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Der Israelit · 1926-03-11 · Heft 11 (11.3.1926) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 11 (11.3.1926)
Date
1926-03-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Tritt 4 Nr. 11 leuchtend und überzeugend erschienen, so daß sie vielfach akzeptiert und als sichere Ergebnisse gewertet wurden. Nun wurde aber zu glücklicher Stunde, namentlich durch das Verdienst S. Schechters in der Genisa der Synagoge von Alt-Kairo im Jahre 1897 ein großer Teil des hebräischen Urtextes aufgefunden. Unter einem Wust von Staub und Papieren wurden einzelne vergilbte und zerfetzte Blätter entdeckt, unscheinbare unb bis bat>m unbeachtete Reste oan £janbschrist^N, M? menle bes »erforert gegangenen Buches erkannt wurden; von einem Manuskript 6 Blätter, mit je 28 Zeilen, von einem zweiten 19 Blätter mit je 18 Zeilen, von einem dritten 4 Blätter mit je 12 Zeilen und von einem vierten 1 Blatt mit 20 Zeilen. Als Entdecker sind neben S ch e ch t e r besonders hervorzuheben E. N. Adler und M. G a st e r in London, sowie I. L e v i in Paris. Der Fund dieser kostbaren Fragmente, die etwa drei Fünftel des Buches Sirach umfassen, erregten in der ganzen wissenschaftlichen Welt mit Recht großes Aufsehen. Es ist nun überaus lehrreich und fesselnd, zu prüfen, wie Wirklichkeit und Hypothese sich zu einander verhielten, als die geistreichen und scharfsinnigen Vermutungen sich an den Tatsachen erproben konnten, um durch sie entweder ihre Bestätigung oder ihre Widerlegung zu finden. Ich will das an einigen wenigen Beispielen darlegen, wobei ich bemerke, daß die hier folgenden Zitate aus dem hebräischen Text des Buches Sirach sich auf die von H. Strack bearbeitete Ausgabe, Leipzig 1903, beziehen: 1. Sirach 6, 22 heißt es sowohl nach dem griechischen als auch, mit einer geringfügigen Differenz, nach dem syrischen Text: „Die Weisheit ist, wie ihr Name es sagt, Sophia garkata to onoma autes esti) und nicht vielen wird sie offenbar." Dieser Satz hat den Kommentatoren viel Kopfzerbrechen gemacht. Einige wurden mit ihm, so wie er lautet, überhaupt nic^t fertig und behaupteten daher, daß eine falsche Lesart Vorgelegen! habe. So behauptet Horowitz in Frankels Monatsschrift XIV, die Uebersetzer hätten hier einen korrumpierten hebräischen Text vor sich gehabt. Sie hätten fälschlicherweise noro gelesen, aber die richtige Lesart habe gelautet, und der Satz sei zu interpretieren: „Die Weisheit ist nur dem Namen, aber nicht der Sache nach bekannt." Aehnlich kommentiert auch F r i tz s ch e: „Die Weisheit ist ihrem Namen, Rufe nach etwas Absonderliches, Großes und sonach nicht vielen bekannt." Die meisten Forscher erkannten jedoch, daß, was ja eigentlich auf der Hand liegt, hier ein Wortspiel angewandt ist. Welches Wortspiel aber? Scharfsinnige Hypothesen wurden unter Zuhilfenahme anderer semitischer Sprachen aufgestellt, alle plausibel und einleuchtend. Die betreffenden Kommentatoren zweifelten nicht daran, es habe im Urtext nvvn oder eine ähnliche Wortbildung dieses Stammes gestanden, und das Wortspiel ziele auf einen Gleichklang der Vokabel mit einer anderen ab, die „verborgen" heiße, etwa v»2 „verbergen" oder nvax „dunkel". Vor mir liegt z. B. das große „hebräische und chaldäische Lexikon über das alte Testament" von Julius Fürst, dritte Auflage bearbeitet von Victor R y s s e l. Darin findet sich Band 1, S. 602 eine Vokabel r>»2 (mit Taw), die in der ganzen heiligen Schrift nicht vorkommt, und dazu folgende Erklärung: „n»3 ungebräuchlich), siehe (das lispelnde n wechselnd mit v) verbergen, welche Bedeutung das Zeitwort ganz entschieden zur Zeit Ben-Sirachs noch hatte, indem dieser (6, 21) nivpn (Weisheit) als Verborgenes (von nva) deutet, was selbst als Akkomodation nur durch ein Anlehnen an rivo möglich ist." Man