Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1925)
- Date
- 1925-12-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 52 Teile 5 24. Dezember 1925 lungsstelle befördert würden, so müßten bei jeder Sendung genaue Angaben über den Truppenteil, der sie übersandt, sowie weitere Einzelheiten Über das Todesdatum usw. beigefügt werden." Aus diesem Tagesbefehl zog man den „Beweis", daß in Deutschland Menschenleichen zur Fettgewinnung Verwertung gefunden. Der Kampf gegen das lächerliche Märchen ruhte nicht und führte endlich zum Siege. Reichskanzler Dr. Luther und Minister Dr. Stresemann besuchten nm 2. Dezember das britische Unterhaus und Hörten den größten Teil der Debatte von der Loge für ausländische Ehrengäste mit an. Wählend ihrer Anwesenheit fragte Arthur Henderson im Aufträge Macdonalds den Außenminister "Chamberlain, ob er bereit sei, eine Mitteilung über die während des Krieges entstandene Geschichte von der Leichenverwertungsanstalt zu machen. Chamberlain entgegnete: Der Kanzler des Deutschen Reiches hat mich ermächtigt, im Namen der Deutschen Regierungg zu erklären, daß diese Angelegenheit jeglicher Grundlage entbehre. Mein Wunsch ist es, im Namen Seiner Majestät hin^uzufügen, daß ich diese Richtigstellung annehme. Ich hoffe, daß keine weiteren falschen Gerüchte entstehen mögen. — Diese Erklärung Chamberlains wurde vom Unterhaus mit lautem Beifall ausgenommen. Wir Juden nehmen an der Richtigstellung der blöden Verleumdung den gleichen Anteil wie alle übrigen deutschen Staatsbürger. Aber eine Parallele drängt sich uns unwillkürlich auf: Hätte man nicht schon längst mit dem gleichen Eifer regierungsseitig all den Lügen und Verleumdungen entgegentreten können, die sich wie eine Schlammflut über die deutschen Juden ergietzen? Stehen sie nicht — mindestens — auf gleich tiefer Stufe wie die Kadaverlüge? Man denke nur an das Ritualmordmärchen, an den Tantener Prozeß (1892) und an Könitz (1902). Me die wakkeren Männer in Ehren, welche das scharfe Schwert der Wahrheit geschwungen. Ewiger 'Ruhm und nie erlöschende Dankbarkeit ist ihnen sicher. Aber es waren immer nur Einzelne, die da für uns gekämpft. Eine offene, klare, ehrliche Stellungnahme seitens der Regierungsorgane, wie das in London geschehen, das fehlte, und damit auch die Wirkung. Man überließ die Juden nicht nur ihrem Schicksal, bzw. der entfesselten antisemitischen Meute, es hatte vielfach den Anschein, als ob man die Hetze und Lüge gar nicht so ungern sehe. Es kann dies hundertfach bewiesen werden, namentlich an gerichtlichen Erkenntnissen. Dabei handelt es sich nicht um zwei Nationen, die sich vor kurzem noch aufs Leben bekriegten, wie Deutsche und Engländer, sondern um die eigenen Landeskinder, Mitbürger, die gleich ten den benachbarten jüdischen Gemeinden in der Schweiz und in Baden als Friedhof gedient hat, nunmehr von den alten Grabsteinen fast vollständig entblößt ist. Die Grabsteine sind entweder vom Hochwasser des Rheines weggeschwemmt oder gestohlen worden. Sogar Schweizer seien mit Nachen herübergekommen und hätten Steine geholt, um sie im Häuserbau zu verwenden. Der Badische Qberrrat der Israeliten hat der Staatsanwaltschaft Waldshut Meldung gemacht, daß die Steine gestohlen wurden, die Ruhestätte also geschändet worden ist. Die Nachforschungen der Staatsanwaltschaft ergaben, daß wirklich viele Steine weggeholt worden waren und daß versucht worden ist, auch die letzten zwei bis drei Steins wegzuschaffen. Die Staatsanwaltschaft versprach,- der Sache ein Augenmerk zu widmen. Lehrer Simon schließt: „Ob aber unterdessen auf der abgelegenen Insel nicht .auch der letzte sichtbare Rest jüdischer „Grenzgeschichte" verschwunden ist, wer weiß? . . ." Wochenkalender. vom 26. Dez. 1925 bis 3. Ja«. 1936. vom 9.