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Der Israelit · 1926-03-29 · Heft 14 (29.3.1926) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 14 (29.3.1926)
Date
1926-03-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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29. März 1926 Nr. 14 Seite 3 Was ist eine Nation? Carl Ludwig Schleicht): „Eine Nation ist eine Gemeinsamkeit von Menschen mit gleicher seelischer Organisation." Wesentlich ist nach ihm die seelische Verfassung. Als Nation bezeichnet er eine Genossenschaft, wenn sie eine gleiche Logik des Gefühls hat, einen gleichen Gebrauch der Wortsymbole und eine hohe Wahrscheinlichkeit gleichen Handelns unter gleichen Bedingungen. Mr. William Smith und Mr. John Walker haben mit Hunderttausenden ihrer Landsleute die gleiche Logik des Gefühls, den gleichen Gebrauch dlr Wortsymbole und werden unter gleichen Bedingungen höchstwahrscheinlich das gleiche tun, wie fern auch Mr. Smith und Mr. Walker ihrer Heimat nach von einander seien. Sie sind Zugehörige der britischen Nation. Es gibt eine britische Nation. Es gibt auch unbedingt eine französische Nation, eine spanische, italienische, und es gibt auch eine deutsche Nation. Auch die deutsche Nation ist eine Gemems«nst?lt pon Menschen lllit glMsr seelischer Organisation, Genossenschaft einer gleichen Logik des Gefühls, eines gleichen Gebrauches der Wortsymbole und einer hohen Wahrscheinlichkeit gleichen Handelns unter gleichen Bedingungen. Nun hat der Franzose eine andere Logik des Gefühls als der Deutsche; hat der Schwede andere Wortsymbole als der Japaner; wird unter gleichen Bedingungen der Mexikaner oft anders handeln als der Nordamerikaner. Woran liegt das? Carl Ludwig Schleich erklärt: die Nation mutz einen organisch-biologischen Grund haben.' Das heißt: die Nation muß organisch einen Lebensurgrund haben, eine Gemeinsamkeit der Nahrungsquellen, einen Boden, aus dem sie gemeinsam ihr Sein, ihr Wesen empfängt. Dieser seelische Vorn ist die körperliche Nahrungsquelle, ist das Stück Erde, das die Nation zum Heimatboden hat. Aus diesem Boden haben die Ahnengenerationen gesogen, haben Geschlechterreihen von Vätern ihr Brot erarbeitet. Der Boden hat die Nation und das ihr seelisch Gemeinsame hervorgebracht. „Im Boden liegen die Geheimnisse der Vorfahrenseelen", drückt Schleich es aus. Somit haben wir erkannt: Die Nation ersteht aus dem Boden; Wesen der Nation ist die gemeinsame Sprache, die Gemeinsamkeit der Gemütsrichtung und die bis zu hohem Grade gleiche Art des Handelns in gleichen Fällen. Prüfen wir die gewonnene Erkenntnis an praktischen Beispielen. Pslsn war Mischell Rußland, 1) ..Vom Schaltwerk der Gedanken». Verlag S. Fischer - Berlin._ d) Verbot der Benutzung des Radio am a t. Allerneuesten Datums ist die Erfindung des Radio. Die meisten Radiobesitzer, die sich durch passives Anhören entfernter Vorträge und Opern ein Sabbatvergnügen gönnen wollen, denken wohl nicht im Entferntesten daran, daß sie auch bei diesem unschuldig erscheinenden Vergnügen gegen das Sabbatverbot verstoßen. Und doch ist es so. Denn durch das zumeist unvermeidliche Umstellen der Wellenlänge ist man pnn Es ist dies ein Verstoß, bezw. eine niinn einer am Sabbat untersagten Tätigkeit. Es sei im übrigen auf die Gutachten der g e - setzestreuen Rabbinerverbände verwiesen. Ich halte es für die Pflicht eines jeden Jehudi, der auf seine Emunoh bedacht ist, bei Benutzung jeder neuen Erfindung erst beim Thorakundigen anzufragen, ob einer Inanspruchnahme der Neuerung religionsgesetzlich nichts im Wege steht, genau, wie man vor dem Genüsse einer unbekannten Frucht sich beim Naturkundigen erst vergewissert, ob die Frucht ohne Schaden für Leben und Gesundheit genossen werden darf. Die Sabbatoorschriften der Thora, so lautet ein Ausspruch unserer Weisen, gleichen Bergen, die an einem Haare ausgehängt sind. Drum versäume es niemand, die Sabbatlehre sich zum sicheren Eigentum anzueignen, damit wir alle würdig werden des Tages, von dem es heißt: r>2V dy>- 71120 'V8N - Sprechende Zeichen. Bon Rabbiner Dr. Ansbacher, Wiesbaden. Wenn unsere heilige Sprache schon durch ihre grammatikalische Konstruktion wie — — die meisten orientalischen die avendländischen an