgt die Abnahme der Juden 21,7 Prozent; es gibt dort heute gegen 1910 50 jüdische Seelen weniger. In Bayern verminderten sich die Juden gegenüber 1910 um 5920. Die jetzige Gesamtanzahl beträgt 49 145. Die Abnahme in Württemberg beträgt 1155. Gegenwärtig leben dort 10 827 Juden. -In H e s s e n vollzog sich eine starke Abnahme von 15,2 Prozent oder 3662 Juden bei einer Gesamtzahl von jetzt 20 401. In Baden gab es 1925 nahezu 2000 Juden weniger als 1910, das sind 7,7 Prozent. Laut dem neuen Ergebnis ist dort von 100 Einwohnern einer israelitisch, 1910 waren es 1,2 Prozent. Hierbei ist zu bemerken, daß gerade Baden durch die Ausweisungen vieler elsässischer Juden manchen Zuwachs erhalten hat. Zu einem großen Teil ist der Rückgang des jüdischen Bevölkerungsteils auf die Verluste im Kriege zuriilMührm, es ist aber in keinem LanSe ein Rückgang des evangelischen oder katholischen Beoölkerungsteils trotz Kriegsverluste zu verzeichnen und es müssen deshalb für die auffällige Verminderung der Juden auch andere Ursachen vorliegen? Zunächst ist es natürlich die Wirtschaftsnot, die dem Juden als handeltreibendem Stadtbewohner eine Eheschließung besonders erschwert. Aber der Geburtenrückgang war in Deutschland schon lange vor Krieg und Krisis ein jüdisches Proolem. Gelöst wird es nicht allein durch Besserung der Wirtschaftslage, sondern durch Hebung des religiösen Empfindens, durch Rückkehr zur altjüdischen Lebenseinfachheit, durch Steigerung des Verantwortlichkeitsgefühls für die jüdische Gemeinschaft. Das Menetekel aus der Statistik von 1925 sollte allen Instanzen, denen erzieherische Arbeit obliegt, zu denken geben. Kraftgefühl und Gewaltpolitik. In der jüngsthin zu Köln a .Rh. abgehaltenen Versammlung des Vereins zur Abwehr desAntisemitismus sagte Otto B a u m - gartön über die völkische Bewegung, sie sei nur zum geringsten Teil von jugendlichem Kraftgefühl getrieben, zum größeren Teil sei sie aber die Folge der Gewaltpolitik der Entente, Vaterlandsliebe, hinabgedrückt auf das Niveau der Selbstüberhebung, gefördert durch den Mangel an Wirklichkeitssinn. In ihrer Auswirkung bedeutet die Bewegung einen Verrat am V e r st a n d u n d a m H e r z e n, letzten Endes also Verrat am Deutschtum. In prägnanten konzentrierten Worten wird damit die völkische Bewegung in Entstehung, Wesen und Auswirkung erschöpfend charakterisiert. Mit der alldeutschen Bewegung von gestern hat sie nur den Judenhaß gemein — das ist viel, es ist die Wurzel — aber gewiß nicht die Rücksichts- und Hemmungslosigkeit im Wollen und Tun. Der konservativen Partei im früheren Deutschland hatte man Manches vorzuwerfen, aber man konnte ihr eine gewisse innere Geschlossenheit und auch den Willen, in ihrer Art dem Vaterlande zu dienen, schlechthin nicht absprechen. Beides fehlt den Völkischen. Dem Programme der Zersetzung kann keine Einheitlichkeit innewohnen, daher die — im Interesse des Staates und Gesamtwohles sogar erwünschte — Zersplitterung und die inneren Zerwürfnisse «tits 2ivi anV aiv a'pw> Reventlow und Dinter, Hitler und Ludendorff können nicht Zusammengehen. Das Gemeinsame bei diesen Männern ist aber, daß ihr Tun und Wollen gegen das Land unll seine Interessen, g e g e n das Bolk und sein Wühl gerichtet sind, ein Berrüt am Deutschtum ist, wie Baumgarten richtig sagt. Die heute sich Deutschnationale nennenden Konservativen von früher wissen das und rücken bei gegebener