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Der Israelit · 1926-03-11 · Heft 11 (11.3.1926) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 11 (11.3.1926)
Date
1926-03-11
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 44» Nr. 14 Der Israelit 29. Mörz 1926 mit Ackerbau, Viehzucht und mit dem Waffenhandwerk beschäftigt und duldet trotz seines großen Fanatismus die Juden im Lande, weil sie ihm alle unentbehrlichen Gegenstände fabrizieren. Man fragt sich, wie das unglückliche. Volk trotz Verfolgungen, Epidemien und Entbehrungen sich bis heute hat erhalten hönnen. Es hat seinen Lebenszweck in seiner sittlichen Kraft gefunden und sein Unglück als eine notwendige Prüfung für das künftige Leben hingenommen. (Text und Bilder dem vortrefflichen Buche von Sigmund Feist: „Stammeskunde der Juden", Leipzig, I. C. Hinrichs^che Buchhandlung entnommen.) Juden in Turkestan. In beiden Hauptstädten von Turkestan (Zentralasien) Taschkent und Samarkand leben eingeborene Juden, die sich mit Handel und Handwerk befassen. In ihrer Art, Sprache und Kleidung gleichen sie (Siehe Bilder auf Seite 12) den b u ch a r i f ch e n Juden, die kn Jerusalem ein eigenes Stadtviertel bewohnen und unter der dortigen Bevölkerung keine unwesentliche Rolle spielen. - Tikun Schelomo. Von Heinrich Einsiädker. I. In dem hohen Grenzgebirge, das die ehemals österreichischen *> V rn beuijc^etr Gebiets trennt, wohnte in einem Dorf eine einzige jüdische Familie, lvie bestand aus drei Köpfen, Mann, Frau und einem kleinen Jungen. Der Mann, der sein Brot als Kommissionär in dem Gutshofe >es Dorfes verdiente, starb eines ^ages durch einen Unglücksfall, nd so sah sich die junge Witwe enötigt, nun ganz allein für sich nd. ihr verwaistes Söhnchen zu rbeiten. Tamar Feldstein entämmte einer guten Familie im rurgenland. Sie hatte ihre Eltern üh verloren. Ihr einziger Bruder war nach Ungarn ausgewandert, nachdem er die Schwester zu einer entfernt wohnenden Verwandten gebracht hatte. In ihrem Hause lernte Tamar den künftigen Gatten kennen. Sie verlebte mit ihm einige glückliche Jahre. Das enge Verbundensein mit dem Manne hatte die junge Frau die Einsamkeit in dem entlegenen Gebirgsdorfe nicht so schwer fühlen lassen. Als er aber allzufrüh ins Jenseits dahingegangen war, empfand Tamar von Tag zu Tag mehr den Mangel des Verkehrs mit Glaubensgenossen. Die nächste Gemeinde, aus der sie ihr Fleisch bezog, war einige Stunden entfernt. Anfangs dachte Tamar daran, valsin llhkrzusieveM: Aber durch die Schwieri^keitStt, fitd sich dem Verkauf ihres Häuschens entgegenstellten, verzögerte sich die Ausführung ihres Planes. Als nach kurzer Zeit auch die Frau zu kränkeln begann, immer weniger arbeiten konnte und schließlich fast gänzlich auf die Unterstützung der ihr zugetanen Gutsherrin angewiesen war, als die Verbindung mit der Gemeinde gänzlich aufgehört hatte und die leidende Frau durch die überhand nehmende Schwäche ihre Entschlußfähigkeit einbüßte, da war von einem Wegzuge gar keine Rede mehr. Sie begnügte sich mit den einfachen Milch- und Eierspeisen, die sie für sich und das Kind bereiten konnte. Dadurch hatte auch der Metzger, der bisher die einzige Verbindung mit der nächsten jüdischen Gemeinde hergestellt hatte, keinen Grund mehr, bei ihr vorzusprechen. Für Todesgedanken war sie noch zu jung. Dennoch drängten sich ihr in Stunden der Leiden öfters schwere. Befürchtungen und Sorgen auf. Dann rief sie ihr nun fünfjähriges Kind zu sich heran und sprach mit ihm über die Dinge, die ihr Herz beschwerten, für die aber dem kleinen Knaben noch das rechte Verständnis abging. „Mein gutes Kind," sprach sie dann wohl auch, „ich muß vielleicht bald von dir Weggehen." „Wohin, Mutter?" fragte da erschrocken der Kleine. „In das Paradies, wo schon der Vater auf mich wartet." „Und wo soll ich denn hin?" fragte der Knabe weiter, und. Tränen stahlen sich aus seinen Augen. Da drückte ihn die Mutter an ihre Brust und erzählte ihm vom lieben Gott, der aller Kinder Vater ist und keines verläßt, und sagte ihm, daß er Jude sei und immer Jude bleiben solle, und sprach von dem guten Onkel, der gewiß einmal wiederkommen und ihn zu sich holen werde. Sie lehrte ihn die ersten jüdischen Worte, die ersten Segenssprüche und das „Sch'ma Jisroel", und als sie wieder einmal dieses Bekenntnis zum Einzigen mit dem kleinen Jungen gesprochen 3tt der Synagoge zu Sana in Jemen. hatte, legte