Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1926)
- Date
- 1926-03-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 13 Seite 5 Die beiden Berliner Alpenvereine. 26. MSrz 1926 der Adaß Jisroel.das Gotteshaus in der Artilleriestraße ist, mußte er wissen, daß der von ihm inkriminierte Vorfall sich nicht dort, sondern in der Filialsynagoge am Goethepark abgespielt hat. Diese kleine Nebensächlichkeit, die für die Beurteilung der Angelegenheit zugestandenermaßen irrelevant ist, soll hier in ihrer Bedeutung gewiß 'nicht über Gebühr unterstrichen werden; aber einen Rückschluß daraus auf den Grad pflichtmähigen Strebens des Schreibers zu ziehen, sich über die Dinge, die er behandeln will, erschöpfend zu unterrichten, muß uns doch gestattet fein. Zumal durch diese unrichtige Lokalisierung —von ihm sicher ungewollt —, da er in sehr unangebrachter Delikatesse die Namensnennung des Angeschul- Mgterr unterläßt, ber fflerbac(>(: ber Qüai^rfcljäfi in falsche Richtung gelenkt wird. In der Hauptfynagoge der Adaß Jisroel „amtieren", wie er als Zuschauer „aus nächster Nähe" wissen mußte, die Herren Dr. Munk und Hildesheimer; die Anwürse des Artikels richten sich aber nicht gegen sie, sondern gegen den Rabb. Ass. Herrn Dr. Klein, der in der Synagoge am Goethepark „amtiert". Und wenn auch die erstgenannten Herren, wie nach Kenntnis ihrer Gemütsverfassung anzunehmen, den auf sie gelenkten Verdacht nicht allzu tragisch nehmen mögen, so kann diese Tatsache ganz und gar nicht die journalistische Fahrlässigkeit exkulpieren. Aber dieser, für das Ausmaß dichterischer Freiheit, das der Herr Schreiber für sich in Anspruch nimmt, auch schon etwas bezeichnende Nebenpunkt soll nicht dazu dienen, die Aufmeksamkeit von der Hauptsache, von der Predigt des Herrn Dr. Klein abzulenken, in der, nach dem Herrn Schreiber, „die Mitglieder der Einheitsgemeinde in wilden Worten geschmäht" wurden. Jnakulpat ist, immer nach dem Herrn Schreiber, auch schon darum im Sinne der Anklage hinreichend verdächtig, denn „es ist der gleiche (sic!) Herr, der auch schon bei anderen Veranlassungen gegenüber der großen Gemeinde herabsetzende und beleidigende Worte zu finden gewußt hat." Eigentümlich berührt alsdann die Logik, mit der im folgenden Satz dieses „Vorkommnis" als „ungewöhnlich und zur Stellungnahme über (sic!) das Verhältnis der separatistischen Orthodoxie zur Einheitsgemeinde anregend" angesprochen wird! Wie denn? Laut obigem Signalement ist der qu. Dr. Klein ein schon nicht mehr zweifelhafter Zeitgenosse von menschenfresserischen Allüren der mindestens zu jeder Mahlzeit einen braven Gemit Haut unö paaren nerspcisl, fortwährend ©ifi unb Satte gegen bte „(EtüI)öit3fl0H10!HÖß speit und, ein blinder Hödur, zu jeder Tat der Raserei imstande. Bei einem Menschen von diesen liebenswürdigen Qualitäten kann „dieses Vorkommnis" doch aber nicht als „ungewöhnlich" imponieren; sondern es fügt sich doch nur streng symmetrisch dem Gesamtstil der Persönlichkeit ein! Wir kennen sreilich diese Persönlichkeit von einer ganz anderen, wahrhaft liebenswerten Seite; aber nicht darauf kommt es hier ja an, sondern auf die Entscheidung der Frage, ob die in dem Artikel gebotene Charakteristik jener Predigt als eines wilden Haß- und Schmähschreis gegen die Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde sich aus ihrem Wortlaut rechtfertigt oder nicht. Die andere Frage, ob es dem Geist der Ring-Parabel oder des Knorr und Knubb-Menschtums entspricht, angeblich widerfahrene Kränkungen durch Beleidigung des Gegners auszugleichen, oder ihn in der Oeffentlichkeit durch unkontrollierbare Anschuldigungen bloßzustellen: diese Frage soll, später im Zusammenhang mit Feststellungen über das Gegenseitigkeitsverhältnis in der Toleranzforderung zwischen hüben und drüben ihre Lösung finden. Wir sind nun in der Lage, aus der uns zur Verfügung gestellten Niederschrift jener Predigt den angefochtenen Passus hier wörtlich wiederzugeben und der Beurteilung unserer Leser zu unterstellen. Er lautet: „Es ist ein Zeichen seelischer Erkrankung, wenn man keine Empfindung hat für die Würdelosigkeit und ovo, die darin liegen, wenn man sich die zum eigenen religiösen Leben notwendigen Institutionen dadurch erkaufen und erhandeln muß, daß man gleichzeitig größere Summen für Institutionen bewilligt, die dem eigenen religiösen Empfinden geradezu ins Gesicht schlagen, daß man z. V. wenn man eine konservative Synagoge benötigt, man auch die Mittel für eine Orgelsynagoge bewilligen muß. Ich erbucke hierin eine Herabwürdigung unserer Heiligtümer. Mit solchen, die dies nicht empfinden, ist nicht zu rechten. Die Thora muß, Herrscherin sein in der Gemeinde Jakobs." Aus meiner beruflichen Betrachtungsart heraus hätte ich es begreiflich gefunden, wenn an der nicht unbedingt sicheren Diagnose der „seelischen Erkrankung" der eine oder der andere Hörer, namentlich wenn er, wie zweifellos auch der Artikelschreiber, M a n n s Zauberberg Überstunden hat, einigen Anstoß nahm. Das riecht undefinierbar nach Sanatorium oder psychiatrischer Klinik, nach Psychonalyse und anderen anmutigen Scherzen, denen der Normalmensch wenig Geschmack abzugewinnen vermag. Das war aber mit Nichten der Stein des Anstoßes, sondern, wie aus Unterhaltungen mit Hörern jener Predigt unzweifelhaft festgestellt werden muß, war es das Wort Chilul ka-schem, das als kränkend empfunden wurde. Für den deutschen, nicht bloß den Berliner ttt Mttstt Mifm Hst M Eßvt sinon fiefonDöFß fatalen Verklang; sie sind gewöhnt unb bazu erzogen, als Kiddufch ha-fchem Aeußerungen und Symptome der Anerkennung, die der Ehrlichkeit in Handel und Wandel, der Mildherzigkeit, dem Familiensinn und anderen schönen jüdischen Stammeseigenschaften von n i ch t j ü d i s ch e r Seite gezollt werden, anzusprechen und zu verzeichnen. Kontradiktorisch ergibt sich daraus als Sinn des Chilul ha-schem ein ehrenrühriges, sittenwidriges Handeln, das geeignet erscheint, den jüdischen Namen, wiederum bei Nichtjuden, in Verruf und zu Unehren zu bringen. Die Choc-Wirkung des Wortes auf Zuhörer, die seinen Sinn nur in der geschilderten Weise erfassen können, erscheint nicht unbegreiflich. Aber diese Auffassung ist, wie jeder Kundige weiß, von A vis Z falsch. Zahllose Bibelstellen belegen, was schon die Ueberfetzung des Wortes lehrt, daß Chilul die Herabwürdigung eines Hochstehenden auf das Niveau des Gewöhnlichen, Alltäglichen bedeutet; bezeichnet ja auch das allbekannte, von demselben Wortstamm hergeleitete Substantiv nichts anderes, als, im Gegensatz zu den mv-7p' das Unheilige, Gewöhnliche, Profane. Chilul ha-schem ist daher eine Handlung, die die Allerheiligsten-Eigenschaften Gottes zu beeinträchtigen wagt, die göttliche Interessen um irgendwelcher Vorteile oder Nachteile willen preisgibt, die Gottesgebot nach menschlichem, allzumenschlichem Ermessen obliegen zu dürfen glaubt. Vor Allen: K i d d u s ch ha-schem und vice versa Ch. h. haben als Schauplatz der Wahl das Forum der Gemeinde Israels, im jüdischen Urteil, in jüdischer Umgebung entscheidet sich, was Kiddusch h., was Chilul h. ist, „und ich will geheiligt sein in der Mitte ökk Svhllk D?s!lk!