Gelegenheit von den Völkischen, die Opfer. Sidrohbetrachtung von Ben Oscher halewi. (Aus der Sammelmappe seines Schwiegervaters.) (Schluß.) Derjenige aber, dem nur geringe Mittel zur Ver- Dgung standen und der keine Reichtümer besaß, sondern nur soviel, als er nötig hatte zur Bestreitung seiner wichtigsten Lebensbedürfnisse, er könnte sich auch, ohne sich große Entbehrungen auferlegen zu müssen, seinem Gotte mit einer freiwilligen Gabe nähern. Sie bestand in Vögeln. Cr brachte zwei Tauben. Er brauchte kein Feuer auf den Altar zu diesem Opfer bringen, welches sein Opfer verzehren sollte. Der jnn w war nicht so mächtig in ihm, daß er den 2wn “ix» überwältigte. (Seine Armut macht ihn verschämt und hält ihn vor mancher Sünde zurück, die der Reiche oft durch sein üppiges Leben begeht. Aber wenn er auch arm ist, so ist sein geringes Opfer ebenso wohlgefällig vor Gott, wie das des Reichen, *5 steigt zu Gott empor. Wenn der Arme in der menschlichen Gesellschaft auch -«ine untergeordnete Stellung einnimmt und von seinen Mitmenschen wenig beachtet wird, vor Gott ist er, wenn «r sich mit seinem Opfer nähert, ebenso geachtet wie -er Begüterte. Dieser Gedanke liegt auch der np'v», dem Eindrücken des Nackens der Taube zu Grunde. Während nämlich das Opfer des Reichen geschlachtet wurde, sollte der Taube, welche der Arme brachte, von dem Priester der Nacken zerknickt werden. Es sollte damit ausgedrückt werden, daß, wenn auch ivni m pV»i, die Klasse der Armen sich gedrückt, in ihren Rechten verkürzt fühlen sollte, dennoch rrm wird es als Ganzopfer betrachtet nnman nnvpni und muß verdampfen, wie das Tier des Reichen auf dem Altäre Gottes. Vor Gott sind Arme und Reiche gleich. Der ganz Verarmte, der in seiner Existenz vom Nebenmenschen abhängig ist, er brachte eine Gabe von Mehl - dar. Seine Vermögensverhältnisse gestatten ihm nicht die Darbringung eines Taubenpaares. Aber auch diese geringe Gabe wird ebenso hoch von Gott angerechnet, wie die kostbare Gabe des Reichen. Hier stehen d'ie Worte uipn '2 psjv wenn eine Seele darbringt, ein Ausdruck, der sonst nirgends Anwendung findet. Die Erklärer sagen hierauf, Gott betrachtet diese geringe Gabe des Aermsten so, als hätte er seine vor. sein Leben für Gott hingegeben. Auch diese kleine Gabe ist ein nVisr, welches mrrj nnV zu Gott aussteigt, so wie die Opfer aller derer, die' bestrebt sind, sich zu Gott zu erheben, Geist und Herz zu läutern. Wir sehen also hieraus, daß jeder sich seinem Gotte nähern kann mit Opfergaben, d'er Reiche wie der Arme. m»v- °n^> puv 22-21 ms?»nn inrri mmn -ins Mag die Gabe groß oder klein sein, Gott ist sie nur dann angenehm, wenn die Gesinnung des Gebers rein und edel ist. Uns ist es heute nicht mehr vergönnt, Gott auf dem Altar im Heiligtum Opfer zu bringen. Wenn selbst dies uns auch nicht möglich ist, so sollten wir uns bestreben, dieselben auf andere Weise zu ersetzen. Das kann auf dem Gebiete der mivn m-'»r erfolgen, wie dies zu allen Zeiten in Israel in schönster Weise geschehen sich an ihre Rockschöße hängen» ab. Ganz aber werden sie sich der moralischen Mitverantwortung für die völkischen Ausschreitungen nicht entziehen können. Wer in einer Politik von vielen Jahrzehnten die Lieblosigkeit säet, darf keine andere Frucht erwarten, als wie wir sie eben zum Exempel auf dem Erfurter jüdischen Friedhofe erlebt haben. Es wäre Zeit, daß der ruhige und anständige Flügel auch auf der