Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-03-11 · Heft 11 (11.3.1926) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 11 (11.3.1926)
Date
1926-03-11
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450399--72980-2530363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

29. März 1926 Der Israelit Nr. 11 Seite 1L # neigung seiner Lehrer und seiner Vorgesetzten. Nach einigen Jahren erhielt er die ersten Weihen. Sein Wissensdurst wies ihn besonders häufig in die große Bibliothek, die das Kloster beherrbergte, und so kam es, daß ihm der Auftrag erteilt wurde, die bedeutenden Bücherschätze zu sichten. Das war eine Aufgabe nach dem Sinne des jugendlichen Forschers. Mit wahrem Feuereifer vertiefte er sich in die mannigfachen Werke, die im Laufe der Zeit der Bücherei einverleibt worden waren. Sie gehörten durchaus nicht alle dem theologischen Gebiete an, denn viele waren durch Schenkung oder Erbschaft in den Besitz des Klosters gelangt. Eines Tages wurde das Interesse des jungen Gelehrten durch ein Werk angeregt, das ihn nach langer, langer Zeit wieder einmal an seine jüdische Abstammung erinnerte. Es war der K u s a r i. Mit seinem scharfen Verstände prüfte er, was in diesem Buche von dem Wesen der verschiedenen Religionen ausgesagt ist, und mit geteilten Empfindungen gestand er sich, daß auch ihm die Vorzüge des Judentums nicht verborgen blieben. Von jetzt ab suchte er bewußt nach Werken, die ihm eine bessere Bekanntschaft mit dem Judentum vermitteln konnt(TI| HIlt> ttidjt nnxr bei ’3La.^er jortberrt auch in gar manchen Stunden der Nacht beschäftigten sich seine Gedanken mit Problemen, von denen er mit seinen Vorgesetzten nicht sprechen durfte. Diesen konnten jedoch für die Dauer die Veränderung, die mit ihrem Schüler sich vollzogen hatte, nicht verborgen bleiben. Sie suchten die Ursache für das grüblerische Wesen Sebastians in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und schlugen darum ihrer Vorgesetzten Behörde vor, den jungen Gelehrten wenigstens für eini.qe Zeit in der praktischen Seelsorge zu verwenden. Sebastian war innerlich gewiß nicht mit dieser Veränderung einverstanden. Aber er mußte ohne jedes Wort des Widerspruchs gehorchen. Schon einige Wochen später wurde er, der inzwischen zum Priester geweiht worden war, in ein entlegenes Dorf versetzt, um als Vikar dem alten Ortsgeistlichen zur Seite zu stehen. IV. Der junge Geistliche konnte sich nicht schnell in seiner neuen Umgebung und dem ihm fremden Ausgabenkreis einleben. Er verstand zuerst nicht einmal den Dialekt der Ortseinwohner, und es bedurfte längerer Zeit, bis er sie und ihre Lebensverhältnisse einigermaßen kennen gelernt hatte. Doch seine milde Art und seine natürliche Gutherzigkeit gewannen ihm mit der Zeit die Zuneigung der Bevölkerung. Zu der Pfarrei zählten auch einige Filialdörfer und weit zerstreute Gebirgsweiler und mtjüfti. Der Pfarrer mar Mn MtkktAisil unb verließ HUi* MSN öS» Pfarryos. Alls Gänge zu Sterbenden und Hilfesuchenden fielen dem Vikar zu. An einem kalten Wintertage war dieser nach einem weit entfernten, einsam gelegenen Bauerhofe gerufen worden, um mit einem Sterbenden zu beten. Der Küster hatte ihn begleitet. Als sie auf dem Rückwege waren, dunkelte es schon. Dennoch ließ der Geistliche den Küster vorausgehen: denn er wußte, daß es ihn heim zu seinem kranken Kinde zog. Der Vikar blieb gern allein. Hier in der Stille der winterlichen Umgebung konnte er seine Blicke und seine Gedanken weit hinaus senden, jene bis an den Rand des Horizonts, wo auf dem Kamm des Gebirges die deutsche Grenze dahinzog, diese bis hinab zu . seiner frühesten Jugendzeit, wo so oft um die Dämmerstunde das kranke Mütterlein Worte der innigsten Liebe getauscht hatte mit ihrem einzigen Kinde. „Mein einziger Bub! Mein lieber, lieber Salomo!"