sie sich in ihrem Stuhl zurück und hauchte ihren Geist aus. II. Die Gutsherrin ließ die Leiche an die jüdische Nachbargemeinde ausliefern: den Knaben nahm sie zu sich. Nabbinerfamilie in Sana, Jemen. „Ich werde ihn nur seinen Verwandten aushändigen", erwiderte sie, als der Gemeindevorstand seinethalben bei ihr vorsprach. Sie widersetzte sich energisch dem Plan, das Kind einem jüdischen Waisenhause zu übergeben, und da damals der Adel eine große Macht besaß, wagte man nicht, ihr entgegenzutreten. Die Leute beschwichtigten ihr Gewissen, indem sie hofften, daß sich gewiß die Verwandten der Verstorbenen bald melden werden. Der kleine Salomo sehnte sich sehr nach seinem guten Mütterchen und vergoß viele Tränen. Er wollte anfangs im Gutshofe gar keine Nahrung zu sich nehmen aus Angst vor „Schweinefleisch", und die vielen Spielsachen, die man ihm bot, vermochten nicht, seine Gedanken von seinem Leid abzuwenden. Aber — Hunger tut weh, und die Zeit heilt Wunden. Gar viele neue Eindrücke stürmten auf den Knaben ein und verdrängten nach und nach die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit aus seinem Bewußtsein. Seine Wohltäterin sorgte für Zerstreuung. Sie ließ Salomo nicht zum Nachdenken kommen. Auf ihren Spazierfahrten durch Felder und Wälder hatte sie das Kind stets neben sich. Da erhellten sich bald seine Augen, wenn die Pferde lustig trabten, wenn alle Leute ehrerbietig grüßten und so viel Neues und Ungewohntes sich ihm darbot. Da klatschte er wohl auch fröhlich in die Hände und sang mit den Vöglein um die Wette. Bei einer solchen Ausfahrt war es, als einst der Wagen am Tore eines großen Gebäudes hielt. Der Kutscher zog an der Klingel. Nach kurzer Zeit öffnete sich eine Pforte, ein Mönch trat heraus und begrüßte die Gutsherrin, die hierauf mit dem Knaben ausstieg und das Innere des Gebäudes betrat. Es war ein Kloster. Man führte die Dame zu dem Prior. Den Knaoen geleitete indessen ein jüngerer Bruder in den großen Klostergarten, in dem es Obst und Blumen in Menge gab. Hier durfte sich Salomo nach Herzenslust gütlich tun. Er pflückte Blumen und Beeren und bewunderte die schattigen Lauben und die rieselnden Springbrunnen. Als er dann schließlich doch nach seiner Gönnerin fragte, vss lsissi *>«|] sip «Hgereist sei, nni) daß sie bestimmt habe, daß Salomo hier bleiben solle, um die Klosterschule zu besuchen. Der Knabe weinte bitterlich. Er lief an 8ie Mauer; doch sie war so hoch, baß er nicht über sie hinwegschauen konnte. Er rüttelte an den Pforten: sie waren verschlossen. Er bat und flehte, man möge ihn doch hinauslassen; aber überall begegnete er einem zwar freundlichen, aber nichtsdestoweniger festen Widerstande. Man ließ das Kind schreien und toben; einmal mußte es doch vor Ermüdung aufhören. Als eine Reihe von Tagen vergangen«waren, hatte sich der Knabe still in sein Schicksal gefügt. Stetige Gewohnheit und milder Zwang hatten den Widerstand gebrochen. Am meisten trug dazu der Erfolg bei, den Salomon in der Klosterschule erzielte. Das Lernen war ihm die liebste Ablenkung. Er stürzte sich mit Eifer auf die kleinen Aufgaben, die ihm gestellt wurden, und bald war er der beste Schüler seiner Klasse. Die Mönche ließen es nicht an Lob und Anerkennung fehlen. Sie verstanden es, den Ehrgeiz des Jungen frühzeitig zu wecken und für ihre Zwecke auszunutzen. Seinen silcrrnen fyörie er Üt4, titti ttli er nach längerer Zeit gelegentlich, der Taufe in Sebastian umgeändert wurde, da hatte man schon vorgesorgt, daß der Knabe die Ehre, den Namen des Schutzheiligen des Klosters tragen zu dürfen, zu würdigen wußte. Einen ernsthaften Widerstand hatte er nicht mehr gezeigt. War er doch beim Tode seiner Mutter noch zu jung gewesen, daß das Judentum vermocht hätte, in seinem Herzen feste Wurzeln zu schlagen, in. Jahre schwanden dahin. Der Klosterschüler Sebastian stieg von Stufe zu Stufe. Die Gutsherrin seines Heimatsdorfes, die sich öfters nach ihm umschaute, hörte nur Lobeserhebungen wegen seines Eifers, seiner bedeutenden Fortschritte und seiner untadeligen Führung. Als er die oberste Klaffe besuchte, erkrankte sie an einer Lungenentzündung und starb, nachdem sie den Jüngling zum geistlichen Berufe bestimmt hatte. Er kam nun in ein anderes, weit entferntes Kloster, mit dem ein geistliches Seminar verbunden war. Auch hier gewann er bald die Zu-

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