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Der Israelit · 1925-12-24 · Heft 52 (24.12.1925) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 52 (24.12.1925)
Date
1925-12-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Swc 4 Slr. 52 ins Ohr, die nickt lächelnd. Das Knirpschen tritt vor mich hin, stellt sich in Positur und beginnt in wohlgesetztem Hebräisch eine improvisierte Rede zu halten. Er habe gehört, daß ich auf der Fahrt nach Erez Jisroel fei. Erez Jisroel, das sei die Heimat der Juden und auch seine Heimat und auch die Heimat aller seiner Kameraden. Und er wolle, wenn er groß sei, auch einmal dahin und alle seine Freunde mit; und er begrüße mich im Namen seiner Kameraden, und er wünsche mir, daß mir auf der Reise nichts Böses zustohen solle, und ich solle alle die vielen Juden, die in Erez Jisroel sind, grüßen und ich solle ihnen ein gutes und fröhliches Fest wünschen. Er macht eine feierliche Verbeugung, der Kleine, und er wird rot, als ich ihm über den dunklen Kopf streiche. „Hat er das auswendig gelernt?", fragte ich die Lehrerin leise. „Pas du tout“ sagte sie. „Ich bin davon ebenso überrascht wie Sie." Ich gehe durch verschiedene Klassen, bleibe hier und da stehen, horche ein wenig beim Unterricht. Man zeigt mir den Handsertigkeitssaal, wo die großen Mädchen kunstvolle Stickereien nach vorgezeichneten Dessins arbeiten, den blinkend sauberen Speisesaal, wo lange Tische, mit zinnernen Schüsseln und Tellern gedeckt, schon für die Frühstückspause bereit stehen. Die kleinen Mädelchen haben gerade Turnen in der Klasse. Sie machen Freiübungen und singen im Rhythmus ein französisches Liedchen dazu. Sie strecken die Aermchen nach vorn, nach oben und nach der Seite und singen beglückt mit hellen Sümmchen. Der Refrain heißt: „Ln avant! En avant!;dabei klatschen sie in die Hände. * Merkwürorger Kontrast zu dieser europäischen Aufmachung: neulich sah ich eine arabische Schule, die hatte sich mitten auf der Straße breit gemacht. Quer über den Fahrdamm waren Bänke ausgestellt; darauf saßen an dreißig bis vierzig Araberkinder; der Lehrer im Turban stand in der Mitte und malte auf eine Schiefertafel, die er in der Hand hielt, arabische Buchstaben. Die zahlreichen Passanten aus beiden Bürgersteigen gingen gleichgültig vorüber, und die Kinder ließen sich in ihrem Aufmerken absolut nicht stören: es erschien das Natürlichste von der Welt. Als mein Wagen herantam, wurden die Bänke etwas zurückgestellt und eine Passage freigemacht; dann holten die Bengelchens ihre Sitze wieder her, setzten sich brav hin und hörten dem Lehrer weiter mäuschenstill zu. * Ueberaus interessant ist es, den Spuren der neuen Einwanderung nachzugehen. Die wälzt sich nicht als breiter Strom herein, regelmäßig, Der in gesetzmäßiger Rhythmik, sich um ein Zentrum ansetzend und Ringe bildend, sondern das sickert ein, tropfenweise, zufällig und unbemerkt: Reste aus dem Durchgangsverkehr der Hafenstadt, Einstrom aus der im steten gegenseitigen Austausch befindlichen Levante, Rück- und Teilfluten der Palästinawanderung, russische Flüchtlinge, Abenteurer jeder Art und der in letzter Zeck häufig anzutreffende Typus des Kolonialwanderers, d. h. des Mannes, der das britische Imperium bereist, in Kanada, Australien und Südafrika sein Glück versucht, und dann auch hier in Ägypten, auf kürzere oder längere Zeit, Fuß faßt; das alles verschwindet zunächst