Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1926)
- Date
- 1926-03-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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18. Mä.z 1026; dyn«st!b, baß bas JitöMtum m ösn ersten Jahrhunderten der üblichen Zeitrechnung eine „propagandistische und proselyttznmachende Religion" war, was die Garantie für die Reinhaltung der jüdischen Rasse, die man bislang in der religiösen Abgeschlossenheit der Juden erblickte, zerstöre. Der Historiker in der Züricher Redaktion weiß aber nicht, daß die Juden, wie nirgends auf der Welt, auch im Lande der Ehasaren keine Mission trieben und keine Propaganda machten, sondern daß der Ehakan, der König von Chasarien, dem eigene n Triebe gehorchend, das Judentum gesucht hat und an dessen Führer herantrat. Hält der Artikelschreiber die Geschichte des Uebertritts der Chasaren, wie sie in Kusari und im bekannten „Chafarenbriefe" erzählt wird, für eine Legende, so fehlt ihm jede Grundlage für die Geschichte des , Uebertritts überhaupt, und all die Konsequenzen, die er aus ihm zieht, wären dann erst recht hinfällig. Wie w i r aber die Sache aus der Ueberlieferuttg kennen, haben die Chasaren aus tiefer Eingebung den jüdischen Gott gesucht und gefunden. Bei der Vernichtung des chasarischen Volks- und Staatslebens zu Beginn des elften Jahrhunderts haben nur verschwindend kleine Teile über die Karpathen den Weg nach Polen und Rußland gefunden, die unbemerkt, vereinzelt und zersplittert, wie sonstige Proselyten, die es immer hie und da gegeben hat, unter den Juden aufgegangkn swy. fr* Mehrgnyl eitet, doch in den Bergen und auf der Krimhalbinssl, di? noch im dreizehnten Jahrhundert in Europa als „Gazaria" bezeichnet wurde. Daß die chasarischen Flüchtlinge einen nennenswerten Einfluß auf Blut, Wesen und Kultur der östlichen Judenheit ausgeübt hätten, widerspricht dem ganzen Bilde, das wir vom Wesen und der Geschichte des Ostens haben. Die ersten Ansätze der Judenzentren im Osten sind älter als der Untergang des Chafarenreiches und das numerische Anwachsen der jüdischen Volksmassen im Osten beginnt im frühen Mittelalter mit den schweren VerfolgungeninDeutschland und setzt sich während des ganzen Mittelalters fort. Dafür sind die Sprache und die Namen der Juden aller Ostländer die beredetsten unwiderleglichen Zeugen. Wir stehen dem Krimprojekte nicht ohne Sympathien gegenüber, weil wir hier einen Weg sehen, Zehntausenden, vielleicht sogar Hunderttausenden das in der Heimat entbehrte Brot zu bieten. In dieser Tatsache liegt reichlich genug Werbekraft für die jüdischen Ansiedlungen in der Krim. Die ideologischen und rassenbiologischen Spekulationen, die geschichtlich unhaltbar sind, aber, so gut sie gemeint sein mögen, Demagogen willkommene Waffen in die Hand liefern, sind entschiedenabzulehnen. Man erschließe D e r 3 sraelit Den notteiDenDen Brüdern ein Heim, 'hnsn eine menschenwürdige Existenz, aber beileibe nicht um den Preis ihres „reinen jüdischen Blutes" Antipathie und „Sympathie" in der Türkei. Eine rätselhafte Sympathiekundgebung, über die keiner etwas Näheres weiß, führte in der Türkei zu einer dort bisher nie gekannten Judenhetze. Als würden die Hetzer das Talmudwort kennen: irvrry p-’rn*' nprvv ns-nn, wird der Ausgangspunkt etwas weit zurückgelegt. Im Oktober vorigen Jahres beging Spanien sein Kolumbus-.Jubilaümsfest und da sollen 300 Juden in Konstantinopel und Smyrna eine Begrüßung und Sympathiekundgebung nach Madrid abgesandt haben. Die türkischen Zeitungen in Konstantinopel sprechen von einem flagranten Loyalitätsbrüch der türkischen Juden gegenüber der Türkei. An offizieller türkischer Stelle wird auf Anfrage mit Zweideutigkeiten geantwortet, die das ominöse Telegramm wohl nickst offen heraus bestätigen, aber auch nicht mit klaren Worten dementieren, während in jüdischen Kreisen weder das Großrabbinat noch die Gemeinoeverwaltungen von einer solchen Huldigung Spaniens, wo das Ausweisungsdekret von 1492 heute noch in Kraft ist, das geringste wissen. , fite &vaniolen unü Die tmtmcn mPm bis rn b?r heutigen