Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1925)
- Date
- 1925-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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24. Dezemoer 1925 Der 3 s raeltt Nr. 52 Seite 3 Wochenrundschau. Der Tragikomödie letzter Akt. Nun ist nach monatelangem Wechselspiele die Tragikomödie in Lemberg zu Ende gegangen. Die Sache ging so aus, wie man es selbst von der polnischen Justiz nicht anders erwarten konnte. Steiger wurde freigesprochen. Doch kann man gerade nicht sagen, daß der Schlußakt versöhnend wirkte. Ueberschaut man noch einmal die ganze Angelegenheit, so bietet sie zunächst ein ergreifendes Bild menschlicher Tragik, sie zeichnet darüber hinaus auch die Tragik eines ganzen Volksteiles, der, eingezwängt in eine Atmosphäre von Haß und Mißtrauen, herhalten soll für begangene Staatsverbrechen, nicht zuletzt aber den Tiefstand einer Kultur, die ihr heiligstes Gebiet, die Justiz, nicht rein von der Parteien Gunst und Haß zu halten weiß. Staatsanwälte haben überall das Amt, anzuklagen. Aber selten noch — wenn man von Tißza Eßlar absieht — hat ein Staatsanwalt um eine von vornherein verlorene Sache nach dem Motto: „Der Jude wird doch verbrannt", so gekämpft wie in diesem Prozesse. Von allen angeblichen Belastungszeugen gegen den harmlosen jüdischen Studenten, blieben nur zwei, eine hysterische Tänzerin namens P a st e r n a k, die sich täglich in ein neues Lügennetz verstrickte, von der nachgewiesen ist, daß sie erst während der Untersuchung, nicht ohne Hilfe der rührigen Untersuchungsbehörde ihre erste leise Vermutung zur b estimmten Aussage ausbaute, und dann eine Frau L e d l, die sich nachträglich, von dem Ruhme der Pasternak angezogen, zur Zeugenschaft meldete und mit eigenen Augen gesehen haben wollte, wie Steiger aus der Brusttasche seines Mantels — eine solche Tasche hatte der Mantel gar nicht — die Bombe herausgeholt hätte. Diese beiden Zeuginnen nannte der Staatsanwalt noch in seiner letzten Replik „einen Granit, an dem sicy die Verteidigung die Zähne ausgebissen hätte." Die Beweisaufnahme hatte keinen Zweifel darüber gelassen, von welcher Seite der Attentatsplan ausging. Und diese Seite, die Ukrainische Militärpartei, bekannte sich selbst offen zu der Tat. Dann kam auch der Attentäter selbst, der Ukrainer O l s z a n s k i, und legte ganz ohne Not ein zweites Geständnis ab, in dem er in allen Einzelheiten die von ihm versuchte Tat schilderte. Der Staatsanwalt argumentierte aber: Wenn Olszanfki die Wahrheit sage, dann solle er mit seinem Geständnis nach Lemberg kommen und — sich hinrichten lassen. Bleibe er aber weit vom Schuß in Berlin, so beweise das, daß er nur renomierte, oder von den Juden gekauft sei. — Im Mittelalter sprach man Recht: „Die Hexe wird in den Rhein geworfen. Ertrinkt sie, so war sie unschuldig, ertrinkt sie aber nicht, so ist sie der Hexerei schuldig und wird verbrannt!" Es ist nicht ganz dasselbe. Aber auf mindestens ähnlichein Niveau bewegen sich die Argumente des Lemberger Staatsanwaltes und die Wahrheitsprobe, die er bezüglich Olfzanfkis vorzunehmen gedachte. Nun ist das grausame Spiel zu Ende. Steiger in frei. Ist damit eine Wiedergutmachung erfolgt? Wer ersetzt dem jungen Menschen den Verlust an Kraft und Zeit und Mut und Glauben an die Menschen und die Gerechtigkeit, den er in «noerthalb Jahren schwerer Haft und peinlicher, nervenaufreibender Untersuchung erlitten hat; all dies für eine Tat, die er nicht mehr begangen hat als die vielen Tausende, die die Straßen Lembergs beim Einzug des Staatspräsidenten füllten? Wer verschafft der polnischen, speziell galizischen Judenheit Genugtuung für all die erlittene Schmach? Wer macht all die bösen, in Verbindung mit dem Falle Steiger gesprochenen und geschriebenen Hetzworte ungesprochen und ungeschrieben? Wer räumt all die Berge von Haß, Verdächtigung und Mißtrauen weg, die die Feinde und politischen Gegner mit emsiger Hand unter Ausnützung der von diesem Falle gegebenen Hochkonjunktur zusammengeschichtet haben? Es ist unter den gegebenen Umständen noch ein Trost, daß die antisemitischen Drohungen für den ^all einer Freisprechung