Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1926)
- Date
- 1926-01-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 Nr. 3 Menschen zueinander erscheinen nun als Denkgesetze. Die Menschen „an sich" werden belanglos; es bleiben (S. 65 ff.) nur die Gegenstände der „ethischen Denkgesetze", — die Menschen nur als Objekte der Pflicht und der Liebe. Man wird unwillkürlich an Hirschs Deutung des b von “jsn1? rarwi erinnert. Wir sehen im Uebrigen von dem beweisenden' Darlegungen Brauers (ca. 20—55) für die Relativitätstheorie ab und vermerken nur mit Genugtuung, daß auch disss vsn Bräuer» Zuk lsgifchsn FundiökMg von Imperativen erschlossen wird, die etwa lauten (S. 68): „Wem eigne Wohlfahrt Ziel ist, schadet der Menschheit mehr als der Mörder." Oder (S. .71): „Wer das Behagen erstrebt, gewinnt den Ekel; wer das Wachstum, seine Pflicht erfüllend, sucht, dem wird. — ungesucht — das Glück zuteil. . ... Die Welt ist, schlechthin gerecht; . , . (73) gut ist, was groß, ist." Trotz eines bedenklichen Abfindens mit den-Standesunterschieden der Menschheit wird ihm diese Gedankenreihe zum Quell einer Gottesanschauung, die, allerdings mit gewisser Reserve (S. 104), unserem persönlichen Gottesbegriffe ungemein nahe kommt. Doch erscheint das ganze Schlußkapitel wie eine schöne Bestätigung seitens der modernsten Physik für die gut kantifche ethische Begründung des Daseins Gottes als des Garanten der Weltgerechtigkeit. Was vom jüdischen Standpunkte hierzu zu sagen wäre, gilt also auch für die Beurteilung Bräuers und ist bei Hirsch zu den theophanischen Bibelstellen zu lesen. (Schluß folgt.) Rabbi Abrah. Ahron Barstem V st- Von R. ch. WolschKo in Montreux. Wieder ist ein Großer in Israel von uns gegangen. Von Jerusalem ereilt uns die erschütternde Kunde vom plötzlichen Ableben des berühmten Gaons von Tauroggen, Rabbi A. Vurstein. Mit ihM ist uns eine Persönlichkeit entrissen worden, für die wir keinen Ersatz finden können, nmian Ganz Israel weint über den frühen Tod seines großen Sohnes und Thorafürsten, der an einem heiteren Tage mitten aus seiner leuchtenden Bahn geschleudert wurde, annxa waw iwjw Besonders tief bestürzt ist die litauische Judenheit von diesem schweren Schicksalsschlag, der sie einer ihrer größten Koryphäen beraubte. Von einer grenzenlosen Liebe zu den Geistesschätzen seines Volkes erfüllt, verharrte Rabbi Vurstein mit unerhörter Zähigkeit und seltenem _ Sk« r a je f i > Heroismus an der Stätte seiner Wirksamkeit, im Vethamidrosch; er verließ dasselbe nicht, trotz der gewaltigen Hemmungen und Wirren, die sich ihm in den stürmischen Kriegsjahren und noch mehr in den verworrenen, chaotischen Tagen der politischen Weltenwende entgegenstellten, welche das geistige jüdische Leben nahezu paralysierten. Er blieb unerschüttert als Hüter und Wächter Ler Thora auf dem Posten stehen. " Seine ganz^ geistige und physische Kraft widmete er ausschließlich dö? Thora,'in dsrsn TissM a» sich versenkte, und er vermochte aus dem talmudischen Meeresgrund unschätzbare Perlen zu heben. Seit dem Tode des Brisker Raws und des Poniwescher Raws, stand Rabbi Burstein in der ersten Reihe unserer Güonim; mit Trost und Ehrfurcht konnte das litauisch^'Judentum auf seinen Führer blicken, dessen Genie und selbstlose, vorbildliche und geschlossene Persönlichkeit kaum geschildert werden kann. Durchgreifendes und umfassendes jüdisches und profanes Wissen, klare und tiefe Logik, ungeheurer Scharfsinn und philosophisches Denken, geschmückt von einem lautern Charakter, waren in seinem edlen Wesen vereinigt. Hinreißende Beredsamkeit und wunder-' bare Eloquenz, sowie lakonische Vortragskunst waren ihm zugleich eigen. Durch den klaren, tief durchdachten Vortrag seiner hohen Gedanken, verstand er es, seine Schüler und Zuhörer zu fesseln und ihnen das schwerste Problem verständlich und zugänglich zu machen; oft vermochte er bloß durch ein einziges Wort Fragen zu beantworten, um die sich viele seit langer Zeit.vergeblich bemühten. Bereits als 15jähriger Knabe war Rabbi Burstein