Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1926)
- Date
- 1926-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 4 aschkenasischen Gemeinde zu erlauben, eine Nebengemeinde innerhalb der jüdischen Kehilah zu gründen. Das vermag ihn aber nicht zu beruhigen. Was er mit absoluter Klarheit wissen möchte, ist, ob die orthodoxen Juden absolute Freiheit in religiösen Fragen in dieser Nebengemeinde genießen? O r m s b y - Gore antwortet darauf, daß eine feste Formulierung des Gemeindegesetzes noch aussteht. Rappard ist der Meinung, es sei nötig, ein Gemeindeorgan zu schaffen, dem es zusteht, sich mit den gemeinsamen Angelegenheiten, die Beziehungen zu religiösen Fragen haben, zu befassen, und daß in dieser Organisation die Meinung der Majorität maßgebend sein muß. Es ist aber vielleicht möglich, eine Klausel in das Statut einzubringen dahingehend, daß, wenn eine Minderheit es als gegen ihre Ueberzeugung empfindet, sich in Schechitafachen unter die Aufsicht der Majorität zu stellen, ihr das Recht erteilt wird, auf ihre eigene Art und eigene Kosten die Schechita in die Hand zu nehmen. Ormsby-Gore dankt Rappard für seinen Vorschlag, den er der englischen Regierung unterbreiten will. Cr erhofft aus dieser Konzession eine Lösung der schwierigen Frage. Das Protokoll zeigt, daß hier zwei gegensätzliche Auffassungen, die des englischen Unterstaatssekretärs Ormsby-Gore und diejenige der Kommissionsmehrheit miteinander rangen, daß aber die Kommission fest blieb und sich gegen den Standpunkt des Unterstaatssekretärs — Kolonialminister Amery selbst übte stärkere Zurückhaltung — ausgesprochen hat. Ormsby-Gore, ein warmer Freund des jüdischen Palästina, eben darum aber begreiflicher Weise völlig unter parteizionistischem Einfluß stehend, mieber^olf immer tmeber das von Herbert Samuel ausgestellte Dogma, es dürfe in Erez Jisroel nur eine Kehilla-Organisation geben. Dabei herrscht bemerkenswerte Unklarheit über den Charakter dieser Einheits-Organisation. Ormsby-Gore denkt offenbar an eine konfessionelle Organisation, die er mit der nationalen, identifiziert — also an eine Religionsgemeinschaft, deren „Bekenntnis" zwischen Atheismus und Chassidismus schwankt, und die, organisatorisch ihr völlig unterworfen, eine kleine orthodoxe Separatgemeinde in sich schließt. Diese Konzeption hat nun in der Mandat- Kommission erfreulicher Weise keinen Anklang gefunden: vielmehr wurde in offensichtlichem Gegensatz zu ihr beschlossen: „Oe l'avi5 de la Commission, les dispositions du mandat ne paraissent pas obliger la Puissance mandataire ä ne reconnaitre qu’une seule communaute religieuse juive en Palestine.“ Deutsch: Nach Meinung der Kommission scheinen die Bestimmungen des Mandats die Mandatarmacht keineswegs zu nötigen, nur eine einzige jüdisch - religiöseGemeinschaft in Palästina anzuerkennen. DerJsrael i t 2Ü Züüüar iW S-"-y 1 ..... I. » B.I—..IJM, ' -? V.V" ' „Unser Verhältnis zur BiW W Kas folgende: 'Wir .fmeMrmey ihre göttliche AxrspixMW M yiMy, Aber nicht in allen Teilen. Wir akzeptieren nicht den Buchstaben- Glauben mancher Erzählungender Bibel. Wenn Dr. Hertz meint, daß liberales Judentum zum Christentum führt, so ist das seine persönliche Meinung, die keineswegs in der Geschichte des liberalen Judentums begrüntet ist. Was die christlich-jüdische Konferenz zur Hefestitzung des Glaubens betrifft, so sehen wir nichts Arges darin, gemeinsam mit unseren christlichen Nachbarn gegen Skeptiker und Materialisten und für soziale GerechtiDeit zu kämpfen." Zur gleichen Zeit fühlt sich Herr Rabb. Dr. Diene mann, Offenbach, gedrungen, in den „Jüdisch-liberalen Zeitung" an leitender Stelle die Stellung der Reform zum biblischen Wunder zu präzisieren. Er geht zwar davon aus, daß die Leugnung des Wunders nicht unbedingt zum Dogma des Reformjudentums gehören muß. Seiner Weisheit letzter Schluß ist aber: „Wir sind ehrlich und wahrhaftig genug zu sagen, wir glauben, und sehen darin keine Herabsetzung; der Bibel, daß den Menschen der damaligen Zell die Vorgänge in diesem Lichte erschienen, daß sie Wunder glaubten, weil sie sie für möglich hielten, und daß wir, die wir wegen Ses. Glaubens an die Gesetzmäßigkeit allen Geschehens den Wunderbericht ablehnen, einzig in dem. sittlichen und religiösen Gehalt der Bibel den Erweis ihrer Göttlichkeit erblicken. Wir glauben nicht an das Wunder