Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1926)
- Date
- 1926-01-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Januar 1926. De r I s r a.e l i t Nr. 3 Seile 5 Korrespondenzen « ßacbricbten. Jüdische Wohlfahrtspflege. BeMn. 6. Januar.. Die Zentralwohlsa h rtsstelle der deutschen Juden hatte Gelegenheit, im Rahmen der diesjährigen Fortbildungswoche der Lehrerschaft über' Aus - g a b e n d er j ü d i sche n Wo hl s a h r t s p fl eg e: einen Ueberblick zu geben. Der Geschäftsführer der Zentralwohlfahrtsstell'e, Herr Dr. Se galtbrachte in einer einstündigen Rede das gesamte Gebiet der Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege, der Wirtfchaftsfürforge der Gesundheitsfürsorge und. Jugendwohlfahrt zur Dar. stellung mit - besonderer Berücksichtigung der Möglich .kssiten für' die Mitarbeit der Lehrerschaft. Sein Referat fand ungeteilten Beifall bei den anwesenden Lehrern, bei denen sich' großes Interesse für die Mitarbeit aus so . zialem Gebiet in der anregenden Diskussion zeigte. Jns- . Mondere wurde die Anregung begrüßt, einen. S o - z i a l'e n A u s f chuß d e r,j ü dis ch e tt L eh r e r - s ch as t nach dem Beispiel des.Rabbinerverbandes zu - gründen, dessen Aufgabe es -wäre, .'im Rahmen der einzelnen Wohlfahrtsämter, Provinzial- und Landes verbände auf sozialem Gebiet organisatorisch und praktisch mitzuarbeiten und.Ausbildungskurse auf sozialem Gebiete einzurichten. ■ - Der P r o v inzialverband für jüdische Wohl fah rtsp fl ege'in der R h e i n p r o v i n z schreibt uns:. „Die Gemeinden und Organisationen werden dringend gebeten, die zugeschickten Fragebogen, (Aufwertung, Gesundheitsfürsorge) umgehend auszufüllen und dem Verbände zugehen zu lassen. Ferner fehlen uns die Antworten auf die verschiedenen Anfragen über Arbeitsnachweise, Zusammenarbeit mit den Jugendämtern und der Tuberkulosenfürsorge. -Durch eine schleppende Erledigung der gewünschten Auskünfte durch die Gemeinden und Organisationen .wird, die Arbeit der Zentralstellen außerordentlich behindert In der Wohlfahrtspflege kann nur dann erfolgreich gearbeitet werden, wenn die Zentralstellen einen Ueberblick über die Arbeiten und die Not in den einzelnen Gemeinden erhalten. Statistische Erhebungen sind nun einmal notwendig, weil erst dann festgestellt werden.kann, auf welche Gebiete der.Wohlfahrtspflege besonders Wert gelegt werden muß. Wir fordern die Anstalten aus, uns Bildmaterial ihrer Anstalten einzuschicken. (Innen- und Architekturaufnahmen.) Jugendvereine werden. gebeten, Bildmaterial aus ihrer Bewegung uns zukommen zu lassen." Mas Präsidium der Wiener Kultusgemeinde. - v : 1 Wien, 7. Januar. WW MtWyorständ hat in seiner letzten Sitzung das Präsidium für das kommende Jahr gewählt. Der Präsident : der Kultusgemeinde, Generalstabsarzt Dr. Pick, erscheint für die ganze Mandatsdauer von vier Jahren gewählt, fodaß sich die Neuwahl nur auf die beiden Vizepräsidenten erstreckte. . Herr Dr. Jakob . O r n st e i n (Union derösterreichischen . Juden) und Dr. Äoseph Löwenherz (zionistische Fraktion) wurden mit allen Stimmen wiedergewählt. Das neugewählte Vertreterkollegiüni fetzt sich aus den Herren Gemeinderat Dr. Plaschkes und Dr. Friedmann (Zionisten) und aus den Kültusvorständen Baürat K e m p l e r, Dr. Ticho, Regierungsrat. Oppenheim, Kauders (Union) und P a p p e n h e inr (Aguda) zusammen. Perfide Hetze. Posen. 12. Januar. ‘; In der Nacht zum ersten Januar kam. es auf dem Wilhelmsplatz in Posen zu schweren Ausschreitungen und Unruhen, Äie einen bedrohlichen Charakter annahmen. Die in Posen erscheinende polnische Zeitung „Orendownik Wielkopolski" behandelt nun. in einem Leitartikel diese Exzesse.und gehl auf die Ursachen ein, durch die sie herbei- MMr^nWdest HiAYSst^schxeiöi iMter^ anderem, es fei sehr auffallend, daß bei de» Krawallen nicht eine einzige j ü d i s ch e Fensterscheibe zertrümmert. worden sei, die „schwärze Hand" (!) habe ja schon immer verstanden, die Juden zu schonen. ‘ Um die Argumentation dieses edlen Blattes „voll