Kürze übertrifst, so läßt sie sich noch mehr vereinfachen durch ihre kurze Der Israelit und Oesterreich aufgeteilt. Völkerrechtlich gab es keine polnische Nation mehr. Doch die Polen blieben auf ihrem Boden, behielten ihre polnische Sprache, ihr polnisch Fühlen und Handeln. Russisizierungs- und Germanisierungsversuche erwiesen sich fast durchweg als erfolglos. Das erkannte Deutschland und faßte (vor der Niederlage) den Plan zur Wiederherstellung eines polnischen Staatswesens. Das erkannten auch die alliierten Mächte und errichteten den polnischen Staat. Polen ist eine Nation. Oesterreich-Ungarn war keine Nation, sondern ein Nationalitätenreich von Deutschen, Tschechen, Ungarn, Slovaken, Kroaten, Slovenen, Italienern usf. Es ergibt sich der Unterschied zwischen einem Nationalstaat und einem Nationalitätenstaat: Der Nationalstaat umfaßt eine und die selbe Nation. Der Nationalitätenstaat umfaßt entweder für das zweite Luavktll 1926. Wir ziehen die Abonnementsgebühren für das zweite Quartal vom 8. April ab, wie üblich, durch Nachnahme ein und bitten unsere verehrt. Leser um prompte Einlösung. F r a n k f u r k a. Al.. 29. März 1926. Verlag des „Israelit" G. m. b. H. verschiedene Nationen, wie z. B. unter der römischen Oberherrschaft. (So etwas gibt es gegenwärtig nicht.) Oder der Nationalitätenstaat umfaßt abgesprengte Teile oder Ausläufer verschiedener Nationen, wie die Schweiz als Bundesstaat paritätisch Deutschschweizer, Französischschweizer und Jtalrenischschwerzer umfaßt mit drei verschiedenen Landessprachen; sie ist kein Nationalstaat. Darum ist auch Belgien kein Nationalstaat, im Gegensatz zu Holland. Somit stimmt der Grundsatz mit den Tatsachen überein, die wir in der Völkerwelt beobachten. Zu dem Grundsatz und den Erfahrungen steht aber in unvereinbar schroffem Gegensatz die Tatsache der jüdischen Nation. Eine Menschengesellschaft ist auf drei, vier Millionen unter ägyptischer Fron gewachsen. Boden hatte sie nicht zu eigen; auch ihre Vorfahren hatten keinen, wenn man von einem Stück Feld absieht, das eine Höhle enthielt mit den Elterngräbern. Alles MeiWenreHl war ihmu?möp8eT1- ÜEttsn Söhne sollten von Maats wegen getötet werden. Die niedrigste ägyptische Kaste trat sie und bündige, fast lakonische Ausdrucksweise, in ihrer graphischen Darstellung aber nochmals zusammendrängen durch die in keiner Sprache so reiche Anzahl von Abkürzungen Es möchte fast scheinen, als hätte man dem vielgerühmten, jüdischen Scharfsinn hier auch ein besonderes Gebiet zur Betätigung schaffen wollen in der Entzifferung der mannigfachsten man 'vrri in Büchern, Briefen und anderen Aufzeichnungen. Mag es Tatsache oder Sage sein, daß auch oft Gründe praktischer Art Veranlassung zu den vielen Abbreviaturen gaben, wie der Verfasser des annarr pv, infolge seiner ärmlichen Verhältnisse nicht in der Lage, genügend Papier zu kaufen, seinen Kommentar auf die Wände seines Zimmers geschrieben und deshalb sehr viele Worte gekürzt haben soll, fest steht es, daß kein Schrifttum so reich an Abkürzungen ist wie das jüdische. Nicht die Menge der Zeichen hier zu erklären sei unsere Absicht, dazu gibt es ja entsprechende Nachschlagewerke *), wir wollen vielmehr an der Hand einiger Beispiele darauf Hinweisen, wieviel Inhalt oft selbst in diesen wenigen Buchst a b e n verborgen liegt. Daß die Zeichen und fi"»a „mit Gottes Hilfe", „so Gott will" die ganze Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Juden mit allen seinen Wünschen und Hoffnungen durchweben, ist ja der erste Grundzug seiner Lebensanschauung, ebenso wie er sich des Vergehens fürchten würde, „seinen Mund zum Bösen zu öffnen", wollte er ein trauriges Ereignis nennen, ohne mit einem flehentlichen Blick nach oben die Worte oder rn „Gott beschütze uns", „Schonung und Frieden" hinzuzusetzen. Nennt der Jude in einem Briefe oder irgendwo einen Ortsnamen, Stadt, Dorf und Flecken, sobald auch *) Eine Liste einiger 100 der gebräuchlichsten sind vom Schreiber dieser Zeilen zusammengestellt und hektographisch vervielfältigt zu beziehen. als Paria unter ihren Fuß. Eine Sklavenmasse waren die Söhne Israels, Staatseigentum Aegyptens. Von den Merkzeichen für eine Nation hatten sie damals nur die Gemeinsamkeit der Sprache, die