Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-01-01 · Heft 1 (1.1.1926) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 1 (1.1.1926)
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450389--72790-2530163
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1 Seite 5 1. Januar 1926 jotl sich aber der Ausschuß nicht zu einer Schultz e h ö r d e auswachsen. Die Wahl des Beamten verbleibt immer den Gemeinden. Und dort, wo sich solche Kleingemeinden an den Landes- .grenzen befinden, müßte von Landesverband zu Landesverband verhandelt werden -— eine Arbeit, die hinweist auf einen zu gründenden Dachverband für sämtliche 'Gemeindeverbände. Korrespondenzen « Hacbricblen. Deutsehe» Reietz. Tagung des engeren und des großen Rates des Preußischen Landesverbandes. Berlin, 21. Dezember. Am Sonnabend, den 19. Dezember, abends, hielt der Engere Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden eine Tagung in Berlin ab, der am darausfolgenden Sonntag eine Tagung des Großen Rates folgte. Den Vorsitz in beiden Tagungen führte Herr Kammergerichtsrat Leo W o l f f, Berlin. Das geschäftsführende Ratsmitglied Herr Dr. Jsmar Freund hielt ein eingehendes Referat über die Arbeit des Verbandes feit dessen Bestehen und würdigte die große prinzipielle Bedeutung der Bewilligung der Staatsbeihilfen durch den Preußischen Landtag, indem durch dieses Votum die jüdische Religionsgemeinschaft als den christlichen Kirchen .gleichgestellt anerkannt worden ist. An dieses Referat schloß sich eine eingehende Aussprache zum Teil grundsätzlicher Natur. Hierbei wurde auch allseitig dem Wunsche aus eine möglichst weitgehende Information der Öffentlichkeit Ausdruck gegeben, die von den Leistungen des Verbandes zu wenig wisse. Einen breiteren Raum nahmen die Erörterungen über die Bewilligung der Staatsbeihilfen und die Aussichten für die Durchführung der Beschlüsse ein. Es wurden sodann Richtlinien für die Bewilligung der Subventionen an die überbürdeten Verbandsgemeinden besprochen. Die Staatsbeihilfen werden zu einem Teil durch die Landesverbände, zum anderen Teil durch die Regierung auf Vorschlag der Verbände den Gemeinden zugeführt werden. Es wurde sodann die Angelegenheit der notwendigen Ersatzwahlen besprochen. Laut einem durch Herrn Dr. Vogelstein-Breslau eingebrachten Antrag des schlesischen Provinzialverbandes wurden die zu bestellenden Unterausschüsse mit der Ausarbeitung eines Normal-Lehrplanes für den jüdischen Religionsunterricht an den höheren jüdischen Lehranstalten betraut. Einen breiten Raum in den Beratungen nahm die Frage der Bildung der von der Verfassung vorgeschriebenen Ausschüsse ein. Herr Rechtsanwalt Dr". Klee trat in längeren Ausführungen dafür ein, daß der liberale und der konservative Unterrichtsausschüß nach gleichen Bestimmungen gewählt werden sollen. Nachdem noch die Herren GeheiMrat Goldfeld, Justizrat Lilienthal und Justizrat Holz- Königsberg für das gleiche Prinzip eintraten, wurde nach längerer Debatte demselben zugestimmt. Zur Regelung der Frage der Bildung von Rabbinerbezirken wurde eine Kommission eingesetzt. Eine größere Anzahl Subventionsgesuche, insbesondere auf Ausbildung von Lehrern, Erteilung von Stipendien an Seminaristen, Unterstützung von Seminaren usw., wurde dem Subventionsausschuß überwiesen. Behandelt wurde ein Antrag der Gemeinde Breslau (Antragsteller Geheimrat Goldfeld) betreffend die Errichtung einer Kantorenschule. Wochenkalender. vom 3.-9. Jan. 1926. ' vom 16.