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Der Israelit · 1926-04-09 · Heft 15 (9.4.1926) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 15 (9.4.1926)
Date
1926-04-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 Seite 3 9. April 1926_ ■ eiNtreten, daß sie in Verfolg dieses Systems eine Politik betreiben, die man — um den vulgären Ausdruck, den man für derartige Leistungen der Staatsklugheit sonst zur Hand hat —, wie oben gesagt, als Do ut des-Poliiik bezeichnen muß; d. h. man konzediert den Synagogen neuen und allerneuesten Ritus alles, was ihr religiöses Bedürfnis verlangt, und erlangt dafür von der neologen Mehrheit Zugeständnisse für die Synagogen mit altem Ritus, im Kaschrutwesen usw. Man kann fast sagen, daß die Führer der Gemeindeorthodoxie sich in diesen traurigen, verhängnisreichen Konzessions-Jdeengang förmlich hineingekniet haben; denn so und nicht anders muß man es doch wohl bezeichnen, wenn der Protagonist der Gemeindeorthodoxie gemeinsam mit dem Vertreter der Neologie der Repräsentantenversammlung über einen von ihnen dahin geänderten Entwurf berichtet, daß „der Reformgemeinde für ihre Ausgaben eine Pauschalsumme überwiesen und die Einrichtung eines Gotteshauses der Reformgemeinde als dringend anerkannt wird". So zu lesen in Nr 3 des „Gemeindeblattes", also des offiziellen Moniteurs der Gemeindeverwaltung vom 7. März 1924, Seite 27. Wohlgemerkt; es handelt sich hier nicht etwa um eine der vielen' Orgelsynagogen der jüdischen Gemeinde, deren Dringlichkeits-Anerkennung im Munde eines orthodoxen Mannes, sich freilich auch schon seltsam genug ausnehmen müßte. Nein, es handelt sich um die Reformgemeinschaft unseligen Holdheimschen Gedenkens, dieses Zwitterdings zwischen Judentum und Christentum, das den Sabbat zu Gunsten des Sonntags offiziell depofsealles JNL^licy« zur Werchristlichuug ihres ZudentumL geleistet hat! Ist cs verwunderlich, ist es zu tadeln, wenn ein wahrhaft orthodoxer Iehudi, ein Rabbiner eine Politik, die zu solchen Ausschreitungen führt, als einen Chilul haschem bezeichnet, religiösen Antrieben, die um solchen Preis ihre Betätigungsmöglichkeit suchen, verständnislos gegenübersteht und eine scharfe Demarkationslinie zwischen orthodoxem Judentum und solchem Mißbrauch des Ehrennamens der Orthodoxie zieht?! Die Herren haben sogar noch den Mut, für ihre feine diplomatische Arbeit, deren Erfolge sie bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit über den Klee loben, sich auf Männer wie Israel Hildesheimeri-"2r und den Würzburger Raw b~xi zu berufen. Demjenigen, der die Denk- und Wesensart dieser großen Männer wirklich und aus mehr als ein paar Äußerlichkeiten kennt, wird es herzlich schwer, den unversöhnlichen Ausdruck, den dieser Anruf der großen Toten in ihm weckt, aus Rücksicht auf den guten Ton zu unterdrücken. Aber es scheint doch an der Zeit, diesem grauenhaften Spuk, der das reine Bild jener Großen in Israel vor der unkundigen Oeffentlichkeit zu verzerren droht, endlich einmal ein Ende zu bereiten. Im Jahre 1872 (17. März) hat Israel Hildesheimer b"*r ein Gutachten erstattet und veröffentlicht, folgenden Wortlautes: „Der Unterzeichnete erklärt nach bestem Wissen und Gewissen, daß derjenige Jude, welcher nicht an die einstige Ankunft eines persönlichen Messias aus der Nachkommenschaft Davids, an die Wiedervereinigung des jüdischen Volkes im heiligen Lande und an die Wiederherstellung des in der Thora gebotenen Opferkultus glaubt, als ein die biblische und traditionelle Lehre des' Judentums Verleugnender zu betrachten ist, daßZerner die Eliminirung oder Unterlassung der rituell eingeführten Rezitirung der auf die erwähnten Verheißungen sich beziehenden Gebetsstellen eine Verleugnung der Glaubensprinzipien des Judentums involvirt; daß daher der gesetzestreue Jude mit Personen, die sich solcher Verleugnung schuldig gemacht, nicht .in einem religiösen Gemeindeverbande bleiben darf, und nach jüdischer Vorschrift jede Steuerleistung an eine Religionsgemeinde, die autonom solche die göttlichen Verheißungen verleugnenden Beschlüsse ihrer selbst gewählten Vertreter realisiert, und deren Institutionen nicht auf der unerschütterlichen Basis des im ^Sc^ulc^ari Llruch" esbifNsrteu Neligionsgesetzes stehen, BGiMen nt." Und den Mann, der s o dachte, sprach und schrieb, wagt man als