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Der Israelit · 1926-01-21 · Heft 4 (21.1.1926) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 4 (21.1.1926)
Date
1926-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1 . : 21.. Januar 1926 dankens, Oberlandesgerichtsrat N e u m aye r in München, der Vorsitzende,des bayerischen Landesverbandes) hat vor kurzem in einem in der Liberalen Zeitung veröffentlichten Aufsatz die Zwecke und Ziele des Reichsverbandes entwickelt. Danach soll nicht etwa nur ein lockerer „Verband der Verbände". zum Austausch von' Erfahrungen, zur Abwehr antisemitischer Angriffe und zur Vertretung gemeinsamer Interessen vor der Reichsregierung gebildet werden, sondern es handelt sich prinzipiell darum, die Gemeinsam - k e itd er r e ligiösenWe l tans ch auun g des deutschen Judentums zuM organisatorischen Ausdruck zu bringen. Daher steht in praktischer Hinsicht die Errichtung gemeinsamer Kulturinstitutionen in erster Linie auf dem Programm. Man braucht diese Tatsache nur sestzustellen, um sofort darüber klar zu werden, daß hier wieder einmal in bester Absicht, nur aus Mangel an Verständnis für den Ernst der traditionelle nj ü d i sch e UW e l tan sch a u u n g und für das höchste Gut der religiösen W-a h r h ästigk e i t eine künstliche, leider nicht vorhandene „Einheit" konstruiert werden soll. Es ist schmerzlich, aber darum , nicht minder notwendig, immer wieder den gleichartigen Versuchen, die zur Unterdrückung der religiösen Wahrheit unD WWW M röfrgffffftttpng wissen sührsn, entgegentreten zu müssen. Wir sagen nicht, daß irgend ein organisatorisches Band nicht um die deutschen Juden geschlungen werden könnte, aber auf dem hier in Aussicht genommenen Wege, der über die fundamentalen Gegensätze einfach hinwegschreitet, wird es gewiß nicht gelingen. Rur die sorgfältige Herausschälung des tatsächlich Gemeinsamen und die tolerante, unverklausulierte A nerkennung des Gegensätzlichen kann zum Erfolge führen. Hirsch-Lektüre. Saat und Frucht. Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Aus Anlaß des 37. Todestages von Rabbiner S. R. Hirsch sind Klagen "aufgetaucht, daß die Schriften von Rabbiner S. R. Hirsch, bei aller Verehrung vor den Manen des großen Meisters, heute doch nicht mehr die nötige Beachtung finden, von der reifen, gebildeten Jugend nicht mehr so eifrig studiert werden, als damals vor einem halben Jahrhundert etwa, als „Naphtali" und „Benjamin" noch Symbole für das suchende Geschlecht waren. Es wurde sogar klagend Konjequenzen. Hierdurch will er: sich »von den Fesseln der Dogmatik", befreien. Die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung des Judentums mit seelisch entjudeter Wissenschaft ist uns durch Dubnow in gebieterischer Meise dargetan. Es geht um die Grundlage unserer Existenz. Dubnow leugnet die Gottesvolkschaft Israels. .Zwischen seiner Auffassung und dem Judentum gibt es keine Brücke. Das muß der jüdische Leser der Weltgeschichte wissen. Vom besonderer Bedeutung'ist die Einleitung, in der viele neue Gesichtspunkte zur Beurteilung. und Periodisierung der jüdischen Geschichte' gegeben werden. Es iväre eine Undankbarkeit des Gegners, die Anregungen zu verschweigen. dis Dubnow ihm bistet. Dis Hinein- - äVbättllllA z^söüschästli^h-Uättäiiäs^ii iltti