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Der Israelit · 1926-03-18 · Heft 12 (18.3.1926) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 12 (18.3.1926)
Date
1926-03-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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©rtre 4 Nr. 12 D er Israelit 18 März 1926 man glauben wollte, daß die Beseitigung dieser Institution und der Umschwung in der Türkei den Islam als religiöses System entscheidend geschwächt hätten; im Gegenteil, die äußere Machtminderung hat eine innere Konsolidierung und den Beginn einer Regeneration der Kräfte hermmmt M von mm mi MMstmn mbmm willen des Islams zeugen. 9« der Moschee Qfcl= Ahzar, der großen theologischen Hochschule, lernen dreizehntausend Schüler aus allen Teilen der Erde, wo Moslems ansässig sind; aus Marokko, aus Indien, aus Zentralasien, aus Albanien; dort werden die Soldaten ausgebildet und gerüstet, die den wankenden Glauben wieder befestigen sollen. Der Rektor dieser Schule und der Grohmusti in Kairo sind heute die eigentlichen geistigen Spitzen des Islams. Ein Komitee in Kairo berät über die Wiedereinführung der Kalifenwürde, die jetzt schon, von dem Wahabitensultan Jbn Saud, dem Beherrscher von Mekka, mit dem eine extrem religiöse, allen Neuerungen abholde Richtung emporgekommen ist, beansprucht wird. Religiöse Differenzen zwischen der orthodoxen und der wahabitischen Richtung verhindern vorläufig noch eine Einigung; aber daß der Islam früher oder später eine weithin sichtbare und von allen anerkannte Spitze erhalten wird, steht wohl außer allem Zweifel, und in der Hand eines starken Mannes ist das Kalifat eine mächtige Waffe. Die Studie Sir Thomas Arnolds über das Kalifat, die jetzt in Oxford erschienen ist, ist dafür sehr instruktiv. Besondere Beachtung verdient die modernistische Bewegung innerhalb des Islams, die in sich wiederum in eine Unzahl von Strömungen mit besonderen Nuancen zerfällt; inwieweit sich di?se Bewegung behaupten und führend werden kann, davon hängt ja im wesentlichen das Schicksal des Islams, als geistige Macht ab. Es geht in diesen inneren Auseinandersetzungen um die große Frage, ob die islamische Gesetzesreligion, die ja tief in das gesamte soziale Leben eingreift, mit dem Anforderungen des modernen Lebens vsksinbav ist, und inlviöwöit sins sslchs Ungleichung überhaupt zulässig ist, und serner ob nicht gerade eine strengere Abschließung das Bestehen der Religion besser gewährleistet als fortgesetzte Konzessionen. Die letzten Großmuftis waren im allgemeinen Männer von gemäßigt liberalen Grundsätzen, die mit der modernistischen Bewegung insgeheim sympathisierten, die Hochschule El-Ahzar dagegen wurde stets als der Hort der Rechtgläubigkeit betrachtet. An dieser Schule werden nicht nur rein theologische Fächer sondern auch Rechtswissenschaft, Mathematik u. a. unterrichtet, und zwar nach den Vorstellungen des Korans, also in der Astronomie bildeten die Ladung, der Schuttablagerungsplatz am Flutzufer war das' „Reiseziel".; „Schaut mich nur nicht an," wehrte Frau Weil ab; denn sie hatte bei aufgestülpten Aermeln eine Sackstofsschürze um und den Kopf mit einem weißen Tuch umwunden, um ihn vor Staub zu schützen. „Am Jomtow sieht man wieder anders aus," meinte sie scherzhaft. „Gelt, Du wirst recht nobel auf Pesach," sagte lächelnd Jette Silber ,und .näherte