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Der Israelit · 1926-03-18 · Heft 12 (18.3.1926) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 12 (18.3.1926)
Date
1926-03-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr 12 Seile 7 18. März 1926. Einige Tage später erfolgte die Gründung der Bezirksgruppe West im Sitzungssaale der Synagoge Fäsanenstraße, wobei Herr Fritz Cohn das Hauptreferat hielt. Abwehr des Antisemitismus. Köln, 8. März. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hielt kürzlich in Köln seine Jahresversammlung ab. Es konnte festgestellt werden, daß die vornehmlich der sachlichen Aufklärung gewidmete Arbeit nach dem Wiederaufbau der Organisation und der Sicherung der finanziellen Basis im vergangenen Jahre große Fortschritte gemacht -hat. Die Versammlung beschloß, die Arbeit fortzusetzen, bis das Ziel erreicht ist: daß der gegen rechtliche, religiöse und menschliche Ethik verstoßende Antisemitismus verschwinde und damit der Bürgerfriede im unb d«s bentjc^e 2trt[e£>en im Stustanbe oott feiner Bedrohung befreit ist. — Ln den Ausschuß wurden neu gewählt: Landgerichtsrat Raimund Eberhard -Schwerin, Oberpräsidialrat a. D. Dr. G r z i m e k , M. d. L., Königsberg Pr., Stadtpfarrer L a m p a r t e r-Stuttgart, Archur S u ß m a n n -Chemnitz, Staatsminister Dr. Weber -Dessau, Oberstudiendirektor a. D. Professor A. Ziegler, Hannover. Einen großen Erfolg hatte der vom Abwehrverein am Abend veranstaltete Vortragsabend. In der einleitenden Ansprache legte der Vorsitzende, Herr Reichsminister a. 2. Dr. Gothein, dar, daß das deutsche Volk keine Rassensondern eine Sprach- und Kultureinheit bilde, mit der die deutschen Juden durch ihre hervorragenden Leistungen auf allen Gebieten und durch ihre Blutopfer im Weltkriege unauflöslich verbunden seien. Die Abwehr des Antisemitismus fei eine sittliche und nationale Pflicht, hierauf sprach Universitätsprofessor Geh. Konsistorialrat D. Otto Baumgarten -Kiel über die völkische B e w e g u ng . Die völkische Bewegung sei zum geringeren Teil die Fortsetzung der alldeutschen Bewegung mit übersteigertem jungendlichem Krastgesühl, zum größeren Teil aber die Folge der Gewaltpolitik der Entente, des Poincareismus; verdrängte Komplexe einer anständigen Tapferkeit, Vaterlandsliebe, hinabgedrückt auf das Niveau der Selbstüberhebung, gefördert durch den dem Deutschen eigenen Mangel an Sinn für die Wirklichkeit. In ihrer Auswirkung bedeute die Bewegung einen Verrat am Verstand und am Herzen; letzten Endes also Verrat gm Deutschtum. Nur mit geistigen Waffen könne und solle sie bekämpft'und niedergerungen werden. Den zweiten Vortrag des Abends hielt der Kaplan T h o m e vom Münster in Bonn über „Christentum und A n t i s e m i t i s m u s"..-Er legte.die Verwandtschaft und die engen Beziehungen zwischen. Christentum und Judentum dar und wies überzeugend nach, daß ein wahrer Christ niemals Antisemit sein könne, sondern dem Antisemitismus entgegentreten müsse — nicht um des Judentums willen, sondern um des Christentums willen, um der Liebe willen, die alle Menschen verbinden soll. Rabbiner Dr. Kober -Köln beleuchtete dann noch kurz die enge Verbundenheit der rheinischen Juden mit Land, Staat und Fürsten des Rheins. Die Vorträge fanden bei den über 1200 Anwesenden begeisterte Zustimmung. Bremer Gemeindeversammlung. Bremen, 7. März. * Die Israelitische Gemeinde Bremen hielt am 4. März ihre ordentliche Generalversammlung unter dem Vorsitz von Herrn Max Markreich im Gewerbehaus ab. In der Eröffnungsansprache wies der Vorsitzende darauf hin, daß diese Versammlung noch einmal auf Grund der alten Satzungen vom Jahre 1877 stattsinden müsse, daß aber die neue Gemeindeverfassung, welche die Abschaffung der ordentlichen Generalversammlung, Einführung des Listenwahl-Systems für Vorstand und Gemeinderat, Erhebung der Gemeindesteuern Lurch das Landesfinanzamt, (auch F r a u e n w a h l r e ch t) .vorsieht, bereits in erster Lesung der Satzungs-Kommission genehmigt worden sei und der Gemeinde in kurzer Zeit zur Annahme vorgelegt werden könne. — Der Jahresbericht führte filmartig die vielfachen Arbeiten der Gemeinde-Verwaltung in religiöser, sozialer und organisatorischer Hinsicht vor, um schließlich, gleichsam als Abschluß der alten Aera vor Einführung der neuen Statuten, die