§"l s? lautet klar und denttt^ das Thvraworn orft an Der äußersten Peripherie des Kreises lagern die anderen Möglichkeiten, die im Hinblick auf Nichtisrael sich ergeben. Es war ein Fehler seiner Tugend bei Herrn Dr. Klein, eine Folgewirkung seiner überragenden, eindringlichen Kenntnis des Talmuds, seiner in der halachischen Denk- und Sprechweise sich auslebenden geistigen Verfassung, die ihm die Möglichkeit einer Einfühlung in die landläufige Ausdeutung des Chilul H.-Begriffs so völlig verschloß, daß er jene andere Auffassung gar nicht in Betracht zu ziehen im Stande war. Wer den Ch. h. als Symptom einer seelischen Erkrankung auszudeuten geneigt ist, ist, ob diese Symptomatologie nun richtig oder unrichtig ist, ganz gewiß aber nicht dazu gestimmt, asoziale, ehrenwidrige Antriebe in ihm und hinter ihm zu suchen. Und darum seit Wochen ein mit allen Mitteln einer geschickten Regie inszeniertes Kesseltreiben, das die aus dem oben geschilderten psychologischen Komplexe nicht ganz unverständliche Mißstimmung eines zunächst kleinen Kreises in immer weitere Zirkel zu tragen und die Erregung immer aufs Neue zu schüren und wachzuhalten weiß. Nun, dem Tieferblickenden braucht der Artikel im „Jsr. Familienblatt" nicht erst zu verraten, was er ohnedies sofort erkannt hatte: daß der eigentliche Zweck der Uebung kein anderer, als der Wunsch, bei dieser Gelegenheit ist, der Adaß Jisroel ihre außerordentlichen (nicht aus der jüdischen Gemeinde ausgetretenen) Mitglieder zu entfremden. Aber die Rechnung der überklugen Herren ist dennoch falsch! (Schluß folgt.) Zusammenschluß jüdischer Zentralverbände. Berlin, 9. März. Die drei jüdischen Zentralverbände, die auf verschiedenen Gebieten sozialer Hilfe tätig sind, nämlich der Verband für Gesundheitsschutz der Juden „Ose", der Verband der Gesellschaften für Förderung von Handwerk und Ackerbau unter den Juden „Ort" und der Verband für jüdische Emigration „Emigdirekt" haben sich zum Zwecke gemeinsamer Sammelaktion zusammengeschlossen. Berlin, 14. März. Die Jahresverfammlung der Sektion Berlin des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins hat nach einer stürmisch verlaufenen Debatte beschlossen, den Mitgliedern die gleichzeitige Mitgliedschaft im Deutschen Alpenverein Berlin zu verbieten. Der Deutsche Alpenverein Berlin war gegründet worden von Mitgliedern der Sektion des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, die mit der antisemitischen. Politik der Sektion Berlin nicht einverstanden waren. Die Redner der Opposition, Sanitätsrat Dr. Heusler und Sanitätsrat Dr Stabel, die sich nur schwer das Wort verschaffen konnten, proiinrtffl gegen niesen BeslyW HJU'fffifRWp? diesem nicht fügen zu wollen. Demnach ist Mil einem Generalausschluß der oppositionellen Mitglieder zu rechnen. Aus dem Bericht der Sektion Berlin für