Eideshelfer für eine Richtung aufzurufen, Die das, was dort als “ipya nvsa gegeißelt wird, „toleriert", um an dem Feuer des großen Gemeinschafts- Herds ihr mageres Süppchen zu kochen; dieses Mannes Namen und Ruhm wagt man gegen seine Nachfolger auszuspielen, wagt zu behaupten, daß ihr Wirken seine Spuren verlassen, verraten «habe, während es doch mur die geradlinige Fortsetzung seines Glaubensbekenntnisses ist! . . . Und der Würzburger Raw^m! War für Der Israelit ihn nicht die erste und letzte Voraussetzung einer Möglichkeit zur Einheitsgemeinde eine saubere Scheidung in der Kassenführung der Gemeindesteuern, so, daß unter keinen Umständen wrr->' für einen unjüdischen Kultus, ein unjüdisches Schulwerk, für irgend eine Aufgabe, in der neologe Religionsauffassung mit der altjüdischen in Konflikt geriet, kontributionspslichtig gemacht werden könnten?! Es bestehen tiefgreifende Divergenzen zwischen seiner Stellungnahme zur Austrittspflicht und ver unserigen in diesem Punkt. Aber wir müßten fürchten, seinem gesegneten Andenken und auch uns zunahe zu treten, wollten wir überhaupt die Fragestellung zulassen, ob er zu uns oder denjenigen gehörte, die es mit ihrer „Orthodoxie" vereinbaren zu können glauben, die Dringlichkeit eines Gotteshauses für das Sonntagsjudentum offiziell anzuerkennen. Nicht wir, wie schon oben betont, haben diese Auseinandersetzung vor der Oeffentlichkeit gewollt, nicht wir sie provoziert, sondern die Gegenseite war es, die Zeit und Gelegenheit für gegeben erachtete, „daß die Massen allenthalben im Judentum anfangen darüber nachzudenken, wie es möglich ist, daß eine solche Denkungsweife (die „separatistische") entstehen konnte." Daß der Knorr den Knubben vertragen muß, bedeutet beileibe doch nicht, daß der unmotivierte Angriff das Privilegium der Straflosigkeit genießen, daß auf den Klotz nicht der entsprechende Keil gesetzt werden darf! Wir zweifeln nicht, daß der gegnerische Blätterwald sehr bald von tiefempfundenen Klagen gegen den frevlen Friedensbruch der „Separatisten" widerrauschen und der staunenden Mitwelt die Entdeckung künden wird, daß „Persönlich- Wi<m am Mrk sittd. Äiö AöMuiMN MMN Der Einheitsgemeinde und der separatistischen Richtung in Möglichst nachhaltiger Weife zu stören". Sei es drum! Es gibt auch eine Toleranz, eine Friedensliebe, auf die das Prophetenwort zutrifft: -in» a-\bvb run ( (Schluß folgt.) Konstantin Fehrenbach und der Antisemitismus. Berlin, 2. April. Der am 29. März in Freiburg i. Br. im 74. Lebensjahre verstorbene Führer der Zentrumspartei in Deutschland, ehemaliger Reichstagspräsident und Reichskanzler Konstantin F e h r e n b a ch hat in der Bewegung für Abwehr des Antisemitismus einen hervorragenden Platz eingenommen. Er diente der Bewegung nicht allein durch das Gewicht seiner Persönlichkeit, sondern auch durch sein hohes Ethos und seine unermüdliche Arbeit. Er war Vizepräsident des Vereins für Abwehr des Antisemitismus und hat in zahlreichen Reden bei den Tagungen dieses Vereins und bei anderen Gelegenheiten gegen die Seuche des Judenhasses und für die Reinheit des politischen Lebens in Deutschland gekämpft. Er führte an, daß der Antisemitismus nicht allein vom Standpunkte der christlichen Nächstenliebe und der öffentlichen Moral bekämpft werden müsse, sondern auch iin Interesse des deutschen Volkes und Reiches, die durch ein Ueberhandnehmen der antisemitischen Seuche gefährdet werden. Ahndung der Friedhofsschändung. Erfurt, 1. April. Der unglaublichen Freveltat von Erfurt, wo drei Mitglieder des Wikingbundes den altehrwürdigen jüdischen Friedhof zerstörten, ist eine schnelle und der Schwere der Tat entsprechende Sühne gefolgt. Der Bankbeamte Robert Bartolomä und der Handlungsgehilfe Walter L a u d i e n wurden zu je zweieinhalb Jahren Gefängnis und dreijährigem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, Kurt Seidenstücker, der als minder schuldig angesehen wurde, zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Ueber den Verlauf der Gerichtsverhandlung ist noch zu berichten: Die Angeklagten gaben vor Gericht an, das Opfer der politischen Hetze geworden zu sein. Sie hätten die Notwendigkeit empfunden, etwas zu machen, m Mg ZMnlum zu MlUM: Lkn Mn Mfn ne ohn? fremden Grnstuß gefaßt. ssl im Wikingllunü lediglich davon gesprochen worden, daß in der Cyriakstraße der alte