—16. Teweth 5686 Samstag Dez. 26 9 N2V Sonntag 27 10 fntn mwjr Montag 28 11 Dienstag 29 12 Mittwoch 30 13 Donnerstag 31 14 Freitag Jan. 1 15 Neujahr 1936 Samstag 2 'N'l 16 Der Israelit allen ihre staatlichen Pflichten erfüllt, die ihr Gut und Blut von je fürs Vaterland geopfert wie alle, alle andern. Hindenburg führte bisher sein hohes Amt in korrekter Weise, wie auch seine ehemaligen Gegner anerkennen. Wenn bei seiner Wahl sich die Juden nicht für ihn erwärmen konnten, so waren nicht allein seine Schildträger, die Rechtsparteien, daran schuld, sondern vor allem auch das eisige Schweigen, in das er sich gehüllt, wenn die vaterländischen Verbände jüdische Helden verunglimpften, jüdische Heldengräber besudelten. Wie hätte da gerade ein Wort aus solchem Munde, zu rechter Zeit und am rech, ten Orte wie ein Keulenfchlag wirken können. Es blieb aus. Man schwieg, schwieg bis heute, trotz der Gefahr, daß man dies als beredtes Schweigen deuten könnte. In London konnte man reden. Es handelte sich dort nicht „nur um Juden." Im Parlamente sollten die Anwälte des Rechtes und der Gerechtigkeit, die Verfechter der Wahrheit nicht müde werden, auf dies zweierlei Maß hinzuweifen. Wenn man will, kann man Lügen bekämpfen. London zeigte das. {orrespMdenzea Hacbricimn Slellenvermitklungszenkrale der Agudas Jisroel Jugendorganisation. Frankfurt a. M., 18. Dezember. Die Stellenvermittlungszentrale der Agudas Jisroel Jugendorganisation Frankfurt a. M., Rothschildallee 38, teilt uns mit, daß sie durch Verfügung vom 2. Dezember 1926 des Landesamtes für Arbeitsvermittlung als nichtgewerbsmäßiger Arbeitsnachweis anerkannt wurde. Die Stellenvermittlungszentrale bittet alle Arbeitgeber, die an Sabbat und Feiertagen freigeben, ihr stets unverzüglich alle vakanten Stellen zu melden. Gegenwärtig werden insbesondere Stellen für Buchhalter, Stenotypistinnen sowie Lehrstellen in kaufmännischen und handwerklichen Betrieben gesucht. Jahresversammlung der Israelitischen Lehrerkonferenz Hessens. Cassel, 15. Dezember. Der Vorsitzende. Schaumberg -Neukirchen eröffnete im Saale des Hotel Mayer, Cassel, die 53. Jahresversammlung. Unter Zugrundelegung des Hillelschen Wortes: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?", richtete er Worte der Begrüßung an die erschienenen Gäste und Kollegen. Er wies auf die Bedeutung der Jahresversammlungen hin, die besonders in den Zeiten beruflicher und wirtschaftlicher Not den Gemeinschaftsgedanken wecken und dazu berufen seien, die geistigen und materiellen Interessen zu stärken. Landrabbiner Dr. Walter-Cassel dankte im Namen des Casseler Vorsteheramtes für die Einladung und freundliche Begrüßung, betonend, daß er auch zugleich im Aufträge des Herrn Justizrats Dr. Rothfels-Cassel und des Herrn Bankier Blumenthal-Cassel sowie der Herren Provinzialrabbiner Dr. Cohn-Marburg, Dr. Gradewitz. Hanau für die von diesen Herren vertretenen Vorsteherämter spreche. Besonderen Eindruck auf die Versammlung machten die Ausführungen des als Vertreter des Geschäftsführenden Ausschusses des Hessischen Volksschullehrervereins anwesenden Obmanns der Junglehrer, des Lehrers T r e i b e r t -Besse, der auch Vertreter der Interessen, der jüdischen Volksschulen und ihrer Lehrer im Bezirks-Lehrerrat ist. Er anerkannte, daß die in der Israelitischen Lehrerkonferenz zusammengeschlossenen jüdischen Lehrer stets wertvolle Einzelmitglieder des Hessischen Volksschullehrervereins gewesen seien. Er verurteilte scharf den aus Rassenfanatismus hervorgegangenen antisemitischen Geist, der sich in weiten Kreisen breit mache. Ferner mies er aus die hohe Bedeutung jüdischer Geistesarbeit hin, die sich mit deutscher Geistesarbeit und deutscher Kultur vereinigen müssen. „Eiterbeulen, wo sie sich auch zeigen, müssen beseitigt werden." Ungerecht und unvernünftig sei es, gegen jemanden seines Glaubens willen ein Verdammungsurteil zu sprechen." Diesen trefflichen Worten Treiberts folgte ein mächtiger Beifallssturm. Darauf nahm der Referent des Tages, Schuster- Großkrotzenburg, das Wort zu seinem fast einstündigen Vortrag: Aufbau des jüdischen Unterrichts. Vom Lesen unvokalisierter, den Kindern bekannter, Stoffe aus (z. B. im Tikun) will der Referent die Kinder während der Zeit des volksschulpflichtigen Alters befähigen, Kizzur, Mischna und Raschi zu „lernen", wie er überhaupt