Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Israelit Dr. i ML Verödete Wege. II. Im. Städtchen. Und nun sind wir im Städtchen selbst. Von der Ferne schon winkt das alte Kloster mit dem neureparierten roten Blechdach. Hier ist der katholische Friedhof mit dem Portal aus roten Steinen, als ginge es in eine Kirche. Und dicht daneben der jüdische Friedhof mit eingefallenem Zaun, mit längen Reihen von bereits unkenntlichen Gräbern ünd unleserlichen Grabsteinen und Brettern. Hier liegen die unzähligen Väter und Großväter, deren Jahrzeit gehalten wird irgendwo in Newyork, in Buenos-Aires, in Johannesburgs Berlin, in Moskau, in Jerusalem und sonst überall, nur im Städtchen selbst nicht mehr. Hier steht das Gemeindebad, in dem ganze Generationen Freitag für Freitag über Politik verhandelten und über Gemeindesachen erhitzt stritten. Es steht mit durchlöcherter Wand und die eine Dachseite liegt platt auf dem Boden, dem Bau zu Füßen. Das hat die europäische Zivilisation mit einer Bombe getan. Von wem sie kam? Wer kann das wissen. Das jüdische Gemeindebad — ein Ziel für Völkertreffen. Und das Städtchen? Zwei lange Reihen kleiner Häuschen am Wege mit einem schiefen. UMllAVM MMN MM. LllS'M W8. Cs ist nicht zum Wiebererkennen. Andere Häuschen, andere Menschen. Im alten abgebrannten Veth Hamedrasch war d a m a l s die O st w a n d besetzt vom alten heimischen Adel. Der „Gewir", der Gabbe, der Parnes, der Lamden, jeder hatte seine Stellung und seine Ehre und seinen Synagogenplatz. Man erzog die Söhne im Beth Hamedrasch und im Geschäft und die Töchter am heimischen Herde, schloß gute Partien, nahm Schwiegersöhne auf „Kost" und fütterte sie mit fetten Gänsen und fetten „Mizwaus" in der Schul, bis sie zu „Menschen" wurden. Einen ganzen großen Stab von Beamten erhielt das Städtchen. Der Rabbiner mußte ein Mann mit großem Namen sein. Dazu zwei Dajanim. Ein Chasen mit einer „Kapelle" (ein Mschorarimchor), der „die Pforten des Himmels" aufriß. „Klesmer" (eine jüdische Musikkapellespielte auf bei Hochzeiten und allen festlichen Anlässen. Sogar der Bader war nicht irgendeiner, sondern ein Man, der von Vaters Vätern her ein Anrecht auf dieses Amt hatte, selbstverständlich hatte das Städtchen eigene Purimspieler, eigene Stadtlügner und Killenarren. Selbst der „Mosser" (Angeber) fehlte nicht, erst recht nicht eine beträsttliche Anzahl von „Meschugoim" (Narren). Alles, wie es sich für eine Kehille gehört. Eine Gemeinde mit alten eigenen Traditionen. Und wenn Sabbat im Städtchen war, gab es Jubel und Freuhe und Sonne und Wonne und Trätsch und Klatsch und rausende Kinder. Selbst der Schabbesgoj, ja, der herrenlose Gemeindebock, spürten die Weihe und Wonne des Tages in allen Poren. Es war einmal-—. Die „Misrachwand" ist längst ausgestorben und es gab keinen Nachwuchs. Der generationenalte. Adel ist ausgelöscht. Hie und da ein paar alte Leutchen, die in Sehnsucht vergehen nach einem Briefe aus Amerika . „Wie geht es Reb Ore Beer?" „Es geht so. Was soll man machen? Es geht dem Ende zu. Die Kinder schreiben nichts, eine lieblose Welt." Und da heben Geschichten an von Kindern, die irgendwo im „zehnten Amerika" große Leute geworden sind. Ein Enkelchen hat einmal zu Roschhüschono einen englischen Brief geschrieben. Lesen konnte ihn im Städtchen bis jetzt keiner. Die Kuh gibt etwas Milch. Kartoffeln zieht, man selbst und an einem Markttage verdient man zuweilen, egal woran, ein paar Groschen. So lebt man eben