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Der Israelit · 1926-04-09 · Heft 15 (9.4.1926) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 15 (9.4.1926)
Date
1926-04-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Der Israelkk Seite 4 Nr. 15_ sich eines Tages, in ihrer jähen und unberechenbaren Art, dem Gott, dem sie mißtraut und gegen den sie gemeutert hatten, bedingungslos und für ewige Zeiten. Ein Geschlecht starb hin, ein anderes, gesegneteres, erstand, hier, in dieser Wüste. Die seltsamen Begebenheiten, die sich hier zutrugen, bleiben unvergessen. Die Juden werden nicht müde, sich von den Geschicken, die einst ihren Vätern auf dieser Wanderung zugestoßen sind, immer wieder zu erzählen. Sie schreiben sie, in gesammelter Andacht, mit kunstvollen Lettern au weißes Pergament, sie verlesen sie in ihren Tempeln an den Sabbaten in feierlich getragener Art, unter gespanntem Aufmerken, so wie man überraschende und wichtige Neuigkeiten kundgibt, sie sinnen, forschen, grübeln darin, unaufhörlich so seit Jahrhunderten, sie flechten Auslegungen hinein, hängen Deutungen daran, an jedes Wort Berge von Bergen von Deutungen. Nach den Stationen dieser Wanderung teilen sie ihr Jahr; ihr Schicksal, ihr Leben sehen sie gespiegelt in den Wechselfällen dieses Zuges durch die Wüste. Durch diese Wüste hier. Heute flitzt man im Sleeping hindurch, eine kurze Nacht lang, die man verschlafen, verträumen, verdösen kann, wie jede Nacht in einem monoton schüttelnden Eisenbahnzug, in der sicheren Erwartung des Reiseziels, das so gewiß ist wie der anbrechende Morgen. * Dia paläslinönsWö Landschaft — rann man eine Formel für sie finden? Ne ist von unendlichem Reiz. Sie ist nie eintönig, fad, langweilig, wie so manche Gegenden unserer Zone; sie ist immer geistreich, launig, überraschend, sie sprüht von Einfällen. Engpässe zwischen Kalkfelsen, weite, weite Ebenen, verkarstete Anhöhen, gewelltes Flachland, sich türmende Berge, grüne Heiden, schimmernde Seen — so wechselt das unvermittelt, innerhalb weniger Stunden. Wie oa die Landschaft plötzlich aufbricht, und man das Land zu Füßen hingestreckt sieht (nicht einen Ausschnitt, nein, man hat das Gefühl, das ganze Land zu sehen), wie da Täler aufreißen, sich rund hinter Bergen' schließen, um sich nach einer Weile wieder zu öffnen, im schwingenden Wechsel, wie da gelbgrüne Berge jäh niederstürzen in feuchtblaue Flut! Nirgends habe ich so das Musikalische einer Landschaft empfunden, wie hier in Erez Jisroel. Alles ist durchströmt von einer süßen, klaren Melodie, Täler und Anhöhen scheinen, fast hörbar, leise zu singen. Diese Landschaft ist durchzogen von einer stillen anmutigen Trauer, die schon wieder durch Tränen lächelt. Sie ist heiter, ohne frivol, freundlich, ohne lärmend zu sein; sie ist nicht philiströs, aber auch nicht genialisch, nicht traut-idyllisch, aber auch nicht gewaltig- „Baustoss-Jndustrie in Erez Jisroel". Em Aufsatz von Mar Feuchtwanger bespricht das Verhältnis der deutschen Orthodorie zu Erez Jisroel. Der wissenschaftliche Teil wird bestritten von Dr. Wolfgang von Weist mit einem Artikel über „die Revolution im Islam" und von Rabbiner I. Horovicz mit einer Arbeit über „die Geschichte des Sch'thijasteines". Der Artikel über „Frühere Wanderungen nach Erez Jisroel" von Rabbiner Dr. Frankl, Halberstadt, wird fortgesetzt. Nachrichten und Mitteilungen bieten ein klares Bild über die Arbeit m und für Palästina. Der hebräische Teil bringt Artikel über „Goluth", einen „Jerusalemer Brief", eine Betrachtung über eine „orthodoxe Literatur" und die Fortsetzung des Artikels von M. F. Götz über „die gesellschaftliche Ordnung im alten Judäa". Ein Gedicht von S. D. Meisel und der „Reisebries eines Ehaluz stellen die Belletristik. Wie den früheren Heften ist auch diesem ein . Blatt aus dem Kommentar zum Buche Esra (mit htvräifchem Tert) von Rabbiner Dr. Raphael Breuer beigelegt. IvöchMkcklsndsr. vom 10.