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Der Israelit · 1926-03-29 · Heft 14 (29.3.1926) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 14 (29.3.1926)
Date
1926-03-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 14 Der Israelit 29. März 1926 Wächter für sich in Anspruch zu nehmen sich erkühnen. Es gehört schon einiger Mut dazu, unter dem Schutze der Nacht die Toten auf dem Friedhose zu überfallen, aber der Mut, gegen moralische Hemmungen erfolgreich anzukämpfen, ist den Herren von Haus aus in reichstem Maße gegeben. Haß über den Tod hinaus, heißt das Lied eines, hoffentlich kleinen, Teiles des jungen Deutschlands! Vor einigen Wochen erlebte man in Berlin — Deutschland und die Welt haben es am Rundfunk m i t erlebt — eine ergreifende Feier des Vereins zum Schutze der Kriegergräber in den früheren Feindesländern. Herrliche, trostverheißende Worte bekam man bei diesem Festanlasse aus berufenem und beredtem Munde zu hören über die Fülle VPTl die den Ruhestätten dse fremden Soldaten von den früheren Feindesvölkern erwiesen wird. Ein Hauch warmer Menschlichkeit weht über frühere Schlachtfelder und schleicht sich in die Herzen, menschenverbindend. Man hörte es und empfand die Botschaft wie neue Hoffnung, die aus Gräbern für eine neue Menschheit erblüht. Und nur Tage später durcheilt die Schreckenskunde die deutschen Lande, daß auf einem alten jüdischen Friedhof, in Erfurt, von hundertundzwanzig Gräbern ungefähr hundert auf gröblichste Art geschändet wurden, von eigenen Landes- und Heimatgenossen, von jungen Menschen, die sich „völkisch" nennen und sozusagen sich als Exekutive einer Ideologie fühlen, die von parlamentsfähigen Parteien unter der Marke „nationaldeutsch" in Wort und Schrift verkündet, den unreifen jugendlichen Gehirnen Tag für Tag förmlich eingehämmert wird. Das deutsche Volk hat Grund, über diesen Vorfall zu weinen. W i r nicht minder, sintemalen wir als Teil des deutschen Volkes mit seinen Geschicken eng verbunden sind. Die Schändung jüdischer Friedhöfe stand in letzterer Zeit aus der Tagesordnung, gehörte zum Programm des aktiven Flügels der sogenannten völkischen Gruppen. Aber die Schandtat von Erfurt (fast zur gleichen Zeit geschah ähnliches im weitab liegenden Löwenberg in Schlesien) hat doch in ihrer krassen bestialischen Form mehr als alle anderen antisemitischen Unternehmungen weckend und aufrüttelnd gewirkt. Die gesamte große Presse spricht davon, Schriftsteller von Üiamen erheben ihre Gitüittie, iiHÄ Attl4stk 41 auch ein A p p e l l a n d i e M ü t t e r, der zeigen soll, wohin wir in Deutschland bereits gekommen sind. Insofern kann vielleicht auch noch etwas Gutes aus den geschändeten Gräbern in Erfurt ersprießen. Die „Welt am Montag" fragt in einer längeren Ausführung, ob so etwas möglich wäre, wenn über der völkischen Bewegung eine zwingende sittliche Forderung stünde. Sie antwortete: Niemals! Es ist der vollkommene Mangel an positiven Ideen, die ausschließliche Einstellung auf Hatzgefühle und Hatzhandlungen, die üble Elemente mit magnetischer Gewalt zu ihr zieht. „Ich bin überzeugt, wer die Ruhestätte eines toten Juden stört, würde weit lieber mit völkischer Tatenwollust einen lebendigen Juden „umlegen". Es handelt sich also um eine Ersatzhandlung ... Verlaßt euch darauf: wenn solche Schufte in Uebermacht auftreten können, oder mit Waffen, sei es aus einem Hinterhalt mit wohlvorbereiteter Fluchtgelegenheit oder — herrlichstes der Gefühle! — gar unter dem Schutz oder der Duldung irgendwelcher Obrigkeit — dann werden sie noch lieber als gegen die Toten geigen die Lebendigen wüten. Und sie werden keinen Unterschied machen zwischen Juden und Ariern." Die Schriftstellerin Lenka von Körber appelliert unter dem frischen Eindruck der Meldung an Me Deutschen Müller i „Die furchtbare Kulturschcmde, die der Antisemitismus mit der Zerstörung des alten israelitischen Friedhofes in Erfurt auszeigt, sollte die deutschen Mütter aufrütteln, um gemeinsam gegen die antisemitische Verhetzung vorzugehen. Denn hier zeigen sich ja erbarmungslos deutlich die Früchte des aus niedrigsten Regungen erwachsenen Judenhasses. Der bodenlosen Unwissenheit, auf der die völkische Verseuchung gedeiht, muß durch Aufklärung in den Schulen, durch vorurteilsloses Aufzeigen der sittlichen Kraft jüdischer Kulrur