und ganz" zu würdigen, muß.man wissen, daß. die in deutscher Zeit so zahlreichen Ladeninhaber des Posener Wilhelmsplatzes durch die polnischen Terroraktes längst zur Auswanderung gezwungen wurden, daß ihre in müh samer länger Arbeit aüfgebaüten blühenden Geschäfte in polnische Hände ühergegangen und daß aus den „jüdi Jpfjen" ©djau j^n|tern geWorben jirib. Dieselbs schwarze Hand, welche die Cxlstenzmöglichrett der allem-- gesessenen jüdischen-Kaufleute' vernichtete, so daß ihnen kein'anderer-Aü^etz übrig blieb, als sich , nach einer neuen Heimat uniFusehen und ihre Grundstücke und Ge schäfte, einschließlich der Schaufensterscheiben um jeden Preis zw veräußern, — dieselbe schwarze Hand, die es „jä'fchon immer verstanden hat, die Juden zu schonen und durch Verfolgungen und Schikanen das ihrige zu tun, damit es möglichst wenig jüdische Schaufenster in Posen gebe, die bei Krawallen eingeschlagen werden könn ten, krampst sich nun zu hübschen Leitartikeln zusammen und schreibt in polnischer Sprache und Stilisierung, es sei auffallend, daß bei den Krawallen in der Neujahrs nacht keine jüdische Fensterscheibe zertrümmert worden sei. Was das auf Deutsch heißt, braucht nicht erst ge: sagt zu werden. Perfide.Hetze! Der Vernichluygskampf gegen die Orthodoxie. Lodz, 6. Jan. Nach sechsmonatlicher Pause trat die Kehillaverwaltung wieder zusammen. Die Debatte verlief sehr stürmisch. Aus der Tagesordnung stand u. a. auch die Uebernahme der Schechiia in die Regie der Kehilla, wogegen sich die Aguda-Vertreter aus naheliegenden Gründen sträuben Bei der jetzigen Zusammensetzung der Kehillaverwaltung fehlt das nötige Vertrauen zu ihr. Dr. Rosenblatt erklärt, daß die Uebernahme der Schechita-Jnstitution durch die Kehilla von der Regierung verlangt werde und droht, die orthodoxen Vertreter als Störenfriede bei der Regierung anzuzeigen. Die orthodoxen Gemeinderäte bestehen aber darauf, sich nicht überrumpeln zu fassen und die Sache einer Kommission zu überweisen. Die Zionisten stimmen dem Vorschlag der Aguda bei. Die Unparteiischen heben und senken ratlos die Hände und wissen nicht, ob sie für oder gegen stimmen sollen. Zuletzt wird der Vorschlag betreffend die Schechita von der Tagesordnung abgesetzt Vertreter des Bundes beschwören mit ihren maßlosen Angriffen einen Skandal herauf, wobei es auch zu Tat lichkeiten kommt. Von zionistischer Seite wiru^festgestellt, daß die'in der letzten Sitzung (gegen den Willen der Orthodoxie) genehmigten Subventionen für Mikwa, Eruw usw. nicht ausgezahlt wurden, keine der Versprechungen wurde eingehalten. -t- Bei der Rabbinerwahl in der Stadt G l o w n o bei Lodz, setzte es regelrechte Kämpfe ab. Von zionistischer und misrachistischer Seite wurden Stoßtrupps gebildet, die die Aufgabe hatten, alle agudistifchen Versammlungen zu sprengen. Kandidat der gesetzestreuen Massen war der als Godaul bekannte Gawartschower Raw. Aber der Terror der Gegenparteien ging so weit, daß die meisten Orthodoxen sich am Wahltage gar nicht aus ihrem Haufe herauswagten und die Zionisten freies Feld hatten. So konnte mit ihrem,Stimmenhäuflein ihr Kandidat, der Belsker Rabbiner, den Sieg davontragen. Daß damit der Frieden in der Gemeinde keineswegs hergestellt ist, kann man sich wohl denken. LLterrreir Die Frage der Existenz von jüdischen Gemeinden in- Litauen. Kowno, 7. Januar. Die jüdische Sejmfraktion, die nach, der Zertrümmerung des jüdischen Nationalrats und der jüdischen Gemeindeautonomie die einzig autoritative Vertretung )er Juden Litauens ist, hat in ihrer letzten Beratung die Folgenden Beschlüsse, angenommen: 1. In Kowno wird eine, zentrale jüdische Organisation geschaffen, die das Recht hat, Abteilungen in ganz Litauen zu eröffnen. Diese Organisation nimmt in ihre Kompetenz alle Angelegenheiten der Wohlfahrt, sozialen Hilfe und des Schulwesens- sowie überhaupt alle Angelegenheiten Mischer: Kultürätbeii mit , Ausnahme der' Angelegenheiten des Kultus. 