sözräioionotni^cfyen Faktoren m bas Äeschrchtsbllb ist ein Verdienst Dubnows. Aber das Wesentliche fehlt: das Verständnis für die göttliche Waltung in der Geschichte und die Gottesgebundenheit des jüdischen Volkes. Hiergegen verschwinden alle Einzelfehler und -Vorzüge. Vom Kloster in die Zeschiwa. Vor einem Jahre ungefähr berichteten jüdische Zeitungen über einen Knaben, Sohn einer jüdischen Mutter, der durch eine Verkettung von Umständen von den ersten' Lebensjahren an im Kloster erzogen und für den geistlichen Stand vorbereitet wurde, der aber, nachdem ihm, wiederum durch Zusammentreffen besonderer Umstände, seine jüdische Abstammung zur Kenntnis gekommen war, sich aus dem Kloster ins Judentum wieder flüchtete. Der Hergang der Geschichte stellt sich ungefähr wie folgt dar: Henrik Tusch, so hieß der Junge, der jetzt auf den Namen-Schlome hen Abraham Tusch hört, ist 1907 in- Wien.geboren. Von der Mutter auf die Straße, gesetzt, kam er in ein Findelhaus, von wo er mll vier . . D e r 1.5 .r.a’e'U t,; . . und anklagend hervorgehoben, daß ein anderer Geiftz mehr östlich geartet, der Geist der ungarischen und litauischen Jeschiwa die Hirschideologie, dieses'geistige Fundament der Regeneration, in den Hintergrund gedrängt hätte. Man spricht von Hirsch, aber liest Und lernt ganz was anderes. Verhielte es sich wirklich so, wäre daraus ein Vorwurf gegen Unsere Zeit zu machen? Müßte man nicht umgekehrt den großen Arzt loben, der sich in verhältnismäßig kurzer Zeit überflüssig machte, und im rapid steigenden Gesundungsprozeß des Patienten das höchste Ehrenzeugnis für den nun im Hintergründe bleibenden Heilkünstler erblicken? Es hieße, das Wesen und die Aufgabe Hirschs verkennen, wollte man in seinen Werken und Schriften ein Ziel und nicht einen Weg sehen, eine letzte Erfüllung und nicht ein Suchen und Weck e n, eine mit liebender Hand und sehendem Auge unternommene Führung zur Quelle. Stände es aber heute so, daß das Ziel erreicht, die Hindernisse genommen, die Quelle erschlossen wäre und der Geführte der Führerhand nicht mehr bedürfte, wer würde sich darob glücklicher preisen als S. R. Hirsch, der große Führer durch sonnige Gefilde zum alten Heimatboden? Hatte Hirsch die Neunzehn Briese etwa geschrieben, daß sie als Gegenstand des Studiums in die Lehrhallen einziehen? Sie waren der iodöiiDo (sammelruf an Die WWosm unö Oro gewerteten, baß sie sich aus den Jrrfalen der Zettideen wieder zur alten Fahne fänden. Wohl dem Geschlechts, das dieser Sammelrufe nicht bedarf, weil es vom Wege, den die Väter, nicht zuletzt mittels dieser Rufe gefunden, gar nicht abgewichen ist! Wie Maünonides wußte auch Hirsch sehr gut, daß alles Denken am besten und stärksten im Glauben verankert ist und daß das 'y 112 1^8V' symptomatisch im guten, aber auch im schlechten Sinne ist, sowohl eine nniü miw wie nsh mupn sein kann. Nach einem halben Jahrhundert Mendelssohnscher Aufklärung, in einer Zeit, in der kritische Philosophie und Romantik dominierten, waren diese „Briefe an die jüdische Nation" eine rettende Tat. Sollen wir heute darüber weinen, daß unsere Jugend, gesättigt an der Quelle in den Jeschiwoth und Vereinendieser Verteidigung, dieser herrlichen Apologie nicht das nötige Maß von Zweifel und Grübelei entgegenbringt? Wozu erst durch die Antwort die