—17. April 1326.1 vom 26. Nissan bi-.3'Jiar BfiSß I X rms Samstag 10 26 P’3 Rausch Ehaudesch benschen. Mauled, Montag Abends 9- Sonntag K 11 27 Montag 12 28 Dienstag 13 29 Mittwoch 14 30 l. Tag Rausch Chaudesch Donnerstag 15 1 'V”X 2. „ Freitag 16 2 Samstag 17 VMM snixa 31 2*713 P313« '3 pt3 wuchtend, sie ist interessant, aber nicht eigentlich exotisch: ein wohltätiges Maß ist in ihr, eine milde Harmonie, eine vornehme Gehaltenheit, alles ist irgendwie abgerundet, gebändigt, gedämpft. Die Berge steigen in energischen Formen, aber doch sacht und ohne Heftigkeit ins Tal, die kahlen, steinigen Anhöhen gehen sanft, behutsam ineinander über. Die Formen der Landschaft sind weich, zart und jungfräulich, aber ihr Ausdruck ist abgeklärt, wie das Antlitz eines Menschen, der durch viel Leid geangen ist; aus weisheitsgütigen Augen und mit schmerzlichem Lächeln schaut sie gelassen und freundlich-verwundert dem geschäftigen Treiben in ihr zu. Oft trifft man junge Menschen, Frauen mehr noch wie Männer, mit lieblich-zarten, unschuldigen Zügen, scheinbar vom Schicksal noch nicht berührt, harmloskindlich, offen und unbeschwert dem Leben hingegeben, aber bald erahnt man ein vergangenes Erlebnis, das sie irgendwie umschattet, entdeckt man ein geheimes inneres Gesetz, das sie von innen heraus hart gestaltet und lenkt, in merkwürdig anziehendem Kontrast zu der weichen Aufgeschlossenheit der Züge —: so ist die palästinensische Landschaft. Es gibt keinen Wald, nirgends. (Die paar künstlich gepflanzten Eukalyptushaine kann man noch nicht als Wald ansprechen.) Das ist auch errr S^roMem, biiie. Sit ferner Qlvl visllsicht ebenso schwierig wie die anderen ökonomischen nnb geistigen Probleme des neuen Palästina. Ich glaube, daß das Erlebnis des Waldes, mehr als anderer Landschaft, die seelische Verfassung des Menschen unserer Zonen tief beeinflußt, und daß die Verpflanzung eines solchen Menschen in eine waldlose Landschaft — gerade, wenn es sich um eine feinorganisierte Natur handelt — auf die Dauer eine Art seelische Revolte nach sich ziehen muß. Die meisten jungen Menschen, die ich danach gefragt habe, sagten, daß sie sich damit abgefunden hätten; aber einige, Sensiblere, äußerten eine fast wilde Sehnsucht nach einem Stückchen Wald. * Um Jerusalem schwebt Weihe. Es liegt hingegossen über Hügel, auf felsigem Stein. Ist es eine Stadt, sind es viele Städte, ist es überhaupt eine Stadt? Die Altstadt, ein schiefliegendes, eingedrücktes Viereck, umgeben von einer dicken, hohen Mauer, ist ein ungeheurer Steinbruch, in dessen Rissen und Spalten sich Menschen irgendwie eingenistet haben, eine gigantische zeitose Ruine, der nicht recht anzusehen ist, ob man ie eben ausgegraben hat, oder ob sie erst dem Verfall entgegengeht. Die Gaffen sind schmale Durchgänge zwischen blinden Mauern, herrenlose Raine zwischen fremden Behausungen, die voneinander nichts wissen. Sie sind von Bogen überwölbt und vom zähen Schritt der Jahrhunderte oft treppartig gestuft. Sie steigen an, allen ab, verwinkeln sich, sie versacken sich unlermutet, stürzen in Laubengänge hinab, in düstere Gewölbe, in die durch Ritzen spärliches Licht einfließt, streben facht, in Windungen, zum Tageslicht hinauf. Die Häuser sind Gehöfte, irgendwo hinter zerfallenden, abbröckelnden Mauern verborgen, an kleinen sonnigen Höfen unentwirrbar ineinander- und übereinanderge- )aut. Trotzig, schmollend stehen sie mit blindem Mcken zur Gasse. An fensterlosen Mauern sind Erker angeklebt wie Vogelnester. Dazwischen verstreut liegen, hinter Treppen, Höfen, dunklen krummen Zugängen, doppelt und dreifach ummauert^. Synagogen, Kirchen, Klöster, Stifte. S)lti ist altes ©cDaiten, Erinnerung, £1? Luft ist schwer von ungehörten Seufzern, Tränen, Gebeten, Litaneien. Eine feierliche, gedrückte Stimmung ist über die Stadt gebreitet, die grellen Sonnenstrahlen verfangen sich in blasses Halbdunkel und erzeugen ein seltsam gedämpftes Licht, selbst das lärmende Gefeilsche der Araber vor den Kramläden klingt matt in dem mahnendernsten Gesamtton der Stadt. In den Gassen, durch die man sich mühsam fortbewegt — man geht hier