entgegengetreten werden. Heute sind positive Maßnahmen norwenvig, damit sich nicht das antisemitische Gift in alle Turnvereine und Sportgruppen einschleicht, so daß wir unsere eigenen Kinder nicht mehr ausreichend schützen können. Die furchtbare Tat von Erfurt muß uns alle, Juden und Christen, aufrütteln, um Deutschland wieder von diesem Makel zu befreien." Ist auch der Tiefstand der Erfurter völkischen Kultur ein solcher, daß hier selbst der Tod seine reinigende Wirkung verfehlt, so wirkt vielleicht, nach dem ungeheuren Aufsehen, die sie erregt hat, die Schandtat selbst ein wenig reinigend. Wir sind um die Zeit des Erlösungsfestes immer zu neuen Hoffnungen geneigt. Rumänische Idylle. Was in Rumänien seit Wochen und Monaten vorgeht, erinnert schon an die Vorgänge der achtziger Jahre in Südrußland, an die Pogromperiode zu Beginn unseres Jahrhunderts in Beßarabien, an die Nachkriegsmetzeleien in der Ukraine. Nicht ganz in diesem Formate, aber vogelfrei, schutzlos der Masse ausgesetzt wie dort unD Damals, ist Der 3uDa heule in 33 n t a r e yt und in Jassy. Einbruch in diä Mischen Häuser, Ueberfälle auf der Straße und als besondere Spezialität die Ueberfälle auf die Züge und Straßenbahnen, in denen sich jüdische Reisende befinden, sind Erscheinungen des Tages. In Beßarabien und in der Ukraine war es der mordgierige Mob, die wildgewordene Soldateska. Der gebildete Teil der Bevölkerung stand mit Grauen und hilflos dem Treiben gegenüber. In Rumänien gehen die Pogrome von der Universität aus. Von der Hochschule des Antisemitismus ergießen sich die akademischen Stoßtrupps auf die Straßen, um sich auf die Juden zu werfen. Man will den Numerus clausus. Er besteht de facto zwar in Rumänien genau so wie in Ungarn, aber man will ihn d e jure ausgesprochen haben und dies durch Streik erzwingen. Aber es ist kein passiver Streik, wie ihn simple Arbeiter, wenn sie ihre Forderungen durchsetzen wollen, verstehen und durchführen, sondern ein blutiger Streik, der aktiv in kleineren und größeren Pogromen^n Erscheinung tritt. Selbstverständlich sind dabei die Mfl&enMMen WngliiM nwr yjs hintt^ ihnen ist der Stratzemnvb, den von dem in Best? arabien und in der Ukraine nur der Dnjester trennt. Dieser besorgt das Weitere ohne akademischen Schwung, aus innerem Triebe zum Handwerk des Mordens und Plünderns. Die Universitätsbehörden wie die Regierung in Bukarest machen Versprechungen, erlassen auch Schutzverordnungen. Es fehlt aber die Kraft, vielleicht auch der gute Wille, ihnen Achtung zu verschaffen. In G e n f, wo es so etwas wie eine permanente Instanz zum Schutze der Minoritätsrechte gibt, hat man zur Zeit andere Sorgen. Wie vieles fehlt noch dem Weltenbilde zum Ideal, das unser Fest von der Welt der Zukunft vor unsere Seele zaubert! Von der jüdischen Ration und den Rationen. Der Sohn gehört der Nation des Vaters an.. Des Vaters Land ist des Sohnes Vaterland; so ist es meist und staatsrechtlich zunächst immer. Doch folge gleich ein Ausnahmebeispiel: Jemand ist in Berlin als Sohn eines Franzosen und einer Deutschen geboren, hat nicht französisch sprechen gelernt, hat ein deutsches Gymnasium besucht, deutschen Sprachgeist geatmet, deutsches Wesen angenommen, deutsche Sitten, deutsche Gesinnung. Bis in das höchste Alter wäre er staatsrechtlich dennoch Franzose, weil sein Vater ein Franzose geblieben ist. Aber er ließ sich naturalisieren. Naturalisieren heißt, Den natürlichen Znstnnd, das NätUrrecht hepstelläN. Dä-tz NüMAichö war durch geltendes Staatsrecht gehemmt. Der Mann gehörte seiner Natur, seinem Wesen nach zur deutschen Nation. Die Naturalisation endlich gibt ihm die Nation, der er sich zugehörig fühlt. Meines Feuilleton. Die neuen Erfindungen und das jüdische Religionsgeseh. Eine Betrachtung von Fl. Unser Zeitalter kann man mit Recht das Zeitalter der Erfindungen nennen. Man staunt, welche Neuerungen der menschliche Forschungsgeist hervorgezaubert hat. Die Thora steht über der Zeit. Das Fest der Thora wurde im weisen Ratschluß des allgütigen Vaters zeitlich nicht festgestellt, um von vornherein die Meinung nicht aufkommen zu lassen, daß die Gesetze der Thora sich den Forderungen der Zeit anzupassen hätten. Viele gute — natürlich unwissende — Jehudim sind nun der Ansicht, daß die neuen Einrichtungen nicht durch das Religionsgesetz betroffen