Strva 70 000 Seelen zählen, bilden anerkanntermaßen das loyalste Element im Lande; es hat auch in der Türkei so etwas wie eine Judenfrage bis dato nicht gegeben. Die Judenheit der Türkei war die einzige und erste von allen nationalen Minderheiten im Lande, die sich, ohne auf ihre Minoritätsrechte zu pochen, in Sprache und sogar bezüglich der Schule der türkischen Staatsgemeinschaft angepüht hat, vielleicht mehr, als es dem jüdischen Geiste gut tut. Die Hetze traf die türkische Judenheit nach all dem um so überraschender. Eingeweihte glauben aber, die tieferen Wurzeln dieser plötzlich aufgeschossenen europäischen Giftpflanze im Wirtschaftlichen zu sehen. Die ersten Symptome zeigten sich in den jüngsthin eingeführten Monopolen für Petroleum und Zucker, die die jüdische Handelswelt sehr hart trafen. Das System der Ausschaltung aus der Wirtschaft soll fortgesetzt werden, und zu diesem Zwecke erfand man, da man bis zu den „Weisen von Zion" noch nicht kulturell herangereift ist, das Märchen von der Sympathiekundgebung für Spanien. Wie berichtet wird, ist die jüdische Delegation, die mit dem Großrabbiner in der Türkei an der Nr. 12 Seite 3 . Spitze j» Angora bei Der Negierung s»rMiz war, befriedigt h?!mgekehrt. Höffsn Wir. Daß diese Welle bald abflaut und Regierung wie Gesellschaft in der Türkei sich bald zu ihren Traditionen der Toleranz und des konfessionellen Friedens wieder zurück finden. Palästinafahrt Von Max Landau (Fortsetzung.) Es ist für den, der sich in der verwickelten Problemwelt des neuen Palästina einigermaßen zurechtfinden will, unumgänglich, gerade die inneren Verhältnisse Aegyptens scharf und eingehend zu beobachten. Weniger als sonstwo darf der politische Beobachter Hier an der geographischen Grenze Halt machen; und wie überhaupt Palästina mir im Zusammenhang mit der gesamten vorderasiatischen Welt richtig gesehen werden kann, so wäre es unverzeihlich, die tiefen geistigen und politischen Zusammenhänge mit dem Aegypten von heute — auf die naturgemäßen wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten ist schon kurz hingewiesen worden — zu ignorieren. Die Analogien drängen sich hier geradezu auf. Und vor allen Dingen ist nirgends so gut wie in Kairo die Möglichkeit zu einem eindringenden und fruchtbaren Studium dreier Problenie geboten, ps? für das Siufbautoevt von höchster Bedeutung find, die aber, Nicht Qum zyenrgsten aus Mättzsl an einem genügend geweiteten Blickfeld, vielfach in schiefem Lichte gesehen werden: ich meine die religiöse Entwicklung innerhalb des I f l a m sdie national-arabische Bewegung und die englische Verwaltungspraxi s. Diese Dinge können naturgemäß in dieser Weltstadt, in der alle geistigen Strömungen innerhalb des Arabertums zusammenströmen, in diesem Lande, das schon eine lange selbständige und Moderne Entwicklung durchgemacht hat, auf dem vielfach durchackerten Boden, wo die Ansätze schon verdichtet und die Entwicklungslinien deutlicher erkennbar sind, ganz gewiß viel bester gesehen werden als in dem unentwickelten und im modernen Sinne geschichtslosen Palästina, das in dieser Beziehung Neuland bedeutet. Sir William Butler hat einmal Kairo definiert als einen „Irrgarten aus alten Ruinen und modernen Cafes, ein sterbendes Mekka und eine totgeborene Rue de Rivoli". Der Vergleich ist treffend, aber das mit dem sterbenden Mekka stimmt nicht ganz. Kairo ist heute, nach dem Sturz des Kalifats, das geistige Zentrum des Islams, und man würde sich sehr täuschen, wenn Uleines Feuilleton. Schütteln. L-esihylle m\ MenaHemsoyn. Freundlich sendet die Frühlingssonne ihre Strahlen in die lange Dorfstratze, von der nach links und rechts Seitengassen abzwergen. Trotzdem weht noch ziemlich rauhe Luft; es ist noch kein Sommer. Tief im Herzen der Menschen aber regen sich frohe Hoffnungen auf die schönere .Jahreszeit. Aeußerlich tritt diese Seelenstimmung namentlich im jüdischen Hause in Erscheinung. Der Wanderer, welcher die Dorsstraße durchschreitet, kann rechts und links beschaulich allerlei Hausrat mustern: Anrichten, aus denen die Schubladen herausgenommen