Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1926)
- Date
- 1926-04-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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D e r Israelit Ä April fetzes die Konsequenz aus dem Grundgedanken des Rähmesttzesetztzs nicht zu ziehen, sondern im wesentlichen auf den Grundlagen des früheren Entwurfes aufgebaüt zu fein. Er läßt die jüdische Gemeinschaft ohne Bindung an die Autorität ihres Veligionsgesetzes. Ja noch mehr. Entgegen dem Beschluß der Mandat-Kommission, die trotz der Argumentationen des Herrn Ormsby Gore und im Gegensaß zu ihnen ausdrücklich festgestellt hat, daß sie keinerlei Veranlassung dazu erblicke, auf palästinensischem Böden nur eine einzige einheitliche jüdische Gemeinschaft anzuerkentten; scheint der Entwurf tatsächlich an dieser innerlich widerspruchsvollen religiösen Zwangseinheit festzuhalten. Es soll nur eine einzige GesamtgeMeinschaft der Juden Palästinas vom Staate. anerkannt werden, und es soll auch an jedem Orte nur eine einzige Gemeinde die staatliche Anerkennung finden. Damit ist, auch wenn das individuelle Austrittsrecht noch so fest verankert wird, von vorneherein dem härtesten Gewissenszwang Tür und Tor geöffnet. Der Jude kann mit dem individuellen Austrittsrecht schlechterdings nichts anfangen. Er braucht eine Gemeinschaft, um sich religiös auszuleben, und wenn dieser Gemeinschaft von vorneherein das Brandmal der Minderwertigkeit und der Knechtschaft ausgedrückt wird, so bedeutet das eine einseitige Parteinahme des Staates für eine bestimmte religiöse oder «religiöse Richtung. Sollte es sich bestätigen, daß der Gesetzentwurf m diesem Püükk m 82£ IN slll W MMH des Herrn Ormsby Gore und gegen die Mandat- Kommission entscheidet, so mühte die gesamte orthodoxe Jüdenheit der Welt den schärfsten Karnpf gegen dieses Attentat auf die religiöse Gleichberechtigung der Orthodoxie im Heiligen Lande aufnehmen. Mas sonst über den Inhalt des Entwurfes verlautet, genügt nicht zu einer gewissenhaften Urteilsbildung, und es müssen darüber nähere Angaben abgewartet werden. Angeblich sollen hinsichtlich der Schechita Zugeständnisse gemacht worden sein, wogegen andererseits das gesamte Erziehungswesen der Kompetenz der religiösen Faktoren, also auch des Oberrabbinats, völlig entzogen wird. Wir sind begierig, ob in diesem Punkte wenigstens das Oberrabbinat auf seine Aufgabe sich besinnt und Hand in Hand mit Agudas Jisroel für die Ausrechterhaltung des Thorageistes im Heiligen Lande eintreten wird. „Flucht aus dem Deutschtum". So heißt das neueste Schreckensgespenst, mit dem der Verband der nationaldeutf che n I üben in seinen Geisterstunden Eindruck zu machen sucht.. In einer großen Versammlung in den letzten Märztägen in Berlin — die darum keine Heeresschau genannt werden kann und keinen Mäßstab für die Interessenten der Naumannschen Synthese abgibt, weil der Saal mehr von Neugier und Opposition als von inniger Teilnahme beherrscht war — sprach man von der „Flucht aus dem Deutschtum" als der „neuesten deutschen Gefahr". Wäre dieses den nationaldeutschen Juden bis jetzt nicht gelungen, so hat es diese Versammlung klar vor aller Welt dargetan, wie sie, die Naumann-Mannen, zwischen sämtlichen Stühlen sitzen, die heute im jüdischen wie im deutschen Hause ihren Platz haben. Hie und da gellte aus der leeren Tiefe ein Wort herauf, das dem einen oder dem anderen gar gefallen konnte. Im Ganzen war das ein trauriges Bild innerer Leere und Haltlosigkeit, dem die noch so stark auf getragenen nationalen Farben keinen Glanz und kein Leben geben konnten. Alfred P e y s e r , ein treuer Verbündeter Naumanns, beteuerte die deutsche Denkart der nationaldeutschen Juden und ihr Bestreben, das in sie gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. „Wir wollen das Deutsche Reich als eine geschichtliche Größe. Es ist uns niemals eingefallen, deutsches Fühlen allein für uns in Anspruch nehmen zu wollen. Unsere jüdische Abstammung betrachten wir als Ruhmes- und Adelstitel." Wollten die nationaldeutschen Juden nichts MlMZ 8f§ w«? Jnfrr t4** oIä Tugend seiner