den gesamten jüdischen Unterricht darauf einstellen will, daß er zum „Lernen" führt. Da die Forderungen Schusters Einzelnen weit über das derzeitige Lehrziel hinausgehend scheinen, rief sein Vortrag eine ausgedehnte Debatte hervor. Der Vorsitzende dankte dem Vortragenden für seine fleißige Arbeit und hob hervor, daß Schuster in seinem früheren Wirkungsorte dieses Ziel tatsächlich erreicht habe. Er habe neue Ziele ausgestellt und neue Wege gewiesen, glaube aber, daß die Erreichung solcher Ziele in weite Ferne gerückt sei und bezweifle, daß jeder Lehrer, und daß man überall auf Erfolg rechnen könne. An der weiteren Debatte beteiligten sich: Rabbiner Dr. C o h n - Marburg, Gans -Niederaula, E m a n u e l -Hersfeld, O p p e n h e i m-Rhina, R o s e n b u s ch-Bebra, K r o h n- Fritzlar u. v. a. Nach dem Schlußwort des Referenten wurde ein gemeinsames Mahl eingenommen. Nach e'mstündiger Pause wurde wieder in die Tagesordnung eingetreten. Gans -Niederaula erstattete den Kassenbericht. Die Kasse hat einen Bestand von 61.45 Mark. Die Versammlung setzte den Jahresbeitrag für 1926 auf 4 Mark fest. Nachdem Wiesenfelder -Sontra und E m a - n u e l -Hersfeld die Kaffe geprüft hatten, wurde dem Rechnungsführer Entlastung erteilt. P e r l st e i n -Gudensberg legt den Rechenschaftsbericht der Hilfskafse Esra vor. Die Kaffe hat Großes nicht leisten können, weil sie stets im Zeichen des Geldmangels stand. Perlstein stellt den Antrag auf Auflösung der Kasse. Oppenheim-Rhina tritt diesem Antrag entgegen und ersucht die Mitglieder, durch pünktliche Beitragszahlung und Zuweisung von Spenden die Kasse lebensfähig zu machen. Rosenbusch regt eine Esra- Woche in den S'lichostagen an. Es folgt der Jahresbericht, erstattet vom Vorsitzenden. Der Jahresbericht steht unter dem Eindruck des immer fühlbarer werdenden Abbaus jüdischer Volksschulstellen in Hessen. Von 71 Stellen sind 26 Stellen (37 Prozent aller Stellen) seit Kriegsende abgebaut worden: Im Vorsteheramtsbezirk Cassel von 29 Stellen 11 (38 Prozent), im Vorsteheramtsbezirk Fulda von 15 Stellen 10 (62,^Prozent), im Vorsteheramtsbezirk Hanau von 9 Stellen 4 (44,5 Prozent), im Vorsteheramtsbezirk Marburg von 17 Stellen 8 (47 Prozent). Weiterer Abbau wird leider infolge Kindermangel folgen. Viele Kollegen traten infolge des Abbaus in den endgültigen bzw. einstweiligen Ruhestand. Durch den Tod verlor der Verein die Mitglieder Bachenheimer-Kirchhain, Strauß-Gelnhausen und Hecht-Tann, deren Andenken die Anwesenden durch Erheben von den Sitzen ehrten. Infolge seiner Versetzung in den einstweiligen Ruhestand trat Neuhaus- Fritzlar aus dem Geschäftsführenden Ausschuß aus. Für den versetzten Kollegen Schuster-Großkrotzenburg trat Oppenheim-Rhina in den Ausschuß ein. Ein Antrag Pfifferling-Marburg, wegen höherer Besoldung des Vorbeteramtes vorstellig zu werden, fand Annahme, ebenso der von Oppenheim-Rhina begründete Antrag des Ausschusses: „Der Vortrag soll in der Regel alsbald nach der Begrüßung gehalten werden." Ein Antrag H e i l b r u n n -Caffel, der den Anschluß an den Lehrer-Verband fordert, wird den Bezirksoereinen zur Vorberatung überwiesen. H e i l b r u n n - Cassel bittet im Namen von Frau Kom.-Rat Wertheim um Mitarbeit der jüdischen Lehrer in der Wohlfahrtspflege (nach den neuen Wohlfahrtsgefetzm). Dann wurde zur Vorstandswahl geschritten. Schaumberg-Neukirchen, Gans-Niederaula und Rosenbusch-Bebra wurden in den Geschäftsführenden Ausschuß gewählt. Es war nicht leicht, den Vorsitzenden zur Weiterführung der Vereinsgeschäfte zu bewogen. Leider erschweren viele Kollegen durch ihre Interesselosigkeit die Führung der Geschäfte. Nicht allein, daß sie bei allen Versammlungen fehlen, halten sie es nicht einmal der Mühe wert, An- und Rundfragen des Vorstandes zu beantworten. Die Worte Schaumbergs waren daher auch zum großen Teil an die Nichtanwesenden gerichtet. Nur mit Rücksicht darauf, daß in nächster Zeit vielleicht wichtige Verhandlungen zu führen sein werden (das neue Judengesetz u. v. a.) erklärte er sich zur Annahme bereit. X