Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1926)
- Date
- 1926-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 11 11. März 1926 lassen, und erfährt er es, öffnet er ohne Formalitäten die Türe, durch die alle Hineinströmen; der Strom der jüdischen Not, der jüdischen Wünsche und Leiden wogt unaufhaltsam ins Haus. Und Rabbi Jizchok Elchonon lächelt, reicht jedem die Hand, auch dem zitternd dastehenden Jünger, der um eine Empfehlung, eine Autorisation kommt, bietet jedem Platz an, hört einen nach dem anderen an, hat für jeden ein kluges Wort, ein ermutigendes freundliches Lächeln. Er ist der Führer im Großen, aber auch der Vater des Einzelnen. Die halachischen Fragen sind rasch entschieden, die Bittsteller abgefertigt, die Wünsche der Delegationen entgegengenommen. Zwischendurch ein Schochet oder Rabbinatskandidat geprüft. Dann werden Briefe geschrieben oder diktiert — nach London, nach Petersburg, nach Frankfurt und Berlin, in Sachen der großen jüdischen Politik. Und lange nach Mitternacht noch sitzt der Rabbi in seinem Lernzimmer eingeschlossen vor den langen Folianten und kleineren neueren rabbinischen Werken, auch Manuskripten, aus denen die eigenen Werke entstehen. Sie heißen u. a. pnrr' pv '»"n tor pnsr» bni f ns* n ’.a n*rar* Zuweilen machen dringende Angelegenheiten eine Reise des Rabbi nach Petersburg oder anderswohin zu einer Konferenz nötig. Die Stadt fühlt sich verwaist, die Briesstöße auf dem Rabbinortisch steigen zu Bergen an. 1880 und 1882 sehen mir Räbtzi Zizchsk Clchsnsu ate WürWhkör auf den von der russischen Negierung in Petersburg einberufenen Rabbinerkonferenzen, die von größter Bedeutung für die weiteren Schicksale der russischen Judenheit waren. Einmal ist es Hungersnot, und der „Kownoer Row" ist die Seele der Hilfsaktion. Ein Wort von ihm, eine Bitte zauberten Summen vom Ueberfluß der Bevorzugten für die Leidenden. Ein anders Mal sind Menschen durch Vrandzerstörungen ins tiefste Unglück geraten. Rabbi Jizchok Elchonon schafft die Möglichkeit, die vernichteten Existenzen wieder aufzurichten. In der großen Garnison von Kowno sind tausende jüdische Soldaten stationiert, sie alle werden koscher verpflegt nud erfreuen sich der Dienstruhe an Sabbat und Feiertagen. Von Ehrungen will er nichts wissen. An seinem siebzigsten Geburtstag verbietet er den Zeitungen, etwas darüber verlauten zu lassen, verbietet den Buchhändlern, an diesem Tage seine Werke zu verkaufen, da der Kauf als Huldigung gedacht sein könnte. Aber wenn er sich mit seinem Schames auf der Straße zeigt, bilden die jüdischen Soldaten Spalier und grüßen, ihn militärisch wie einen General. Die jüdischen Droschkenkutscher halten im Fahren ein, die Straßenarbeiter legen die Arbeit nieder, um den Rabbi zu grüßen und auf die väterliche Frage: Der I s r a e l i t__ „Wie geht es euch, Kinder?" mit einem zufriedenen „Gottfeidank!" oder Wünschen und Klagen zu antworten. Als Rabbi Jizchok Elchonon am 21. Adar, 79 Jahre alt, nach KOjähriger rabbinischer Wirksamkeit, wovon mehr als die Hälfte auf die erste Führerschaft entfällt, dahinging, weinte Kowno, weinte Litauen, weinte die jüdische Welt, weinte man im Palaste des jüdischen Aristokraten in Petersburg genau so wie in der feuchten Kellerbude des jüdischen Flickschusters in Warschau und in Wilna. Vielleicht war es das ahnungsschwere Weinen um die Bahre Jakobs. Denn es folgte — wie damals — schweres Golusgeschick für die östliche Judenheit diesem großen Tode. Und in all den Jahren der Leiden und Umwälzungen fehlte es im jüdischen Osten nicht an Männern, Größen und an Führern, aber es fehlte seit dem Tode Rabbi Jizchok Elchonons an dem Führer. Organisationen müssen durch Sammlung der Kräfte zu schaffen versuchen, was dieser Riese an Geist Und Kraft allein mit starker Führerhand vollbrachte. Ein Unrecht gegen das Andenken dieses Thorafürsten, aber nicht minder eine Versündigung gegen den Geist der Geschichte wäre es, den großen Namen, weil an ihn die große Einheit der Thora in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gebunden war, für schwächliche Zu- MtiiiMW im Meressk einer in sich vrüchWil Einheit zu mißbrauchen. Wochenrundschau. „Zionismus und Orrhodoxie." Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Nathan M e l z e r, Lemberg, in der „Jüdischen Rundschau" vom 2. März eine vierspaltenlange politische Betrachtung, mit dem Grundmotiv: Die Aguda regt sich, die Orthodoxie ist erwacht! Zionisten auf der Hut. Alle Mann an Bord und zum Angriff bereit! Aus der Defensive, in die in letzterer Zeit der Zionismus von der Orthodoxie gedrängt wurde, heraus zur Offensive! Frieden und Verständigung gibtes nicht und kann es auch gar nicht geben. Denn: .,Wohl vermag die Orthodoxie — so paradox dies erscheinen mag — eine gemeinsame Sprache selbst mit dem assimilatorischen Liberalismus zu finden, weil beide Richtungen von der Religion des Judentums, von seiner Lehre ausgehen. Der zwischen ihnen bestehende Unterschied ist bloß ein gradueller. Dagegen ist die Kluft zwischen Orthodoxie und Zionismus eine tiefere, weil eine prinzipielle. Der Zionismus geht nicht von der Lehre, sondern vom Leben des Judentums aus. Seine Methode ist nicht die metaphysische Spekulation, sondern die sozial-ökonomische Analyse der jüdischen Wirklichkeit und die kulturhistorische Kritik der jüdischen Geistesgeschichte.-Die Assimilation ist als politische Bewegung — zumindest in Osteuropa — so gut wie liquidiert. Ganz anders die Orthodoxie. Sie steht noch ungebrochen da. Ihr gegenüber hatte der Zionismus dieselbe Mission zu erfüllen, welche einst die viel gelästerte rationalistische Haskala auf sich nahm." Es trifft zwar nicht zu, daß zwischen Orthodoxie und Liberalismus nur ein „gradueller Unterschied" besteht, dagegen ist es wahr, daß die Kluft zwischen Orthodoxie und Zionismus eine tiefere, weil eine prinzipielle, ist. Versteht man unter Liberalismus etwa die Weltanschauung und die Jdeengänge der Richtlinien, die Ideologie des Reformjudentums, so führt keine Brücke von diesem zur Orthodoxie. Der Unterschied ist hier kein gradueller, sondern es ist der Unterschied zwischen Ja und Nein, zwischen Treue und Abfall, zwischen Sein und Nichtsein. „Beide, Orthodoxie und Liberalismus," so sagt Melzer, „gehen von der Religion aus." Man kann aber von der Religion in dem Sinne ausgehen, daß man von ihr durchdrungen und beseelt ist und in all seinen Betätigungen und Lebensäußerungen sie als Richtfchnur und Maßstab nimmt. Das tut oder erstrebt die Orthodoxie. Man kann von der Religion so awsgeljenj i>a|j man ^xntev ifjv die Türe süMM. sich draußen und chrer Kontrolle env zogen, seine eigenen Formen für den Rest der religiösen Empfindung bildet. Das tut der Liberalismus. Und in diesem Punkte gibt es kein? gemeinsame Sprache, keine Verbindungen zwischen den beiden Ufern. Was aber Melzer in diesem Zusammenhänge mit Liberalismus meint, ist etwas anderes: eine Gruppe liberal gesinnter Juden, die, ohne ihre religiöse Orientierung zu betonen oder auch nur anzudeuten, sich auf einem A u ß e n p o st e n um ein gemeinsames Abwehrprogramm sammeln oder philantropische Aktionen leiten. Hier kann es unter Umständen in der Tat eine gemeinsame Sprache geben. Anders aber der Z i o n i s m u s. All seine Aktionen, die sozialen wie die philantropischen unddie Abwehrmaßnahmen, sind von dem einen Gedanken des „Nationalismus über alles" getragen. Melzer sagt es ja selbst:. „Der Zionismus geht nicht von der Lehre, sondern von Leben aus." Wir aber gehen in allem von der Lehre aus. Und weil wir dann zu einem ganz anderen Leben gelangen, so ist ein Zusammentreffen mit denen von der anderen Seite irgendwo auf' halbem Wege zumindest sehr erschwert. „Seine- Methode", sagt Melzer, „ist nicht die metaphy- Nähe und Distanz. Sowohl die Wochknabscbnitte, die die Errichtung des beiligen Zeltes in allen Einzelteilen