Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1926)
- Date
- 1926-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit Nr- 2 Seite 3 7. Januar 1926 ______ das Wanderproblem nicht mehr aktuell ist, nachdem die meisten Länder ihre Tore gegen neue Immigranten geschlossen haben. Das ist grundfalsch. Das Emigrantenproblem ist jetzt bren- TlSnÖSlT flli? dern Kriege. immer: get^e« MhrliG etwa öO 000 Juden auf die Wanderung. Diese 60 000 machen den Emigrationsämtern mehr zu schassen, als die Hunderttausende vor dem Kriege, die meist für sich selbst sorgen konnten und ein bestimmtes unbehindertes Reiseziel hatten. Es bestehen große Möglichkeiten für eine jüdische Masseneinwanderung nach den südamerikanischen Staaten (Argentinien, Brasilien, Uruguay, Chile usw.). Diese Länder sind sehr aufnahmefähig, ein Teil derselben hat jedoch, dem Beispiel der Vereinigten Staaten folgend, die Einwanderung eingeschränkt. Es müsse demnach auch eine große politische Arbeit geleistet werden, damit für die jüdischen Emigranten, die durchaus aus ihren bisherigen Heimatländern herausmüssen, Einwanderungsmöglichkeiten geschaffen werden. Argentinien ist viermal so groß wie Deutschland, ist reich an Naturschätzen und anderen Möglichkeiten, zählt aber'nur 10 Millionen Einwohner. Das Land braucht zu seinem Aufblühen eine verstärkte Einwanderung. Das gleiche gilt von den übrigen Ländern Südamerikas. Es ist bedauerlich, daß in einer Zeit so brennender Probleme der jüdischen Emigration sich Hias von der europäischen Arbeit zurückzieht. Auch die I c a, die in früheren Jahren viel für jüdische Emigranten getan hat, konzentriert sicl jetzt nur auf die Kolonisation. Was im Berichte am traurigsten stimmt, ist die Feststellung, daß die jüdische Heimathilfe in den Irländern vollständig versagt hat. In alten Ländern des Ostens geht die Politik der Regierungen und der Gesellschaft dahin, die jüdische Mittelklasse aus ihren bisherigen Positionen herauszudrängen, sie zu entwurzeln, um einen neuen, christlichen, Mittelstand zu schaffen. Der Kampf ist unbarmherzig. Die Lage wird immer verzweifelter. Es ist auch ein Ueberfluß an produktiven jüdischen Elementen festzustellen. Der jüdische Handwerker wird verfolgt und arbeitslos gemacht. Die jüdischen Pogromwaisen, die in Polen ausgebildet worden sind, sind arbeitslos; \es müssen für sie neue Positionen gesucht werden. Man kann um das Emigrationsproblem nicht herumkommen; man muß ihm scharf ins Auge sehen. Es wird noch lange das jüdische Leben im Osten beherrschen. Wer seine Augen vor diesem Problem, seinen Möglichkeiten und Gefahren verschließt, versündigt sich an der um die letzte Lebensexistenz ringenden jüdischen Bevölkerung Osteuropas. und Regen gibt es so wie so genug, und die Bedeutung seiner'Verteilung zum Segen oder zum Fluch empfindet man nur im Sommer. Aber hier in Erez-Jisroel ist es ein ander Ding. Der Frühregen im Kislew, mit dem der Winter beginnt, und der Spätregen im Frühling sollen in wenigen Tagen soviel Wasser in die Erde schütten, daß es für das ganze Jahr reicht. Geschieht es, dann wächst in Feld und Garten Ueberfluß in Fülle, geschieht -es nicht, dann bringt Dürre Armut. Wie genau in Erez Jisroel mit dem Einschalten von ^v»i der Winter beginnt, lehren