sind und seitwärts stehen, alles schief gegen die Hauswand gelehnt, damit die Sonne zum Trocknen hineinscheinen kann; Stühle, übereinander gestürzt, mit den Beinen in der Höhe; große, mittlere und kleine Bretter; Bänke und Sofas, nach Form und Aussehen etwas patriarchalisch und ehrwürdig; ein Gießfaßschrank mit nach drei Seiten sich öffnenden Türen und noch anderes mehr. Fleißig geht Jette Silber mit ihrer Tochter Rosa um dieses Bunterbunt herum, mit Eimer, Waschlumpen, Seife, Bürste ausgerüstet und im Putzkostüm der Schütteltage. Da wird gerieben, gebürstet, getrocknet, geklopft, gescharrt, gedreht und gewendet, als handle es sich um die lohnendste Qualitätsarbeit. Nur wenig wird pausiert, höchstens wenn die Nachbarin schief gegenüber zur kurzen Unterhaltung sich einstellt. „Na, Jette, hast Du Dein hinteres Schlafzimmer schon fertig?". „Was fällt Dir ein! Wann soll ich denn das Zimmer „gemacht" haben. Vorgestern hat ja noch mein Besuch drin geschlafen und gestern konnte ich doch dir Betten nicht hinaustun; das Wetter war zu unbeständig." „Ich hab's anders gemacht," entgegnete Sara Kohn. ..Die Schlafzimmer kommen bei mir stets zuerst dran. Dort femms nra« niT bircfi hin. 2DCTIU einmal dis <str?hsück' g-sattt [Infc, U ist Set Hauptfeind geschlagen." „Du kannst das eher machen," meinte Jette Silber. „Deine Schwägerin Hedwig hilft Dir, oder ihre Bertha. Die kann schon, wenn sie will." „Ja, wenn sie will. Was meinst Du, was sie vorige Woche sich geleistet hat? Du mußt lachen!" „Du machst mich neugierig, Sara!" „Also, laß Dir sagen! Du weißt doch, sie ist ein großer Büchernarr. Am liebsten möchte sie studieren. Als sie mein Oberzimmerchen schüttelte, kam sie ewig nicht herunter. Ich schlich mich leise hinauf und erwischte sie bei den Sforim, die dort stehen. Anstatt zu schütteln, hatte sie sich Berschen aus der poetisch verdeutschten Hagado von Emanuel ausgeschrieben. Unter hellem Lachen gestand sie ihre Aweros." „Ich kann's ihr eigentlich nicht verdenken," meinte Jette Silber. „Mir hat diese Hagodo auch immer so gut gefallen. Heute kann ich noch manche Berschen auswendig, wie: „Änd der Hausherr ganz allein Wasche sich die Hände rein." Oder auch das noch schönere: „Dann sollst du Vitterkraut genießen Und mit Charoses es versüßen. Sprich' dabei die Brocho laut Für den Genuß von Bitterkraut." „Hast Du ein Gedächtnis, Jette, hast Du ein Gedächtnis! Ich muß nur so staunen. Ich merke ja auch Gedichte nicht schlecht, Hab' sogar oft schon selbst gereimt, erst jüngst bei der Hochzeit meiner Nichte Bella. Aber ^solche Gedichte aus der Schulzeit kann ich nicht „Geh' zu, Spötterin! Du willst mich nur stolz machen. Da kommst Du aber an die Unrechte. Ein» bilduirs mar nie meine Schwäche, Doch schau mal dort, - Semi IU Fr,«18 in UM MD?" Fanny Lob kam näher, als wollte sie lhten weiter gehen, fand es aber doch am Platze, ein wenig zu plaudern. Natürlich vom Schütteln. „Denkt euch nur," redete sie die beiden Kolleginnen an, „die Neubers haben mir ihre Pfanne zum Geschirrauskochen nicht geliehen. Cs scheint, sie trauen mir nicht im Kaschrus. Nun, ich nehme es so genau wie sie. Bei mir darf der Raw essen. Ich werde mirs aber merken. Gute Worte Hab' ich nicht lange gegeben und mir diese Pfanne beim Spengler Hartmann geholt. Sie kostet Mk. 3,20; so was hat man dann für immer. Hab' ich nicht recht?" Fanny Löb hätte in etwas erregtem Tone ihre Sache vorgetragen und Frau Kohn und Silber gaben ihr um so lieber recht, als auch fönst die Löb sehr energisch für ihre eigene Person und Ansicht einzutreten gewohnt war. „Ja, es gibt im Leben verschiedene Menschen und Ansichten," bemerkte Sara Kohn und suchte sich mit der vagen Redensart aus der peinlichen Situation zu ziehen; denn sie war mit Neubers gut befreundet. Weitläufig ging es sogar „ein wenig in die Mischpocho." Nicht unerwünscht kam ihr und Frau - Silber daher der Handwagen, den Frau Mathilde Weil und deren Tochter Karoline aus einer Seitengasse heranfuhren, wie ein deus er machina. Alte Blechdosen, zerbrochene Gläser, Scherben, ausrangierte Kochtöpfe und dergl.