das Jahr 1925 ist zu ersehen, daß 521 Mitglieder ihren Austritt erklärt haben und 154 durch Nichtzahlung der Beiträge ihre Streichung herbeigeführt haben. Die Austrittsbewegung setzte bekanntlich ein, als die Sektion in der vorjährigen Versammlung auf Antrag des Vorstandes beschloß, die Neuaufnahme von Mitgliedern an Bedingungen zu knüpfen, die einem Numerus clausus bei Aufnahme jüdischer Anwerber gleichkamen. Weiteres über die Schändung des jüdischen Friedhofs in Erfurt. E r f u r t, 18. März. Dem amtlichen Erfurter Polizeibericht über die bereits gemeldete Friedhofsschändung ist zu entnehmen: „Der in Erfurt betriebene' Antisemitismus hat eine Tat gezeitigt, die den Abscheu der ganzen Bevölkerung erregt. Der jüdische Friedhof an der' Cyriakstrahe ist von Rohlingen in vandalifcher Weise zerstört worden und bietet ein —tlb traurigster Verwüstung. Im ganzen wurden 95 (von 130) Grabdenkmäler umgeworfen oder stark beschädigt. Die Tat geschah in der Nacht zum Sonnabend. Etwa gegen 3 Uhr vormittags! bemerkte der diensthabende Beamte auf seiner Streife das Treiben auf dem Friedhof und stellte im Stockfinstern die drei Täter, die sofort die Flucht ergriffen und von ihm scharf verfolgt wurden. Es gelang ihm, einen Täter festzunehmen. Es war dies der Kaufmann Walter L a u d i e n , Krämpferstraße 39 wohnhaft. Bei seiner Festnahme führte er, im Aermel der Winöjäcke vsr-bükäSti, einen 80 Zöntirnetör langen, M Gehenden Dolch bei sich. Dur-ch bi^ energischen langen der Kriminalpolizei gelang es, den zweiten Täter in der Person des Bankgehilfen Robert Bartholome, Ztolbergstraße 59 wohnhaft, in der Wohnung des Wikingbundführers Kurt Wustmann festzunehmen. Der dritte Täter wurde in der Person des Handlungsgehilfen Kurt Seiden st Ücker ermittelt und in feiner Wohnung, Nordhäuserstraße 106, festgenommen. Laudien und Barcholome sind die Einbrecher, die seinerzeit die Akten aus dem Polizeipräsidium stahlen. Sie sind eifrige Mitglieder des Wikingbundes. Auch der dritte Täter gehört dieser Organisation an. Die drei Festgenommenen sind am Montag dem Amtsgericht zugeführt worden." Vsleir. Konferenz der Zionisten Allpolens. Warschau, 18. März. Die Konferenz der Zionisten ganz Polens ging gestern nach mehrtägiger Dauer zu Ende. Sie sprach Hartglas Vertrauen aus und stellte in einer Resolution fest, daß auch unter der jetzigen Regierung die Politik wirtschaftlicher und kultureller Verdrängung des jüdischen Elements fortgesetzt wird. Die Regierung selbst führt eine antijüdische Politik, entfernt die jüdischen Arbeiter aus den monopolisierten Werken und hält die jüdischen Arbeitslosen von jeder öffentlichen Arbeit fern. Auch bestrebt sie sich, durch ein Gesetz die jüdischen Handwerker aus ihren Positionen zu verdrängen, wendet an den Hochschulen die Prozentnorm gegen jüdische Hörer an, läßt bei Aufstellung des Budgets die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung außer Acht und befriedigt nicht die jüdischen'nationalen Forderungen auf dem Gebiete des Schulwesens und der Selbstverwaltung in den jüdischen Gemeinden. — Die Konferenz stellt fest, daß die Regierung die in dem Abkommen mit den jüdischen Parlamentariern vom 4. Juli-1925 übernommenen Verpflichtungen nicht erfüllt hat. In Anbetracht dessen fordert die Konferenz die zionistischen Klubmitglieder auf, durchzu-