Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1926)
- Date
- 1926-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Seite 3 ' 11. Mä.z 1926 Der Israelit fische Spekulation." Unsere auch nicht. Aber die „Thora von Sinai" bestimmt unseren Weg, bestimmt uns auch die „sozial-ökonomische Analyse der jüdischen Wirklichkeit". Was w i r unter jüdischer Geistesgeschichte verstehen, ist keiner kulturhistorischen Kritik unterzogen. Darin liegt das von Melzer ganz richtig erfaßte Trennungsmoment. Man muß in einer Beziehung Herrn Dr. Melzer für diese Offenheit und klare Absteckung von Grenzen dankbar sein. Als wir vor vielen Jahren vom Zionismus als Kulturanschauung sprachen und die für uns aus dieser Erkenntnis zu ziehenden Konsequenzen betonten, wurde es uns in zionistischen Kreisen stark verübelt. Damals bemühte man sich noch, unter schämiger Verleugnung des „ungezogenen Lieblings" in der Kulturecke, die g e m e i n s a m e Linie mit dem ganzen Volke, mit der Orthodoxie zu zeigen. Nun aber sagt es ein prominenter Vertreter des Kulturzionismus im offiziellen Organ offen heraus und bestätigt, was wir schon vor Jahrzehnten wußten und sagten, nämlich, daß die unüberbrückbare Kluft aus dem Kern des Zionismus, seiner Lebensanschauung, seiner Kulturauffassung, sich ergibt. Hierdie Verbindlichkeit der Lehre, dort die Unterordnung der Lehre unter das zu jeder Zeit neue Gestalt annshrnsnde Leben? - Die Vierländer-Synode. In den jüngsthin erschienenen Berichten über die große VersammlungderRabbiner Polens in Warschau war bei den letzten Beschlüssen ein Wort zu lesen, das vielleicht in seiner ganzen Bedeutung und Tragweite von den Lesern nicht erfaßt worden ist. Die Rabbinerkonferenz beschloß, die Vierländer-Synode wieder aufleben zu lassen und ihren Beschlüssen. wie dazumal verbindliche Kraft für ÄiegesamteDiasporazu sichern. Einzelheiten über diesen grandiosen Plan wußten die Berichterstatter nicht zu melden. Ueber diese werden die Initiatoren und die Konferenz sich felber noch nicht im klaren sein. Die Vierländer-Synode war die religiöse jüdische Weltorganisation des späten Mittelalters. Zuerst für Polen im Jahre 1520 unter dem König Sigismund begründet, kam bald der gesamte Osten mit Rußland, Litauen und Galizien noch dazu. Zu Anfang des siebzehnt e n Jahrhunderts war aber die Autorität der Synode soweit ausgebaut, daß sie, bei freier Unterordnung, das religiöse Leben der Juden auch in den Weststaaten mehr oder weniger beeinflußte. Die Tätigkeit der Synode erschöpfte sich nicht in generellen halachischen Entscheidungen, sondern umfaßte alle bedeutenden Vorgänge im jüdischen Leben. Die Mitglieder, bestehend aus den rabbinischen Führern der Zeit, aber auch aus gelehrten und verdienten Laienmitgliedern, versammelten sich zu ihren Beratungen zur Zeit der Messe in Lublin oder I a r o s l a w. An der Spitze der Synode standen zu verschiedenen Zeiten keine geringeren als Rabbi Joffe, der Verfasser der „Lewuschim" und später Rabbi Jomtow Lippmann Heller („Tosfot Jomtow"). Nicht weniger als sechs Gaonim der Zeit mußten nach den Statuten neben den anderen Sitz in diesem jüdischen Parlament haben. Alte Schriften und Memoirbücher der alten Gemeinden wissen mancherlei von dieser religiösen Vertretung der Judenheit, ihren Beschlüssen und Maßnahmen zu erzählen, die sich auf einen Zeitraum von über 200 Jahren erstrecken. 1764 löste sich die Synode unter den ungünstigen politischen Verhältnissen zur Zeit des polnischen Königs Stanislau August auf. Ihre Anordnungen und Entscheidungen bilden heute noch in manchen alten Gemeinden, wie Krakau, Lublin u. v. a. die Grundlage des Gemeindestatutes. Auf der Knessio Gedaulo in Wien nannte ein prominenter Vertreter des Ostjudentums die Vierländer-Synode die natürliche Vorgängerin der Weltorganisation Nun wollen polnische Nahbmn nach Unterbrechung von 162 Jahren die Institution wieder aufleben lassen. Der Wille ist aus der schweren Not der Zeit, der materiellen wie der geistigen, geboren. Ob auch hier der Wille den Weg zeigen wird, hängt