sich dem stillehallenden Handwagen;, ihr folgten die Tochter Rosa und Frau Fanny Löb. „Ich? Ich schaffe mir nichts an; die Zeiten find nicht danach. Mein Mann würde schimpfen. Höchstens, daß sich mein Karolinchen einen neuen Hut zulegt und ein Paar braune Schütze. Sie braucht es wahrhaftig auch; denn sie hat sich fast ein Jahr lang nichts angeschafjt. Wenn ich mir ja was leiste, so wird es >ein neuer Scheitel sein. Der Friseur Müller hat schon zweimal sich geweigert, meinen alten zu richten; es sei schade um die Kosten." Die beiden Mädchen Rosa Silber und Kärolinchen SCBetI gefeilten sich 311 einander hinter bcm ÄRägelchen uni) unterhielten sich -— felbftrel>enl> - non ihrem „Jomtowstaat", während die vier Frauen den angcknüpsten Faden Mer den Scheitel ihrerseits weiter spannen. „Ich habe schon lange nichts mehr bei Müller arbeiten lassen; ich finde, daß mich Untersuchter besser bedient," begann Sara Kohn. „Ueberhaupt ist es ratsam, auch seine Näherin einmal auszutauschen. Wenigstens mache ichs so," tat Jette Silber gewichtig. „Jede Näherin möchte doch ihre neue Kundschaft besonders gut bedienen, um sie dauernd an sich zu fesseln. Das ist der Witz." „Du warst immer schon eine Schlaumeierin," schmeichelte Fanny Löb, die Empfindliche. „Wenn man eine z. B. immer noch, daß die Sonne sich um die Erde dreht. In die Studentenschaft von El-Azhar freilich hat der Modernismus auch schon vielfach Eingang gefunden. Diese Erscheinungen im religiösen Leben des Arabertums gilt es im Auge zu behalten, um so MM, llls Die Xpmmül M MM MjMsN llvv nationales Gefühl m ber lstannfchen Welt gebildet hatten, nunmehr auseinanderzubrechen beginnt. Es hat sich, unabhängig von der religiösen, eine auf sich selbst gestellte national-arabische Bewegung gebildet, die zu jener oft in feindlichen Gegensatz tritt. Diese Bewegung arbeitet mit rein europäischen Begriffen und Vorstellungen, ihre Führer sind meistens religiös indifferent, zum Teil atheistisch gesinnt. Es find vielfach ehemalige (Studenten europäischer Universitäten, zumeist des lateinischen Kulturkreises, radikal eingestellt, reformsüchtig und absolut frei von jeder traonionellen Bindung. Es mag symbolisch gedeutet werden, daß es ein Namensvetter des heutigen türkischen Diktators, ein Mustapha Kemal Pascha gewesen war, der die arabische Nationalpartei in Aegypten geschaffen nud großzügig organisiert hatte. Heute ist dort Zaghlul Pascha, ein schlauer, zäher Greis, der große Mann. . Die ägyptische 'Nationalpartei nimmt in der modernen arabischen Bewegung eine führende Stellung ein; sie hat die beste Presse, die stärksten Intelligenzen und vor allem unerschöpfliche Geldmittel. Sie hat harte innerpolitische Kämpfe zu führen, weil, nicht ohne Zutun Englands, der Hof, die regierenden Kreise und die Geistlichkeit gegen sie eingenommen sind; fügt es aber eine innerpolititifche Konstellation, daß die Natwnalpartei zur Herrschyft gelangt, dann ist Aegypten die natürliche Vormacht des Arabertums, und dann wird die arabische Politik inbezug auf die jüdische Heimstätte nicht von Jerusalem 'sondern von Kairo aus geleitet werden. Aegypten hat schon einmal, unter Mehemed Äli, die ganze arabische Halbinsel bis zum Persischen Golf hin beherrscht, und die Erinnerung daran ist, gerade in den Kreisstt dsi' NättSttälstäA^t, nicht geschwunden. Eine solche Entwicklung fürchtet