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Der Israelit · 1926-01-01 · Heft 1 (1.1.1926) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 1 (1.1.1926)
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 1 tage vor der Tatsache stehen, daß in den gedanklich schöpferischen und innerlich intellektuellen Kreisen der ganzen Kulturwelt der Materialismus mit allen seinen Nebenerscheinungen abgewirtschaftet hat, so gilt es nur noch, festzustellen, welchen der drei genannten Todeswege er gegangen ist. Dabei bietet sich uns dasselbe Schauspiel wie in der bekannten Antwort des Mannes, der telegraphisch gebeten wurde, zu entscheiden, ob seine soeben verstorbene Schwiegermutter einbalsamiert, verbrannt oder begraben werden sollte, und daraufhin sich vernehmen ließ: „Alles drei!". In der Tat find die Bemühungen heutiger Denker weder mehr imstande, den Materialismus zu verteidigen, noch auch ernstlich bestimmt, ihn mit schwerem geistigen Geschütz zu bekämpfen; was auch immer noch über diese tote Weltbetrachtungsform gedacht oder geschrieben wird, sind, mehr oder minder als solche sich aufrichtig bekennende, Versuche, ihr einen ehrenvollen Abgang, ein mehr oder minder ehrenvolles Begräbnis zu sichern und die Welt vor dem Schreckgespenst ihrer spukhaften Wiederkehr in Ruhe zu singen. Die verschiedenen Bestattungsweisen des Materialismus liegen nun in Gestalt einer etwas bunten Schriftenreihe vor mir. Den Anfang möge die, wie alles von englischen Denkern stammende, wohlgelaunte Schriftenreihe „Dädalus-Jkarus-Tantalus" bilden (Drei Masken-Verlag München 1925), in welcher nacheinander I. V. S. Haldane, B. Russell und F. C. S. Schiller die Abrechnung des Materialismus mit sich selber vornehmen. Insbesondere weist Haldane darauf hin, daß (S. 8 ff.) alle Voraussagen, nach welchen der Erfindergeist der Menschheit aufhören oder ihrem Forschen sich in absehbarer Zeit unübersteigbare Hemmnisse in den Weg stellen müßten, durch die Fortschritte der Wissenschaft immer bald lügen gestraft worden sind. Haldane weist jede ethische Auswertung der exaktwissenfchaftlichen Ergebnisse ins Reich des Unpraktischen, erläutert dies (10—11) am Geschick der politischen Grundlehren Hegels und belobigt Einstein dafür, daß er darauf verzichtet zu haben scheint, „neue Zehngebote auf deduktivem Wege gewinnen wollen." Gerade aber diese Beschränkung hat nach Haldane nazu geführt, daß wir durch Einstein auf exaktwissenschaftlichem Gebiete zum Kantschen „Idealismus von Raum und Zeit" zurückgekehrt sind und den Materialismus nur noch als — allerdings äußerst produktive — Arbeitshypothese bewerten. Jede Voraussage über die Auswirkungen dieser Gedankenreihen auf ethisch-soziologischem Gebiet lehnt Haldane als verfrüht ab und vermerkt nur mit schlechtverhohlener Genugtuung, daß auch dem Soziologen der Zukunft eine heute noch selbstverständliche „Härte des Zugriffs abgehen" wird. Diese Prognose scheint sich an der eigenartig passiven Einstellung der weiterhin zu besprechenden B r ä u e rschen Schrift zur Ständefahrt bereits in unerwünschtem Maße zu bewahrheiten. — In echt englischer Tatsachentreue werden alsdann die Möglichkeiten erwogen, die sich für die Soziologie aus der ansteigenden Ausnutzung natürlicher Energiequellen ergeben. Leider wird nach etwa der dreißigsten Seite Haldane von seinem wissenschaftlichen Ernste ein wenig im Stich gelassen. Anstatt dem zügellosen Ritte seiner Phantasie ins Jahr 1990, in biologische Ehe- Ersatz-Jdeen und Rassen-Zuchtwahl-Träume, zur Welt-Ernten-Verzehnsachung, zur Wetter- Herstellung und Klima-Ausgleichung zu folgen, wollen wir nur in Form eines frommen Wunsches dcK ungefähr zitieren, was Haldane als wissenschaftliche Wahrscheinlichkeit an den Schluß dieser von ihm selbst so genannten Auswahl aus seinen Träumen stellt: Der Mensch brauchte Tausende von Jahren um über das