achte auf die Bestimmtheit der Behauptung, daß eine solche Vokabel zur Zeit Sirachs „ganz entschieden" in der erwähnten Bedeutung existiert habe. Und nun nach den Hypothesen die Wirklichceit: Im hebräischen Sirach lautet der Satz: NN122 D’mb xbi xin p naws noian -o __Der Israelit _ Es steht also im Urtext weder n»2N noch eine mit diesem Stamm zusammenhängende Vokabelsondern ivi». „Zucht, Unterweisung", und das Wortspiel besteht darin, daß dieses Substantiv, welches von iv' stammt, mitmidraschischer Auslegungsfreiheit als Partizipium Hofal von m also als „entfernt" gedeutet wird. Alle bisherigen wissenschaftlichen „ganz entschieden richtigen" Lösungen erwiesen sich demnach als ganz entschieden unrichtig! 2. Sirach 15, 13 heißt es nach hem griechischen Text; „Jeglichen Greuel hnßt her Herr unb nicht liebenswert ist er (ut estiv agapeton) Den Gottesfürchtigen". Die syrische Uebersetzung lautet hier in der zweiten Satzhälfte: vnam^ px bni xbi „Und er bringt es nicht über die Gottesfürchtigen". Durch welche Verschiedenheit des Urtextes entstand die Verschiedenheit der Uebersetzung? G r ä tz in der Montasschrist 1872 vermutet, es habe im Urtext gestanden anrp xbi. der Grieche habe übersetzt aanx xbv Eine ohne Zweifel einleuchtende Kombination und trotzdem eine irrige. Der hebräische Text lautet nämlich: i'xi'v iwix* xbi d. h., „er fügt es nicht", vgl. Ex. 21. 13 ii'h nix- Im Urtext stand also nix und der Grieche hat gelesen nin oder nx: oder ein ähnliches Wort, das mit „liebenswert" übersetzt werden kann. 3. A. G e i g e r will in seiner Abhandlung „Warum gehört das Buch Sirach zu den Apokryphen?" (Nachgelassene Schriften III S. 275f) zur Stütze einer auf Lev. 20, 10 sich beziehenden bibelkritischen Behauptung den Nachweis führen, daß der Ausdruckw'X nnx ursprünglich nicht ein „fremdes Weib", vielmehr gerade das „eigne Weib" bedeute. Er beruft sich dabei auf den Ausspruch des R. Jose den Jochanan in Abot 1, 5 „Du sollst nicht viel sprechen mit dem Weibe" und behauptet, daß R .Jose den Jochanan in dem Nachsatz „Daher sagten die Weisen" unter dem Ausdruck „Die Weisen" das Buch Sirach meine, und daß der folgende Satz: „Wer viel spricht mit bem Weibe, bereitet sich selbst Unheil unb erbt schließlich die Hölle" ein Zitat aus diesem Buch? sei. (Vgl. auch Zunz a. a. O.) Und zwar sei „dies der Satz Sirach 9, 9, der in der griechischen Uebersetzung fehle (?), in der syrischen (?) aber laute: „Mit der Frau eines andern sprich nicht viel und verlängere nicht mit ihr deine Rede, damit dein Herz nicht ihr nachhänge und du schuldigen Blutes in den Scheol niederfahrest." Dies fei offenbar der Spruch, den Jose den Jochanan in seiner Lebensregel anführe und der in dem der syrischen Uebersetzung vorliegenden hebräischen Text etwa gelautet habe: fnrw n»y ■pxr» xbi anm mnn xb w'x mvx av Geiger fährt fort: „Wir erhalten aus der Deutung, die Jose diesem Spruche gibt, daß darunter zunächst die eigene Frau zu verstehen sei, eine neue Bestätigung für die in der Urschrift S. 241f. belegte Behauptung, daß in der alten Sprache tf'X lwx nicht wie später „ein fremdes Weib", vielmehr gerade „das eigne Weib" bedeutet. Jedenfalls erkennen wir, daß man die Sprüche Sirachs als „Sprüche derWeisen" bezeichnete und damit ihre Jugend verdeckte." Dies die Behauptung und Beweisführung Geigers. Alle seine Deduktionen erweisen sich als Phantasiegebilde. Im hebräischen Sirach lautet nämlich der Satz, der übrigens auch im Talmud (Jebamot 63b und Parallelstellen) zitiert wird, folgendermaßen: nvn p iw (? NQv) 12V 2ivr> bxi ayarf Vx nbsn cy rmtp bx nan a’anm nb n’bx „Mit einer verheirateten Frau schmause nicht und halte nicht mit ihr Trinkgelage ab, damit das Herz nicht zu ihr hinneige und du mit Blutschuld ins Verderben stürzest." Es steht dort weder der Ausdruck fr'X new