Fragen wecken? Damals in den Tagen der Jdeenkämpfe hieß das Gebot der Stunde nvw2 ms heute aber, da selbst in den anderen Lagern sich ein größeres Bestreben zu religiösem Positivismus bemerkbar macht und das Vertrauen zum Gegebenen bei unserer besseren Jugend von Vertiefung und Versenkung Jahren in ein Zalizisches Kloster verbracht wurde. Dort verblieb er bis zum Alter von 17 Jahren. Er bekam eine durchwegs christlich religiöse Erziehung und erhielt im Alter von 16 Jahren an verschiedenen Stellen des Körpers das Kreuz eitttätowiert, womit er nach kirchlichem Brauch dem Priesterstande geweiht war. Er lernte in der Klosterschule Latein, ebenso die polnische und deutsche Sprache. Während seiner ganzen Klosterzeit wurde peinlich darauf gesehen, Tusch von der Außenwelt abzusperren, vielleicht aus Angst, er könnte durch Berührung mit der Welt seine jüdische Abstammung erfahren. Von seiner Lebensweise im Kloster erzählt Tusch wie folgt: Von 6 Uhr abends bis kurz *>or Mitternacht schlief er th seiner Qeilc in einem offenen Sarg. Non 13 tls 5 llijr naäjts mujjjte er kniend beten, dann konnte er von 3 Uhr ab bis 6 Uhr morgens sich wieder in der geschilderten Weise zur Ruhe begeben. Der Tag war ausgesüllt mit Beten und Lesen der Bibel. Wie Tusch 18 Jahre alt wurde, erschien ihm die tote Mutter im Traume, zerrte ihn vom Lager und ries: „Du bist Jude, kehre Zurück wohin du gehörst!" Als er morgens den Mönchen von seinen Träumen erzählte, wurde er ausgelacht und man riet ihm, sich die Sache aus dem Kopfe zu schlagen. Aber die Mutter kam. wieder und immer wieder, sie zerrte und schüttelte ihn und sprach immer wieder die gleichen Worte, er sei Jude und müsse zurück. Nun blieb doch das Gesicht in seinen Sinnen haften, er verlor die Lust und Liebe für das Kloster, und er sann nach, wie er je rascher um so lieber aus dem Hause der Mönche flüchten könnte. Er litt unsägliche Pein und suchte einen Ausgang aus dieser Not. , Und ejnmal nachts, da ex wie üblich, kurz vor 12 Uhr zum Gebete aufwachte und das ganze Kloster in tiefen Schlaf versunken war, eilte er in den Hof und kletterte > : . . . Nr. 4 Seite.3 in die Quell e n getragen ist, wäre es vielleicht Hirsch selber, der uns der Weisen Wort in Erinnerung rufen würde p^nn DD’ia1 N8 lp’mn- War der „Choreb" als Selbstzweck gedacht? Er sollte nur das Verständnis erschließen für den Religionskodex, wie wir ihn im Schulchan Aruch unwandelbar für alle Zeiten haben. Findet aber dieses Verständnis seinen , deutlichen Ausdruck im Lernen der Mischna, der Gemara und der Poskim, so ist die Chorebhöhe erreicht, zu der uns das Werk hinaufführen wollte. Und ist es nicht die Erfüllung, wenn sich heute in den gesetzestreuen Vereinen eine Jugend frisch und froh um alle jüdischen Ideale, um ein Programm der jüdischen Lehre und der jüdischen Tat schart, (bis zum Mustar) wie es Rabbiner Hirsch in seinen Jeschurun-Artikeln (Gesammelten Schriften) als „Ziel, sehnlichst zu erwünschen", dahingestellt? Keiner, dem es um eine Vertiefung in den Thoratext zu tun ist, wird es auch heute noch unterlassen, von Sabbat zu Sabbat in den Kommentar hineinzuschauen. Allein wenn der letzte Zweck des Kommentars doch unbestreitbar der war, entgegen der seichten Bibelauslegung einer kritischen und an Voraussetzungen sich nicht