Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1925)
- Date
- 1925-12-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Teile 6 Nr. 52 Der Israelit 24,, Dezember 1925 V, Damit war die Tagesordnung erschöpft. Der Vorsitzende dankte allen für ihr treues Aushalten und ihre rege Beteiligung an den Verhandlungen. Mit einem Dank an den Leiter der Konferenz trennte man sich. Psleir. Steiger freigesprochen! Lemberg, 17. Dez. Heute, 4 Uhr nachmitags, wurde das Urteil im Prozeß Steiger gesprochen. Die Geschworenen verneinten mit a ch t gegen vier Stimmen dieFrageaufMordversuch, ebenso die Frage auf Uebertretung des Spreng st offgesetzes. Die Beantwortung der dritten Frage auf tückischen Mordversuch entfiel. Daraufhin verkündete der Vorsitzende, daß Stanislaw Steiger sreigesprochen ist. Ueber die letzten Kämpfe zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung wird noch berichtet: Die Erwartung, daß am Mittwoch abend das Urteil im Prozeß Steiger gesprochen wurde, hat sich nicht erfüllt. Der Urteilsspruch erfolgte erst Donnerstag nachmittag. Die Spannung erreichte ihren Höhepunkt. Doch blieb alles ruhig. Der Staatsanwalt drückte in seiner Anklagerede immer noch seine Ueberzeugung aus, daß Steiger das Attentat verübt habe. Er schlug nationalistische Töne an, sprach mit Hohn von der Rechtfertigung des Angeklagten, suchte mancher harmlosen Erklärung Steigers eine besondere Deutung zu geben und schilderte Steiger als einen Kommunisten, der für die Aufhebung der territorialen, nationalen und religiösen Grenzen kämpfen wollte und die Bombe gegen den vom polnischen Volk frei gewählten Präsidenten schleuderte, um sich Genugtuung für seine Zurücksetzung zu verschaffen. Dabei betonte er, man sitze hier nicht über das Judentum, dem Steiger angehört, zu Gericht, sondern einzig gegen die Person Steigers, über dessen Täterschaft kein Zweifel bestehen könne. Der Staatsanwalt suchte auf die Geschworenen durch die Mitteilung zu wirken, daß von den vier militärischen Richtern des Standgerichtes drei für die Verurteilung Steigers und den Vollzug der Todesstrafe im Verlauf von zwei Stunden gestimmt haben. Aber nur weil ein Standgerichtsurteil einstimmig gefaßt werden muß, wurde die Angelegenheit dem Schwurgericht überlassen. Geheime Regisseure, setzte der Staatsanwalt fort, waren am Werke, um den Gang der Untersuchung und der Gerichtsverhandlung zu erschweren. Zuerst schickte man Mikietin vor, jetzt Olszanski. Ohne diese Störungen wäre der Prozeß schon längst zu Ende und Steiger hätte sein verdientes Schicksal gefunden. Der Staatsanwalt charakterisierte den Konflikt zwischen der politischen und der Kriminalpolizei und nahm entschieden Partei für Lukomski und Kaidan und gegen Savicki. Die politische Polizei, sagte er, mar zu kritiklos, als sie das Verbrechen Ukrainern zuschrieb. Der Staatsanwalt charakterisiert die Aussagen der Belastungszeugen, die einen Mann in hellem Mantel gesehen haben. Steiger selbst gibt zu, daß in dem ganzen Umkreis kein anderer als er einen hellen Mantel getragen hat. Folglich kann kein anderer als Steiger dis Bombe geschleudert haben. Was die Entlastungszeugen betrifft, so haben sie ihre Augen betrogen. Von der Frau Orlicka aber kann man sagen, daß ihr ganzes Wesen Lüge sei. Die Erklärungen der Pasternak und der Ledl haben dagegen eine spezifische Beweiskraft. Die Aussagen der Pasternak seien Granit, an dem die Verteidigung die Zähne perloren hat. Sie sei eine Märtyrerin, die einen Weg voller Dornen für die Wahrheit gegangen ist. Sie sei geradezu verliebt in die Wahrheit, und man müsse sie hüten, daß sie nicht ihrer Wahrheitsliebe zum Opfer fällt. Ueber die Aussagen der Frau Ledl dürfe kein Zweifel bestehen,- sie sei eine religiöse Frau, und der Schwur sei ihr heilig. Olszanskis Erklärung sei keine Bedeutung beizulegen. Warum meldete er sich nicht, als das Standgericht gegen Steiger verhandelte? Zum Schlüsse appellierte der Staatsanwalt an die Geschworenen, sämtliche drei Schuldfragen zu bejahen. Der Verteidigung fiel es nicht sonderlich schwer, der Wahrheit all diesen Verdrehungen gegenüber zum Siege