noch stimmt der Wortlaut des Satzes mit dem des R. Jose ben Jochanan überein, so daß von dem Gedankenbau Geigers, den er zur Grundlage bibelkritischer Kombinationen macht, nichts übrig bleibt. Diese Beispiele werden genügen. Gewiß wurden durch die Auffindung des hebräischen Sirach auch einzelne Rekonstruktionen des Textes be- _. ' _11. März 1926 stätigt. Aber in der Regel nur solche, bei denen die Sache ganz einfach lag, z. B. .49, 9, wo der- Grieche übersetzt: „Er dachte der Fei n de" , der" Syrer dagegen „des H i o b ", wo also ganz offen-- sichtlich eine Verwechslung von Ö j eb und Jjo bvorlag. Wo das jedoch nicht der Fall war, versagte die geistreichste und scharfsinnigste Hypothese. Dies soll kein Vorwurf gegen die Wissenschaft sein, die sich ja keiner anderen Methoden bedienen konnte als der des Nachdenkens undKombinierens. Würde sich doch ein solcher Vorwurff gögön mm lEt rußten, öer iS miö) auG auf bem Gebiet ber Rekonstruktion des Srr-ach-Tsxte^ versucht und — geirrt habe. Vielmehr soll eslediglich die Feststellung einer Tatsache sein, deren Würdigung geeignet ist, wieder einmal die Grenzen der Wissenschaft und das Trügerische Mensch-- lischer Kombinationen zu erkennen. Die klügste Theorie scheitert an der schlichtesten Tatsache unb an der simplen Wirklichkeit kann die gelehrteste- Hypothese zuschanden werden. Dies gilt zumal von den Ergebnissen der modern-kritischen, mü hypothetischer Wissenschasilichkeit bis an den Ranb gefüllten Bibelforschung. Noch harren, bedeckt von dem Schutt und den Trümmern der Jahrtausende, viele Zeugen und Denkmäler verklungener Zeiten ihrer Entdeckung. Wenn die entscheidenden gefunden werden, dann werden sie Zeugnis ablegen für die schlichte Wahrheit unseren überlieferten Thora. Korrespondenzen Dachrichtcn. Reich Der darf sich koscher nennen? Frankfurt a. M„ 9. März. 'Soni föüro her ..freien ^Bereinigung für Ül 5n=- teressen des orthodoxen Judentums" wird uns folgendes mitgeteilt: Die rechtskräftig gewordene Entscheidung eines Landgerichts, wonach eine mißbräuchliche Verwendung des- Wortes: „streng koscher" unzulässig ist, und als unlauterer Wettbewerb verboten werden kann, hat dem Vorstandauf Anregung des Vereins für rituelle Speisehäuser in Hamburg Veranlassung gegeben, den Versuch zu unternehmen, diese Entscheidung zu allgemeiner Anerkennung, in ganz Deutschland zu bringen. Von dem Erfolg der: Bemühungen des Vorstandes wird die hiesige Oeffentlichkeit noch in Kenntnis gefetzt werden. Allgemeiner Deutscher Kantoren-Verband. F r a n k f u r t a. M., 8. März. Vom deutschen Kantorenverbande wird uns ge-- fchrieben: Nach dem Bericht über die vierte Tagung des Verbandes bayrischer isr. Gemeinden ist in: einem der dort gefaßten Beschlüsse folgender Passus enthalten: „Während für die jüdischen Religionslehrer sehr strenge Anforderungen hinsichtlich ihrer Vorbildung bestimmt werden, sieht man für die Kantoren, dirnicht zugleich Religionslehrer sind, hiervon ab; doch ist immer ein Gutachten des zuständigen. Rabbiners über ihre Eignung vor Anstellung einzuholen." Diesem Beschluß gegenüber verweisen wir auf die- Entschließung unserer Ausschußsitzung in Köln am. 1. Juni 1929: „Der A. D. K. V. fordert von den Landesverbänden, die Einstellung eines Befähigungsnachweisesfür den Kantor in das Beamtengesetz. Nur ein mit dem. behördlichen Zeugnis versehener Kantor darf in den Verbandsgemeinden Anstellung finden. Die Aufstellung, einer Prüfungsbehörde ist Aufgabe der Landesver-- bande in Verbindung mit den Berufsverbänden, gegebenenfalls in Verbindung mit derjenigen der Reli: gionslehrer." Danach erheben wir gegen den unseren Stand und', unsere Berufsehre schwer schädigenden Beschluß des bayrischen Landesverbandes schärfsten P r o t e st und« T Or -■ - r

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