rechten Seite einsieht, daß Parteien und Gruppen, die programmatisch auf den Haß fest gelegt sind, keinen Raum in ihrer Seele haben können für die Liebe. Wo der blinde Haß von den Menschen Besitz genommen hat, bleibt er wirksam auch im eigenen engeren- Kreise — auch gegen das Vaterland, dem man angeblich damit dienen will. Von der jüdischen Ration und den Rationen. (Schluß.) Es ist vielleicht bemerkenswert — und vorbehaltlich der Zustimmung unserer lalmide chachomim sei es erwähnt —, daß nur bei dem Gehorsamsgelöbnis feierlich festgestellt wird, das ganze Volk als Einheit habe geantwortet. Später, bei dem Gelöbnis, die Thora auch zu lernen, ist der Wortlaut anders (II, 24, 7): „Maufcheh nahm das Buch des Bundes und las es vor des Volkes Ohren; da sagten sie: Alles, was Gott gesprochen, wollen wir erfüllen und erlernen." Die Worte k o l hoom und j a ch d o w fehlen hier; und es steht sogar der Wille zur Erfüllung auch hier an erster Stelle und auffällig vor dem Willen zur Erlernung des Gesetzes. Damit wäre konstatiert, daß die Anerkennung der Thora als verbindlich für den Einzelnen und das jüdische Volk, der Geyorsamsw i l l e, das Wesensmerkmal, der seelische Wurzelboden der jüdischen Nation ist. Indem diese Verbindlichkeit vom ganzen Volke als Einheit anerkannt wurde, ist Israel Nation geworden. Das war vor 3410 Jahren. Erst 960 Jahre später (abgesehen von einzelnen Blüteperioden, wie zur salomonischen Zeit) „kijmu mast schekiblu kwar", gelang es dem Volke, in allen Teilen für längere Zeit zu erfüllen, was es am <§i09i M übepnvmmsp hfftfsj rmv der Erziehungsprozeß dauert noch heute an. Fast ein Jahrtausend erforderte die Volkserziehung zur' Ertüchtigung für den Nationalberuf. Doch Nation wurde, war, ist und bleibt Jisroel schon mit dem Willen zur Thoraist. Fast jeder war und ist bereit, Armen und Bedrängten aufzuhelfen, soweit es die Verhältnisse gestatten. Aber für nun und mi2y bringt man nicht die Opfer, die gebracht werden sollten und müßten. Die — wenn auch geringe — freie Zeit wird oft nicht ganz, so wie es geschehen sollte und könnte, dem nunn -ii»> gewidmet. Vielmehr wird sie häufig zu anderen weniger nützlichen Beschäftigungen, zumal in der heutigen Zeit — Sport, Tanz usw. — verwendet, woraus nicht im geringsten auch nur ein Atom von oViy pbn erwächst. Würde man doch mehr an die Worte unserer Weisendenken, die sagen: np-rxn;» onannn ’iy i-'v« mirfr ow jmpb ms um „Jeder Jude, sogar der Aermste, der sich von Almosen ernährt, ist verpflichtet, einen Teil des Tages. dem Thorastudium zu widmen." Nach der Ansicht unserer Lehrer thront die Herrlichkeit Gottes nur dort, wo Thora gepflegt wird. So erklären auch unsere Weisen eine Stelle des- Propheten Maleachi: nunv nm»i 'mb VÄ1» -Ivpi» mp» -221 Ueberall wird geräuchert und dargebracht meinem Namen ein reines Opfer. nmip U12-N2 mpvivv n"n i-n sVx rnemm rni'vp» mp» -22 '21- 'mb m2'ip»i muvp» 1-M2 an'bx '3K nbsrn mp» -22, Dürfen denn überall Opfer dargebracht worden? Neink Aber wo auch immer die Lehre Gottes mit Eifer gepflegt wird, wo man arbeitet für die Förderung und Verbreitung jüdischen Geistes und jüdischen Wissens, da thront die Herrlichkeit Gottes ebenso, wie an jeder Stelle, wohin der Priester das Blut des Opfers sprengte/ an die Ecken des Altars, und wie das Räucherwerk seine Rauchwolken zum Himmel emporsteigen ließ.

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