Kulturniveau der Jagdmeute hinauszukommen. So lange braucht er gewiß nicht,um über die Engstirnigkeit des Nationalismus hinwegzugelangen. — Und daß im Anblicke des gewaltigen Kontrastes der gelehrten Fortschritte mit der sozialen Rückschrittlichkeit der Menschen von heute Haldane die Bemerkung macht, die Wissenschaft stecke noch in den Kinder- __D er Israelit _. schuhen, — das ist eben einer, ist. der erste der heute zu besprechenden Grabgesänge des Materialismus.' — (Fortsetzung folgt.) Wanderlehrer — Miallehrer. Bon $. Brückheimer in Marktbreit. In seiner letzten Sitzung beschloß der Bayrische G^meindeverband, daß für Zwerggemeinden Wanderlehrer zu bestellen seien und setzte für diesen Zweck 10 000 Mark in den Haushaltungsplan ein. Auch die anderen Gemeindeverbände fühlen die drängende Verpflichtung, das versickernde jüdische Leben auf dem Lande wieder zu kräftigerem Strömen zu bringen. Aus Arewus-Gefühl heraus, aber auch aus einer Art Dankbarkeit, weil das Dorfjudentum bis vor wenigen Jahren noch der Jungbrunnen war für die Gesamtjudenheit. Und weil sich mit der Durchführung dieses Planes — wenigstens für Süddeutschland — eine neue Einrichtung ergibt, besteht die Notwendigkeit, hierzu Grundsätzliches festzustellen: Die Gemeindeverbände dürfen keineswegs glauben, mit der Bereitstellung einer gewissen Summe für die Anstellung der Wanderlehrer ihre Aufgabe restlos gelöst zu haben. Damit ist zwar etwas sehr Wichtiges, aber doch mehr Äeußerliches getan worden. Die Annahme, daß nun durch die Bestallung irgend eines Bewerbers das oft traurige Oedland jüdischen Gemeindelebens sich mit jungem Grün bedecke, könnte sich bald als falsch erweisen. Ohne die Aufstellung bestimmter Richtlinien vor der Inangriffnahme dieses Projektes wird das eingangs kürz skizzierte Ziel nicht erreicht werden. Um für die Aufgaben eines Wanderlehrers den richtigen Blick zu erhalten, müssen zuerst die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Wirken eines Lehrers in einer Voll-Gemeinde schnell Umrissen werden: Wer in einer größeren Gemeinde das Amt eines Lehrers übernimmt und Früchte feines Schaffens sehen möchte, muß das Wesen derselben nach ihrer wirtschaftlichen und religiösen Zusammensetzung, gemeindliche Tradition — der Kantor nicht zuletzt althergebrachte Synagogengesänge — in Erfahrung bringen und daran anknüpfen. Je nach des neu berufenen Beamten Geschick, das oft feine Grundlage in schon erworbenen Erfahrungen hat, wird ihm das schneller oder nur langsamer gelingen. Aber selbst dann, wenn er zu seiner Einfühlung längere Zeit benötigt, wird sich das Niveau des jüdischen Lebens in der Gemeinde nicht gleich augenfällig senken. Das ständige Vorhandensein eines Beamten gewährleistet eine gewisse Gleichmäßigkeit. Der Wanderlehrer hingegen wird gleichzeitig die Wesensart mehrerer Gemeinden studieren müssen, die sicherlich nicht gleichartig zu sein braucht, weil es sich hierbei um einander räumlich nahe^ gelegene Zwerggemein^ den handelt. Und kümmerliche Reste, brüchiges Gemäuer wird er vorfinden. Wertvolles aus diesen Ruinen herauszuklauben. Brauchbares zu erkennen und zusammenzufügen, wird keine leichte Sache sein. Wenn er mit seinem Sabbatchiur religiöses Tun, als Vorbeter wahre Andacht erzielen und bei den weit zurückgebliebenen Schülern jüdische Kenntnisse vermehren will, dann darf er nicht erst tastend Versuche anstellen, sondern er muß sich s ch n e l l st e n s zurechtgefunden haben. Diese Kleingemeinden haben nicht mehr viel zu verlieren. Wie bei einem Schwerkranken muß hier sofort und mit größter Imsicht und Sorgfalt eingegriffeti werden können. Daß als Wanderlehrer ein junger, unerfahrener Lehrer in Frage käme, dürfte nach dem vorher Gesagten kaum möglich sein. Nur eine, erprobte Lehrerpersönlichkeit mit sicherem Blick'für i)ie in solchen Gemeinden noch schlummernden Kräfte und für