weiter, dem Ende entgegen. So leben sie aber alle, die noch dageblieben sind und auf'einen Platz auf dem heimischen Friedhofe warten. Manchmal kommt aber ein amerikanischer Dollar ins Städtchen, wie ein Strahl glücklicher Verheißung. Man zieht Sabbatkleider an und fährt nach Wilna auf die Bank. . . Sonst wartet man auf den Markttag. Und dann die Kuh, sie ist die Haupternährerin und Unterhalterin. Es ist nicht allein das bißchen Milch. Das Hinausführen ins Feld, das Heimbringen bietet reiche Abwechslung. Bei der Kuh begegnen sich die heiratsfähigen Mädchen und tauschen ihre Gedanken und Gefühle aus, auch ihre Liebesabenteuer. Ihrer welche haben einige Dollar aus Amerika als Mitgift liegen. Also braucht e r nur zu kommen. Hier auf der Weide oder auf dem Wege zum Stall treffen sich auch die jungen Frauen zu ihrem Tratsch, wobei all die Neuigkeiten ausgetauscht werden, an dem und jenem kein gut Haar gelassen wird. Hier entzweit man sich und einigt sich wieder. Es ist der bewegliche Klub, dieses vierbeinige trottende braune Tier. Die Männer haben ihren eigenen Klub, im früheren „Hekdesch" (Armenhaus), das sich in ein Beth Hamedrasch verwandelt hatte. Dort wird gebetet, dort werden die Wahlen vorgenommen, dort zankt man anc£) mte bermalemfi um dis Chrsnsunktirrnsn ket Ler UN^> WTT di? würde. Kommt aber ein Markttag, da gibt es Arbeit, Aufregung und Ablenkung. Jeder sucht sich irgend ein Verdienstchen. Bauern kommen in Massen aus den umliegenden Dörfern, und im Nu sind die kleinen jüdischen Kramläden wie ausgebrannt. Gegen Abend sieht man vom Markte nur noch einige total betrunkene Bauern. Dann verstummen auch diese Stimmen und es ist wieder tödliche Ruhe über allen Wäldern, bis zum nächsten Markttag. Es ist ja selbstverständlich, daß jeder Jude irgend einen Kramladen hat. Der Warenbestand entspricht noch nicht einmal den Steuern und Patentgebühren. Aber immerhin etwas, ein Kram, ein Geschäftchen. Und dazu ist doch der ganze Haufen von Akzisbeamten und Polizeileuten da, deren Aufgabe es ist, die Lädchen im Auge zu behalten, zu kontrollieren, Protokolle aufzunehmen und Strafen aufzuerlegen. Auch sie müssen eben leben. . . . Aber auch dieses gönnt man den Juden nicht. So tun sich im Städtchen christliche Konsumgeschäfte auf, die von Gesellschaften und auch von den Behörden reichlich unterstützt werden. Die Bauern gehen nicht gern hin, weil man dort nicht handeln und feilschen kann, gehen lieber zu dem Juden, mit dem man zankt und handelt und von jeher „gut Bruder" ist.- So heckt man andere Pläne aus, verlegt die Märkte auf Sabbat und jüdische Feiertage, da die jüdischen Läden geschlossen sind. Man sinnt andauernd auf Mittel, das letzte Häuflein von Juden im. Dorfe ganz zu ersticken. So schwindet alles Leben, aus dem .jüdischen Städtchen. Man sieht kein fröhliches Gesicht mehr, die Kinder sehen aus und sprechen wie Greise. Es ist auch kein Cheder mehr im Städtchen, geschweige, denn eine Schule oder Jeschiwa. Vielleicht, findet ein Vater einmgl am Sabbat nachmittag Zeit und Lust, mit seinem Kinde den Wochenabschnitt aus dem Chumisch durchzugehen. Die Mehrzahl der Kinder lungert die Woche über auf der Straße, und sie warten mit sechzehn, siebzehn Jahren schon auf eine Schiffskarte und eine günstige Quote. Alle paar Tage wird ein Greis hinausgetragen und ein Jüngling zur Grenze hinausbegleitet. Armes jüdisches Städtchen! . . . Nürnberg—ZÄrkh. I Diese Synthese gibt es eigentlich nur^bei