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Der Israelit · 1926-01-01 · Heft 1 (1.1.1926) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 1 (1.1.1926)
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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1. Januar 18-.6 lagen dcö Dinge in den anderen Gemeinden. Es war Stunde der Gefahr und keine Zeit für Trennung und Absonderung. Wer bei den damaligen Versammlungen zugegen war, konnte den Vulkan sehen, der feuersprühend mit Sturmgewält alles Altverpflanzte zu entwurzeln und zu vernichten suchte. So war es zwingende Notwendigkeit, sich an diesen Versammlungen zu beteiligen und die Anstürme aufzuhalten und abzuwehren. Anders aber verhält es sich in Jerusalem, das im Aufbau begriffen ist, wo unsere jüdischenc Brüder selbst das jüdische Leben ordnen und alles richten und regeln für alle Zukunft. Gewiß muß jetzt darauf Bedacht genommen fein, der Kehilla ein religiöses Gepräge auszudrücken und einen Rahmen zu schaffen, in dem die Ueberlieferung des jüdischen Volkes, feine Sitten und Bräuche gewahr: bleiben. Und nachdem die beiden Gerichrstöllexien und die dortigen Größen in die Bresche getreten sind, um ihr Gutachten im Sinne der Thora abzugeben, so ist es selbstverständliche Pflicht aller, die geraden .Herzens sind, und sich zu der Thora bekennen, auf ihre Stimme zu hören, in Erfüllung des Thorawortes: 'i3i -von rn „Du sollst nicht abweichen von . all dem, was sie dich lehren." Gebe nun Gott, daß aus Zion Israels Hilfe entsteht und in Erfüllung geht das Wort: „Und bringe zurück Deine Richter wie erstmals und Deine Ratgeber wie zu Anfang." Und möge Er uns Wunder erleben lasten, wie Er sie unseren Vätern erwiesen hat in jenen Tagen zu dieser Zeit. Unterzeichnet am 4. Chanukkatage 5686. Ehaim Oser Grodzenski. Mit dieser klaren Darstellung der Sachlage durch den berufenen Führer des östlichen Juventums dürfte dem Unfug der Ausspielung von Thoravertretern gegen Thoravertreter in dieser Sache einfür allemal ein Ende bereitet sein. Palästmafahrk. Von Älax Landau in Berlin. (Fortsetzung.) Fahrt landeinwärts, Kairo an. Hinter den gedämpften Scheiben der niedrigen englischen Wagen jagt das Land vorbei. Die Bahnstrecke läuft, in einiger Entfernung, dem Nil parallel; den. Fluß selbst kann man nicht sehen, aber sein Wasser fließt durch die vielen Kanäle, die das Land durchschneiden, und tränkt die fruchtbare Erde. Es ist, wie wenn das Land unter Wasser stände; rechts und links vom Geleise glänzen große Pfützen. Die charakteristischen Formen der Nilbarken, der Dahabijes, werden in der Ferne sichte bar. Fettes, fettes Land. Bebaute Felder, grüne Wiesen. Fellachendörser fliegen vorbei, es find Haufen elender Lehmhöhlen, von ein paar Palmen überschattet; schaudernd denkt man daran, daß hier Menschen wohnen müssen. Der einzige Schmuck sind die Fensterrahmen: bübsch viereckig und mit einem kräftigen Preußisch-Blau gestrichen, wie bei geschmacklosen Beamtenhäusern: überaus grotesk nimmt sich das in der Umgebung aus. Die sehr belebte Landstraße läuft gehorsam neben dem Bahndamm her. Viel Fußgängerver- D e r :\ 5 r o e i i r kehr, Kamelzüge, ab und zu faucht ein Auto vorbei. Biele Reiter aus Eseln, ein Bild, das immer wieder drollig wirkt, weil es so sehr unproportioniert ist: der große Mann auf dem kleinen, kurzen, mit kurzen Schrittchen dahertrappelnden Tier. Sitzt aber eine Frau oder ein Kind darauf, dünn