-23. Teweth 5686 Samstag Jan. 2 'N'1 16 na» Sonntag 3 17 Montag - 4 18 Dienstag 5' 19 Mittwoch 6 20 naipn Donnerstag 7 21 Freitag 8 22 Samstag 9 NIvV 23 Rausch Chaudesch benschen. Mauled,Donnerst, urorq.6^ Von der Kaschruth-Kommission der Berliner Jüdischen Gemeinde lag ein Antrag betreffend die Einfuhr von Koscher-Gefrierfleisch aus Argentinien vor. Es wurde beschlossen, der Angelegenheit näher zu treten und besonders die Garantie1 für rituelle Zuverlässigkeit zu prüfen. Auch die Schaffung einer Schächt- Schule wurde in den Kreis der Erwägungen gezogen. Rabbiner Dr. Horowitz -Frankfurt a. M. gab mancherlei Anregungen und Richtlinien betreffend das Entgegentreten der Agitation gegen das Schächten, denen zugestimmt wurde. Die Wahl des Herrn Dr. Jsmar Freund zum geschäftsführenden Mitglied des Engeren Rates wurde einstimmig bestätigt. Erörtert wurde ein Antrag des schlesischen Distriktsoerbandes (Geheimrat Goldfeld) betreffend die doppelte Beitragsleistung der einzelnen Gemeinden an die Provinzialverbände und an den Landesverband. Es wurde grundsätzlich anerkannt, daß neben dem Landesverband Beiträge der Gemeinde an die Provinzialverbände nicht zu leisten sind, daß aber die Provinzialverbände als Organe des Landesverbandes unentbehrlich sind. Gleichzeitig wurde die Bedeutung der Provinzialverbände als Mittelsorgane zwischen dem Landesverband und den einzelnen Gemeinden anerkannt. Im übrigen beschäftigte sich die Tagung mit einer Reihe von Fragen der inneren Organisation des Landesverbandes. Abonnementsgebühren für das erste Quartal 1926. Wir ziehen die Abonnementsgebühren für das erste Quartal vom 1. Januar ab, wie üblich, durch Nachnahme ein und bitten unsere verehrt. Leser um prompte Einlösung. Frankfurt a. A?., 31. Dezember 1925. Verlag des «Israelit" G. m. b. H. Die religiöse Not auf dem flachen Lande. Fulda, 20. Dezember. Bei der Tagung des Landesverbandes Hessen-Nassau und Hessen des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die am 22. November in Fulda unter starker Beteiligung der Ortsgruppen stattfand, wurde in längerer Aussprache bitter über den ständig zunehmenden Rückgang der religiösen Versorgung der jüdischen Landbewohner geklagt. Der allseitig ausgesprochene Wunsch, daß der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden und der Halberstädter Verband gesetzestreuer Gemeinden beschleunigt und energisch auf eine Aenderung dieser für das Judentum beklagenswerten Zeiterscheinung hinarbeiten sollen, fand in einer einstimmig angenommenen Entschließung Ausdruck. Steiger in Warfchan. Warschau, 22. Dez. Stanislaw Steiger, der auf den Rat jüdischer und polnischer Autoritäten im Zusammenhang mit dem Ueberyandnehmen der antisemitischen Hetze in Lemberg seine Heimatstadt verließ, ist heute in Warschau eingetroffen. Er wurde von führenden jüdischen Persönlichkeiten begrüßt, doch wird seine Adresse geheimgehalten, damit er nichc auch in Warschau Insulten ausgesetzt sei. Nach der Freisprechung Steigers. Lemberg, 20. Dez. Da der Staatsanwalt die Frist zur Einreichung einer Nichügkeiisbeschweide gegen den Freispruch Steigers bis zum 19. Dizember ungenützt verstreichen ließ, ist der Freipruch Steigers endgültig geworden. Offiziell wird mitgeteilt, daß der als der Verfolger Steigers berüchtigt gewordene Lemberger Polizeiinspektor L u k o m s k i endgültig aus seinem Amt entfernt wurde. Weitere Ansfchreitnngen. L e m b e r g , 21. Dez. Auf dem Platz vor dem Fredro-Denkmal versammelten Ich mehr als 5000 Studenten, Sokolen und Angeyvrige der Rozwoj-Organisation, alle mit Schlagwaffen ausgerüstet. Die Polizei bildete einen Kordon um die Versammelten. Mehrere Redner, die auf die Schultern gehoben wurden, riefen zu einem Vernichtungskampf gegen die Juden und die „Judenknechte" auf. Es wurden Rufe ausgestoßen: „Nieder mit den Juden! Nieder mit den Verteidigern Steigers! Nieder mit den pflichtvergessenen acht Geschworenen!" Als die Reden und die Rufe verklungen waren, durchbrach die