Judenfriedhof liege. Man habe dem Judentum die Mißachtung der völkischen Kreise ausdrücken wollen und man habe mit der Tat erreichen wollen, daß die Juden mit ihrem Einfluß „wieder jo klein würden, wie sie früher waren". Ihre Lektüre haben sie geschöpft aus dem „Fridericus" und anderen völkischen Blättern. Der 20jährige Seidenstücker bezeigte Reue und sagte, seine beiden älteren Kameraden hätten ihn erst am Tage der Tat zur Mitarbeit gewonnen, indem sie davon gesprochen haben, daß sie das Ehrenzeichen der Brigade Ehrhardt erhalten könnten. Oberstaatsanwalt Eit.elding er führte aus, die Freoeltat habe das deutsche Ansehen im Auslande geschädigt. Hier könnten nur exemplarische Strafen in Frage kommen. Die Verteidiger stellten die Täter als Opfer der fanatischen völkischen Hetze hin und plädierten für mildes Urteil. Nach kurzer Beratung verkündete das Gericht das oben mitgeteilte Urteil. In der Begründung hob Landgerichtsrat Dr. Schnelle hervor, daß die Tat so furchtbar fei, daß Milderungsgründe nur eine geringe Rolle spielen könnten und deshalb das Höchstmaß der zulässigen Strafe nur mäßig gekürzt worden sei. Rumänien. Nachgiebige Haltung der rumänischen Regierung gegenüber dem Streik-Terror. — Die Universitäten nicht geschlossen. B u k a r e st, 12. März. Trotz des andauernden Streikterrors der antisemitischen Studentenschaft hat die Regierung, wie offiziell mitgeteilt wird, beschlossen, ihre Drohung, am 10. Mürz die Hochschulen zu schließen, nicht wahr zu machen. Die Beratungen im Unterrichtsministerium führten dazu, daß man Vorderhaus auf die Sperre der Universitäten verzichtet, da die Osterferien bereits Samstag beginnen. Nach den Ferien, die bis 11. April dauern, werden die weiteren Beschlüsse gefaßt werden. Täglich ereignen sich schwere Zwischenfälle. Stubertfeit, *>{«. bis Strsikparols mißachten, werden überfallen und mißhandelt. Stad) Prosefforen roer&<*)( ßäschMsifl. Eine Gruppe der cuziflischen Studenten hielt den Priaatbeamten Hornstein auf der Straße an und forderten ihn aus. sich zu legitimieren. Er wies seine Dokumente vor, aus denen seine jüdische Nationalität zu ersehen war. Sofort schlugen die Studenten auf ihn los und brachten ihm drei blutende Wunden bei. Er wurde mit einem Wagen der Rettungsgesellschaft in ein Spital überführt. Auch in Jassy, wo der Streik begonnen hat, wurde eine Gruppe von zwei jüdischen Studenten und vier jüdischen Studentinnen von Cuzisten schwer mißhandelt. Litauen. Die Beschlüsse der jüdischen Bauern-Konferen; Litauens. K o w n o , 14. März. Die erste Konferenz der jüdischen Landwirte Litauens ist geschlossen worden. Aus den angenommenen Resolutionen ist hervorzuheben: Die Konferenz stellt fest, daß die Organe der Regierung, die die Agrarreform durchzuführen hatten, nicht nur die Juden bei der Zuteilung von Land aus den parzellierten Gütern bewußt übergingen. sondern sogar Anstalten trafen, jüdischen Landwirten, die seit Generationen auf ihrem Boden leben, ihr Besitztum wegzunehmen. Die Konferenz fordert die Regierung aus, gleiches Recht für alle gelten zu lassen. — Die jüdischen Landwirte verpflichten sich, ihre Aufmerksamkeit der Chaluzbewegung zuzuwenden und Chaluzim auszubilden. Die Konferenz wünscht, daß die Gesellschaft ORT in einen engeren Kontakt mit den jüdischen Landwirten komme. — Der Verband HJAS wird gebeten, seine Arbeit nicht zu unterbrechen. — Die Konferenz beschließt, eine Aktion für Intensivierung der jüdischen Landwirtschaft in Litauen durchzuführen. In den Reden der Landwirte kamen schwere Klagen gegen die Regierungsorgane zum Ausdruck.die besonders die Existenz der jüdischen Landwirtschaft durch judenseindliche Maßnahmen gefährden. Rahels Grab entweiht. Jerusalem, 1. April. Das Grab Nahsls auf bem SOSege zuüschen Jerusalem uno TjcDron, in Der Nähe??n g» Gläubige und Touristen aus allen Tellen der Wen pilgern, wurde in diesen Tagen von Dieben heimgesucht. Die Einbrecher zerstörten einen Teil der Grabesmauer, drangen in das Grabesinnere ein und stahlen mit Kostbarkeiten besetzte Vorhänge, die von Gläubigen gespendet worden sind. Ein Teil der alten Vorhänge wurde zerrissen. Die Nachricht über, die -Entweihung des Rahel- Grabes hat. in ganz Palästina Entrüstung geweckt. Die Polizei fahndet energisch nach den Tätern.

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