Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-03-11 · Heft 11 (11.3.1926) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 11 (11.3.1926)
Date
1926-03-11
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450399--72978-2530361
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

A rier zum Die Juden in Jemen. Mil fünf Bildern.) Unter der palästinensischen Judenheit nehmen die jemenitischen Juden eine nicht unbedeutende Stellung ein. Die neuesten zusammenhängenden Berichte über das Leben dieser Juden in ihrer Heimat, in Jemen, Südarabien, verdanken wir dem Beiruter Schuldirektor I. S e m a ch. Ueber das Aeußere der Juden im Jemen teilt er uns folgendes mit: Die jemenitischen Juden sind nicht sehr groß gewachsen und ziemlich müger. Ihre Haltung ist gerade, die Züge fein, die Gesichtsfarbe von warmem bräunlichen Kolorit; das Schönste aber sind die großen Augen und der lebhafte Ausdruck. Die langen Haarlocken, die gebogene Nase und die dunklen losen Gewänder erinnern an biblische Gestalten. Denn man erkennt Hie Juden soort an ihrer besonderen Tracht: kurzes Hemd aus blauer Leinwand, Ueberwurf von dem gleichen Stoff, die Beine nackt und nur an den Füßen Sandalen, auf dem Kopf eine kleine Mütze mit darum gerolltem Tuch, um die Schultern ein Stück schwarzes Wollgewebe — der sogenannte Schemla, eine Art Mantel —, endlich zu beiden Seiten an den Ohren die langen Haarlocken, die bis zum Hals herniederhängen. Die Frauen tragen blaue Leinenhemden, die sackartig ohne Falten bis über die Kniee reichen. Das darunter liegende enge Beinkleid mit farbigen Gamaschen reicht biszu den Fersen. Der strumpflose Fuß ist mit groben Pantoffeln bekleidet. Auf dem von einer schwarzen Kappe eingeschnürten Kopf tragen sie ein buntkarriertes Tuch, von dem ein Ende über der Nase festgehalten wird, so daß man von dem Gesicht nichts als die großen schwarzen Augen sieht. Am Sonnabend werden die schwarzen Gewänder durch weiße ersetzt, deren Nähte mit großen roten und blauen Punkten verziert sind. Anstelle des schwarzen Schemla haben manche Juden einen weißwollenen mit schwarzen Streifen durchwirkten Mantel. Außerhalb des Judenviertels darf kein Jude weiße oder farbige Gewänder tragen und keine langen weitärmeligen Gewänder gleich den Arabern. Da ihre Kleider sie nicht ausreichend gegen die von den Bergen kommende Kälte schützen, so tragen viele über ihrem Kittel ein in Paletotform Zugeschnittenes Fell ohne jeden Stoffüberzug. Morgens tragen sie das Fell mit den Haaren dem Körper zugewandt, mittags, wenn es wärmer wird, wird der Paletot mit den Haaren nach außen gedreht. Was ihre Wohnungsverhältnisse betrifft, so besteht das Judenviertel in Sana'a, Ka'a-Jehud genannt, aus eng zusammengedrängten Lehmhäusern, die im Innern jeglichen Komforts entbehren. Nicht ein Möbelstück steht darin, keine Bettstelle und keine Betten. Arme wie reiche Leute legen sich des Abends auf eine dünne Matratze, eine Matte aus Palmblättern, zum Schlafen nieder und decken sich mit einem Hammelfell zu. Auf dem Lande legt man sich zum Schutze vor dem Ungeziefer, das auf der bloßen Erde herumwimmelt, zum Schlafen in einen Sack. Man zieht sich vollständig aus, kriecht in den großen Sack und schließt ihn von innen mit Jüdische Familie aus Rauda in Jemen. einem Schnürband. Stillende Mütter nehmen ihre Säuglinge mit in den Sack. Als Küchenutensilien genügen ein paar Krüge und Schüsseln aus Ton und emige Körbe; man besitzt nicht einen einzigen Gegenstand aus Metall oder Porzellan, keine Gabeln, keine Löffel; man rührt das Essen mit einem Stück Holz um und das Taschenmesser des Vaters dient zum Zerschneiden aller Speisen. Das aus Sorgho gebackene Brot ist der Hauptbestandteil der Nahrung; man tunkt es m eine scharfe Sauce. Helbe genannt. Allgemeines Getränk ist der Aufguß der Kaffeerinde, Kischer genannt, den man Tag und Nacht trinkt. In den Städten wird in allen Familien viel Araki getrunken, ein aus getrockneten Trauben bereiteter Branntwein. Sehr gesucht ist geschmolzene Butter: manche essen sie mit Kischer gemischt, andere gießen sie lieber über Kopf und Körper, weil sie glauben, dadurch große Kräfte zu bekommen. Häufig sind ihre Kittel und ihre Kappe so durchtränkt davon, daß sie wie Wachstuch aussehen. Die Mehrzahl der jemenitischen Juden ist noch Handwerker. Es gibt kein Handwerk, das nicht von ihpen ausgeübt wird, und bis vor kurzem sind sie den Arabern unentbehrlich gewesen, da der Muselman eine Abneigung gegen das Handwerk befaß, die aber jetzt zu schwinden beginnt. So wären früher in Sana'a alle Schmiede Juden. Infolge der Epidemien, durch die Hungersnot von 1^05, die Belagerung von Sana'a durch die aufständischen Araber und die Auswanderung sind alle Schmiedewerkstätten an Mohammedaner übergegangen. Die Juden sind geschickte Weber, Schneider und Schuhmacher: doch nur wenige betreiben Ackerbau und Gemüsezucht. Den Mittelpunkt der Gemeinde bildet die Synagoge, „Knih" genannt. Hier halten sich die jemenitischen Juden mehr auf als in ihrem eignen Haus. Sana'a besitzt 27 mehr oder minder große Synagogen, die aus einem weißgekalkten, fensterlosen Raum bestehen. Ein paar schwarze Teppiche und kleine, an den Wänden entlanglaufende Matratzen bilden die ganze Einrichtung. Am Sabbat oder an Festtagen sind alle Mitglieder der Gemeinde in der Synagoge und trinken, auf kleinen Matratzen ausgestreckt, den duftenden Kischer, während der Rabbiner mit monotoner Stimme ein talmudisches Gesetz auslegt. Man könnte sich in eines der orientalischen Kaffeehäuser versetzt glauben, wo die Besucher Kaffee trinken und die Nargileh rauchen, während ein Greis in singendem Ton die schönen Märchen aus 1001 Nacht vorliest. In der Familie herrscht in der Regel große Eintracht, obwohl neben den Eltern und Kindern oft die verheirateten Söhne, die Großmütter, Schwiegermütter, verwitwete oder geschiedene Töchter zusammenwohnen. Der Hausvater befiehlt, aber mit Sanftmut und man gehorcht ihm mit großer Höflichkeit. Als Kuriosum sei erwähnt, daß die Polygamie gestattet ist. Es gibt in der Tat im Jemen verschiedene Männer, die zwei Frauen haben, aber dann ist fast immer die erste Frau kinderlos, oder sie hat nur Töchter geboren. Nur seine Handfertigkeit ermöglicht dem Juden den Aufenthalt im Lande Jemen. Der Araber ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.