im Völkergemisch der großen Stadt, da ein jüdisches Zentrum mit starker politischer oder sozialer Anziehungskraft nicht vorhanden ist, findet sich aber langsam, langsam, sei es auf nationaler Basis oder häufiger durch das Medium von Geselligkeitsvereinen zueinander und beginnt allmählich einen festen Körper innerhalb Alexandriens zu bilden. Man trifft sie überall, diese Menschen, die alle Sprachen der Welt sprechen, und deren Aeußeres in einem Milieu, in dem alle Raffen vertreten sind, nicht auffällt, und durch irgend einen Zufall erweist sich, daß sie Juden sind und eigentlich aus Krementschug oder Grodno, aus Saloniki, Tanger und Johannisburg stammen. Und wenn man sich die Lebensgeschichten dieser verschlagenen Existenzen und ihre Bekenntnisse anhört, dann ergibt sich ein so verwirrend buntes Bild von seltsamen und absonderlichen Erlebnissen, von Fährlichkeiten und Abenteuern aus allen Zonen der Erde, daß es wohl genügte, die Erzählungen dieser Leute schlicht und wahrheitsgetreu aufzuzeichnen, um den spannendsten Roman zu bekommen, den man sich denken kann. Sie haben sich schnell in das fremde Milieu hineingefunden und haben sich schlecht und recht eine Existenz zusammengezimmert. Der hat sich eine Wechselstube gemacht, der hat ein kleines Restaurant, der ist Spediteur, der ist Fremdenguide. Die hübsche Direktrice in den Galleries Lafayette (einer Filiale des bekannten Pariser Warenhauses), mit der ich wegen eines zu erwerbenden Crepe de chine-Stoffes verhandle, erzählt lächelnd im melodischen Französisch der Alexandriner: „Ja, mein Herr, ich bin nämlich aus Odessa; und meine Eltern sprechen zu Hause nur Jiddisch." Der Portier meines Hotels entpuppt sich als ehemaliger Jeschiwabocher. Er ist aus einem kleinen Nest im Gouvernement Lomsha. „Mein Vater wollte aus mir einen Rabbiner machen. Erst habe ich fleißig gelernc, dann bin ich durchgebrannt." Er war in Indien und Japan, war Schiffsjunge, Koch, Tabakhändler und Kinobe¬ 24. Dezember 1925 sitzer; seit 17 Jahren ist er in Alexandrien wohlbestallter Portier. Er hat eine Frau mitgebracht„ die ist ihm gestorben, dann hat er eine Hiesige geheiratet; seine Kinder lernen in der jüdischem Schule, und er ist sehr stolz aus sie, weil sie gut lernen und schon fein Hebräisch können. „Zehn Teile Unzucht kamen auf die Welt" — sagt der Midrasch — „neun davon kommen auf Alexandrien und eines auf die ganze übrige Welt." Dieser Satz scheint auch heute noch zw Recht zu gelten. Nirgends sieht man so viel und so mannigfaltige obszöne Literatur ausgestellt wiehier; in allen Buchhandlungen, Kiosken und Schreibwarenhandlungen werden hier in Parisverbotene Schundschriften frei verkauft. Alles in dieser Stadt strömt das Aroma jener parfümierten orientalischen Sinnlichkeit aus, die hiev nicht ein üblicher Bestandteil des Grohstadtlebens- und nicht wie in Kairo von dem geistig-kulturellen Gegengewicht der gläubigen und daher keuschen islamischen Welt gebändigt ist, sondern die geradezu den Charakter Alexandriens ausmacht: das» müßiggängerische Publikum, das in der weichen^ warmen, schwülen Lust aus den Boulevards flaniert, die Pariser Silhouetten der sehr bemalten Frauen, die lüsterne Trägheit der Männer mit dem weichlichen glattrasierten Kinn unter dem buschigen Schnurrbart und den fetten Lippen, die ihre beleibten Körper durch die Straßen schleppen^ die überaus luxuriös ausgestatteten Cafes und