-- Der junge Geistliche wiederholte halblaut die Worte. Er versuchte ihnen den Tonfall zu geben wie die Mutter. „Mein guter, lieber Salomo." — „Salomo? — Nicht Sebastian?" — Es fröstelte ihn. Er erschauerte. Hatte ihn seitdem ein Mensch mit solcher Liebe an sein Herz gezogen wie die Mutter? Hatte ihn überhaupt jemand lieb gehabt? Er ließ das Haupt sinken. Er hob es wieder empor zum Firmament, woselbst die ersten Sterne aus dem tiefen Blau hervortraten, und flüsterte: Juden von Nedaa in Jemen. „Schöna Jisroel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." Wieder erschauerte der junge Mann. Die Nacht war kalt. Er schritt rüstiger voran und gelangte in einen Weiler. „Gern möchte ich in eine warme Stube treten und mich ein Stündchen ausruhen", dachte er. Am Ende der Gasse sah er in einem Häuschen Licht. Er trat hinzu. Hinter den geschlossenen Fensterscheiben hörte er Stimmen. Sie waren gedämpft, er konnte sie nicht verstehen. War es Gesang? ihm zu der Frau nebenan. Sie blieben auf ihren milden Zügen haften, um dann zu den Kindern weiterzuwandern, bis endlich ein tiefer Seufzer seiner Brust entfloh und den Bann brach. „Entschuldigt", sprach der Jüngling im geistlichen Gewände, indem er die Tür schloß und auf den Greis zuschritt, der sich vom Stuhle erhoben hatte. „Entschuldigt, daß ich Euch gestört habe, und erlaubt mir, mich ein wenig an Eurem Ofen zu wärmen. Ich bin von der Nacht auf einem Amtsgange überrascht worden, und es ist sehr kalt im Freien." Sogleich schob man ihm einen Lehnstuhl an den Ofen. Der Vikar nahm Platz und bat die Familie, ihr Mahl und ihren Gesang fortzusetzen. Er bat lange vergebens. Als aber die Leute sahen, wie herzlich er es mit seiner Bitte, sich nicht stören zu lassen, meinte, ja, wie er sichtlich nach den einfachen Gesängen, mit denen sie ihre Sabbatmahlzeit würzten, verlangte, da stimmten sie endlich wieder die Semiraus an, erst leise und zögernd, dann aber lauter und fröhlicher, und schließlich tönten wieder hell der Kinder Stimmen: „Licht und Freude, Sabbat, Ruhe bringt dieser Tag für Israel; mmmimm Dem Gebeugten, Seelenruhe dem Gequälten, so daß Sorg' und Kummer schwinden Hoffnung Deine Seele letzt, Wenn des Abends Schatten künden: Israel hält Sabbat jetzt." mi Jüdinnen von Kattaba in Jemen. Kurz entschlossen trat der Geistliche in das Haus und öffnete auf dem Flur die sich durch zwei Lichtstreifen oben und unten abzeichnende Tür. Da verstumte plötzlich der Gesang, den er im Hausgang genau gehört hatte, und alle Augen richteten sich auf die fremde Gestalt, die so unerwartet im Türrahmen erschienen war. Aber auch der Geistliche war wie gelähmt. Seine Blicke schienen von der siebenzackigen Lampe über dem gedeckten Tische gebannt zu sein. Und als er sie endlich davon losriß, da gingen sie zu dem Greis oben am Tisch und von Die Gedanken des jungen Mannes waren beim Sabbat angelangt, beim Sabbat seiner Kindheit, bei Vater und Mutter. Mechanisch griff er nach einem der Bücher, die auf dem Tische lagen. Er las den Titel: „Tikun Schelomo".- v. Dem Greis war die Bewegung des jungen Mannes nicht entgangen. Er setzte sich nach beendigtem Mahle zu ihm hin. Seine Erscheinung war dem Vikar vom ersten Augenblicke an als vertrauenerweckend erschienen. An seinem durchgeistigten Gesicht hatte er erkannt, daß er es nicht mit einem bäuerischen Menschen zu tun hatte. Solche Züge zeigte nur ein Gelehrter, zum mindesten ein Denker. Als die Tischgesellschaft ihre Gesänge beendet hatte, beschäftigte sie sich mit den Kindern, die ihre Bücher herbeiholten, um das in der vergangenen Woche Erlernte zu wiederholen und die Sidra (den Wochenabschnitt) vorzubereiten. Die leise Unterhaltung des Großvaters mit dem Geistlichen, die in der Ofenecke vor sich ging, drang nicht bis zu ihnen. „Können Sie das Hebräische lesen?" fragte Wr ftü? tnkem er aus Ls tit des Geistlichen Hand zeigte. „Nur wenig", antwortete dieser. „Im Seminar haben wir allerdings die hebräischen Schriftzeichen gelernt, doch nur wenig übersetzt. Hier steht mein Geburtsname." Bei diesen Worten deutete er auf das Wort „Schelomoh" (Salomo). Der Greis schaute ihn fragend an. „Ja," fuhr der Geistliche fort, „ich bin auch als Jude geboren. Meine Vater starb früh, meine Mutter kurz darauf. In unserem Dorfe wohnten sonst keine Juden. So erhielt ich eine christliche Erziehung. Des Greises Blicke bohrten sich förmlich in die Augen seines Gegenüber. „Bitte, wie hieß Ihre Mutter?" Eine kurze Pause. Es schien, als ob der Jüngling geahnt hätte, was für ihn von diesem Augenblicke abhing. „T a m a r F e l d st e i n."- Der Greis erblaßte. Sein ganzer Körper zitterte. Unsicher tasteten seine Hände nach denen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.