in den Jeschiwaus ganz Litauens als °»i^ bekannt. Seine Lehrer staunten über sein phänomenales Wiffsn, .seine geniale Urteilskraft und glänzende Auffassungsgabe. Sie sahen in ihm eine aufgehende Leuchte an Israels Firmament. Im Alter von 17 Jahren war er schon mit dem Rabbi-Titel gekrönt und mit 19 Jahren leitete er schon die berühmte Slobodker Jeschiwa, wo sich Hunderte von Schülern um ihn scharten. Einige Jahre später trat er den Rabbinerposten in der Stadt Ritow an; dort gründete er ebenfalls eine Jeschiwa und wurde so in ganz Litauen als der Ritower Jluj und Godaul gefeiert. Er bekleidete in mehreren Städten Rabbinerposten und überallhin zogen ihm seine Jünger nach. Die größten Rabbiner wandten sich an ihn mit den schwierigsten Fragen und seine Meinung war für sie entscheidend. Seine bahnbrechenden ertsnTTT und einzigartigen Forschungen auf dem Talmudgebiete wurden in allen Jeschiwokreisen von Mund zu Mund getragen und eifrig diskutiert. - " . 14. 5>armar 4926 Zur Zeit, als Schreiber dieser Zeilen die Jeschiwa zu Nowogrudok besuchte, wurde Rabbi Bürstein dorthin als Nachfolger des Gaon Epstein (Verfasser des ^ny) und zugleich als Leiter der dortigen Jeschiwa berufen, und die-. Stadt war sehr stolz und beglückt mit ihreyi Rabbi. Indessen befand sich dort zu jener Zeit eine Gruppe üb6r,eifriger^Mussarnikes, welche das. %l)ova0m$n* <$s NMyfache, Ws Musfarstudium als Hauptsache betrachteten. Da Rabbi Mrstmn diesem System nicht huldigt * suchten sie stets ihn zu ärgern und Unfrieden ' innerhalb der Gemeinde zu stiften. Der Rabbi,, der ein Freund des Friedens, und dem Streit und Zank abhold, war, beschloß daraufhin, seine Kehilla zu verlassen. Doch die Balebattim, die seinen Wegzug mit allen Mitteln verhindern wollten, waren Tag und Nacht um Rabbi Bur-' stein, um" ihn vöy seinem Vorhaben zurückzuhälten. Es gelang, (hm jedoch eines Tages, der Ehrenwache zu entrinnen. In einer Winternacht verließ er die Stadt, um die 40 Kilometer weite, mit hohem Schnee bedeckte Strecke bis zur nächsten Bahnstation zu Fuß zurückzulegen, was natürlich tiefen Schmerz und Bestürzung in der Gemeinde auslöste. ' ' - Er kehrte in feine Gemeinde in Tauroggen zurück, wo er mit Jubel empfangen wurde und wo er bis Kriegsausbruchs wirkte. Die unsäglichen , Leiden der litauischen Judenheit während des Weltkrieges wirkten geradezu niederschmetternd auf das Gemüt des Rabbis, so daß er sich ein schweres Herzleiden zuzog. Zuletzt wurde er von der jüdischen Gemeinde Libau zum Oberrabbiner öerufen. Seine glühende Liebe und seine Sehnsucht zu Erez Jisroel bewog ihn jedoch, dorthin zu ziehen. Seine Ankunft in Erez Jisroel wurdevon der palästinensischen Judenheit enthusiastisch begrüßt. Dem politischen Treiben der dortigen Parteien und Gemeinden stand er völlig fern. Trotzdem wurde seine edle und feinfühlige Seele und sein friedliebender Charakter durch den furchtbaren Wirbel und unaufhörlichen Streit in dee palästinensischen Judenheit stark mitgenommen und sein Herz leider noch mehr gefährdet. Am 20. Kislew hauchte er im Alter von etwa 50 Jahren seine reine Seele aus. Rabbi Kook, Sonnenfeld, Klatzkin, Aronsohn, Melzer u. a. hielten ergreifende Hespedim. Mit ihnen trauert die Judenheit der ganzen Welt, Vinini ‘jaa *?n:n -iem der Gemeinde von dem Austritt eines Mitglieds zu verständigen. (60 Iahre jüdische Gleichberechtigung in der Schweiz.) Am 14. Januar sind es 60 Jahre, seitdem durch eine Revision der Bundesverfassung der Schweiz die bürgerliche Gleichstellung der Juden mit den Angehörigen der christlichen Konfessionen in diesem Lande ausgesprochen wurde. Schon in früheren Jahren wurden gewisse Beschränkungen gegen die jüdische Bevölkerung, in den einzelnen Kantonen aufgehoben, zü einer bundesgesetzlichen Regelung kam es jedoch nicht. Erst die Verhandlungen mit Frankreich über den Abschluß eines Handelsvertrages brachte die Angelegenheit ins Rollen. Auch England und die Vereinigten Staaten Nordamerikas hatten sich für den Erfolg der Emanzipationsbestrebungen eingesetzt; andere