Tanzlokale, die dunklen Straßenwinkel, wo einem diensteifrige Individuen Adressen geheimer Lasterhöhlen zuraunen, die ganze wollüstige Atmosphäre, ohne die eben Alexandrien nicht zu denken ist und von der es bis in feine letzten Winket hinein gefüllt ist. Aber diese Sinnlichkeit ist ruhig, schlaff und ohne hastige Gier; und dies und der leise Anstrich französischer Eleganz, der ihv anhaftet, (im Gegensatz zu Port-Said, das eine unflätige Matrosenspelunke ist) macht sie wenigstens ästhetisch erträglich. (Fortsetzung folgt.) Wie man Lügen bekämpfen kann. Von A. Mannheimer in Aelteköach. Auf dem deutschen Volke lastete feit dem Weltkriege die sogenannte „Kadaverlüge". Man riß einen Absatz aus dem Tagesbefehl der deutschen Obersten Heeresleitung vom 21. Dezember 1916 aus dem Zusammenhang und zwar so, daß die Interpretation des Wortes Kadaver zweifelhaft werden mußte. In jenem Tagesbefehl, gezeichnet „Braun", hieß es, „wenn Kadaver (das englische Wort bedeutet hier Körper) zur Kadaververweroerwandte Bedeutung untersucht und man hat tatsächlich viele solcher Gleichungen mit deutlichen Zwischengliedern gefunden. Mit Hilfe der verschiedenen, allgemein anerkannten Sprachgesetze lassen sich die Uebergänge deutlich und exakt erklären. So können oft Zusammenhänge bewiesen werden, die dem Laien ohne nähere Kenntnisse ersten Augenblick eher als Spielereien oder reine Spekulation erscheinen möchten. Als einziges illustrierendes Beispiel aus den reichhaltigen Demonstrationen und Ableitungen, die der Referent in unbeschränkter Zahl zur Verfügung hatte, sei nur folgende Gleichung genannt: (Schaur) — tauros (griech.) — taurus (latem.) — Stier (deutsch). Die Sprachwissenschaft hat hierfür schon längst die Vermittlung gefunden für die Lautumwandlung von v (sch) in „ft" und von i (au) in „i" (ie) usw. Je tiefer und umfassender man in die Materie eindringt, desto mehr Zusammenhänge und Zwischenglieder zeigen sich und umsomehr strebt alles auf einen Urstamm zurück. Trotzdem ist merkwürdigerweise die Sprachwissenschaft diesen Wegspuren nicht konsequent gefolgt. Dies ist einerseits die Folge der Aufklärungszeit, in der die große Strömung begann, die alles, was an biblische Tradition rührte, darunter auch die ursprüngliche Spracheneinheit, als unwissenschaftlich verschrie und von jeder Untersuchung derartiger Probleme, wenn sie sich auch noch so deutlich stellten, grundsätzlich abstand. Dazu kam die in ihrer eigentlichen Form rneist verkannte Abstammungslehre Darwins. Richtig verstanden hat auch Darwin ursprünglich bei der Abspaltung und Entwicklung der Menschen aus der vorhergehenden tierischen Generation die Menschwerdung eines Menfchen-Paares — männliches und weibliches Individuum — als vernunftbegabte Geschöpfe angenommen. Als er sich dann für feine Forschungen bei den Sprachgelehrten nach ihrer Theorie der Sprachentstehung erkundigte, lehrten ihn diese schon die Polygenesis der Sprachen, d. h. die Vielheit ursprünglicher selbständiger Sprachstämme, so daß demzufolge Darwin feine Lehre nachträglich dahin abänderte, daß die ersten Menschen wohl vernunftbegabte, nicht aber sprachbegabte Wesen waren, was widersinnig ist. Später haben dankt die Philologen von diesem „Umsall" ihrerseits abzuleiten versucht, daß die Sprache erst ein nachträglich entstandenes Kulturprodukt sei und zwar polygenetischen Ursprungs. Die vielen verschiedenen Sprachen wurden