freilich von Faktoren ab, die zu meistern, nicht in der Hand der polnischen Rabbiner liegt. Sicherlich haben aber die Initiatoren gewußt und daran gedacht, daß, um der von ihnen geplanten Synode die Autorität für den gesamten heute zersplitterten Osten zu sichern, es unumgänglich nötig ist, sich mit den gesetzestreuen Organisationen der einzelnen Oftl ä n d e r in Verbindung zu setzen und daß selbstverständlich die Aktion nur im engen Einvernehmen mit diesen denkbar ist. Vielleicht schien es der Konferenz noch verfrüht, über diese Einzelheiten zu sprechen. Hypothese und Wirklichkeit. Von Rabbiner Dr. Sank Kaah in Kindenvnrg o. S. Wohl auf keinem wissenschaftlichen Gebiet spielen Hypothesen, d. h. bedingte, als wahr angenommene Mutmaßungen und Meinungen eine größere Rolle als auf dem Gebiet der modernkritischen Vibelwissenschaft. Ihre Sätze sind nicht sichere Ergebnisse einer exakten Forschung, sondern mehr oder minder geist- und phantasievolle subjektive Annahmen, die miteinander verknüpft zu Theorien und Systemen sich weiten, welche den Anspruch erheben, objektive Darstellungen der Wirklichkeit zu sein. Aber nichts kann die Tatsache aus der Welt schaffen, daß Theorien und Systeme solcher Art, sie mögen noch so scharfsinnig erdacht sein und noch so blendend erscheinen, nicht sestgegründete bewiesene Rekonstruktionen, sondern menschlichen Jrrtümern unterworfene hypothetische Konstruktionen sind, Behauptungen, die zwar voraussetzungslose Wissenschaft sein wollen, aber in Wahrheit letzten Endes auf einen wissenschaftlich gerichteten Glauben sich gründen. Ich will nun in folgendem dieses Thema an einigen kleinen markanten Beispielen beleuchten, die sich auf das zu den Apokryphen gehörende Buch S i r a ch beziehen, und zwar wähle ich deshalb gerade dieses Buch, weil bei ihm durch eine bemerkenswerte Verkettung von Umständen der Gegensatz von Hypothese und Wirklichkeit besonders deutlich in die Erscheinung tritt. Das Buch Sirach, aus dem auch im talmudischen Schrifttum eine Anzahl von etwa 30 Sprüchen zitiert wird (vgl. die Zusammenstellung bei Z u n z, G. V. 2. Aufl. S. 108 f), hat nämlich eine interessante Geschichte. Sein Original war, miß aus der dem Buche vorangehenden Einleitung LttkM tzss fficFfaffers DörDorseOt Der brätsch. &oer ber hebräische Urtext gtstg HSt'-- loren. Das Buch war uns, abgesehen von den wenigen talmudischen Zitaten, nur aus Uebersetzungen bekannt und zwar vornehmlich aus zweien, aus einer g r i e ch i f ch e n, die sich in der Septuaginta findet, sowie aus einer syrischen, die in der P e s ch i t a erhalten ist. Zwar gibt es noch andere alte Uebersetzungen des Buches, eine lateinische, eine syro-hexaplarische, eine arabische, armenische, koptische usw. Aber alle diese sind nicht unmittelbare Uebertragungen des hebräischen Originals, sondern mittelbare, der Septuaginta oder Peschita entstammende Wiedergaben. Lediglich die griechische und die syrische Uebersetzung sind direkt aus dem Urtext hervorgegangen. Das hebräische Original selbst war verschollen. Die Forscher versuchten nun vielfach den Wortlaut des Urtextes aus den beiden Uebersetzungen zu rekonstruieren: und es ist ungemein interessant, in den einschlägigen wissenschaftlichen Werken z. B. in dem hauptsächlich maßgebenden „exegetischen Handbuch zu den Apokryphen" von F r i tz s ch e nachzulesen, mit welcher Sicherheit bewiesen wurde, der Urtext könne an dieser oder jener Stelle nur so und so gelautet haben. Es wurden Hypothesen aufgestellt, die durchaus einden kümmerlichsten Daseinsbedingungen. Sie beschäftigten siw vorwiegend mit dem Kleinhandel und Handwerk. In den engen Judengassen zusammen gepfercht, stehen sie in gar keiner Verbindung mit der übrigen jüdischen und nichtjüdischen Welt. Vor DkM KMgk sich axxdj eitt Teil der jüdischen Bevölkerung mit drr ««ubmirifchast uh» (BäHHüB. Infolge allzu häufiger Uebelsalle seitens der Kurden ffah sich ein großer Teil der jüdischen Landwirte gezwungen, die Wirtschaft zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Zur Illustration