der elektrischen Straßenbahn, die für den Normalpreis von fünfzehn Reichspfennigen über das eine Stadtbild zum anderen hinaus fährt. Im übrigen ist Nürnberg stolz daraus, nicht Fürth.zu sein, wie Fürth großen Wert darauf legt, nicht mit Nürnberg verwechselt zu werden. Nürnberg ist eine aufstrebende - Stadt, ein Zentrum für Handel und Industrie. Es ist vorwiegend eine „kindliche" Industrie, Spielwaren, Lebkuchen. Aber auch die Schwerindustrie hämmert und braust und bohrt in ungeheuren Werken und Fabrikanlagen. Nürnberg ist die Metropole Mittelfrankens, die mit Riesenarmen nacb allen Seiten ausgreift und einen Vorort nach dem anderen in ihren Riesenleib aufnimmt. Fürth ist aber eine alte homogene Stadt mit ruhigen, abgeklärten, von Alter und -Weisheit gezeichneten Zügen. Es mußte ein wenig abrücken von der großen mächtig aufstrebenden Schwester, wollte es nicht von ihr erdrückt werden. Indes darf nicht angenommen werden, daß Nürnberg etwa eine neue Stadt ohne eigenen Charakter sei. Es gibt im Gegenteil kaum eine zweite Stadt in Deutschland, die so so wie Nürnberg ihre eigene ausgeprägte Physiogomie hat. Es ist die Stadt der Mauern und Gräben, der Wälle und alten Märkte, der monumentalen Brunnen und Brücken. Wohin man auch geht, ob man nach rechts oder nach links in der fremdst Stabt umljertrri, immer mtrb man über eine mächtige Brülkenwölbung kommen, zu einem von Trödelgefchäften umsäumten Marktviereck gelangen und dann weiter an einer zackigen Mauer mit pittoresken Spitzen und Türmen stehen bleiben, die gerade so gut ein Rathaus, ein Museum, eine Ketserne oder ein Gefängnis hinter sich bergen könnte. Hier ist die Altstadt nicht, etwa wie in Frankfurt oder Köln oder Hamburg, hinter der leuchtenden Fassade des neuen Deutschlands in der Ecke am Stromufer ein Tummelplatz für Forscher, Altstadtgesindel, Kriminalpolizei und Raritätenliebhaber, sondern hier ist das Alte in den Mittelpunkt gestellt, es zeichnet das Gesicht der Stadt, steht ohne kitschige Übermalung und Ueverbauung im Zentrum und gibt sich wie es ist. Das neue Nürnberg ist so zu sagen harmonisch in das alte hineingestellt, steht im Schatten der Türm' und Mauern, der Gräben und Wälle, der Brunen und Brücken. Diesem Charakterbild unterordnet sich alles. Auch die Auslagen in den Zuckerwarenfenstern, die mit Vorliebe Schlösser und Türme aus süßen Backsteinen bauen; auch die Menschen, die sich behäbig und treuherzig schwäbelnd durch die Straßen bewegen: auch der Straßenschlamm, m den sich Eis und Schnee rasch verwandelt und der auch zur Zeit des Hans Sachs und der Meistersinger nicht gründlicher dem Pflaster alle Härte nehmen konnte; auch die Beleuchtung, die am frühen nebligen Abend sehr zurückhaltend sich hütet, das Bilo früherer Jahrhunderte irgendwie zu stören. . . . Die Stadt muß sparen. Schlechte Zeiten. Freilich gehört letzteres nicht mehr zum spezifischen Kennzeichen Nürnbergs. * * * Auch zwischen dem jüdischen Nürnberg und Fürth besteht keine andere Verbindung als die der Straßenbahn. Jede der beiden Gemeinden lebt ihr eigenes Leben und entwickelt sich auf der ihr von Geschichte und Umständen vorgezeichneten Bahn. Die Adaß Jisroel in Nürnberg mit einer starken Führerpersönlichkeit als geistige Spitze hat einen hohen Blütestand erreicht und ist noch im Weiterblühen begriffen. Was in wenigen Jahren erreicht und errungen wurde, ist fabelhaft: eine Generation, die in ihren religiösen Aspirationen und ihrer Thoraliebe weit