sieht es allerliebst aus. Schlanke, unverschleierte Araberinnen tragen bauchige Krüge auf dem Kopf; mit braunem, edelgeformtem Arm stützen sie die Last oder rücken sie zurecht; in ihren zerlumpten Kleidern schreiten sie einher wie Königinnen bei einer Prozession. Kairo wird sichtbar. Die Stadt-liegt in einer Niederung, und aus dem Wagenfenster sieht man sie daliegen, El-Kahira, die siegreiche, triumphierende Stadt, mit ihren Türmen und Zinnen, die weit in der Sonne glänzen, majestätisch, stolz, imponierend, prahlerisch ‘ und aufmunternd, wie der Gastgeber eines reichen Gelages. Man versteht auf einmal die Rolle, welche die Stadt in orientalischen Märchen spielt, man begreift das Gefühl des Wüstenwanderers, wenn er nach mühsamer Fahrt von fern die Türme aufleuchten sieht: „Nun hat die Not ein Ende, denn hier sind Menschen, und hier ist Freude uno Glück; denn die Wüste ist Tod, und die Stadt ist das Leben." Wenn man sie ganz überschauen will, muß man zur alten Zitadelle hinaufgehen, von dort hat man einen herrlichen Blick über Kairo und seine Umgebung. Ein Meer flacher, weißer Dächer breitet sich aus, Kuppeln wölben sich, eine grüne Fläche tut sich auf — das ist der Ezbekieh-Garten — die Minarets spießen in die rötlich-weiße Luft hinein, wie spitze Nadeln, wie Flammenzungen, wie leise Aufschreie; hart an den Rand der lybischen Wüste ist Kairo hingebaut, ohne Abstufungen und ohne Uebergang; keine Baugelände, keine Fabriken, keine Gemüsegärten und Laubenkolonien stellen sich trennend dazwischen: bis hierher die Stadt, und dann beginnt gleich die unermeßliche, gelbe, sandige Wüste. Wie schwarze Schildwachhäuschen bewachen die Pyramiden die Grenze zwischen beiden Reichen. Es ist, als ob eine seltsame Laune der Götter dies so geschaffen hätte: die rauschende, kochende, brandende Stadt neben der unheimlichen Totenstille der Wüste. So liegen sie, zwei riesige Raubtiere, einander gegenüber, lauernd, höhnisch und unbesiegbar, Aug in Aug, die Stadt und die Wüste. Kairo selbst ist auf einer Spannung aufgebaut. Es besteht aus zwei Städten, nein, zwei Welten, die nichts Gemeinsames verbindet, und die aus irgendwelchen Gründen unter dem Namen Kairo zusamengekoppelt sind: aus einer alten arabischen Stadt, in der der Zauber und Nr. 1 Seile 3 das Geheimnis des Orients lebendig ist, in der die Vergangenheit schwirrt, und in die sich der islamitische Geist tief und weitausladend eingesenkt hat, — und aus einer blitzblanken europäischen Metropole mit allen Schikanen, die sic dicht daneben gesetzt hat. Aber jede für sich imponiert. Die Europäerstadt ist dem alten Adel jener in einer anderen Sphäre ebenbürtig: durch die harte Intensität, mit der sie die Neuzeit in sich ausgenommen hat, und durch die Großartigkeit, mit der sie ihr, in orientalischen Maßen potenziert, in ihrem ganzen Umfang Ausdruck gegebei hat. Hier enttäuscht nicht mehr, wie in Alexandrien, Parvenutum und Talmi-Eleganz, sondern oues ist reich, verschwenderisch, großzügig, alles ist von großem Wurf, alles verrät die breite, offene Hand, die Verachtung des Surrogats und der Wohlfeilheit, die Abneigung gegen jede Knauserei, die großzügige aristokratische Haltung, wie sie in diesem Ausmaß nur noch im alten zaristischen Rußland bestanden hat. Es gibt donnernde Geschäftsstraßen mit sechs- und siebenstöckigen Fassaden, repräsentative Avenuen mit vornehmen Regierungsgebäuden, stiue, distinguierte Alleen mit weißen, in Parks versteckten Villen, und graue Straßenzüge, die man sich ebensogut im Faubourg St.