dann wissenschaftlich zusammengefaßt zu größeren und kleineren Sprachfamilien, so die indogermanische, die slavische, die semitische Sprachfamilie und viele andere, und für jede derselben wurden ihre eigenen Entwicklungs- und Sprachgesetze aufgestellt. Hierbei ist man aber auch stehen geblieben und schon macht sich diese Beschränkung unangenehm bemerkbar, indem man viele Sprachformen gar nicht oder nur sehr unbefriedigend zu erklären imstande ist. Die Sprachgesetze sind nur für die engen Kreise der einzelnen Sprachfamilien entstanden und angewendet worden und man hat sich.gescheut, mit einem genialen, universalen Blick alle Sprachen zu umfassen und zu vergleichen. Das ist die neue Aufgabe der heutigen und zukünftigen Sprachwissenschaft. Die Lautverschiebung ist nicht, wie man bisher glaubte, an ein Territorium und an eine bestimmte historische Zeitperiode gebunden, sondern sie ist eine universelle, von Raum und Zeit unabhängige Erscheinung, die ursprünglich dazu diente, neue Begriffe zu bilden. Im weiteren ist das Argument, die gleichlautenden Worte in den verschiedenen Sprachen seien sogenannte Wanderworte, d. h. entlehnte Worte aus einer anderen Sprache (Fremdwörter), leicht zu widerlegen, denn es gibt in manchen Sprachen so viele ölcher Wörter, daß man annehmen müßte, die Menschen des Gebietes B hätten überhaupt nicht recht sprechen können, bevor ihnen die Menschen aus dem Sprachgebiet A die Worte zu den Begriffen gebracht hätten. Auch die scheinbar große Kluft, die man in der verschiedenen Schreibweise, beispielsweise zwischen den semitischem Sprachen (konsonantische Schreibweise) und den indogermanischen Sprachen (vokalische Schreibweise) fand, ist überbrückt worden. Alle Anzeichen weisen auf einen zentripetalen, nicht zentrifugalen Ursprung hin, auf eine einmal vorhandene einzige Ursprache, wie sie die Bibel von jeher schilderte.. Der Lautwandel hat dazu beigetragen, die- Sprachen zu trennen. Am Verzug der allgemeineren Anerkennung dev neuen Forschungsmethode tragen jedoch beide Parteien die Schuld. Einerseits verlangte man unsinnige oder noch unmögliche Beweise und auf der anderen Seite war man in der Beweisführung zu ungeschickt. Aber die Ergebnisse der modernen Forschung werden sich durchsetzen; sie liegen in der Verallgemeinerung, in der Weitung des Horizontes, die ganz neue und gewaltige Perspektiven eröffnen und bereits zu Erkenntnissen und Resultaten führten, die manch bisheriges Rätsel lösten, dabei aber gleichzeitig sachlicher Kritik standzuhalten vermögen, denn nur so kann man ja von ernsthafter Wissenschaft sprechen. Das Merkwürdige, das diese Arbeitsmethode mit immer größerer Deutlichkeit erweist, ist, daß in der alten hebräischen Sprache eine sehr große Zahl von sprachlichen Urelementen enthalten sind, ja, in einer Fülle und Lebendigkeit wie kaum in einem anderen Idiom. Diese und andere Beziehungen noch zu verdichten und abzuklären, wird Aufgabe der Zukunft sein, von der noch viel Neues und Interessantes zu erwarten ist, wenn sich diese umfassende Arbeitsweise des referierenden Forschers bewährt und zur Anerkennung gelangt sein wird., (Beraubung der „3udeninsel" im Rhein.) Dem „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" wird vom Lehrer Simon-Lörrach geschrieben, daß die historc,cye „Judemnsel" im Rhein, die in vergangenen Jahrhunder-

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