die Ameisen. Gestern war mir noch nichts aufgefallen, aber heute sah ich aus der großen Sandfläche kleine Hügel, bedeckt mit klebrigen Sandkügelchen, und beim genaueren Hinschauen entdeckte ich auch mehrere Löcher, die in die Erde führten. Die Ameisen hatten ihren Winterbau bezogen, trotzdem draußen noch das herrlichste Svmmerwetter den Menschen über die Zeit hinwegtäuschte. Der Mensch sollte sich erst mehr als eine Woche später eines.anderen belehren lassen. Dann erst begann der Sturm zu heulen und der Regen niederzuprasseln. Das Tier lebt nach der ihm von Gott gegebenen Bestimmung und kennt Gott nicht. Der Mensch kennt Gott, lebt aber nicht nach der Bestimmung, für die ihn Gott schuf, und darum hört er nicht die Stimme Gottes und vertreibt sich selber aus dem Paradies. . . . Der jüdische Mensch und sein Gott. — Der Jude ist Mil Gott noch durch ein bsssMi'SZ Vättö. kupch ®tmD Der Göfchjchl^ des jüdischen Volkes, verbunden. Die Erlösung aus Mizrajims Frohn und die Uebergabe am Berge Sinai sind die Grundsäulen der jüdischen Geschichte und der Sinn des Daseins des jüblschen Volkes. Nur, wenn der Jude jeder Generation sich betrachtet, als sei er selbst aus Mizrajim erlöst -rpoxden, aus dem Mizrajim, das. den Höchstbegriff der materiellen Macht darstellt, und, wenn er Materialismus Fremdengesetz in Polen. Das polnische Parlament hat einFremd e n g e s e tz angenommen und damit jeder Regierung ein Blankomandat für eine Fremdenmmr naH Lusl unb Willkür ausgeslklU. Das Wort ist wohlbekannt aus dem Vorkriegsrumänien, wo es als Schutzmarke für eine Judenentrechtung diente, die die Signatarmächte unter richtigem Namen nicht hätten billigen dürfen. In Polen kann dieses Gesetz vielleicht als Ventil gegen gewisse gewährleistete Minoritätsrechte gute Dienste tun. Daß es gegen Juden gedacht ist und in Wirkung tritt, scheint auf alle Fälle sicher. Sie zählen aber nach Zehntausenden, die Juden, die bei der neuen Grenzbestimmung im Osten cnsan pa zwischen den Grenzen geblieben sind und selber kaum wissen, wo sie beheimatet sind. Viele polnische Juden waren bei der Neugründung des Polenreiches in russischer oder litauischer Verbannung und kehrten erst später in die polnische Heimat zurück, ohne mehr die. Heimatpapiere verlangen zu können. Sie alle sind nun „Fremde" und kommen unter ein Fremdengesetz, das ihnen zu jeder Zeit Brot und Obdach nehmen kann. Man sollte glauben, daß die Polen um den Schmerz des Fremdseins wohl wissen dürften! Sem Geist. Zur Iahrzeit S. R. Hirschs am 27. Tewes. Von B. L. Seine Saat geht auf. Eine Jugend erblüht, die seinen Geist atmet. In denselben Städten lebt sie, denselben Großsiedlungen, die zu seiner Zeit ohne jüdisches Leben waren. Der Allgütige grüßt manchen, der ihm nicht dankt. Auch ein menschlicher Geist, auch das Wesen einer längst gewirkt habenden Persönlichkeit erfüllt manchen, der nichts davon weiß oder wissen will. Den Dank erstatten nur Wenige. Keinen schöneren Dank aber kann man einem Verewigten erweisen, als sein Werk fortzusetzen. Bedarf das Lebenswerk eines so großen Menschen der Vollendung? An seinem Orte hat er es vollbracht. Doch schmachten noch große Strecken Landes nach seinem Geiste. Das freie Land, die kleinen Orte, die östlichen Gemeinden, die