nicht eintraten und das Votk unter der niederdrückenden Last der Beweismomente den Wahrspruch der Richter ruhig auknahm. Vielleicht kann es auch als Trostmoment gelten, daß man von Warschau aus dem Lemberger Treiben nicht gerade mit wonnigem Behagen zuschaute. Die politische Position der Juden in Polen dürfte sich, wenn die heutige Regierung am Ruder bleibt, durch den Prozeß und. seinen Ausgang nicht verschlechtert haben. Ostjüdische Schwerarbeit. Es wird den Männern der Ostjudenhetze wenig ins Konzept passen, was Sch. Rudel, ein Eingeweihter, in der Monatsschrift „Die Jüdische Emigration" von den ostjüdischen Arbeitern in der deutschen Schwerindustrie und Landwirtschaft zu erzählen weiß. Nicht allein während des Krieges, sondern auch in der Zeit nach dem Kriege, da die Arbeitslosigkeit in Deutschland oft außergewöhnliche Formen annahm, war, wie Rudel mit Daten beweist, der aus dem Osten stammende jüdische Arbeiter eine vom Arbeitgeber gesuchte Arbeitskraft und ein vom deutsche.« Arbeiter geschätzter Arbeitsgenosse. Die Arbeiter, die im Osten früher in der leichten Industrie beschäftigt gewesen waren, haben in Deutschland den Uebergang zur Schwerindustrie und zur Landwirtschaft leicht vollzogen. Aus der Fülle des in seinen Händen befindlichen reichhaltigen Materials zitiert Herr Rudel eine Anzahl Zuschriften erster ^cyweriudustrie-Firmen sowie von Verwaltungen großer Landgüter, in denen in den Tönen höchsten Lobes von der Arbeitskraft, dem Arbeitseifer, der Geschicklichkeit und den menschlichen Qualitäten der ostjüdischen Arbeiter gesprochen wird. In fast allen diesen Zuschriften wird betont, daß die jüdischen Arbeiter mit ihren deutschen Genossen in bester ^cameradschaftlichkeir leben. 12 000 bis 15 000 jüdische Arbeiter aus dem Osten, so schließt der Verfasser, waren im Gebiet der deutschen Schwerindustrie an Ruhr und Rhein, in der Berg- und in der Hochofen-Industrie, beschäftigt. Erst in den infolge des Ruhrkampfes eingetretenen Krisenjahren wurden die jüdischen Arbeiter gezwungen, sich andere Arbeitsorte zu suchen. Sie sind jetzt in Belgien und Frankreich tätig, wo sie ebenfalls allen an sie gestellten Anforderungen vollauf entsprechen. Palästinafahrt. Von 7Nax Landau in Berlin. (Fortsetzung.) In einer Klasse, — zehn- bis zwölfjährige Birben sitzen drin, — lernen sie gerade die Hagada. „Sie können schon alle die Ma-Nischtane", versichert die Lehrerin stolz. Die Lehrerin stellt Fragen, alle Finger schnellen hoch, die Äugelchen funkeln, jeder will zuerst antworten. Sie erzählen fließend Begebenheiten aus der biblischen Geschichte, sagen, barhäuptig, Segenssprüche her, rezitieren auswendig Verse aus dem Chaumesch. „Warum feiern wir das Peßachfest?" fragte die Lehrerin. Im Chorus schallt es zurück: „Awadim hajinu lefaro bemizraim ..." Durch das geöffnete Fenster dringt undeutlich der ferne Lärm der Stadt, die Zweige der Palmen schaukeln leise, ein feiner, erregender Geruch strömt aus dem Garten herein; jetzt, hier, auf ägyptischer Erde, erzählen jüdische Kinder von Jezias Mizraim. Ein Bürschlein, das sich bisher am meisten hervorgetan hatte, offenbar der Klassenerste, springt aus der Bank, flüstert der Lehrerin etwas von einer Seite zur andern," ist nun garnicht diskutabel. Näher kommt dem wirklichen Sinn der Stelle eine „kurze Worterklärung" zu a'-na und pwxv, welche ich m einer anderen Raschiausgabe gefunden: „In Stücken gesprenkelt!" Die nach obigen Ergebnissen unbedingt richtige Uebersetzung der Raschistelle zu Genesis: K. 31, V. 10 ist: „ irnrr Seine Targumstelle lautet pn'Xvi —mwa — piechicüatura --- sprenkeln in anderen Sprachen. Ein weißer Streifen umgibt ihren Körper ringsherum. Seine (des Körpers) dunkle Farbe ist (dadurch) geöffnet und durchbrochen auf die mannigfaltigste Art."