erziehliche Notwendigkeiten wird ' ■ 1 Januar 1926 ' , diesen Aufgaben gerecht werden können. Aufgaben, die sich in ihrer Schwere mit dem D^lste in einer Gemeinde nicht zu messen vermHen. Damit sich aber der erfahrene Lehrer zur Verfügung stellt, werden mit einer solchen Stelle auch entsprechende Vorteile verbunden sein müssen^ Das Amt eines Wanderlehrers wird als ein gehobenes zu betrachten sein, was sich auch durch die Einreichung in eine, höhere Besoldungsklasse (8,—10.) erweisen soll. Die Unabhängigkeit des; Beamten — unbeschadet der Aufsichtsrechte des Rabbinats') — muß dadurch gesichert sein, daß. die Gemeindeverbände ihn, besolden und an st eilen. Der Wanderlehrer soll „das Mädchen aus der Fremde" werden, dessen Kommen von allen freudig begrüßt wird und dessen Gehen eine fühlbar e L ü ck e h in t e r l ä ß t. — Wenn jetzt dem Wanderlehrer-Problem näher gerückt werden soll, dann müssen gleichzeitig auch die Verhältnisse in den F i l i a l g e m e i n d e n einer genauen Ueberprüfung unterzogen . werden. Das ist nur ein Akt der Gerechtigkeit^ , und die Filialgemeinden bedürfen aus demselben Grunde wie die zu bildenden Wanderlehrerbezirke tätigster Fürsorge. Denn die in der Nähe einer größeren Gemeinde liegenden kleineren Gemeinden werden, gerade durch das im Bayerischen Gemeindeverband beschlossene Recht der Gebietserweiterung der Kultusgemeinden, Filialen der Muttergemeinden bleiben. Bisher hat der Vorstand der kleineren Gemeinde in zumeist privater Vereinbarung den Beamten, der, größeren zur Uebernahme der Kultusverrichtungen verpflichtet. Dort wo die Verbände einen Lehrer zur Aushilfe aufstelltem griffen sie auch ganz schablonenmäßig nach dem nächst wohnenden. Eine Feststellung, inwieweil der Betreffende durch sein Hauptamt und der bisher mit diesem schon verbundenen Nebenstellen hinsichtlich Zeit und Kräfte gebunden war, wurdenicht gemacht. Daher kommt es, daß einem Beamten neben seinem Hauptamt zwei, drei, ja vier Filialgemeinden überantwortet sind. Und soweit der Lehrer mit deren Uebernahme nicht sein Einkommen steigern wollte, tat er es aus einer Zwangslage heraus. 'Mit einer derartig schematischen Regelung kann sich kein Verband zufrieden' geben. Trotz des aufgestellten Beamten gehen hier jüdische Werte und die Einrichtungen zugrunde. Was kann denn schon erhalten werden von einem Auf- und Ausbau ganz zu schweigen — wenn der Beamte wöchentlich in einem Nachmittage seine sämtlichen Funktionen in einer solchen Filialgemeinde erledigen soll? Nicht selten übrigens wird diese Zeitspanne noch beschnitten durch die Wetterlage oder Ankunft und Abfahrt des Bahnzuges. Zwischen einer Schechitoh und der anderen, abgehetzt und von der Zeit gedrängt, wird dann der Religionsunterricht ohne Sammlung und Würde absolviert werden müssen. Und die Schüler werten den Erwerb jüdischen Wissens bald ebensowenig wie ihre Eltern, denen die Versorgung mit Koscherfleisch zuvorderst im Magen — pardon — am Herzen liegt. Wenn diese das jüdische Leben in den Kleingemeinden so sehr schädigenden Verhältnisse glückhaft bezwungen werden sollen, so ist m. E. notwendig, daß jeder Gemeindeverband einen Anschuß einsetzt, der allein die Fragen der Aufteilung von Wander- und Filiallehrern der Löüng entgegenzuführen hat. Er müßte — immer m Benehmen mit den Gemeinden — WaUderehrbezirke zusammenstellen, die Unterrichtsstunden festlegen, deren Einhaltung nachprüfen lassen, für die Aufbringung des Gehalts sorgen und die Anstellungsverhältnisse des Beamten regeln. Die Distriktsrabbinate und -Ausschüsse können hierzu nur vorbereitende Arbeit leisten, weil nicht selten über verschiedene Bezirke hinüber gegriffen werden muß. Damit 0 Wenn sich der Bezirk des Wanderlehrers über mehrere Rabbinate -,.a erstreckt, wäre auch hierbei eine besondere Regelung zu treffen.

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