aus dem Osten eingewanderten Gemeinschaften, — sie alle leiden noch unter dem Kampfe Thora gegen Derech Erez, Religiosität der Alten gegen Zügellosigkeit der Jungen, Lebenstüchtigkeit gegen Treue. Ja, man ahnt, man fürchtet, das müsse schlimmer werden. Fern von den leuchtenden Metropolen der Zivilisation, die längst in seinem Geiste und Idealismus richtig zu werten weiß und sein Ideal in der Erfüllung des Thorawortes sieht, nur dann bestätigt er die Geschichte seines Volkes und setzt sie fort für die Zukunft. Ob das neue Palästina eine solche Fortsetzung der jüdischen Geschichte bedeutet? Hier in Tel-Awiw möchte man daran zweifeln, denn den Gott, ohne dessen Offenbarung es keine Geschichte des jüdischen Volkes gegeben hätte, kennen nur die wenigsten der Tel-Awiwer Menschen. Der Sabbat ist ihnen meist nur ein sozialer Ruhetag, keine Heiligung Gottes. Das Hebräische ist ihnen nur die Sprache des jüdischen Volkes, nicht aber auch die Lautvermittlung des göttlichen Wortes an den Juden. Man feiert den Sieg der Makkabäer über die Griechen, aber nicht den Sieg des Judentums über das Griechentum. Am Chanukah gab es in Tel-Awiw Freudenfeuer und Umzüge der Jugend, und jeden Abend strahlte eine große elektrische Menorah vom städtischen Wasserturm; am letzten Freitag abend begann diese Menorah erst eine Stunde nach Sabbatbeginn zu erstrahlen. Ein Wahrzeichen, wie wenig die einzige jüdische Stadt der Welt von der Keduscha des Sabbat weiß. Dabei lebt ganz Tel-Awiw, diese beginnende Großstadt, nur wie durch ein göttliches Wunder. Die Stadt ist auf kahlen Sand gebaut, auf Sand gleich dem Sand der Wüste, und die Existenz ihrer Menschen ist wie auf einem. Wüstenboden mi^gebaut. Tel-Arvrro hat keine üäll^llÜillsAäsl, Fabriken uni feinen Hanbelsverkehr. Wovon lebt die Stadt mit ihren 40 000 Einwohnern? Wenn man die Frage prüft, dann findet man nur die eine Antwort: Von dem aus dem Auslande mitgebrachten Geld ihrer neuen Bürger! Mit diesem Geld sind in diesem Jahr mehr als 1000 neue Häuser erbaut worden und schöne neue Straßenzüge entstanden. Mit diesem Geld wird , eine große Bauindustrie mit allen von ihr Thora im Derech Erez, jugendfrische Gottestreue kennen und erleben, dauert jener Kampf noch an, ja siegt oft auf der ganzen Linie Abtrünnigkeit und Leichsinn, müsse überall siegen, meint men, 11 nb tuen« gar erfi bte neue öeljrerbtlbnng kornrne, meint man, dann müsse auch bie letzte Lehrkraft das flache Land verlassen, — dann müsse der akademische Stolz auch den letzten idealgesinnten jungen Juden vom Lehrerberufe fernhalten, dann müsse uns Verzweiflung über das seelische Geschick der Land-Judenheit ergreifen. ... Müsse?? Hat Hirsch gelebt und gewirkt? Lebt noch sein Geist unter uns? Lebt eine Jugend, die ihm nacheifert? Wird keiner sich finden, der, wie Hirsch beim Uebersiedeln aus seiner großen Ehrenstellung im Osten zu den treuen Elf des Westens, den Hinauszug iw die Einöde wagt? Wird keiner verstehen, den nicht Stolz auf Abitur und Semesterzahl zum fühllosen Zuschauer der Entjüdischung des Dorfes gemacht haben? Wird das ganze Epigonenzeitalter untätig oder großsprecherisch sich in den von Hirschs Geist gebauten Burgen verschanzen und die Einödler draußen statt mit Brot der Lehre mit Steinwürfen, mit