altibrischen Vornamen und die Väterkleidung. Hinausgetrieben aus Mizraim, durchzog das Volk das Meer und lagerte 40 Jahre lang in der Wüste. Diese Wüste war wahrlich kein Boden „autochthoner Nahrungsquellen" für Körper und Geist und Gemüt, für die seelische Einwurzelung einer Nation. Dennoch — gerade in der Wüste wurde Israel Nation. Am Sinai gelagert, vernahm es den göttlichen Vertragsvorschlag: Gottes Gesetz gehorchen, Gott ausschließlich als Volk angehören, das sollte die Vertragsleistung des Volkes sein; die Erhebung zum gesegneten Priesterreich, zu einem heiligen Volk — das war als Gegenleistung gesetzt. Da antwortete das ganze Volk als Einheit, als Genossenschaft gleicher Logik des Gefühls, als Nation: Kaul aschsrbibber Hafchem naaseh. (II, IS, L.) Dieser MlleKLäUSdvUlk für bm Dkltrag, dieser Gehorsamsschwur hat Israel ohne gemeinsamen Boden zur Nation gemacht. „Die Nation wurzelt im Seelischen eines Volkes." Das ist das, was aus Schleichs Definition auf die jüdische Nation zutrifft. Er fühlt selber, daß die jüdische Nation im übrigen seinen Regeln Hohn spricht, und sucht sich so zu helfen.: Vielleicht ist die Konstanz der Juden durch rituelle Strenge der Nahrung aus langen Vorzeiten hochgezüchtet." Für einen Nichtjuden ist das ein kluger Gedanke. Er sieht, daß die Juden keinen Heimatboden, keine Sprache haben und trotzdem eine Gemeinsamkeit von Menschen mit gleicher seelischer Organisation darstellen. Er weiß, die Grundlage des Nationalen für alle Nationen der Welt fehlt den Juden: die Scholle. Er weiß, die Vorbedingung zur Nation fehlt: die Nationalsprache. Es muß also, so schließt er daraus, bei den Juden ein Ersatz vorhanden sein für Boden und Sprache, ein Ersatz, der ebenso stark imstande ist, nationales Wesen zu produzieren, wie der Boden, und ebenso stark nationalseelische Gemeinsamkeit herstellt, wie die Sprache. Diesen machtvollen Ersatz sucht er. Wodurch unterscheiden sie sich, so erwägt er, in ihrer Lebensweise von den anderen Nationen? Und er findet die Speisegesetze als nach außen erkennbares Unterscheidungs- und vermeintliches Wesensmerkmal. Die rituelle Strenge der Nahrung soll bei Israel erzeugen, was der Wurzelboden sonst überall hervorbringt. Er streift die Wahrheit, kommt ihr nahe. Wir aber Jennnen fie, die ganze Wahrheit: Der Tchwur vm hie Hltdbs m einen (BonDeo Volksberus roars, das Israel zur seelischen C!llnur 10 jüdische Menschen dort einen Zibbur bilden, und seien es auch nicht die Vesten des Volkes, er nennt sie p"p lnvip nbnp)* heilig ist ihm jeder Ort, der auch nur ein Minjan, das sich um Gott schart, zählt. Aber dennoch vergißt er, wo er auch seinen Wohnsitz nimmt, nicht der heiligen Stadt, zu der er sich bei der Tefilloh wendet, die er einst wieder in ihrer Pracht erstrahlen zu sehen hofft, jtsp hvn irw nirp] „unsere Stadt werde wieder erbaut" setzt er wieder hinzu. Mag er auch alle Bequemlichkeiten und Fortschritte genießen können, er kennt kein Neu-, Stuttgart- oder anderes Jerusalem, seine Sehnsucht zieht ihn doch nach dem Lande seiner Heimat, der Stadt seiner Zukunft. Setzen wir das Datum an den Kopf unserer Briefe, so fügen wir hinzu p~sV (|t>p v-!vi>), snach der kleinen Zeitrechnung, denn wir lassen die Jahrtausende weg. Ob 5 oder mehr oder weniger Tausende seit Erschaffung der Welt verflossen, ist für uns von untergeordneter Bedeutung. Wir leben für das laufende Jahrtausend, für Gegenwart und Zulunst. Uns können die Hypothesen der Geologen, die mit hunderttausenden und Millionen Jahren rechnen, nicht erschüttern, sind uns ja selbst die in unserem Kalender gezählten 5000 nicht so wichtig, in jedem Schriftstück erwähnt zu werden. Blicken wir in di: Hallen der Wissenschaft: der jüdische Forscher soll nicht Behauptungen, die vielleicht von anderer Seite Widerlegung finden können, mit hochklingenden Redensarten hinausposaunen, nicht ein stolzes diri hinter seine Worte setzen, ein bescheidenes bsb wi w»! nach meiner bescheidenen Meinung fügt er mit Vorbehalt hinzu. Und hat er gar ein Kunstwerk von Scharfsinn aufgebaut, so triumphiert er trotzdem nicht über seine Leistung v"iri yiP ■p-rail, es bedarf noch der Prüfung, schließt er vorsichtig.

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