niemand so sehr wie die, .orthodoxe islamische Geistlichkeit; das Beispiel der Türkei steht ihr schreckhaft vor Augen. Und es ist für den, der die Kreise kennt, aus denen sich die Nationalpartei zusamnMfe'tzt, kein Zweifes, daß unter deren Herrschaft-eine ebenso wilde Reformtätigkeit einsetzen wird, wie es in der Türkei der Fall' ist. Es ist für diese Zusammenhänge lehrreich, die Genesis der modernen Türkei, gerade inbezug auf das Verhältnis von Staat und Kirche, besser von Nationalität und Religion, eingehend zu verfolgen: das wyMmelbuch „Modern Turkey", das Eliot Grinnel Mears jetzt in Newgute Quelle weiß, so darf man sie auch einem andern verraten. Da habe ich mich über die^ Betty - Wormser jüngst so geärgert. Ihr wißt doch> wie sie sich vor zweieinhalb Jahren den gelbseidenen Unterrock taufte." „Ach. das mutz länger sein, das ist länger her," warf Sara Kohn ein, „das [t;ib jetzt — wartet einmal — das sind jetzt zwei dreiviertel Jahr." „Ja, "fuhr Fanny Löh forh^.„nun bestellte sie sich einen ähnlichen Kleiderstoff, d. h^.mehr dunkelgelb und etwas gestreift, so ungefähr wie der Besuch bei Bürgermeisters eines hatte. Meint ihrs sie hat mir was davon gesagt? Ich Habs ihr über entgelten lassen. In der Synagoge Hab' ich seitdem kein Wort mit ihr gesprochen. Wenn sie mit mir .ayfängt, sage ich nur „äj" und bin nicht maphsik.".■ „Nun, das solltest Du Hoch ''nicht machen, Fanny, das stört doch die Kwono, ''meinte die Frau Silber. „Geht mich nichts an," . erwiderte schlagfertig Frau' Löb, „hat sie die Awero." . „Du hast wirklich eine hübsche Fuhr Scherben und Gerümpel auf Deinem Wagen beisammen," sagte Jette (~zlhec - gu Frau um bas - ctirf «xrs cxtt^ t»eres ^ix?enleru i>as at^es non exnem ^a^r „Von einem Jahr," entgögnete Frau Weil. „Du weißt doch, die Tante ist zitterig, möch'e aber trotz ihrer 73 Jahre' unberufen immer noch - m - der Küche, und im Haushalt mithelfen. Da wird jede Minute Knaß gelegt. Sie läßt sich nichts sagen. Bis ich heim komme, wer weiß, wo schon wieder Scherben liegen./Sieverheimlicht es oft, und ich stelle mich nichtswiss.eyd^ Es sind halt alte Leute" —-1 „Mutter, da schau mal, da - kommt der- Joseph gesprungen, . den Schulranzen auf 'dem-Rücken.'-' -Wie der rennt!". - ,rief Kärolinchen, offenbar besorgt um; des Brüderchens Wohl. „Renndoch nicht so!" rief Mathilde Weil ihrem Hork herausgegeben hat (und zu dem übrigens der Großrabbiner Haim Nayum einen interessanten' Beitrag über die türkischen Juden beigesteuert hat) ist hierfür ein wertvolles Hilfsmittel. Jedenfalls, wie auch diese ganze noch sehr im Fluß befindliche Entwicklung auslaufen wog. dis entschsi- ÖÖHMH DSMjM WMgtt sich & ZUftm natürlichen Zentrum, abspielen, und der jüdische Politiker wird gut tun, dies nicht aus dem Auge zu lassen; und vor allen Dingen wird er sich mit der Erkenntnis abfinden müssen, daß das arabische Problem keinesewgs ein eindeutiger Begriff ist, und daß ihm mit einer generalisierendem Formel nicht beizukommen ist. Besonders instruktiv für palästinensische Verhältnisse ist es, die Grundsätze und Methoden kennen zu lernen, nach denen die englische Verwaltung in Aegypten arbeitet. Die Analogien bieten sich ja ungezwungen dar. Der Rechtstitel,- unter dem England die Verwaltung Aegyptensergriffen hatte, war dem Sinne nach — wenn auch der Begriff damals noch nicht erfunden war — der