würden, und so setzen sich viele aus purer Ünkenntnis über wichtige Verbote des Thoragesetzes hinweg. «) Benützung der Eisenbahn am Sabbat. Ich verbringe einen tue? in einer kleinen Gemeinde «n der Mosel. Man erzählt mir von einem sehr frommen Manne, der hier im Sinne der Thora wirkt. Er bemüht sich, den regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes aufrechtzuerhalten und bringt sogar das Opfer, an jedem nnv in einer auswärtigen lehrerlosen Gemeinde aw avb den Gottesdienst zu übernehmen. In seiner frommen Einfalt fährt er sogar per Eisenbahn nach dem verwaisten Orte. Von mir wegen dieser flagranten Gesetzesübertretung zur Rede gestellt, schaut er mich von oben bis unten geringschätzend an und meint: das Fahren mit der Eisenbahn sei sicherlich kein Sabbatverbot. Denn zur Zeit, als die Thora gegeben wurde, habe es sicherlich noch keine Eisenbahnen gegeben. Gar häufig trifft man Leute, die allen Ernstes glauben, das Verbot des Fahrens am Sabbat und Feiertagen beziehe sich nur aus Fuhrwerke, bei denen tierische Kraft in Anspruch genommen wird, nicht aber auf Fahrzeuge mit Dampf- und Elektrizitätsbetrieb. Das Erzeugen und Erhalten der treibenden Kraft — sei es Dampf- oder elektrische Kraft, die Zurücklegung einer Entfernung von mehr als 2000 Ellen, wird nicht in Betracht gezogen, ebenso das Fahren rrv Dwaum einen Unterschied nicht aufkommen zu lassen. Nachdem das Verbot des Fahrens am Sabbat nun einmal religionsgesetzlich zu Recht besteht, kann nie und nimmer, trotz Aenderungen der treibenden Kräfte eine Aufhebung dieses rabbinifchen Verbotes in Betracht kommen. b) Entzünden und Auslöschen des elektrischen Lichts. Nicht anders verhält es sich mit dem Entzünden und Auslöschen der elektrischen Lichtflammen. Häufig trifft man Jehudim, die sich bemühen, einen streng religiösen Lebenswandel zu führen. Jedoch machen sie sich kein Bedenken daraus, am Sabbat und Jomtow den elektrischen Taster zu drehen. Nach ihrem gesunden Menschenverstände scheint dies kein Verstoß gegen das Religionsgesetz zu sein. In vielen Gemeinden und Provinzen scheint ein vollständiger gegen diesen „Jssur deauraisoh" zu bestehen. Ein brennendes Licht anzufassen oder eine Petroleumlampe oder eine Kerze mit Hilfe eines bereits brennenden Lichtes anzuzünden, würden die meisten dieser Gesetzesübertreter um alles in der Welt sich nicht erlauben. Dabei vergessen diese Klugen, daß unter Anzünden jede Tätigkeit zu verstehen ist, durch welche eine Flamme erzeugt und unter Auslöschen jede Betätigung, wodurch ein Licht vermindert oder beseitigt wird. Es ist also im Prinzips dasselbe, ob man eine Kerze an einem vorhandenen Licht entzündet, oder ob man den Taster der elektrischen Lichtanlage andreht. Beides sind schwere Verstöße gegen ein wichtiges Thoraverbot . . . c) Telefonieren am Sabbat. Am meisten wird schließlich in sogenannten religiösen Kreisen am Sabbat am Telefon gesündigt. Hat man dem Geschästsfreunde eine wichtige Mitteilung zu machen — oder benötigt man dringend Ware für einen am Sonntag zu erwartenden Kunden, so geht man am Sabbat-Morgen vor der Hauptfeudoh an das bequem zu erreichende Telefon. Das Geschäft ist ja streng geschlossen, doch eine kleine Bestellung ist doch keine Arbeit. Der glückliche Bräutigam kennt kein größeres Vergnügen, als am /np-Nachmittag mit dev Verlobten seines Herzens ein kleines Plauderoiertelstündchen am Telefon abzuhalten. Oder ist die Hausfrau am Sabbat irgendwo zu Besuch, so läßt sie ihre- Lieben zu Hause an das Telefon kommen, um sich in der Fremde von ihrem Wohlbefinden zu überzeugen. Abgesehen von den häufigen Geschäftsabwicklungen begeht man durch das Telefonieren mehrere schwere Verstöße gegen das Sabbatverbot, die alle als Arbeiten im Sinne des Sabbatgesetzes zu betrachten sind. Die Veränderungen, die beim Sprechen in der Stromstärkehervorgerufen werden, sind nach der Ansicht unserer Rabbinen schon ein besonderer Jssur. Der zweite Jssur,. dessen man sich beim Telefonieren schuldig macht, geschieht durch Vip> wvD?, Erzeugung eines Tones. Schließlich ist es unvermeidlich, daß beim Einhängen des Telefons ein elektrischer Funke entsteht. Wer also am Sabbat, oder an jüdischen Feiertagen telefoniert, lädt schwere Jssurim auf sich und ist ohne Zweifel siv'Ioi'iknLV^n«»

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