der gegenwärtiqen wirtschaftlichen Lage der Juden sei angeführt, daß in der ganzen Judengemeinde von Mossul nur eine einzige Familie vorhanden ist. die a's wohlhabend bezeichnet werben kann. Die jüdischen Kauft ute verfügen über gar kein Vermögen und müssen demzufolge mit ganz wenigen Mitteln 'hre Geschäfte betreiben. Unter den jüdischen Handwerkern sind Goldarbeiter und Schuster dominierend. Das jüdische Familienleben trägt noch heute patriarchalische Merkmale. Das Familienoberhaupt erfreut sich der größten Autorität, ihm sind alle Familienmitglieder unterstellt. In der Judengasse bestehen auch jüdische Kaffeehäuser nach türkischer Art, in denen die Juden nach ihrer Tagesarbeit zusammen kommen. Das religiöse Leben der Mossuler Juden weist keine besonderen Merkmale auf. Die alte Synagoge zählt bereits 720 Jahre und besitzt sehr alte ThorawLen. In der Mossuler Gemeinde haben sich noch alte Sitten und Gebräuche erhalten, die darauf Hinweisen, daß die Mossuler Judenheit noch lange vor der türkiichen Herrschaft hier angesiedelt war. Die Juden Mostuls befttzt eine eigene Gemeinde und einen Gerichtshof, der über religiöse, aber auch über zivilrechtliche Fälle entscheidet. Jeden Freitag werden im Judenviertel mil^e Gaben gesammelt, die dann von der Gemeinde zur Unterstützung der Armen verwendet werden. tzn der Spitze der Judenaemeinde steht der Chacham Baschi, der auch die Vertretung der Gemeindeinteressen den Behörden gegenüber inne hat. (Hermann Slruck so Sakre att.) Der bekannte jüdische Maler, Radierer und Zeichner Hermann Struck wurde am 6. März 60 Jahre alt. Der Geister, der vor einiaen Jahren seinen ständigen Wohnsitz in Valästina genommen bat, moilt, wie die ITA berichtet, gegenwärtig in Berlin. Die jüdischen Bildnisse German Struck * gehören zu seinen Meisterwerken und auch zu den Meisterwe'cken der modernen Malerei. In Berlin aeboren. bereiste er die ganze Welt. In den neunziger Jahren malte er in Dänemark und in H"lland und porträtierte in Amerika bedeutende Köpfe. Sehr reich ist auch die Galerie seiner deutschen Bildnisse. Er porträtierte Gerhard Nauptmann. Richard Dchmel, Lovis Corinth Im Kriege war er Offizier der deutschen r'rmee. Ais Frucht seiner Krieoserlebnisse im Osten gab er gemeinsam mit Herbert Eulenberg das Buch "Bllder aus Litauen und Weißrußland" und mst Arnold Zweig .Das vstjüdische Antlitz heraus. Die Graphiker von heute, und nicht die schlechtesten unter ihnen, haben ihm viel zu verdanken, theoretisch und praktisch. Sein berühmtes Buch, .Die Kunst des Radierens", wies unzäh'igen Künstlern die Wege, und Struck selbst, der Radierer von internationalem Ruf. ist auch für Meister wie Corinth der erfolgreichste Lehrer gewesen. (Die nördlichsten jüdischen Gemeinden). Die Erzieh »ng-arbeit, d s religiöse und synagogale Leben in den Nordländern entwickelt sich, wie Dr. Ehrenpreis Pressencrtretern mitteil', nicht ungünstig. Z. B. existie t in Finnlands Hauptstadt Helstngfors eine sechsklasstge jüdische Mittelschule mit einem auterr fübifcijett «ttb tjebr ifrfjett Untsrrich tsvrogramnr. Pyr Dell nmrbe in TLHttßhjölst (JlflU wegen), wo 60 jüdische Familien wobnen, eine sehr schöne Synagoge eingeweiht. Es ist dies die nördlichste jüdische Gemeinde der Welt. Die Einweihung, der Dr. Ehrenvreis als Galt beiwohnte, vollzog sich unter großer Teilnahme der norwegischen Oeffentlichkeit und der P esse. In den vier skandinavischen Ländern (Dänemark. Schweden. Norwegen. Finnland) leben über 20000 Juden. Eine antisemitische Bewegung ist im allgemeinen nicht bemerkbar. Manche Prooaganda gegen die Methode des jüdisch-religiösen Schächtens entspringt bloß der Unkenntnis der Dinge. (Oin 100 jähriger Jude ehelicht eine 8« jährige Jüdin.) Die Rigaer Tageszeitung Frühmorgen" teilt mit. daß der älteste Rigaer Jude. Raphael Feldman, der als Kind mit unter jenen war. die von den Bütteln des Zaren Nikolaus I. in Militärlager verschleppt wurden, setzt eine Ehe mit einer 79 jährigen Me ihn während seiner letzten Krankheit gerüstig ' eingegangen ist. Das Ehepaar ist ganz *