des biblischen Berichtes oder irgendeiner Erzählung, aber die Gesetzmäßigkeit im Jneinandergefügtsein der Naturkräste ist uns das große Wunder, das Wunder der Schöpfung, das größte, das denkbar ist. Wir glauben an b as SBunbcrbore im jdjUfjal." Wenn sich nun die Parteien auf beiden Seiten so weit entgegenkomrnen, daß die einen einzig den. „sittlichen und religiösen Gehalt" des Alten Bundes anerkennen, die anderen aus dem „Neuen Bunde" die Dogmatik ausschalten, was sollte in der Tat die beiden Lager noch voneinander trennen? Ist nicht damit die Basis für die Wisefche These auch für die englische und deutsche Reform- .kanzel — mit oder ohne Nennung des Stiftern — gegeben? WW 'darf hier der-Kommission nichtetwa' unterstellen, dyß sie zwischen national und religiös unterscheide, und etwa nationale Einheit bei religiöser Differenzierung geschaffen sehen wolle; vielmehr hat man offenbar die von den Vertretern der Mandatarmacht angewandten Formulierungen, die immer nur von Konfessionen und Religionen sprechen, einfach übernommen. Die Kommission spricht auch keineswegs bloß von Jerusale m, sondern hält die Schaffung zweier palästinensischer Religionsverbände für den gegebenen Weg zur Wahrung der religiösen Gewissensfreiheit. Die seltsame Rolle, die „F r a n k f u r t" in den Ausführungen der englischen Vertreter spielt, verrät dem Eingeweihten das bösartige zionistische Konzept zu deutlich, als daß man sich darüber wundern dürfte. Es ist ja auch gar zu bequem, der britischen Regierung vorzutäuschen, es handle sich bei dem von der orthodoxen Judenheit der ganze ri, Welt geführten Kampfe gegen die Machtgelüste der Waad leumi-Politiker um eine Liebhaberei der „Juden Frankfurts", die doch eigentlich in dem englischen Palästina gar nichts zu suchen hätten. Glücklicherweise hat auch dieser Trick diesmal nicht verfangen — aber die ganze Einstellung des britischen Vertreters und die geradezu ungeheuerliche Charakteristik, die er nach zionistischem Diktat von den orthodoxen Juden Palästinas gibt, zöigtö SMlich, mlfy Hellrnlstges Maß von Aufklärungsarbeit noch zu leisten sein wird, bis zu dem Tage, an dem auf dem Boden Erez Jisroels auch dem alten, historischen Judentum die freie Entfaltung seines Gemeinschaftslebens gesichert sein wird. Mn Reichsverband jüdischer Gemeinden? Wochenrundschau. Die „Liberalen" hie und dot. Während die jüdische Welt durch die Kynzelrede des amerikanischen Dr. Stephan Wise in höchste Erregung versetzt ist, lassen sich unabhängig davon die „bewußten Liberalen" anderer Länder in einer Weise vernehmen, die einen ungewollten Kommentar zu der amerikanischen Kanzelverirrung Liefert. In einer öffentlichen Erklärung der „Union für religiös-liberales Judentum in England", als Antwort auf eine vom Chiefrabbi Dr. H e r tz erlassene Warnung heißt es u. a.: In München hat auf Veranlassung des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes eine geschlossene Konferenz von Vertretern verschiedener Landesverbände stattgefunden, die nach dem ausgegebenen Berichte die Gründung des Reichsverbandesim Prinzip beschlossen haben soll. Zwar haben wir Grund zu der Annahme, daß die Dinge in Wirklichkeit noch nicht so weit gediehen sind und in der Hypertrophie unsrer Verbände mit ihrem konkurrierenden Ehrgeiz noch manche Gefahr für das- Erstehen der neuen Gründung geborgen ist. Aber" es ist doch an der Zeit, die gesetzestreue jüdische Oeffentlichkeit auf das Unternehmen aufmerksam zu machen. Einer der wärmsten Freunde des Gekleines Feuilleton. Simon Dubnows Weltgeschichte des jüdischen Volkes. Bon Dr. Moses Auerbach' in Berlin. Die etwas ungewöhnliche Bezeichnung seines auf zehn Bände berechneten GeschichtswerkesH erklärt der Verfasser damit, daß die jüdische. Geschichte die ganze Kulturwelt in ihrer nahezu gesamten räumlichen SlusöAhllllNZ. sütvt^ Safem ber 0ften|cfyfyeil tti seinem ganzen zeitlichen Oberlauf umfaftt. (S. 13.) Dubnoto charakterisiert die Voraussetzung seiner Geschichtsschreibung mit dem Satze: „Der Säkularisierung der jüdischen nationalen Idee muhte, auch eine Säkularisierung der Geschichtsschreibung folgen, ihre Befreiung zunächst von den Fesseln der Theologie und sodann auch von derjenigen des Spiritualismus und der Scholastik." (S. 16) Er will der historische Interpret jener Auffassung sein, die das jüdische Volk seiner Eigenart als