Namen der ersten Vorsteher und ihre Tätigkeitszeit zu verlesen^ die nach WiederarHedlung der Juden in Bremen (um 1848) die Verwqlhsng der Jsxctelitjschey lZerneinde geleitet haben. Die Rechpungsablage, die einen Eingang von 47 000 Mat? direkten und l^ÜOOMark indirekten Steuern, sowie einen De r Israelit aus Schenkung bzw. Sammelaktion resultierenden Vermögenszuwachs (Wohnhaus mit eingerichteter Mikmah und Altersheim mit Park) aufzeigte, wurde debattenlos genehmigt, und dem Rechnungsführer Entlastung erteilt. Der Voranschlag verursachte eine längere Debatte, da die „Ortsgruppe der Liberalen Vereinigung" Streichung nicht nur des Postens für die Mikwoh, sondern auch für die Errichtung einer dringend notwendigen jüdischen Darlehnskasse wie für Kosten der jüdischen Durchwanderer-Fürsorge usw. forderte. Die Gemeinde genehmigte alsdann den auf Mk. 80 000 bezifferten Voranschlag unter Streichung von Mark 20 000.—. Als dritter Vorsteher wird per Akklamation Herr Max W a l l - Heime r (lib.) gewählt. Für die Wahlen zum Ge-' m e i n d e r a t war ein Wahlvorschlag von der liberalen Vereinigung eingegangen, weitere Vorschläge erfolgten von der Gemeindeverwaltung und der Gemeindeversammlung. Trotz der seit mehreren Monaten erfolgten Organisierung der Uberaien ^lariel, ine ein gäriz erwartet hatte, erlitt dieselbe ein gehöriges Fiasko. Die dem Turnus nach ausscheidenden Gemeinderäte Dr. A. Abraham (lib.) und Hugo Levy (orth.) wurden per Akklamation wiedergewählt: während aus dem darauf vorgenommenen Wahlgang als gewählt hervorgingen: die Herren Bernh. Galatzer (kons.), Max Abraham (kons.), Alb. R o s e n t h a l (lib.), Dr. Paul H e s (orth.), so daß der Gemeinderat seine konservative Mehrheit noch verstärkt. Vsl««. Die Not der Juden in Polen. Dr. Bernhard Kahn berichtete vor der Vereinigung ukrainischer Juden über die Notlage der Juden in Polen: Polen; das in einer scharfen Wirtschaftskrisis steht und für die Erhaltung seiner Armee ein Budget aufstellt, welches die Geldzirkulation des Landes um ein Dreifaches übersteigt, hat zu einem rigorosen Steuersystem Zuflucht nehmen müssen, das besonders auf der Stadtbevölkerung schwer lastet. Die Dorfbevölkerung, die 75 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, bringt weniger als die Hälfte des Steuerbudgets auf. Den Rest tragen die Städte, in denen die Juden ein Drittel, der Bevölkerung ausmachen, während sie nur 10 Prozent der Gesamtbeoölkerung des Landes bilden. Daraus resultiert eine starke Belastung des jüdischen Elements. Für Geldkredite muß man 8 bis 10 Prozent monatlich an Zinsen zahlen. Die Folge ist ein Niedergang des Wirtschaftslebens, der besonders für die Juden die schlimmsten Folgen hat. Die Fabriken arbeiten nicht. Geschäftliche Unternehmungen gehen eine nach der anderen in Konkurs. Die Zahl der Arbeitslosen erreicht die Höhe von 40 Prozent, unter der jüdischen Arbeiterschaft sogar 80 Prozent. Im ganzen gibt es etwa 60 Prozent erwerbslose jüdische Arbeiter. Während aber die polnischen Erwerbslosen Staatsunterstützung erhalten, bleiben die jüdischen Erwerbslosen meist ohne Stütze, da sich die Erwerbslosenunterstützung auf frühere Arbeiter großer Unternehmungen beschränkt, während die Juden meist in kleinen Unternehmungen beschäftigt sind. So kommt es, daß kaum 10 Prozent der jüdischen Erwerbslosen Unterstützung erhalten. In Lodz z. B. werden von den 75 000 Arbeitslosen 68 000 vom Staat unterstützt; von den 15 000 jüdischen Arbeitslosen erhalten aber nur 800 eine Staatsunterstützung. Es gibt in Polen 120 000 jüdische Handwerker, die mit ihren Familienangehörigen etwa 25 Prozent der jüdischen Bevölkerung des Landes ausmachen. Bei Vergebung von öffentlichen Arbeiten werden die christlichen Handwerker vorgezogen. So kommt es, daß von den nichtjüdischen Handwerkern etwa 50 Prozent, von den jüdischen etwa 80 Prozent ohne Arbeit sind. In der jüdischen Schneiderstadt Brzeszin sind alle Bewohner arbeitslos; 1200 Juden sterben buchstäblich Hungers. In Warschau wurden 30000 von Juden innegehabte Handelspatente nicht erneuert, das bedeutet, daß 30 000 jüdische Kaufleute ihre Geschäfte schließen. Das gleiche Verhältnis besteht in anderen Städten. Jüdische Industrielle unh Großkaufleute sind in der Mehrzahl zusammengebxochtzn. Die jüdische Intelligenz stirbt