des Mandats; so haben es die europäischen Großmächte immer aufgefaßt (wenn auch die Mission etwas eigenmächtig übernommen worden war), und unzählige offizielle Erklärungen der englischen Regierung haben diese Auffassung bestätigt. Das Land, das man zu verwalten hatte, war islamischer Kultur; das Volk, dem man sich gegenübersah, war keine homogene Masse, sondern zerfiel in mehrere nach Rasse, Glauben und Charakter sehr verschiedene Gruppen, die man doch irgendwie in Frieden Zusammenhalten mußte: neben den eingeborenen, mohammedanischen Aegyptern die von ihnen bitter gehaßten Syrer, die das Gros der Beamtenschaft stellen; die Griechen, die den Handel beherrschen: die Armenier, die Kopten und die Levantiner aller Staatsangehörigkeiten, die für sich wiederum eine besondere Gruppe bilden- Neben den rein politischen gibt es ähnliche wirtschaftliche und administrative Probleme: der Steuerpolitik, des industriellen Aufbcrus. der wcrfserunbstechnrk, des ^ustio^v^fens. Wenn man die bunte Reihe der Staatsmänner überschaut, die seit bald einem halben . Jahrhundert Aegypten im Namen Englands regiert haben, von (vir Edward Malet über Lork Cromer, den klügsten aller britischen Prokonsulry über den jovialen Sir Eldon Gorst, den eisernen Kitchener, den derben Soldaten Lord Allenby biszu dem geschmeidigen Finanzmann Sir George Lloyd, der heute England in Kairo repräsentiert,, mit der Verschiedenheit ihrer Charaktere, mit dev Verschiedenheit ihrer Vorbildung, ihrer Herkunft aus der militärischen, diplomatischen, kameranstischen Laufbahn, mit der jäh wechselnden, schein- Jungen entgegen, „was willst Dn denn? Was ist denn los?" Fast atemlos -kam Josef an und meldete überstürzt:. „Der Vater ist mit oem Fubrwerk heimgekommen und schickte mich gleich nach euch. Die Tante hat die Kücheausgckehrt, mit dem Staubbesen nämlich; da ist sie mit dem langen „Stiel" in den Küchensch.änk gestoßen und .hat die Scheibe ,die große, kaput gemacht und im Schrank drin die Blumenoase, - die schöne blaue. In der Küche liegen lauter Scherben." „Lieber Himmel/' stöhnte Mathilde Weil, „das wird was geben!" Und eilends lenkte sie den Schritt nach Hause, während fast gleich schnell Karoline das Handwäglein zum Schuttplatz zu führen suchte, - wobei Joseph gerne mit beiden Händen von hinten nachschob. Die tragikomische Szene der F-aU Weil erregte die Lachmuskeln der Genossinnen und sie'meinten: „So haben wir die Mathilde Weil noch ihre Lebtage nicht springen, sehen." Rasch - löste sich indes der Schüttelklub auf. Jette Silber eilte in ihr Haus und kam gerade , riocfj red^iy als bcts ÄcxijcJjert bte leisten Äro^JeTXber über gelaufenen SÖlxtd^ x>om SSoben au(te<Jte- Von dem i;n Salz liegenden Fleisch fehlte das schöne Bries. Ber Sara Kohn hatte das vor 14 Tagen eingetretene Mädchen Recha Schwarz das für Pesach bestimmte Pökelfleisch im Chomezhäsen bereits zugesetzt und Frau Fanny Löb fand daheim zu ihrem großen : Leidwesen, daß Neubers inzwischen - doch ihre. Ausko'chpfünne ge-- sandt hatten. Die -neue wollte aber. Spengler Hartmann um keinen Preiszurücknehmen. „Gekauft ist gefaifft;"' meinte er kühl und kält.Siemüßtedie große Pfänne behalten.; . ■ 7 - 77; -7 ' Gesprächsstoff gabs nun in ber "ganzen Khille für , Jomtow. ' . Es war eben die Schütfelzeit. Erst ällmählich kamen

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