2. Die Vorstände der jüdischen Gemeinden werden aufgefördert, über die Liquidation und die Uebergabe des Vermögens vorläufig keinerlei Schritte zu unternehmen. Die zu gründende Organisation wird über das Vermögen der jüdischen Gemeinden zu bestimmen haben. Die Statuten der zu gründenden Organisation sind bereits der Behörde zur Genehmigung unterbreitet worden.' (I. T. A.) (Wie uns scheint, wird hier eine Ueberrumpelung der Rabbinen und der gesetzestreuen Kreise vorbereitet. Red.) ' Y \ ' paläfHna. Bürgermeifierkrise in Tel Awiw. J e r u.sä lem, 27. Dez. Der Bürgermeister von Tel-Awiw,, Herr Dizengoff, hat seinen Rücktritt bekarmtgegeben, weil die Stadtverordneten einen Beschluß angenommen haben, däß die Stadtverwaltung für das Unterrichtsbudget aufzukommen habe und die , Bürger nur zu einem Teil zur Zahlung von Schulgeldern ' heränzüziehen sind. Herr Dizengoff erklärte, prinzipiell stimme er'einer solchen Formel zu, in der Praxis jedoch sei die Stadtverwaltung nicht in der Lage, allein für das Unterrrichtsbüdget aufzukom: men, er müßte deshalb die Verantwortung äblehnen und zurücktreten. Trotz der Erklärung setzte hie Arbeiterfraktion die Annahme des Beschlusses mit 18gegen 1Ü Stimmen durch. Zlmcvffa. Die Protestversammlung des Rabbinerverbaades wegen Dr. Wise. New-Iork, 8. Januar. Jüdische Zeitungen aus Amerika vom 1. Januar bringen nun ausführliche Berichte über die zweite Sitzung des Rabbinerverbandes, in der die Protestresolution gegen Dr. Wise bestätigt wurde. Vertreten waren auf der Versammlung Rabbiner, Prediger und Misrachiführer, und sie dauerte von 1 Uhr nachmittags bis in die späte Abendstunde. Den Vorsitz hatte Rabbi Jizchok Silver. Sämtliche Redner, mit Ausnahme der Herren Barondes und I. Fishmann, sprachen in schärfsten Worten gegen Dr. Wise und verlangten kategorisch seinen Rücktritt von der Leitung der zionistischen Aktionen. Als erster Redner sprach Rabbi Meier Berlin. Cr betont, daß zur Zeit die Beziehungen des Misrachi zur zionistischen Leitung durchaus gute sind. Allein Misrachi würde sich in schärfster Opposition zur Leitung fühlen, so lange Dr. Mise in den Ehrenämtern der Organisation verbleibt. Die Rede Dr. Wises an sich überrascht ihn nicht, denn es sei chon geradezu üblich bei den Reformräbbinern, mindestens ein paar mal im Jahre mit ähnlichen Offenbarungen zu überraschen, um sich so bei Nichtjuden und unjüdischen Juden einzuschmeicheln und von sich in der Welt reden zu machen. Wise ist aber Zionist und weiß, daß das Schicksal Erez Jsroels und der jetzt in die Wege geleiteten Sammlung von solchen Reden besiegelt sein kann. Man kann nicht mit der einen Hand Erez Israel bauen und mit der anderen das jüdische Haus im Goluth zerstören. Rabbi Bloch nimmt die' Rabbiner in Schutz gegen den Vorwurf, sie hätten über Dr. Wise zu Gericht gesessen ohne ihn selbst vorzuladen und anzuhören. Zu Gericht könne man nach Maimonides über einen mv» schon deswegen nicht sitzen, weil'jeder' Jude hier Partei , ist. Es handelt sich auch jetzt nicht üm ein „Ketzergericht", sondern, lediglich um die gerechte Forderung der Vertreter der Orthodoxie, Wise möge aus seiner Rede die Konsequenzen ziehen und seine zionistischen Aemter niederlegen. Als Josef Barondes im Namen einer Minderheit dennoch die Einsetzung eines Beth Din verlangt und den Rabbinern nahelegt, ihre erste Resolution zurückzunehmen, eventuell Wise zu einer Rechtfertigung und einer Widerrufung seiner Ansichten zu veranlassen, entsteht große Unruhe im Saale. Barondes fürchtet vom Vorgehen der Rabbiner nicht allein eine Schädigung des Zionismus, sondern auch einen schlechten Eindruck in der christlichen Welt. Dem tritt mit flammenden Worten der bekannte Publizist Gedalja' B u b l i k entgegen. Sein scharfer Protest wendet sich, auch gegen die zionistischen Führer, die Wise decken und ihn in seinen Aemtern behalten wollen. Wie chädlich und gefährlich für das Judentum das Unternehmen. Wises/ ist,, beweist Bublik. mit, Ausschnitten aus englischen Zeitungen. 'Ist' einem Böstoner Blatte jubelt ein christlicher Geistlicher dem jüdischen Rabbiner zu, der