zu verhelfen. Trotz aller Drohungen von antisemitischer Seite wird der Freispruch vom Volke in seinen Massen als Wahrspruch mit Ruhe, auch mit Jubel ausgenommen. Polens Juden rufen Amerika um HNse an. Warschau, 12. Dezember. Auf einer Tagung des Oberrats der Zionistischen Or- 'ganisation ganz Polens referierte Dr. K l u m e l über die Lage und kam zu dem Schluffe, daß die jüdische Bevölkerung an den Rand eines wirtschaftlichen Abgrundes gelangt sei. Drei Millionen Menschen sitzen zusammengepreßt, in äußerster Not, ohne Ausweg, ohne die Möglichkeit auszuwandern. Er empfahl, sich an die Judenschaft in Amerika mit einem Appell um Hilfe zu wenden. Der Verband der jüdischen Berufsgenossenschaft Polens, dem mehr als 70 000 Handwerker und Kleinhändler angehören, wandte sich an das Joint Distribution Committee in Amerika mit dem Appell, angesichts der unerträglichen Wirtschaftslage der Juden in Polen ein besonderes Augenmerk auf die Wiederausbauarbeit in diesem Lande zu lenken. 250 Berufsgenoffenschaften der Handwerker und Kleinhändler sind zur Untätigkeit verurteilt, weil die letzten Reste der jüdischen Ersparnisse aufgezehrt sind. Wenn nicht Kredite vom Ausland kommen, so wird der größte Teil der polnischen Juden dem Hungertode verfallen. Der Sabbat im Kaufmännischen Verbände. Wilna, 2. Dezember. Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß man heute in Wilna schon um den Sabbat kämpfen und werben muß. Da es aber einmal sein muß, so ist es auf der anderen Seite erfreulich, daß es in intensiver Weise geschieht. Eine große Versammlung, an der sich am Dienstagabend die Vertreter aller Branchen beteiligten, sah an ihrer Spitze neben Rabbi Chajim Oser Grodzenski auch den „Chosez Chajim". Der greise Rabbi sprach mit jugendlichem Feuer, da er auf die Gefahren für den Sabbat zu reden kam. Daß er aus seine alten Tage es noch erleben mußte, vor Juden für den Sabbat zu agitieren, sei die größte Tragik seines Lebens. Ihm folgte mit einer hinreißenden Rede der Stadtmaggid, Rabbi Menachem K r a k o w s k i. Nachdem noch einige Kausleute zu Worte gekommen waren, wurde eine Resolution angenommen in dem Sinne, daß die versammelten Kaufleute mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln jedem Versuch der Sabbatentweihung, sei es durch selbständige Kaufteute oder durch Angestellte, entgegentreten wollten. LvankrrieH. Das Natvralisattorisgesetz. Paris, 6. Dezember. Das von der Deputiertenkammer vor kurzem angenommene Naturalisationsgesetz fand auch eine Mehrheit im Senat. Durch das neue Gesetz wird für etwa 100 000 Auslandsjuden die Möglichkeit geschaffen, französische Bürger zu werden. Die neuen Satzungen gelten auch für viele Tausende russischer Juden, die erst in der Zeit nach der Revolution nach Frankreich gekommen waren. — Noch vor Annahme dieses Gesetzes hat die französische Regierung in der Frage der Naturalisation eine milde Praxis befolgt. In den letzten zwei Jahren z. B. wurden mehr als 20 000 Ausländer, unter ihnen eine große Anzahl Juden, in Frankreich naturalisiert. Nach dem neuen Gesetz kann jeder über 18 Jahre alte Ausländer nach dreijährigem Aufenthalt in Frankreich um die Naturalisation ansuchen. Ausländer, die sich aus irgend einem Gebiete hervorgetan oder in einer Armee der Alliierten gedient haben, das Diplom einer französischen Hochschule besitzen oder eine Che mit einer Französin eingehen, können schon nach einjährigem Aufenthalt in Frankreich französische Bürger werden. Begnadigung der verurteilten Schächter. Minsk, 7. Dezember. Der im vorigen Jahre zu drei Jahren Gefängnis verurteilte Schächter Jacob Teoje Rappaport wurde begnadigt und aus der Haft entlassen. Man erwartet, daß auch die zwei anderen gleichzeitig verurteilten Schächter Zaitschik und Swerzhanowsky demnächst begnadigt werden. Der Prozeß gegen die drei Schächter in Minsk, die beschuldigt waren, einen gewissen Weinhaus, genannt „Haman", angestrftet zu haben, den sogenannten „proletarischen Schochet" Drojkin zu ermorden, hat seinerzeit in Rußland und im Ausland großes Aufsehen erregt. Alle drei Angeklagten leugneten jede Schuld. Gegen