gebunden fühlenden Zeit das wahre Gesicht der Thora und die inneren Fäden,' die von der schriftlichen zur mündlichen Lehre, von der Wurzel Dis gurn Döcrftcn Wipfel unD Dem Wien Blatte fühlen, zu ZötAäu, ist nicht -iöstp Zwsck schon zum guten Teil erreicht, wenn heute Jungen schon im zartesten Alter sich von der kargbemessenen schulfreien Zeit Stunden für die Thora abringen, wenn ältere und auch studierende Jugend bis in die spätesten Abendstunden die Jeschiwaräume füllen und vor der aufgeschlagenen Gemoro nicht wie vor einem Buche der Wissenschaft, sondern wie vor dem Lebensquell sitzen, der, den Sinaihöhen entsprungen, ihnen das jüdische Wesen erst aufprägt? Wenn der Landmann im Felde reiche Ernte hält, so sucht er nicht nach den Saaten, die er einstens gestreut. Sie sind in der reifen Frucht mit enthalten. „Träte Moses Genius heute in den Kreis unserer Gemeinden, um einmal nach Jahrtausenden zu sehen, ob wir noch seine Gemeinden wären, — er suchte zuerst unsere Kinder auf, träte zuerst dem ersten besten Judenknaben auf der Gasse mit der Frage entgegen: i’piüD pioS' welchen Possuk hast du gelernt?" So schreibt Hirsch (G. Schr. 5. 264). Wir sind gewiß: Träte Hirschs Genius heute in den Kreis unserer Gemeinden, um einmal nach Jahrzehnten zu sehen, ob wir noch seine Gemeinden wären, er suchte zuerst unsere Kinder auf, träte dem ersten besten Jüngling auf in der Angst und mit dem Mut eines Ertrinkenden, der sich an den letzten Rettungsanker klammert, über die hohe Mauer. Er lief dann atemlos durch die Nacht bis er in ein jüdisches Haus gelangte, wo er mit den Worten: „Rettet mich!" anklopfte. Der Jude nahm ihn auf, stärkte ihn mit Speis und Trank und gab ihm ein Nachtlager. Am Morgen gab er ihm Kleider, so daß er das lange Klostergewand oblegen konnte und brachte ihn zum Oberrabbiner in Stanislau David Halevi H u r w i tz. Der Rabbiner trug' große Bedenken, traute zunächst der Sache nicht recht und fürchtete dann auch eine Jntrigue von judenfeindlicher Seite. So gingen vier Monate dahin, in denen Tusch bittere Not litt. Dann aber überzengte sich der Nobbiner non der Ehrlichkeit urtb Stuf, rlchllgkell bes 9untjen uni) im|m ll>u ins ^aus, um rl»u dem Judentum wieder guguführen. Die Beschneidung fand im Hause des Rabbiners statt, auf Wunsch des Tusch ohne Narkose. Fünf Wochen lag er dann im Krankenhaus. Und einmal erschien ihm da die Mutter wieder im Traume ganz beglückt und umarmte ihn. Seitdem hörten die Traumerscheinungen aus. Nach seiner Genesung wurde Tusch nach Bialystock geschickt und von dort kam er nach Lodz in das Haus des Strickower Rebben. Sehr rasch und leicht hat er sich an das jüdische Milieu angepaßt, er lernte mit großem Eifer die hebräische Sprache und eignete sich die Kenntnis der Quellen an. Von vornherein zeigte er das größte Verständnis für all die chaffidifchen Bräuche. Cr ist ein echter, rechter Choffid geworden. Seine Aufnahme ins Judentum geschah, nachdem einwandfrei festgestellt worden war, daß seine Mutter eine Jüdin und zwar Tochter eines Talmudgelehrten in einem kleinen galizischen Städtchen war, die einem Christen geheiratet .)ütte. : .;i, , /■ . * * * Der „Ger Zedek" Schlomo ben Abraham Tusch hielt sich zur Zeit, auf der Reise nach Belgien be-

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