wiederholend sestlegen, wie Vinn 'S, zeigen die niwn msöü, die Beschränlrun g im Allumsassen. die G ottesnäde in der fernen Endlosigkeit. Moses erschrack, so erzählt Midrascb, als er den Wunsch Goites vernahm, ihm eine Stätte auf Erden zu errichten. Ihm. von dem es heißt: „die Himmel und Himmel der Himmel können Ihn nicht umfassen". Aber Gott sprach: ..Es ist dem nicht so. Ein paar Bretter rechts und links, und die Stätte ist da, wo Ihr mich findet". Nicht weniger verständnislos stand Moses der Verkündung des cwb nrn Dinn gegenüber. Mond und Planeten, die Zeit und die Elemente, seien ihm, dem schwachen Menschen, in die Hand gelegt. Aber es war dennoch so. ..Der Monat des Aufblühens gehört Euch", ist Euer Schicksal vnrr wnwv Nicht vrnrr mit sondern vrirr- Ihr habt die Feste zu bestimmen, die Zeit in heilige Kreise zu bannen und einzusangen. Und Ich feiere dann mit Euch. Hier die Nähe in der Weltenferne, wie sie auch im vbip inu-Gebete ihren künstlerischen Ausdruck findet. ..Er ist Herr der Welt, die er schon regiert hat. bevor noch irgend ein Geschöpf erschaffen war. Und wenn alles vollendet ist, so regiert er allein eürsurchtbur." Uriuw'cnq'a von Well und dem Weltgeschehen, hock über Zeit und Raum und allen menschlichen Begriffen, nicht zu erreichen mit all unserer Vorstellungskraft. Der König, der Gewal tige an fick, nicht erst durch das Volk, durch die WM, me er izmm M rm Tfärn3> und er war, er ist und wird 'ein. Alle Maße und Zeitbegriffe bleiben zurück. Welch ungeheuerer Trost ln diesem Gedanken, daß Gott nicht in der Welt wohnt, sondern, die Weisen sagen, ö^l«. die Welt wohnt in Ihm. Er steht über ihr und reicht ihr Hilfe. Wie den Schiffbrüchigen nur von dem das Ret ungstau zugeworfen werden kann, der sich außerhalb der Gefahrzone befindet. Nach Malaiin verstanden die Völker Die Gottesnähe nicht, weil sie in Gott nur den m. den Ho cherhabenen sahen, mmnnsrrns]■»«• Die aus dem dl sich ergebende Distanz füllten die Zwischengöiter aus. Uns ist 'n ein Groß, aber uns nabe, uns sichtbar, wenn auch dann über unsere Erkenntnis hinaus- und hinausragend, bis zur Unerforschlichkeit by «in tni bm 'n- So sagen wir im ersten Halleipsalm Hz by dl 'n Er ist in der Völker Augen nur ein vl, dessen Herrlichkeit in Himmelshöhe, ohne Beziehung zur Eide, ftrablt, td -»d, wie anbt.rs aber unser Gott, vrrmjn, wenn er noch so hoch thronet, pgm riirrib 'b'SVvn. so sckout er doch tref hinab aus Himmel und auf die Erde hinunter. Wir erkennen ihn im inrr-Gebet als Herrn der Welt, über Zeit und Raum stehend, unabhängig, unvergleichlich, obne Anfanq und ohne Ende. Aber toter in oer stunde oer Nur, so vag seoer mi seinem Leide, mit seinem Kummer an ihn hercmtreten kann* Diese Heiles botschast überb singt Moses mit dem '>n«. Ich, spricht Gott, der Ewige und- Ihr die Träger des Ewigkeitsgedonkens schon in?lnmkn. pik PkMnvvM von Nähe und Distanz im Mischkranbau wie m der Botschaft des Niffanmondes. Kleines Feuilleton. Die Juden von rnofful. Mofful., das seit Monaten im Mittelpunkt der Völkerbunds-Politik steht, ist auf den Ruinen einer Vorstadt des alten Ninive entstanden und zählt" unfir seiner aemischten Bevölkerung auch eine rechb ansehnliche Anzaal von Juden. Die Juden von Mofful sollen Nachkommen der unter den assyrischen Königen aus Palästina ausgevanderten Israeliten sein Unter der türkischen Herrschaft strömten nach Mofful auch Juden aus anderen Gebieten. Ihre rechtliche und polittsche Lage war der übrigen türkischen Judenschaft gleich. Gegenwärtig zählt die südliche Gemeinde in Mofful (Irak) ungefähr 4000 Seelen. Im ganzen Dilajet Mofful leben etwa 12000 Juden. Die Juden bewohnen ein besonderes Stadtviertel, nur sehr wenige haben noch vor Kriegsausbruch ihre Wohnung n nach pnberen Stadtteilen verlegt. Vor * «*> *«« Se ®roße,_<3eroa[Vfge7er ift auch SeSefr ÄÄttÄÄ mein (Bott, eures Jeden Gott und lebendiger Er-'Gros der jüdischen Bevölkerung dagegen lebte in.