Partei hervorgeyoben ijat, wer hätte dagegen ein Wort einzuwenden? Ja, wäre es überhaupt nötig, eine Partei um ein Programm zu sammeln, das das ganz selbstverständliche Denken und Wollen aller deutschen Juden, einschließlich der Zionisten, widerspiegelt? Freilich muß die Tatsache, daß man seine j ü d i s ch e A b - stammüng als Ruhmes - und Adelstitel betrachtet, auch zu einigen Konsequenzen nach der jüdischen Seite hin führen. Noblesse oblige. Und kein Ruhmes- und Adelstitel der Welt verpflichtet so sehr wie der jüdische. Vor allem dürfte sich ein mit diesem Titel Geschmückter nicht der Adelsgemeinschaft mit den anderen dieser Ehrengilde Angehörigen entziehen. Den jüdischen Ruhmes- Und Adelstitel teilen wir aber mit allen Juden, auch mit den Ostj u d e n. Und darum spricht es für die innere Haltlosigkeit dieser Partei, wenn auf der gleichen Versammlung ein Herr Dr. Schottländer sich in wahrer A n g r i f f s w u t auf die Ostjuden stürzt, jede Zusammengehörigkeit mit ihnen ablehnt, und im übrigen all die perfiden" Verleumdungen auf sie abwälzt, die die Hugenberg-Presse für die Juden schlechthin, auch Nr- 15 Seite 3 für die Herren Naumann, Peyser,, Schottländer und Genossen, stets in Bereitschaft hat. Daß der Pedakteur eines Berliner Blattes, das aus der Hugenbergschen Kraftzentrale des Hasses gespeist wird, mit am Vorstandstische dieser Versammlung saß, sei nur als Kuriosum. nebenbei erwähnt. Wie wird man da mit der Phrase von dem „jüdischen Ruhmes- und Adelstitel" fertig? Dr. Peyser, der gemäßigtere, sprach sich zwar zuletzt auf eine dringende Anfrage dahin aus, daß man „die Ostjuden in Deutschland bei Wohlverhalten ungeschoren lassen könnte". Damit hat er genau das gesägt, was auf der gleichen Versammlung zwei gemäßigte Deutschvölkische von den deutschen Juden überhaupt, in erster Reihe von ihm und seiner Partei, gesagt haben. Man wolle dem „Gastvolk", wenn es sich so wohl verhalte wie es Naumann und. Peyser mit ihrem Programme vorschreiben, und zur „Selbstentäußerung bereit sind", e i n i ge Duldung e n t g e g e n b r i n g e n. Diese Großmut wurde unter Protest abgelehnt. Warum sollen über die Herren mehr Liebe von den Nachbarn erwarten als sie selbst für die eigenen Brüder haben? Es ist die Geschichte einer tragischen Liebe ohne Gegenliebe, dramatisch gesteigert durch eine harte Lieblosigkeit da, wo Liebe und Brüderlichkeit von Natur aus gegeben wären. Palöstinafahrt Von Älax Landau (Rni:r"g? Es verkehrt ein Expreßzug Kairo—Haifa. Nachts setzt man in einem Kahn über den tintig schwarzen Suezkanal, der reglos daliegt, ab und zu matt beleuchtet von den Scheinwerfern einiger Ostasiendampfer. Die Fahrt geht durch die Wüste Sinai, in einiger Entfernung von der Mittelmeerküste; es ist nicht der historische Weg der Juden, es ist der ebenso historische, den sie nicht gegangen sind: es ist der nahe „Weg durchs Philisterland". Wieder ist Vollmondnacht, die Wüste fliegt in Sandhügeln wellig vorbei, man ist rings eingehüllt von Sand und schläfrigem Mondlicht. Da hinten, wo die zitternden Strahlen des Mondes ohne Gewalt sind, wo die bläulich-fahl geisternde Landschaft langsam übergeht in nachtdunkles Schwarz, da ist das eigentliche Stammland der Juden. Hier haben sie, auf einer unausdenklich langen Wanderung, gekämpft und gelitten, gelästert, gefrevelt, geweint, gebetet und liebend verehrt; hier waren sie erwählt und verworfen, sündig und heilig, der Vernichtung geweiht und zum Leben begnadigt; hier waren sie durch schimmernde Wunder beschenkt und mit harten Strafen gepeitscht; hier verschrieben sie Und' nun begegnet mir da auf einmal in meiner Winterfrische eme reizende Zierlichkeit des Lebens, die jugleich eine schöne Unentbehrlichkeit ist, ein Gebetbuch, >äs das tägliche Brot unseres Herzens darstellt, in ent- Ückender Ausstattung, Taschenformat, Goldschnitt, 744 seiten, unverwüstlich dauerhafter biegsamer Leinenband, eines Dünndruckpapier, klar und lesbar, mit altberühmter »eutscher Uebersetzung. ll'2iznni ni-vn Tefillah Wetachanunim: Das Ge »etbuch der Israeliten. Vollständiger, sorgfältig »urchgesehener Tert mit deutscher Uebersetzung von Dr. Michael Sachs. Neue, verbesserte Auflage Frankurt a. Nt. (R.