Staaten lehnten Verträge mit der Schweiz ab, solange die gegen die Juden errichteten, konfessionellen Schranken, nicht ^«fallen wären. Zur endgültigen Entscheidung gelangte die Sache erst beim Abschluß eines neuen französisch-schweizerischen Handelsvertrages. Frankreich stellte als conditio fine qua non . die Forderung auf, daß Handel und Niederlassung im ganzen Gebiet der Eidgenossenschaft für alle Franzosen ohne Unterschied des Glaubens, also auch für die Juden unbeschränkt gestattet sein müsse. Im September 1864 war der französische Handelsvertrag genehmigt worden. Im Dezember 1864 befragte der Bundesrat die Stände. Am 14. Januar 1866 erfolgte die Volksabstimmung. Mit 170 032 Ja gegen 149 401 Nein wurden die Artikel, die von der Aufhebung der Rechtsbeschränkungen der Juden handelten, angenommen. Die Ständeabstimmung über sie ergab 12% annehmende und 9% verwerfende Stimmen. Herr Dr. Achilles Nordmann -Bafel schreibt hierzu in der „Jüdischen Pressezentrale": „Die Wirkungen der Schweizer Judenemanzipation äußern sich zunächst zahlenmäßig in der beträchtlichen Zunahme der jüdischen Bevölkerung, die von 4216 Seelen im Jahre 1860 auf 18 462 Seelen im Jahre 1910 und auf 20 977 Seelen im Jahre 1925 angewachsen ist. . . Bei alledem waren die Juden nicht nur die Empfangenden, sie haben sich auch nach Kräften bemüht, in ihrer neuen Heimat das Wohl der Gesamtheit zu fördern. So dürfen sie des 60. Jahrestages ihrer bürgerlichen Gleichstellung mit dem Bewußtsein gedenken, sich der ihnen zuerkannten Rechte würdig gezeigt zu Habens." (Das üönigsberger judenheherische ^chulliederbüch.) In ostpreußischen Schulen wird ein Schulliederbuch gebraucht, in welchem von „Hitler, dem Herzensmittler" und von Befreiung aus der Judenherrschaft gesagt und gesungen wird. Nunmehr beschäftigt sich die „Königsberger Hartungsche Zeitung" mit diesem eigenartigen Schulbuch, dessen Inhalt von einem „Vaterländischen Verbände" zusammengestellt und das auch an der Königsberger „Vörstädtischen Realschule" in Gebrauch ist. Die Zeitung teilt mit, daß in diesem Liederbuche der „Stahlhelm", „Jungdo" und die „Eiserne Division" verherrlicht werden. Den Gipfel der Verhetzung erklimmt aber das folgende Lied: Gabs darum eine Hermannsschlacht und all die Türkenkriege, Daß heute gegen Judas Macht das Deutschtum unterliege? — Ward deshalb auf dem Leipziger Feld die Völkerschlacht geschlagen. Daß wir nun doch aus Judengeld geschweißte Ketten tragen? — O nein, noch stehn wir fest im Streit und brauchen nicht zu bitten, Noch gibt es deutsche Ehrlichkeit und gute deutsche Sitten. — Stürmt Juda auch mit Lug und Trug, bei uns gilt Treu und Glauben. Und was uns lieb qnd eigen ist, soll uns kein Jude rauben. — Wohl möchten sie die Fremdherrschaft in unferm Land sr-' richten. Doch sicherlich wird deutsche Kraft ihr Lügennetz vernichten. — Ja, wollen sie die halbe Welt auchgegen uns verketten, So werden wir trotz Judas Geld das deutsche Volkstum retten. — Das deutsche Land dem deutschen Sohn, nicht jüdischem Gelichter. Kein Bauer mehr in Judas Lohn und freie deutsche Richter. » Zum Schutz und Trutz, stehn wir vereint und fordern: unsere Rechte, Wir wollen freie Deutsche sein und keine Judenknechte! Die Zeitung weist auf Artikel 148 der Verfassung hin, der vorschreibt, „daß beim Unterricht in den öffentlichen Schulen Bedacht darayf zu nehmen^ ist,, daß die- Eyipfindungeü anders Denkender nicht verletzt wtzrden^ und: fragt, wie es kommt, daß das ostpreußische Provinzialschulkollegium eine derartige Verhetzung duldet. Es ' wird verlangt, daß eine höhere Instanz hier Remedur schaffe.. Wochenkalender. vom 16.—.23 Jan. 1926.1 vom 1—8. Schebat 6686 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnywitz, Frankfurt a. M.: Inserate 1. V.: S Schach»: nowitz, ebenda. — Verlag „JstaelM, G. m. b>K , Frankfurt ^. M. Druck Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, FrankfurtaM. ' - Samstag Jan. 16 rrim 1 V2V Sonntag 17 2 Montag 18 3 Dienstag - 19 4 Mittwoch 20 5 Donnerstag 21 6 Freitag 22 7 Samstag 23 Kl 8