sie stand nur die Aussage des übel beleumdeten Jndividiums Weinhaus-Haman. Sogar der das Schochtim- Kartell bekämpfende Drojkin, gegen den sich das Komplott angeblich gerichtet hatte, sagte aus, er traue seinen Schochtim-Genossen eine solche böse Absicht nicht zu. Sowjetrussisches. Moskau, 24. November. Der Zentralrat der nationalen Minderheiten hat in Anbetracht dessen, daß die Juden der Stadt Berditschew 72 Prozent der Stadtbevölkerung ausmachen, beschlossen, daß die Geschäftssprache des Stadtrates neben Ukrainisch auch Jiddisch sein soll. Stadtverwaltung, Polizeibehörde, Gesundheitsamt und Steueramt wurden instruiert, sich bei ihren Arbeiten der jiddischen Sprache in Wort und Schrift zu bedienen. Das ukrainische Justizkommissariat gab soeben das Gesetzbuch der Union der Sowjetrepubliken in jiddischer Sprache heraus. In einer halbamtlichen Mitteilung heißt es, diese Ausgabe fei in Anbetracht des rapiden Wachstums der jüdischen Bauernschaft in der Ukraine notwendig geworden. — Wie schön wäre es, wenn die Sowjetregierung etwa auf den Sabbat und andere Heiligtümer der Juden soviel Rücksicht nehmen möchte wie auf ihre „jiddische Sprache!" * Die Wahlen zur Delegiertenverfammlung. Jerusalem, 10. Dezember. Der Verlauf der Wahlbewegung zur Ahesas haniwchorim und das Ergebnis der Wahlen selbst darf nicht nur als ein ungeheurer moralischer Sieg der „Agudas Jisroel", sondern als ein 2--212 vDN viip gefeiert werden. Die Dinge hatten sich durch die widerspruchsvolle Politik des „Misrachi" und das konsequente Schweigen des Oberrabbinats zur brennendsten religiösen Frage des Tages derart kompliziert, daß die in der Mitte stehenden, politisch ungeschulten und religiös jedem Kamps abgeneigten Volkskreise zunächst überhaupt nicht wußten, was sie tun sollten. Es war von vornherein nicht abzuschätzen, ob diese Kreise der Misrachi-Parole mit ihrem Appell an die nationalen Einheits-Instinkte folgen und sich an der Wahl beteiligen oder ob sie, getreu den rabbinischen Mahnrufen, Widerstandskraft genug besitzen würden, um dem neuen „Waad leumi" die Vollmacht zu verweigern. Es war ein Kampf zwischen nationaler Phrase und religiöser Treue, der hier in die Seele jedes Einzelnen hineingetragen wurde und dessen Ausgang Zeugnis ablegen mußte für den Grad der Autorität, die die Thora und ihre Träger im Kreise des jüdischen Palästina heute noch oder besser heute bereits genießen. Es bedeutet eine starke Ermutigung für alle diejenigen, die das schwere Werk der religiös-politischen Erziehung der Massen auf sich genommen haben, daß die Wahl mit einer vollendeten Niederlage des „W a a d leumi" geendet hat. Nicht einmal die Hälfte der Wahlberechtigten hat -abgestimmt; die neugewählte „Aßefas haniwchorim" mit ihren weiblichen Mitgliedern und ihrem starken Einschlag grundsätzlicher Leugner und Feinde des Thoragesetzes ist eine Minderheitsvertretung, der — bei gerechter Würdigung der Motive zur Wahlenthaltung — keine Regierung das Recht zur Vertretung der diffentierenden Mehrheit zuerkennen kann. Großen Eindruck auf die Wähler machten nach den Kundgebungen der palästinensischen Rabbinen einschließlich der Mitglieder des Kuk'schen Besdin im letzten Augenblick noch die kurze und entschiedene Erklärung des Dwinsker Gaons, des Chofez Chajim, des Rogatschower Jlui und der Rabbinen von Riga und Frankfurt sowie das zu Herzen sprechende Sendschreiben des Wilnaer Raws, das nicht den Standpunkt der Halacha, um so nachdrücklicher aber den dem Geiste des Judentums widersprechenden Charakter der wm rrvni unterstreicht. Die palästinensische Aguda zeigte sich am Wahltage owie an den Tagen voher ganz auf der Höhe ihrer Aufgabe. Ein. Heer junger Leute aus den Jugendgruppen hatte sich in den Dienst der Aufklärungsarbeit gestellt und verteilte Bekanntmachungen und Zettel, die das Verbot der Wahlbeteiligung in die Massen hineintrugen. Auch die Gegner waren natürlich nicht müßig, so daßzuweilen, ohne daß ernstere Zwischenfälle vorkamen, die Polizei Ordnung stiften mußte. Die politischen Folgen der Wahl lassen sich noch« nicht übersehen. Wäre die palästinensische Orthodoxie