nicht, man kraxelt irgendwie auf dem unebenen, steinigen Boden — klingt der Schritt _^__9. April 1926 hohl. Etwas Lähmendes, Gespenstisch-Unwirkliches hat diese Stadt, eine erstarrte Trauer, die sich wie eine dicke Schicht um Menschen, Mauern, Häuser legt. Die Gegenwart ist erloschen, vergessen. Es gibt keine Gegenwart. Die Stadt zehrt nicht von der Vergangenheit, wie andere alte Städte, die an Bedeutung verloren haben; sondern sie hat sich, mit der Intensität des Schmerzes, ganz in die Vergangenheit versenkt, hineingebissen, sie hat die Gegenwart ganz ausgeschaltet, so als existiere sie nicht oder doch nur auf einem ganz fernen Planeten. Träumend bindet sie das Vergangene an die Vorstellung einer ungeahnt herrlichen Zukunft, deren plötzlichem Hereinbrechen sie gläubig, mit geschlossenen Augen, entgegenharrt. (Fortsetzung folgt.) ksnespsnaenren « Nachrichten. Knorr und Knubben. II. E. B. Berlin, im März. Des Geistes, der in der Ringparabel lebt und webt. ist mle rotr fel>en mti) nrx|> ^eutllclrer in dem Artikel des Jsr. Familienbl. nicht der leiseste Hauch zu verspüren; desto lebhafter aber weckt er eine historische Reminiszenz, die von den Gracchen, die über Aufruhr klagen! Zugegeben einmal für den Augenblick — was entschieden bestritten werden muß — daß Herr Dr. Klein die Aetzwirkung seines Worts vom Chilul haschem sogar hätte voraussehen können und müssen; zugegeben ferner — was ebenso entschieden zu bestreiten ist — daß sein Verdikt zu hart, sogar ungerecht war: wo in aller Welt „hat er die Mitglieder der Einheitsgemeinde geschmäht"? Der Berliner ist allüberall dafür bekannt, daß er ein Kraftwort, empfangen oder gegeben, mit Behagen hört und über einen kernigen Ausdruck nicht gleich einen Schwächeanfall bekommt. Um so eigenartiger wirkt die mimosenhafte Empfindlichkeit des alten Berliners, die durch ein Paar starke Worte sich so aufgewühlt fühlt, daß sie ihren Schmerz in alle Weiten auschreien zu müssen glaubt. Indessen: hier geht es um Gefühlswerte und über diese erscheint es zwecklos, mit einem Andern zu rechten. Aber dieser Milderungsgrund entfällt für die Inhaltswiedergabe der Predigt, die in dem Artikel beliebt wird. Kurz gesagt: es ist eine objektive Unwahrheit, daß die Mitglieder der Einheitsgemeinde in wilden Worten gechmäht wurden. Selbst wenn man der Terminologie des Artikels folgt und seine Qualitätsbestimmung der ge: prochenen Worte gelten läßt, so ist es für jeden, der hören kann und will, doch ohne weiteres klar, daß der Angriff sich nur gegen einen kleinen, engen Kreis von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. richtete, nämlich gegen diejenigen, die durch Amt und Beruf in die Lage kommen, die dort gegeißelte Do ut des-Politik in religiösen Dingen zu betreiben. Wer gibt dem Artikellchreiber das Recht, die Gesamtheit der jüdischen Gemeinde Berlins mit diesen Männern und ihrer Amtsführung zu identifizieren, so daß die Vorwürfe, die dorthin gerichtet werden, der ganzen Gemeinde zur Last allen! Aber freilich: für die Ziele, denen der Arttkel zu dienen bestimmt ist, ist diese wahrheitsgemäße Feststellung ganz und gar nicht förderlich; da muß die Fiktion herhalten, als sei eine Attacke gegen die Mitglieder der Gemeinde, soweit sie nicht Separatisten sind, bloß daum, weil sie nicht aus der Gemeinde austreten, wieder einmal geritten worden! mii U, W UfUm.« Unr^iisMi Angaben des Artikels in diesem wesentlichsten Puntt könnten wir unsere Abwehraufgabe als erfüllt ansehen. Aber die Auswertung in das Gebiet der Allgemeinbewertung der „separatistischen" Ideologie, die dort der Einzelfall erfährt, zwingt uns, diesen Ausführungen auch noch weiter zu folgen. Tu las voulu! Es ist eine Tatsache, die schwerlich von irgend einer Stelle bestritten werden wird, daß die Vertreter der sogen. Gemeindeorthodoxie in den Verwaltungskörperschaften der hiesigen jüdischen Gemeinde dort prinzipiell und systematisch für die Gleichberechtigung aller religiösen „Richtungen"

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