Gnadenstößen versorgen? Das kann nicht sein, wenn es auch so sein müßte. Ginge es immer nach dem, was müßte, so könnte das Judentum längst verloren sein, so hätte insbesondere ein Hirsch nicht leben und wirken können. Freiheit vom grauen Zwange des Müfsens, Ueberwindung des scheinbar unheilbaren Kampfes zwischen Gegebenheiten und Idealen, reines Sollen hat Hirsch unserer Jugend vorgelebt. Und da „müßt e" unser Lehrerstand an seinem kommenden akademischen Stolze sterben? Dieselbe Begeisterung, die in Vereinen und Organisationen der Großstädte ungenützt und ohne Befriedigung ihrer eigenen Träger verlodert, derselbe ideale Schwung, der Wort und Schrift so vieler an ihren Orten unbeschäftigter, bei heutiger Geschäftslage verzweifelnder junger Hirschverehrer erfüllt, — freuen wird sie sich, die bewußte orthodoxe Ueberzeugungstreue in den Dienst der Jüdischkeit kleiner Gemeinden zu stellen. Erproben wird sie ihre Festigkeit am langsamen und stetigen Wirken, das dort die Hebung der Jüdischkeit erfordert. Ja, auch mancher, der nicht Idealist sein darf oder kann und dennoch im übrigen das Zeug zum „Klein- Mokem-Mann" in sich hat, wird bei heutiger Geschäftslage den Weg nach dort draußen finden, wo ihm ein Beruf winkt, der die Mühen des Studiums besser als der kaufmännische lohnt. Die bewußte orthodoxe Ueberzeugungstreue des jüdischen Akademikers wird aber im allgemeinen beschäftigten geschäftlichen und handwerklichen Unternehmungen in Betrieb gehalten, und ohne dieses Geld find hunderte der Restaurants und Kleingeschäfte nicht denkbar. Selbst das Rathaus verdankt sein Anwachsen diesem Gel.de, denn es ist zum größten Teil ein Bauamt. Tel-Awiws Existenz ist so wenig natürlich, daß selbst eine kleine Störung genügt, um eine Wirtschaftskatastrophe herbeizufllhren. Gegenwärtig ist ein solcher kritischer Moment. Der Krieg im benachbarten Syrien, mit dem Zolleinheit besteht, das Nachlassen der Einwanderung, die wilde Bausaison des verflossenen Sommerhalbjahres, die infolge zu optimistischer Kostenanschläge die meisten der neu Eingewanderten über ihre Kraft verpflichteten, haben sehr schnell eine Katastrophe herbeigeführt. Auf 100 000 Pfund werden die notleidenden Wechsel in Tel-Awiw geschätzt. Mehr als 3000 Arbeiter sind ohne Beschäftigung, und von den beschäftigten Arbeitern hat eine Anzahl rückständigen Lohn zu fordern, auch eine Tel-Awiwer Spezialität. Natürlich ist das ganz entgegengesetzt dem sozialen Geist der Thora, doch die Thora führt ja in Tel- Awiw ein Aschenbrödeldasein. Und doch! Eine jüdische Gesamtheit findet schließlich sich immer wieder auf ihren Weg zurück, wenn sie sich nicht selber aufgibt. Was sich heute in Tel-Awiw abspielt, zeigt die große Tragödie der Juden Osteuropas, die der furchtbare ^Weltkrieg feit nunmehr elj Bahren aus den Vahnen einer geordneten &nttz>i<fi:ung Ijerausgeri^en Ijat. Let-Arvlivs Hnd.en sind ms? Osteuropa gekommen, und Tel-Awiws Charakter ist trotz Asien und Palästina Europa in Rußland und in Polen. Auch Tel-Awiw wird einer jüdischen Zukunft entgegensetzen! Möge sich nur ein Kreis begeisterter, idealistischer Thoratreuer finden, die Leuchttürme für diese Zukunft sind. Tel-Awiw wird den rechten Weg finden, denn in Tel-Awiw kann man den Sabbat halten