-Germain oder in Wilmersdorf denken könnte. Allein was es in Wilmersdorf nicht gibt, — das sind Plätze und Squares von ungeheurer, großartiger Raumverschwendung — nur noch die alten Habsburger noch die Renaissancefürsten kannten sowas —, Hotels von phantastischem Luxus, Geschäftsläden, nicht schmissig aufgemacht, sondern intim und reizvoll ausgestattet wie die Bonbonnieren. (Fortsetzung folgt.) Aufwege zu idealer Weltanschauung. Von Rabbiner Dr. A. Hohen in Schönkauke. Seit die erdgebundene monistische Weltanschauung besteht, wurden die drei Möglichkeiten ihres Aussterbens erörtert: Sie würde sich selber ad absurdum führen, indem sie unter d^n^Händen unschöpferischer Epigonen sich totlaufen maß, oder sie würde auf mühselig steilem induktivem Wege eine Ahnung des außerweltlichen Weltengeistes erklimmen, oder schließlich würde sich, ähnlich wie im Kantschen Gedankenreiche, das ethische Bewußtsein der denkenden Menschheit gegen den trostlosen und zur Tiernatur herniederziehenden Grundcharakter des Materialismus und seines getreuen Schergen Pessimismus auflehnen und beide entthronen und ins Schattenreich der Vergessenheit versinken lassen. Da wir nun heutzutttlsssn. und bte überraschend schnelle Verbreitung, die das Werk ZMÄLgr ml ruH in öen ßänDorn Dös Asiens, sogar bis naAj Ärnerrka \yin, tzüt, ljflt meiner damals zum Ausdruck gebrachten Meinung Recht gegeben. Besonders die mit dem Jugendunterricht Befaßten freuten sich darüber, nunmehr ihren Zöglingen ein Lehrbuch in die Hand geben zu können, das in gefälliger äußerer Ausmachung wesentliche Verbesserungen, wie die Ausmerzung der vielen Abkürzungen und die Verdolmetschung aller weniger gebräuchlichen und schwer verständlichen Ausdrücke und so manche andere Vorzüge aufwies. Mit nicht geringer Spannung sah man in Fachkreisen dem zweiten Teil des Werkes entgegen. Der erste Teil hat mit den Sabbatgesetzen seinen Abschluß gefunden, während die Bearbeitung der ganzen Festgesetzgebung, der Anordnungen über geschäftlichen Verkehr, der im Eheleben zu beobachtenden Gesetze, über das Verhalten bei Familienfesten, in Krankheitsfällen und bei den traurigen Anlässen des Lebens, noch ausstand.. Nun ist dieser zweite Teil erschienen. Er stellt einen stattlichen, umfangreichen Band dar und er enthält des Wissenswerten eine außerordentliche Menge. Welche Vorteile in der originellen Methode des Verfassers liegen, den an sich spröden Stoff durch Illustrationen anschaulich, und durch spezielle Bezugnahme auf die Probleme, welche das moderne Leben und die Fortschritte der Wissenschaft der religiösen Praxis zu lösen geben, interessant zu machen, das tritt in diesem zweiten Teil mit noch viel größerer Deutlichkeit in die Erscheinung. Wenn ich einen Augenblick bei den Illustrationen verweile, dann möchte ich betonen, daß z. B. die Wiedergabe der vier Pflanzenarten des Feststraußes am Hüttey- " fest eine besonders gelungene ist. Eine sehr schwierige Ausgabe hat sich der Autor gestellt, als er es unternahm, das Bild einer Mikwe wiederzugeben. Er tut es nur mit einer Bemerkung, die be- WM. killst Qr m Dßi Toitöam lllitMlllWll einer aei mW» inneren MunMtzigung. nicht eitoohren rann. Selbstverständlich kann der Vau und die Einrichtung einer solchen Institution von fundamentaler Bedeutung für das Judentum nur von großen Gelehrten, die ihre