öde,lheim) 1926, Druck und 8 er l a 9, v o n M. Le h r b erg er L T0. Da ist es mir ein Bedürfnis und'eine Freude, Ihr ilugenrneri nachdrücklich auf diese kleine, liebe Kostbarkeit U lenken, die nicht nur Ihr Eigenheim schmücken, nicht uit. Sie, schon wenn Sie sie zur Hand nehmen, der Magssphäre entrücken wird, sondern mit der Sie auch Zhre Freunde bei . festlichen Gelegenheiten beglücken oerden. Denn wo gäbe es für das jüdische Gemüt Weihelolleres, Erhebenderes, Erschütternderes als das Gebet ies Werktags,, des Sabbats, der Feiertage? Welch' erhabener, beseligender Gedanke, täglich dreiaal' unangemeldet zur Audienz nicht Bet einem menschidjen Duodezfürsten, sondern beim König der Könige »rMmn, ja titmitn gü M: ., .... Ihm sein Heiz llMWUm zu «H ift so beladenes. Herz! Vor Ihm sich aüsweinen zu dürfen von all' den töten der Seele und des Leibes! Zu' Ihm aufjubeln zn dürfen aus Glück und >ochflug der Seele: Und .sich häufst in. der Morgenfrühe. zu. läutern ritf ' zu', stahlen ', für datz' harte', entbehrungsreiche, geihrdende Wetktag'sdasem; in der Mittagsstunde sich in redlicher Selbstbesinnung Rechenschaft abzulegen über das bereits Vollbrachte und im Abenddunkel ernst gemessen des Äbenddunkels zu gedenken, dem kern irdischer Sonnentag mehr folgt, wohl aber ein ehrlich und mühsam erarbeiteter ewiger Sonnentag. Oder an Sabbat- und Feiertagen lichte Bilder vor sich aufgaukeln zu lassen von gesättigter Ruhe, von überwundenem Erdhaften, rein geistiger Schau und Lust. Allerdings — Gestammel und leeres Lippenwort bleibt schließlich das Gebet, dessen Sinn und Bedeutung man nicht ersaßt, Sinn und Bedeutung mindestens von dem, was man ausspricht, ganz zu schweigen von dem, was in unseren dreimal heiligen Tefillaus geheimnisvoll 'verhüllt bleibt. Wie sagt doch gleich Shakespeare? „Die Worte dringen auf, der Sinn hat keine Schwingen. Wort ohne Sinn kann nicht zum Himmel dringen." Es wird Ihnen ein Vergnügen und eine Erholung fein, mit mir ein wenig aufs Geratewohl in dieser schlichten, kernhaften Uebersetzung zu blättern, die die Stimmungen und Gedanken des Urtertes klar und eindringlich wiedergibt Und sich an den gehobenen Stellen zu schönem, poetischem Schwünge steigert. pi6 inwn- „Er spendet Licht der Erde und den Bewohnern aus ihr in, Barmherzigkeit, und in seiner Güte verjüngt er an. jedem Tage stets das Schöpfungswerk. Wie zsUksM nnn DM8 WMf, ** Do mit WöisM gevilvelj voll Ist *** «***• B-Utümer. O König, Du allein Erhabener von jeher, gepriesen und verherrlicht und in Allmacht hehr bist Du seit den Tagen, der Urwelt! Herr der Welt, in Deinem großen Erbarmen erbarme Dich, unser, Herr unserer Macht, Hort unserer Stärke, Schild unseres Heils, Schutzwehr um uns ..." Oder aus den Sprüchen der Väter: „Vollführe seinen (Gottes) Willen wie deinen eigenen Willen, daß er deinen Willen vollführe wie feinen eigenen: gib deinen Willen vor dem seinigen auf, haß er den deinem Willen entgegenstehend e'n aufhebe vor deinem Willen." Oder endlich aus der Uebertragung der markig festen, tiefsinnigen Jigdal-Hymne: „Gelobt sei der lebend'gr Gott, sein Preis soll hoch erglänzen, Der ist und dauert; keine Zeit seht seinem Dasein Grenzen, Der einzig ist, wie einzig sonst nichts in der Well zu finden, Und feiner Einheit Wesen nicht zu fassen, zu ergründen. Er, der nicht Körper und Gestalt, nicht faßt ihn. Bild und Zeichen; An seine Heiligkeit nicht kann der Menschen Sinnen reichen. Beginn und Grund, und früher er üls alles Sein und Leben, Der Urbeginn ohn' Anbeginn er selbst in seinem Weben." Genug, greifen Sie selbst zu diesem goldgeränderten Taschenbüchlem jüdischer Lebensart, das seinesgleichen nicht hat. „Alorlah", \iiv htm Aufbau Crez Jisroels. 33KiH{J 55 Ilsröel Frankfurt a. M. Die Januar-Februar-Nummer der „Moriah" ist im deutschen wie im hebräischen Teil mit interessantem Lesestoff reich ausgestattet. Einem Artikel von Dr. Robert Weiß über „Wanderer und Bauleute in Erez Israel" folgt ein Aufsatz von Robert Seiden, Haifa, über