- Kleines Feuilleton. Babylonische Verwirrung. In der „Vereinigung für soziale und kulturelle Arbeit im Judentum" in Zürich hielt Herr Dr. Arnold W a d l e r einen bemerkenswerten Vortrag, in dem er u. a. folgendes ausführte: Die Bibel nimmt die Entstehung der Menschheit aus einem Menschenpaar an. Es ist daher logisch, daß von diesem Urpaar her Sprachen-Einheit herrschte, wie es ebenfalls dort lautet. Schon im Altertum hat man über den Ursprung der Sprache geforscht. Die Erzählung vom Turmbau zu Babylon kam dann durch das jüdische Schrifttum und das Christentum ins Ausland und wurde auf dem Gebiete des Glaubens übernommen. Man hat anfänglich nie nach Beweisen gesucht. Erst die Reformation hat mit der Untersuchung eingesetzt. Man hat Wortgleichungen aufgestellt, d. h. Worte verschiedener Sprachen — z. B. Hebräisch-Griechisch-Lateinisch-Deutsch — mit ähnlichem oder gleichem Klang wurden auf die Rücken, sie weißzeichnend, (sprenkelnd!) p-mr," Also ungefähr der ganze Körper totes eine solche Zeichnung aus! Dem entspricht auch die Fassung von Raschis Erklärung zur Stelle selbst: -a-'ao wir n« mi?» vin.. „Ein weißer Faden (Zeichnung, Linierung) umgibt ihren Körper ringsherum." Das Wort miia-ian oder auch nma-ian schafft nun anscheinend den deutschen Uebersetzern Kopfschmerzen, und sie übersetzen es — sowohl Dessauer als auch Bamberger mit „Flecken". Dies ist aber falsch!*) nma-nn oder **) /rmnan ist die verstärkte Form von T>an finster (sn’an heißt Finsternis) und miiaian ist keine Pluralform, sondern Singularsorm. Das aramaisterende am Ende des Wortes ist fortgestoßen, und wie z. B. aus trox - «msr’js und daran mp'aL geworden, so wurde aus mv'an (oder verstärkt rr'ia-ianl rrniia-ian und schließlich die von Raschi gebrauchte Form**) nvraiarv nvra-an heißt demnach: seine tiefdunkele Farbe (seine Schwärze). Das Wort interpretiert ganz ersichtlich den seltenen hebräischen Ausdruck vin welcher hier die allgemeine Grundfarbe der Schafböcke bezeichnete. lvm — dunkel, schwarz siehe S. R. Hirsch zu K. 30 V. 32 vielleicht von vin Hitze, dunkel durch die Sonnenhitze werdend), vielleicht daher auch vn Hammit, Neger? . . . Die Tatsache, daß mancher Raschitext die Lesart miman mit i vor dem« n hat, hat sicher den Irrtum hervorgerufen, eine Pluralsorm zu vermuten und „Flecken" zu übersetzen. Die mir auch vorliegende Ausgabe Wilna v'tnn (1903) hat die Lesart *) rrnianan mit '*) während dagegen die Amsterdamer mit sehr mangelhaftem Druck **) nwianan mit hat. -na-ian mit dem Pluralsuffix m kommt aber aus anderen rein sprachlichen Gründen an dieser Stelle nicht in Frage, *) Mit Chirek godaul. **) Mit Schurek godaul. denn sonst dürfte das gleichfolgender verb. nnv nicht bwa ’jua femin. fingul, sondern femin plural stehen; es müßte heißen: Nlwns nmanan etc. — nnwB kann auch nicht das Wort vin als Subjekt haben, da dann nicht die femin. und pass. Form rnn: sondern die masc. und akt. Form rms stehen müßte. Endlich ist noch einer anderen Lesart der Vorzug zu geben, nämlich für u bx ira lautet der Zegt in diversen Raschiausgaben p bx pv, d. h. verschiedenartig, ähnlich wie nsb nvv „zeitweise etr.," also einfach ein gebräuchlicher, adverbialer Ausdruck, der hier sehr gut paßt. (Interessant ist die Tatsache, daß während Zunz p bx v» in Psalm 144, V. 13 mit „allerlei Art" übersetzt, S. R. Hirsch s. A. dagegen in fernem Vfoz?’ n^a/i n: S. 359 dieselbe Stelle von Speis' zu Speis' überträgt.) Daß Raschi nun den Ausdruck nnv — öffnen gebraucht: nmna iVw irmanan „feine Schwärze war geöffnet, (nicht etwa nmris - eingraviert, wie ich zuerst vermutete, da dann wohl auch .mmo» analog stehen müßte.) Siehe Haftarah von Chanuka Secharjah K. 3, V. 9 nnrs nns»"), resultiert aus dem Umstande, daß er auch Targum Onkelos bei seiner Erklärung in Betracht zieht. Das Targum (Onkelos)-Wort ivtsb rat), nxs entspricht dem hebr. nnv. Die dunkle Farbe der Schafböcke mar demnach durch den sich ringsum am Körper hinziehenden weißen Streifen mns „geöffnet", so daß die mannigfaltigsten, hellschimmernden Flecken und Sprenkeln e n t st a n d e n. Also keineswegs, wie Dr. Bamberger meint, die Flecken seien vollkommen voneinander getrennt, und losgelöst gewesen, — das ergibt keinen klaren Sinn — sondern umgekehrt: durch den weißen Streifen wurden die dunkelschwarzen Partien voneinander getrennt, so daß die mannigfaltigsten Arten von Flecken und Sprenkeln e r st entstanden. Die Uebersetzung Dessauers z. St.: „Ein weißer Streifen umgibt den Körper: seine Flecken (sic.) weichen X