Kenntnisse nicht aus kleinen Repertorien, sondern aus dem Talmud selbst und den Religionskodizes geschöpft haben, ausgeführt und überwacht werden. Aber der Verfasser denkt an die vielen kleinen Gemeinden, vor allem in außereuropäischen Ländern, die nicht die Möglichkeit haben, sich einen bedeutenden Talmudisten zu verschreiben. Auch sie sollen in die Lage gesetzt werden, im Notfall sich selber helfen zu können. Und da sieht man denn an der Illustration ganz klar, wie diese heilige Einrichtung gestaltet ist, wie man ein Regenwasserreservoir schafft und dasselbe durch einen kleinen Verbindungskanal mit dem ins Bassin eingelassenen Leitungswasser in Verbindung setzt und so der religionsgesetzlichen Forderung Genüge tut. Aber wesentlicher erscheinen mir noch die Hinweise, die in der „Mezudas Dowid" überschriebenen Erklärung gegeben sind. Da finden solche Fagen ihre Lösung, die erst in den letzten Jahrzehnten aufgetaucht sind. Wenn z. B. von der Peinlichkeit, mit welcher der religiöse Mensch seine geschäftlichen Beziehungen regelt, die Rede ist, von der Genauigkeit, mit welcher — von den Vorschriften des BGB. abgesehen — der fromme Jude von Religions wegen jeden Schein, jedes Aktenstück behandelt, so wird dqbei auch auseinandergesetzt, welche Bedeutung in dieser Beziehung dem Wechsel, dem Akzept oder der kaufmännischen Faktura zukommen. Bei der Besprechung von Speisevorschriften, speziell derjenigen, die für das Pessachfest in. Frage kommen, finden wir eine Mitteilung darüber, ob die Zusammensetzung bestimmter, stark in Gebrauch befindlicher Medizinen sie zur Verwendung am Feste untauglich machen. Da ist von Aspirin, von Pyramidon, von Zahnpasta und von Sacharintabletten me NM: m irt entauimö}: MW große MkskWkl Her Verfasser, gerade in der allermavernsren Newvnsciu literatur, die sich naturgemäß mit solchen Gegenwartsfragen befaßt, zeigt. Die Krönung des Werkes sind dann die am Ende desselben angefügten Uebersichten über die im religiösen Leben gebräuchlichen Formulare für Verlobungs- und Ehekontrakte, Chaliza und Bevollmächtigungsscheine, für Atteste, die die Einsetzung von Bürgschaften oder Vermächtnissen zum Gegenstand haben. Ferner sei auf die Tabellen hingewiesen, die eine vergleichende Uebersicht über Hohlnud Längenmaße, über Zeit- und Raummessungen, über Münzen und Gewichte ermöglichen. Alle in Bibel und Talmud angeführten, Zeiten und Maße betreffenden Anordnungen sind alphabetisch geordnet, mit Belegstellen versehen und genau nach den im bürgerlichen Leben gebräuchlichen Zeit- und Maßbestimmungen berechnet. Am*, der jüdische Kalender findet liebevolle Behänd' luac. *■' . Das letzte Kapitel des Buches ist eine Lehre der Mnemotechnik vom jüdischen Standpunkt aus. Wie man sein Gedächtnis stärken und der Vergeßlichkeit entgegenwirken kann, darüber gibt der Verfasser anregende und interessante Fingerzeige. Das Buch in seiner jetzigen Vollendung bedeutet eine wesentliche Bereicherung unserer Literatur. Es gehörte gewiß ein großer Wagemut dazu, in heutiger Zeit so große Mittel für die Drucklegung zu riskieren. Der Verfasser hat es offenbar im Vertrauen darauf getan, daß die an Thora und Awoda Interessierten gerne ein kleines Opfer bringen werden, um sich in den Besitz eines Werkes von solch wertvollem Inhalt und praktischer Verwendbarkeit zu setzen. Möge er sich in dieser Hoffnung nicht getäuscht haben.

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