Hungers. Verschärft wich die Krisis für die'Juden durch die antijüdjschen Tendenzen vop Regferuvg und Behörden. Die Tcchgk-, Salzupd Zündholz-Industrie, die früher fast gasiz ist KhMey Hetzen AyreA. hat dje RegieruW in Hqnypol siersyPsnen und hje DMen Weiter, uvtex ihnen Kriegswitwen und Waisen, durch christliche ersetzt. Der Handel mit Monopolwaren wurde jüdischen Händlern entzogen. Auf diese Weise sind 30000 jüdische Familien ubsistenzlos geworden. Bei all dem haben die Juden spezielle Lasten zu tragen, von denen die Nichtjuden befreit sind. Die Juden müssen ihre 1200 Schulen mit 5000 bis 6000 Lehrern und 150 000 Schülern selbst erhalten. Seit 6 Monaten bekommen die Lehrer kein Gehalt. Für mehr als 20 000 jüdische Waisen ist zu sorgen. Dazu kommen die religiösen Erfordernisse, der Unterhalt der Rabbiner und religiösen Funktionäre, die jetzt Hunger leiden. Die etwa 1000 jüdischen medizinischen Institute in Polen müssen zum größten Teil von den Juden selbst erhalten werden. Diese Institute stehen gleich den anderen öffentlichen Jntitutionen vor dem Zusammenbruch. Es kann als sicher angenommen werden, daß ein Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung Polens (900 000 Familien) ohne Einkommen ist und hungert. Sin aßitQrn Drittel.Mt siklllk een giillg ff^en ®r- 'parmffen, bte halb «ufgez^ht't Jdsttt MiMÖWl. Sill IßtJtEQ Drittel kann jetzt einen gegenüber früher stark reduzierten Lebensstandard aufrechterhalten. Herr Dr. Kahn schloß: Ich habe die Juden Polens unter den schlimmsten Greueln des Krieges leiden geehen. Ich sah ihr Elend unter der militärischen Okkupation. Ich sah sie in den schlimmsten Hungerjahren der Kriegs- und der Nachkriegszeit, in der Zeit von Pogrom und Verzweiflung. Nie aber sah ich sie in einer ähnlich elenden Lage wie heute, da unter allen Klassen Hoffnung und Lebensfreude erstorben sind. Man darf nicht von diesem Elend das Gesicht abwenden, man muh helfen, schnell und viel Helsen. Lin Anschlag gegen die jüdische Gleichberechtigung in Polen. W a r s ch a u, 2. März. Die jüdische. Presse veröffentlicht sensationelle Mitteilungen darüber, daß im Schoße der Regierung eine Wahlreform geplant wird, die eine empfindliche Beschränkung der jüdischen Wählerrechte bedeuten würde. Es soll für die Städtewahlen eine eigene Mische Kurie geschaffen werden. Auch in Städten mit 30 bis 80 Prozent jüdischer Bevölkerung wird die Zahl der fischen Stadtverordneten nicht 11 Prozent überschreiten dürfen; dies ist der Prozentsatz der Juden innerhalb der Gesamtbeoölkerung Polens. Citauen. Die Ueberschwemmungskataftrophe in kowno. Kowno, 10. März. Die verheerende Ueberschwemmungskataftrophe, von der Kowno, die Hauptstadt Litauens, heimgesucht wurde, hat besonders das jüdische Element der Stadt und der umliegenden kleinen Städte schwer getroffen. Der am meisten heimgesuchte Stadtteil am Zusammenfluß den Memel und der Vilija ist fast ausschließlich von Juden bewohnt. Durch die Katastrophe haben mehrere hundert jüdische Familien ihr Hab und Gut verloren und sind ohne Obdach geblieben. Das Elend ist sehr groß. In Kowno hat sich ein Rettungskomitee gebildet, das für schnelle Hilfe sorgt. Der Verein „Esra", der die Stelle der aufgelösten jüdischen Gemeinde einnimmt, hat den früheren Minister für jüdische Angelegenheiten, Dr. M. Soloweitschik, jetzt in Berlin, telegraphisch gebeten, sich an die europäische Joint-Abteilung, an die Jca und die anderen ausländischen jüdischen Organisationen wegen Hilfe für die Opfer der Katastrophe zu wenden. Seitens des Joint und ' der Jca wurde schon Hilfe in Aussicht gestellt. (ITA.) Schweiz. Die polnisch-jüdische Verständigung vor der Union der Völkerbundligen. Genf, 8. März. Wie aus Genf berichtet wird, finden Hort im Zusammenhang mit der Völkerbundstagung auch Beratungen der Internationalen Union der Pölkerbundlsgey statt. Auf der Tagesordnung hiefer Beratungen stehen u. q. die Fsggxn des polnisch-jüdischen Verständigung und des Numerus csyufus. Insbesondere beschäftigt sich dH Tagung, mjt einem Projekt des Prpf. Konsentim über die Aufgaben der Union in der Herbeiführung einer Verständigung zwischen den MehrheitstfNd Minherheitsnatjoyen in den verschiedenen Staaten. Puch die Fragen der „Stagteysosen" steht zur Beratung.

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