des Volkes Gottes zu entkleiden sucht. Die Grundlage seiner Geschichtsauffassung ist daher die Leugnung des göttlichen Ursprungs der Bibel. Mit einer harten, lieblosen Selbstverständlichkeit, die der radikalsten Bibelkritik entlehnt ist, wird das, was dem jüdischen Volke seit Jahrtausenden heiligstes Vermächtnis ist, als Produkt menschlicher Entwicklung, ja menschlichen Irrtums oder gar der Täuschung hin- *) Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen-von A. Steinberg. Berlin 1925. Jüdischer Verlag, Bd. 1 Aelteste Geschichte. gestellt?) Diese Gedankengänge sind seit Wellhausen leider nur zu geläufig. Besonders schmerzlich ist es aber, sie in ihrer ganzen Kälte und Gottesfremdheit bei einem jüdischen Historiker zu finden. Gegen Dubnow ist Grätz noch streng bibelgläubig. Die jüdische Oeffentlichkeit muß sich der Gefahr des DubNowschen Werkes bewußt fein; es legt die Axt an die Grundlagen des Judentums. In dem uns vorliegenden ersten Bande, der die jüdische Geschichte bis an das Ende des fünften vorchristlichen Jahrhunderts behandelt, werden die Resultate der radikalsten Bibelkritik als geschichtliche Tatsachen dargestellt. Stofflich bietet Dubnow hier wenig Neues. Seine Vorbilder sind Cd. Meyer, Lehmann, Stade, Kittel. Doch spricht aus der Art der Darstellung ein Historiker von Format. öcr vm Muss m seiner mffajfung ZU Maltön Miß. S)itL Ido es um Dos Ganze geht. wi-öksttM uns. q» Einzelheiten ZU mäkeln, auf Schwächen einzelner Stellen aufmerksam zu machen?) Wir betrachten es nicht als 2) Ein besonders häßliches Beispiel hierfür ist die Art der Behandlung von Davids letzten Bestimmungen. (1. Kön. 2,1—9.) Kein Versuch zum Verständnis für die Seelennot Davids wird gemacht, der auf dem Sterbebette die Folgen seiner menschlich begreiflichen Schwäche wieder gut zu machen bestrebt ist, die ihn persönlich und seine königliche Stellung so schwer bloßgestellt hatte. Selbst Kittel sucht mehr den Tatsachen gerecht zu werden, während Dubnow in der ganzen Darstellung einen Betrug zur Rechtfertigung dynastischer Grausamkeit sieht! 3) Nur zu den Literaturnachweisen sei eine Eiyzelbemerkung gemacht, weil mancher Leser sich vielleicht an ihnen zu orientieren suchen wird: Mit einer kaum Zufälligen Einseitigkeit wird fast nur die radikal bibelkritische Literatur berücksichtigt. Ganz vereinzelt finden wir Namen wie Jawitz. Die Arbeiten von Hossmann, Barth, König, Möller und anderen positiven Bibelunsere Aufgabe, uns auf den Standpunkt des Verfassersstellend, hier und da Fehler nachzuweisen, Verbesserungen vorzuschlagen. Grundsätzlich verwerfen wir ein Geschichtswerk, dessen Basis die Leugnung Gottes und seiner Lehre ist. Manch Wertvolles bietet uns Dubnow, das soll anerkannt werden; die großen historischen Zusammenhänge zwischen Israel und dem gewaltigen Volkerringen desvorderen Orients werden oft mit künstlerischer Gestaltungskraft vor uns entrollt: politische, nationale und soziale Beweggründe werden in schärfen Strichen gezeichnet. Die lebendige Schilderung, der Stil der deutschen Uebersetzung machen die Lektüre vieler Stellen zu einem. Genuß; aber was bedeutet dieses gegen den Versuch, die Grundlage unseres Seins zu erf<ä)iiüern! ©erabe bte SSor. ZllAd SödUSdd Machen es urrtv fo gefährlicher. Das fiHfi bes Bibelhasses ber gottesfeindlichen Wissenschaft spricht aus dieser „jüdischen Weltgeschichte". Was von nichtjüdifcher Seite gegen Bibel und jüdisches Volk seit Jahrzehnten zusammengetragen ist, hier macht es sich ein Jude zu eigen. Dubnow beweist, daß ein Jude Historiker des jüdischen Volkes sein kann, ohne ein jüdischer Hiflo» riker zu sein. Seine jüdische Weltgeschichte ist ein Werk' über judyche Gejchichte, aber kein jüdisches Geschichtswerk. In der Schlußbemerkung zur Einleitung behält der Verfasser sich das Recht der wisienschaftlich-evolutionistischen Geschichtsauffassung vor, derzufolge der ganze Jdeenkomplex, der Judaismus heißt, als ein Ergebnis des organischen Wachstums der Nation und ihrer Anpassung, an ganz besondere und durchaus eigenartige geschichtliche Lebensbedingungen zu betrachten sei. Diesem Dogma der atheistischen Geschichtswissenschaft, in der kein Raum ist ' für eine göttliche Weltlenkung, folgt Dubnow mit allen Wissenschaftlern werden nicht erwähnt, nicht einmal die: Schrift Jampels über den Wiederaüfbäü unter, den AchS-- meniden.