Menge den Polizeikordon, verteilte sich auf die umliegenden Gassen, schlug auf die jüdischen Passanten ein und verwundeten mehrere recht erheblich. Die Verwundeten, die sich nicht selber nach Hause begeben konnten, wurden durch die Rettungsgesellschaft in die Nächstliegenden Krankenhäuser gebracht. Vor dem Hause des Steiger-Verteidigers Dr. Grek wurde eine große Kundgebung veranstaltet und sämtliche Fensterscheiben des Hauses.eingeschlagen. Die Polizeiwache verhinderte die Menge, in das Haus selbst einzudringen. Im Saale der Sokolen fand am 20. Dezember eine Versammlung statt, in der die aus dem Steigerprozeß bekannte Balleteuse Pasternak eine judenhetzerische Rede hielt und davon sprach, daß die „jüdischen Dollars" Steiger befreit haben. Sie sagte auch, die acht Geschworenen, die die Schuldfrage verneinten, seien ebenso wie die Verteidiger und der Ukrainer Olszanski von den Juden gekauft worden. Nach Schluß der Versammlung wurde die Pasternak auf den Schultern nach ihrer Wohnung getragen, wobei auf dem ganzen Wege die Rufe erschollen: „Es lebe unsere Heldin Pasternak, es lebe Witkowski (einer der Geschworenen, der sich für Steigers Verurteilung einsetzte), es lebe Lukomski, Tod den Juden!" In dem Cafe „Warszawa", wo gewöhnlich Juden verkehren, wurden sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen. Die Menge drang auch in das Innere des Cafes ein, mißhandelte die Gäste schwer und demolierte die Einrichtung. Hierauf zog die Menge vor die Redaktionen der jüdischen Zeitungen „Chwila" und „Lemberger Togblatr" Da ein stärkerer Polizeitrupp die Zugänge zu den Häusern absperrte, zog die Menge vor die Wohnung der Eltern Steigers. Auch dort verhinderte die Polizei größere Ausschreitungen. Die jüdische Bevölkerung Lembergs ist von der Panik beherrscht. Die jüdischen Läden sind geschlossen, man vermeidet, wo möglich, das Passieren der Straßen. Zu den Arrangeuren dieser Exzesse gehört der getaufte Jude Thumim, Herausgeber der „Gazeta Codzienna", der Flugblätter verteilen ließ, in denen jeder, der „polnisch fühlt", aufgesordert wird, gegen die „jüdische Hydra" zu demonstrieren. In der „Roten Gasse" versuchte die Menge unter den Rufen: „Nehmt den Juden die Dollars weg!" jüdische Bankhäuser zu stürmen. Hier stellten sich ihnen die jüdischen Inhaber und deren Angestellte entgegen. Als die Menge Widerstand merkte, wagte sie keinen Angriff, bis Polizei kam und sie zerstreüte. In mehreren von Juden bewohnten Gassen sind fast alle Fensterscheiben eingeschlagen. Mehrere jüdische' Frauen und Kinder wurden durch Steinwürfe verletzt. * Lemberg, 22. Dez. Da die demonstrierende Menge immer wieder versuchte, vor das Haus der Familie Steiger zu ziehen, haben verantwortliche jüdische Kreise Stanislaw Steiger geraten, Lemberg für einige Zeit zu verlassen. Steiger 'olgte diesem Rat und ist heute abgereist. Senator Ringel, einer der Verteidiger Steigers, intervenierte bei den zuständigen Behörden und erhielt die Versicherung, daß keine Exzesse mehr geduldet werden würden. Die Wohnungen der Verteidiger Steigers und der acht Geschworenen, die mit Nein stimmten, werden durch Polizei bewacht. Vom Depuliertenrake der englischen Inden. London, 14. Dezember. Unter dem Vorsitz Lord Rothschilds fand gestern eine Sitzung des Jewish Board of Deputies statt. Nach einer Erörterung der Aktion des Unterhausmitglieds Finburgh gegen den Innenminister Joynfon-Hicks in der Frage der Erschwerung der Einbürgerung für ausländische Juden referierte Mr. d'Avigdor G o l d s m i d über den Stand der Numerus clausus-Frage in Genf. Er verlas ein Telegramm von Mr. Lucien Wolf, das den (bereits bekanntgegebenen) Beschluß des Völkerbund-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.